Drago Jancar

Barock als Lebensgefühl unserer Zeit
Northern lights jancar
Gespräch mit Drago Jancar

Manca Kosir
Mihaela Kastelec

Aus dem Slowenischen von KLAUS DETLEF OLOF

Dieser Tage ist Ihr neuer Roman Katarina, pav in jezuit (Katarina, der Pfau und der Jesuit) erschienen: Zeit: 1756, das heißt: Geschichte. Der Held - welche Überraschung! - eine Frau. Die Atmosphäre: typisch jancaresk, das heißt: grotesk. Die Sprache: brillant. Ist die Geschichte tragisch, wie wir es in Ihrer Literatur gewöhnt sind, in der die Beziehungen zwischen den Menschen offenbar nicht anders sein können ...?

Nicht tragisch, so wie unsere Lebensläufe im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert oder wann immer auch nicht nur tragische Irrungen und Wirrungen sind, sie sind der unablässige Versuch, ein gutes und harmonisches Leben zu führen, nach Höherem zu streben, die Augen gen Himmel zu richten, zugleich aber ein Waten im irdischen Schlamm ... Dieser Roman ist eine ziemlich komplexe Schöpfung, ich würde mich nicht trauen, ihn rein auf die Frage nach dem Leben einer einzigen Frau zu verengen, Katarina Poljanec, die für mich inzwischen so etwas wie ein lebendiger Mensch ist, gemeinsam mit den anderen. Mit diesem letzten Werk habe ich mich ziemlich lange beschäftigt, ein wenig intuitiv, ein wenig auch forschend, mich interessierte das Phänomen Barock, nicht nur als Kunst, die so sehr die unsere ist, sondern als Frage und Phänomen des Lebensgefühls. Das ist die Zeit, in der das Zeitalter der Engel zu Ende geht, in der die Menschen noch an Wunder glauben und in der, zumindest in meinem Roman, durch die slowenischen Lande Schweineherden stampfen, in die Jesus die Dämonen getrieben hat. Das Wort Barock soll einer Erklärung zufolge von dem portugiesischen Wort 'barocco' stammen, das 'grobe, ungeschliffene Perle' bedeutet. Einen solchen Text wollte ich für mich schreiben, der Arbeitstitel war 'Barock'. In jener Zeit leben die Menschen, wie auf Caravaggios Bildern¸ ein sehr körperliches Leben, sie sind von mystischem Licht umflossen ... in den Wäldern leben noch die alten zweiköpfigen Ungeheuer, in den Glockentürmen die Engel, die Pilgerwege sind voll, die Schlachtfelder ebenfalls, der Siebenjährige Krieg in Europa. Neue Welten tun sich auf, in der Sanktjakobskirche in Ljubljana werden die Missionserfolge des Franz Xaver gefeiert ... und letztes Jahr im Frühling habe ich an der Grenze zwischen Paraguay und Argentinien tatsächlich auch Spuren slowenischer Jesuiten entdeckt ... Das Ende des Romans ist das Ende der Barockzeit, es kommt die Aufklärung, französische Revolutionäre funktionieren die Kirchengebäude in Militärlager um, es kommt die Zeit des Rationalismus, wo Volksglaube und 'süßer Katholizismus' kein rechtes Gehör mehr finden ... Aber jetzt beschreibe ich Ihnen mehr den Rahmen des Romans, innerhalb dessen es in Wirklichkeit um drei Lebensgeschichten in schicksalhafter Verflechtung geht. Die wichtigste Figur unter den vorkommenden Hauptpersonen ist allerdings diese Frau, ja.

Manche Kritiker werfen Ihnen vor, die Frauengestalten in Ihren Werken besäßen kaum eigene Prägung, sie seien weniger literarisch elaboriert als die Männer, sie entsprächen nicht dem modernen Frauenbild ...

Im wesentlichen geht es hierbei um ein Mißverständnis zwischen zwei Fragen, der Frage nach der political correctness und der nach der Literatur. Aber das ist, glaube ich, im Großen und Ganzen aus der Welt geschafft. Wenn nicht, dann wird es das, so hoffe ich, mit diesem Roman sein. Oder aber es wird noch vertieft, was weiß ich.

Sind Sie bei der Abfassung des Romans einer Leitidee gefolgt?

Natürlich gibt es da eine Idee, die Idee steckt in der Geschichte: Eine Besitzerstochter begibt sich auf Pilgerreise, weil ihr Leben zu einem einzigen Warten geworden ist, weil sie es mit Sinn erfüllen möchte; ein armer Bauernsohn geht unter die Jesuiten, weil er in die Unruhe der Welt hinaus will, weil er die Welt heilen möchte; der Neffe eines Barons träumt von Schlachtfeldern, von Ruhm und Paraden; aber das ist nur das Skelett, das Gerüst, eine Ahnung des Romans. Alles andere entsteht während des Schreibens und ist wieder ein Geflecht aus Erfahrung und etwas Irrationalem, wozu wir Intuition sagen, vielleicht auch Talent. Die Erfahrung bei diesem letzten Roman ist, sagen wir einmal, jener Wiedertäuferkäfig, den ich auf einer meiner Lesereisen durch Deutschland an einem Kirchturm in Münster aufgehängt sah. Im selben Moment ahnte, ja wußte ich bereits, daß dieser Käfig sich zu einer Metapher einer Situation auswachsen würde, in der sich die Hauptheldin befinden wird. Oder nehmen Sie das Erlebnis mit den Relikten der großartigen Missionen an der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay, derentwegen mein Held, Simon Lovrenc, dieser hitzige und vage suchende Jüngling, der er noch im ersten Romanentwurf war, zum Jesuiten wurde und so seine geistige Vertikale und seine weltliche, die Welt ordnende Horizontale bekam. Oder aber eine Nacht, die ich in Lissabon in einem miesen Hotel in einem Zimmer verbrachte, dessen Decke, das Dach, ein Loch hatte. Unten schrien die Betrunkenen, die Seeleute, die Prostituierten. Diese Erfahrung ist in den Roman eingegangen, in einem solchen Zimmer schläft mein Held mitten im achtzehnten Jahrhundert. Das sind, sagen wir einmal, solche Marginalien, die dann entscheidenden Einfluß auf die organische Entwicklung der Figur und auf das Ganze des Textes nehmen. Alles andere ist Sache weniger intuitiver, vielleicht wirklich unterbewußter Regungen, die aus diesem dunklen Raum ans Licht kommt.

Interessant ist die Figur des Simon, der für mich das Modell eines modernen Menschen darstellt, obwohl er in einer uns ziemlich fernen Vergangenheit auftritt. Am Ende ist er zerstoben, verschwunden, ist nur noch vegetierender Körper. Haben wir hier das 'Schicksal' des modernen Menschen, der keine Verbindung mehr errichten kann mit dem Herzen, mit dem Innern, weil er allzu sehr zerstoben ist? Wie kann sich der moderne Mensch wieder zum Ganzen fügen, integrieren?

Begleiter der Künstler und der Kunst ist häufig der Hochmut, eine ungeheure Ambitioniertheit, doch nach jedem fertigen Buch ist es dem Autor um so klarer, daß Fragen nach dem Sinn des Lebens jenseits dieses Bereichs beantwortet werden. Die Literatur wetteifert nicht mit der Religion bei der Suche nach dem menschlichen Sinn. Manchmal trägt sie mit einer Katharsis, die der Leser erlebt, dazu bei, aber Antworten oder etwa Ratschläge für ein volles geistiges Leben gibt sie nun einmal nicht. Der Schriftsteller ist ein Forscher, in dem Beispiel, das Sie erwähnen, ist das in ausgesprochener Weise auch sein Held, zusammen mit allen seinen Schwachheiten, er ist keinesfalls der reine Pragmatiker. Simon Lovrenc ist zwischen allen seinen Stürzen und Aufstiegen ein Gottsucher, er ahnt eine Tiefe und Höhe, der er aber mit seinem Leben nicht gewachsen ist.

Katarina sehnt sich nach einem Ausstieg aus der Alltäglichkeit, der Durchschnittlichkeit. Trotz der Gewalt der Gefühle und der leidenschaftlichen Ergriffenheit über dem Gefundenen hält sie es aber nicht aus in der Treue. Als sie ihrer beider Beziehung verrät, verrät sie sich selbst, denn ein volles Leben lebt nur der, der liebt und hingebungsvoll ist. Ihre Beziehung erinnert an ein systematisches Umbringen zu zweit, sehr charakteristisch für so viele moderne Beziehungen. Weil sie sich gegenseitig umbringen, bringen sie auch andere um, konkret denjenigen, der schuldig wird an ihrer sterbenden Beziehung. Wieder geht es um die Suche nach einer Lösung außerhalb bzw. wie die Beziehungen leben, ohne sich 'umzubringen'?

Natürlich geht es auch darum. Aber auch sie geht der Ahnung eines höheren Sinns nach, der Liebe, der Schönheit, um nicht zu sagen, der Offenbarung. Sie findet sich in einer Verflechtung tragischer Umstände wieder, die sie als einzige auf ihre Weise überwindet.

Gegen Mitte des Romans wird die Spannung unerträglich, so als würde es um ein allmähliches Sterben der Pilger gehen, weil die Hindernisse auf dem Weg schrecklich sind, ihre Charaktere sind zugespitzt bis zum Extrem, aber zugleich unglaublich naturhaft realistisch und ausgesprochen aktuell. Während ihres Pilgerweges verlieren sie sich selbst, vermutlich deshalb, damit am Ende schließlich doch das Licht leuchten kann. Als die eingebildeten Sehnsüchte verbrannt sind, dringt die Wahrheit an den Tag: Was einer sät, das erntet er. Und das ist die Katharsis, die ich als Leserin erlebt habe.

Bücher leben ihr eigenes Leben, häufig unabhängig von den Absichten des Autors, und so können unter seiner Feder Schicksale und Handlungen der Helden im Verlauf der Geschichte und ihrer Verwicklungen unvorhersehbare Richtungen nehmen. Das Geflecht der Verhältnisse, in die sie der Autor wirft, beginnt mit seinem verschlungenen Wechselspiel zu wirken, der letzte Teil der Geschichte ist mir ungeplant aus der Feder geflossen, aus den bereits errichteten Verhältnissen und aus der inneren Entwicklung der einzelnen Figuren heraus. Natürlich: Was einer sät, das erntet er. Das können wir auch für den Autor sagen. Im Roman haben Sie die ein wenig groteske und ironisierte Figur eines Fabulierers, eines Erzählers, den die Rohlinge als Lügner erledigen. Das können Sie als Ironie auf Rechnung der Schriftsteller nehmen, jedoch zeigt sich in einer Szene, wenn wir ihn das letzte Mal im vollen Element sehen, vor seinen erschrockenen Augen eine große, bis zum Himmel reichende Kuh, wie sie nur er sich hat ausdenken können, sie kommt aus der Fiktion, und ist doch schon fast Wirklichkeit, sie ist eine Allegorie des Schicksals, der 'Bestimmtheit', wenn Sie so wollen, seines Endes. Von der Fiktion ist es nur ein Schritt bis zur Wirklichkeit, von der Groteske und der Ironie ist es noch weniger als ein Schritt bis zum Tragischen.







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