Wiliam Owen Roberts

Wiliam Owen Roberts spricht mit Transcript
Wil garn11
Wiliam Owen Roberts
Transcript traf den walisischen Schriftsteller Wiliam Owen Roberts beim Rich Text Festival in Aberystwyth, um über seinen neuesten Roman Paradwys (Paradies) zu reden. Roberts sprach von zwei gegensätzlichen Geschichtsauffassungen, die zur Spannung im Buch beitragen, und über die Erkenntnis, dass die industrielle Revolution in Nordwales durch Geld von jamaikanischen Zuckerplantagen unterstützt wurde.
Woher kommt ihr Interesse für das ausgehende 18. Jh.?

Als Bestandteil meines Studiums in Aberystwyth besuchte ich ein Seminar über die Geschichte der Renaissance und des 16. Jahrhunderts. Zu der Zeit fand ich die Brüder Morris im London des 17. Jh. sehr faszinierend. So kam es, dass der Roman ursprünglich als Geschichte der Londoner Waliser dieser Zeit begann, sich dann aber über eine Reihe weiterer Entwürfe fortentwickelte und wuchs. Das Problem mit den Morris-Brüdern und ihrer Umgebung war, dass sie politisch unbedeutend waren, bloß Zähne am Zahnrad des Jahrhunderts, nicht der Motor, der die Triebkraft für die Ereignisse war, die das Jahrhundert definierten.

Ist so die Idee von einem Roman innerhalb der Zitadelle der Macht zustandegekommen?

Ja. In Wales schreiben wir nie über die Engländer. Wir haben keine Literatur, die sich mit den Engländern befasst.

Nein, die Engländer sind oft sehr fern in der walisischen Literatur, nicht wahr, selbst wenn sie eine Bedrohung darstellen?

Ja, und ich dachte, es sei höchste Zeit für uns, einen Blick auf die Engländer zu werfen und dies durch das Medium der walisischen Sprache zu tun, warum nicht? Um die Wahrheit zu sagen: ich wollte die Sache mit dem englischen Nationalismus in Angriff nehmen, die Kombination aus Kirche, Militärmacht und die ganze Aristokratie und Königtum, deren Heilige Dreifaltigkeit. Ich wollte das mal so richtig aufs Korn nehmen. Sie sind lange genug damit davongekommen.

Paradies ist ihrem vorigen Roman Der Schwarze Tot ähnlich insofern als beide Romane sich mit dem Anbruch einer neuen Zeit befassen, aber es ist von einer anderen Perspektive aus geschrieben.

Der Schwarze Tot wurde von einem marxistischen Standpunkt aus geschrieben. Ich dachte jedoch, es habe keinen Sinn, dies zu wiederholen. Das wäre zu einfach gewesen. Also dachte ich mir, warum nicht einen rechtskonservativen Standpunkt zugrundelegen? Eine kapitalistische, rassistische Perspektive. Und ich finde, mein Gott, diese Leute, ihre Wertmaßstäbe, sie sind schrecklich. Aber sie können sie rechtfertigen, und auch ein derartiges Leben.

War es verwirrend für einen radikalen Waliser, die Rede eines Kapitalisten nachzuäffen und in die Gestalt des Earl Foston zu schlüpfen?

Das verwirrendste ist der Wahrheitsgehalt in den Argumenten dieser Leute. Anfang der Neunziger, in einer Ansprache über Apartheid, bevor diese zerfiel, sagte Thatcher: 'wenn die Apartheid endet, werden diejenigen, die am meisten leiden, die Schwarzen und nicht die Weißen sein'. Ich dachte mir, das haben andere gegen Ende des 18. Jh. gesagt. Ich genoss es, von einem rechtslastigen Standpunkt her zu schreiben, und es war auch eine gute Erfahrung, etwas auf eine Art zu schreiben, die dem, was ich selber glaube, vollkommen fernsteht.

Wieviel Fakten und wieviel Fiktion wohnen dem Roman inne, wieviel beruht auf historischen Tatsachen und wieviel entstammt ihren Vermutungen und Vorstellungen?

Ich habe in den Senatsberichten der damaligen Zeit rumgestöbert, und es gab dort Argumente für und wider die Sklaverei. Zwei Männer, Penrhyn und Gascoigne standen an der Spitze der West Indian Lobby und waren ungeheuer mächtig. Demnach ist, auf eine sehr reelle Art und Weise, die Politik von Earl Foston im Buch die Politik von Penrhyn. Und dies ist auf eine gewisse Weise der Ausgangspunkt des Romans. Ich war mir bis dahin nicht bewusst, dass das Geld, welches die industrielle Revolution in Wales gefördert hat, die Steinbrüche meine ich, von den Zuckerplantagen in Jamaika stammte. Ich hielt es für eine Geschichte, die es verdient hat, erzählt zu werden. Dieselben Leute hatten die A5 von Nord-Wales nach London gebaut und von Menschenliebe gesprochen. Aber das Geld kam von Jamaika. Einiges davon findet sich in den Briefen der Morris-Brüder. Lewis Morris aus Holyhead schreibt von einem Captain Hugh Wilias, glaube ich - alle diese Leute sind Walisich-Sprecher - der mir eine Schiffsladung Zucker und Pflanzen von Jamaika mitbringt, einschließlich einer bestimmten Sorte Seetang'. Und ich dachte, alle diese Tonnen Zucker, wie viele Leute dabei darauf gegangen sind.

Paradwys ist einer der längsten Romane, die je auf Walisisch geschrieben wurden, und eine frühere Version war noch viel länger, eine Art riesiges bauchiges Monster, wie sie selber sagen. Aber die veröffentlichte Version ist dynamisch und straff. Was, glauben Sie, vereinheitlicht den Roman, was macht ihn so dynamisch?

Letztlich ist es ein Roman über zwei Texte. Wenn Sie sich das Buch näher ansehen, ist es der Kampf zwischen diesen beiden Texten. Der eine ist die offizielle von Earl Foston in Auftrag gegebene Biographie. Der andere ist das Buch, welches sein Zwillingsbruder schreibt. Diese beiden Biographien präsentieren abweichende Sichtweisen über die Geschichte. Am Ende gewinnt der zurechtgeflickte Text und wird zum akzeptierten historischen Standpunkt.


Aus dem Englischen von Elvira Veselinovic





© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL