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Brücke-Berlin Literatur- und Übersetzungspreis der BHF Bank Stiftung
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Esther Kinsky (Bild: Bookworld)
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Die polnische Autorin Olga Tokarczuk und ihre deutsche Übersetzerin Esther Kinsky sind die Trägerinnen des von der BHF-Bank-Stiftung erstmals verliehenen Literatur- und Übersetzungspreises Brücke-Berlin. Der Preis würdigt ein bedeutendes zeitgenössiches Werk aus den Literaturen Mittel- und Osteuropas und seine herausragende Übersetzung ins Deutsche.

Im Sinne der Stiftung und des Schirmherrn Günter Grass lenkt er den Blick auf die gegenwärtige Literatur der Länder, deren Stimmen den Prozess der europäischen Einigung mitbestimmen werden. Darüberhinaus würdigt der Preis die künstlerische und kulturvermittelnde Leistung literarischer Übersetzer. Die Jury, in der Friedrich Christian Delius, Katharina Döbler, Klaus-Dieter Lehmann und Eva Menasse mitwirkten, entschied sich für die Auszeichnung des Romans Taghaus, Nachthaus.

Dies ist die Rede, die von Esther Kinsky bei der Preisverleihung in Berlin gehalten wurde.


In der Regel sieht man im Übersetzer vor allem einen Vermittler. Die Vermittlung mag eine wesentliche Funktion sein, deren Bedeutung zu wenig geschätzt und beachtet wird, doch sehe ich sie eher als das Nebenprodukt einer Tätigkeit, die viel mehr damit zu tun hat, daß Sprache an sich ein Abenteuer ist. Dieses Abenteuer wiederum liegt vielleicht auch daran, wie und wann man Fremdheit in Verbindung mit Sprache erlebt und wann und in welchem Kontext man die Erkenntnis hat, daß es eine Unzahl von Namen für jedes Ding gibt. Jede Sprache ist ein Kosmos für sich, wo nicht nur der Klang anders ist, sondern die Welt auch anders aussieht, wo die Namen der Dinge andere Bilder wecken und das Verhältnis zu Zeit und Raum anders erlebt und beschrieben wird. Ein polnisches 'czerwony' ist so anders als das deutsche 'rot', die kompakten, durch Suffixe flexiblen und nuancierten polnischen Verben drücken eine so andere Wahrnehmung von Handlung aus als die deutschen Umschreibungen mit Adverbien, und 'rzeka' fließt so anders dahin als ein deutscher Fluß. Die Übertragung von der einen Sprache in die andere ist immer eine Gratwanderung zwischen diesen Welten, ein Experiment, in dessen Verlauf sich herausstellt, wie sich das, was in der einen Welt gesagt wird, mit mehr Gewinn als Verlust in die andere Welt übertragen läßt, wie sich der Klang verändert und was aus den Bildern im Kopf wird, wenn 'las' beispielsweise zum 'Wald' wird und 'miasto' zur 'Stadt'. Jede übersetzte Seite eines Buches wird damit zu einer Entdeckungsreise entlang den Grenzen und Möglichkeiten der jeweiligen Sprache, und zu einem Abenteuer der Suche nach dem Ton und der Beschaffenheit der Worte, die dem Original am nächsten kommen, denn das bleibt, bei aller Subjektivität dieses Prozesses, die Verantwortung und Verpflichtung des Übersetzers.

Ich möchte noch auf eine andere Frage eingehen, die mir auch immer wieder gestellt wird ist: Warum gerade Polnisch? Polnisch scheint als Wahl einer Sprache weniger einsichtig zu sein als beispielsweise Englisch oder Russisch. Ich erinnere mich noch genau an die Gelegenheit, bei der ich zum ersten Mal von Polen hörte. Es war in einem denkwürdig verregneten Sommer, und ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt, als mein Vater uns eines Abends von Polen erzählte, einem Land, mit dem er ein paar bruchstückhafte Jugenderinnerungen aus Besuchen dort verband. Es waren keine schönen Erinnerungen, etwas Bitteres und Ablehnendes schwang darin mit, das wir als Kinder nicht verstanden. Als Liebhaber dramatischer Landschaften schilderte mein Vater mit einem Anflug von Entsetzen ein Land, das so flach war, daß man das Nahen eines Zuges angeblich stundenlang beobachten konnte. Irgendwo in seiner Erzählung kamen auch Birken und Kiefern und schlammige oder sandige Dorfstraßen vor, und sicher auch Pilze, Barszcz und Mohnkuchen, denn mein Vater redete gern vom Essen. Aber seltsamerweise war es genau dieses, wahrscheinlich als Inbegriff der Öde gewählte Bild der weiten Ebene, das sich in meiner Vorstellung festsetzte und den Keim für eine Sehnsucht bildete. Erst viel später wurde mir klar, wie das Bild der Züge mit Polen und der Bitterkeit meines Vaters zusammenhing, und auch, daß die Sehnsucht, die es ausgelöst hatte, von dieser Bitterkeit gar nicht so weit entfernt war. Meine erste literarische Begegnung mit Polen - in der Übersetzung natürlich - waren die Zimtläden von Bruno Schulz, ein Buch, das Sehnsucht, Bitterkeit und Melancholie nur zuträglich sein kann. Jahre später, als ich auch schon in Polen gewesen war und festgestellt hatte, daß nicht nur die Landschaft so war, wie ich sie mir ausgemalt hatte sondern alles auf eine wunderbare Weise anders als in Westeuropa, las ich das Buch auf Polnisch. Seitdem habe ich zwei Zimtläden-Welten im Kopf, die sich sozusagen freundlich-verwandtschaftlich ergänzen, die ihre eigenen Farben, Lichtverhältnisse, Gerüche und Geräusche haben, aber gut zusammenpassen.

Ich danke der BHF Stiftung für diesen Preis, nicht nur weil es es eine persönliche Ehre und Auszeichnung ist, sondern auch weil er neben dem Werk die Übersetzung würdigt und damit einen Beruf, der im allgemeinen zu wenig wahrgenommen wird.





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