Wiliam Owen Roberts

Paradwys
Wir veröffentlichen drei Exzerpte aus Paradwys. Die erste ist von Elvira Veselinovic übersetzt worden. Die zweite und die dritte sind von Markus Wursthorn übersetzt worden.

Exzerpt 1: Das Parlament

Walton stieg die Treppe herauf und trat durch das Hoftor in den großen Flur, der erfüllt war vom Lärm heiserer Stimmen und vom Gelächter einer Unterhaltung. Er sah den Earl of Wellington auf halber Höhe der weiten Treppe stehen. Indem er sich ihm näherte, konnte er seinen Onkel sehen, den amerikanischen Botschafter, Sir William Henry Hobart, Sir Swaleside, den Premierminister und den Kanzler, Schulter an Schulter, verwickelt in eine hitzige Debatte über einen Gerichtsverfahren, in das der Kapitän des Schiffes Zong verwickelt war. Dies war ein gewisser Mr. Collingwood, der vor einigen Monaten beschlossen hatte, einhundert und dreißig Schwarze ins Meer zu werfen, wegen einer ansteckenden Krankheit, die sie befallen hatte, und die sich mit Leichtigkeit hätte ausbreiten und alle übrigen vierhundertvierzig Sklaven im Frachtraum töten können.

Der wahre Grund, sie zu ertränken, lag in der Prämie von 30 Pfund pro Kopf für jeden Sklaven, mit der Begründung, der Wassermangel habe dies unumgänglich gemacht. Das Schiff erreichte den Hafen in Port Royal mit 420 Gallonen übriggebliebenen Wasserreserven. Gemäß den Richtlinien der Versicherungsgesellschaft hätte, wären die Gefangenen eines natürlichen Todes am Bord des Schiffes gestorben, keine Verpflichtung für die Zahlung einer Entschädigung an den Besitzer bestanden. Da der Kapitän auch auf Provisionsbasis arbeitete, gab es eine Überschussbeteiligung für ihn.
'Wie kann Mr. Collingwood sich verteidigen?'
'Er argumentierte, er sei verpflichtet gewesen, die Crew und den Rest der Fracht aus humanitären Gründen zu retten, und deshalb musste er es tun' antwortete der Premierminister.
Earl Foston warf ein: 'Das ist nicht wasserdicht'.
Man sagt, dass sich durch diese ganzen ins Meer geworfenen Schwarzen schon die Fressgewohnheiten der Haie im Ozean geändert haben...' fügte der Earl of Wellington weise hinzu.

Die Frage war folgende: Niemand leugnete, dass der Kapitän 132 Gefangene über die Schiffsreling gestoßen hatte, aber bis zu welchem Maß war der Besitzer schuldig? War er in gleichem Maße schuldig wie der Kapitän, da er sich des Gewinns aus der Versicherungsprämie sicher war?

Der Premierminister beurteilte die Situation als moralisch komplex.
'Wie dem auch sei, zahlt dem Besitzer die Versicherungssumme und der Kapitän wird davon profitieren. Und wenn der Kapitän nicht getan hätte, was er getan hat, wäre der Besitzer ein wenig schlechter dran.'
'Sozusagen arm dran' schloss sich der Earl of Wellington an.
'Es ist eine kostspielige Sache, Schiffe nach Afrika zu senden. Die Kosten steigen von Saison zu Saison...' sagte Earl Foston.

Man kam überein - sozusagen einmütig - dass das Ereigniss im Falle des Schiffes Zong eine völlige Schande war. Die Diskussion wurde fortgesetzt, bis alle einig waren, dass die ganze Sache mehr als eine Schande war, dass sie sogar äußerst beschämend war. Der Premierminister ging so weit, sie als große Schmach zu bezeichnen und sagte, es sei höchste Zeit, die Angelegenheit vor den Senat zu bringen. Walton spitzte seine Ohren.

Die Angelegenheit sollte ausführlich im Sitzungssaal des Parlaments diskutiert werden und das Gesetz bei der nächsten Sitzung abgeändert werden. Es gibt reichlich Mitglieder, die in dieser Hinsicht genauso stark empfinden wie wir, und ich kann keine wirkliche Schwierigkeit oder gar Widerstand voraussehen, die uns daran hindern könnten, die Maßnahme so schnell wie möglich durchzusetzen, um sicherzugehen, dass etwas wie der Fall Zong nie wieder vorkommt.

Die dringendste Notwendigkeit bestand darin, das Gesetz festzulegen und zu stärken, um die Interessen der Versicherungsgesellschaften zu schützen: immerhin waren sich alle einig, dass es eine sehr seriöse Angelegenheit war, von gewissenlosen Männern mutwillig um sein Geld gebracht zu werden.

Später, über einer Schüssel Erdbeeren mit Zucker, als Walton Hobart den Earl of Wellington fragte, was er zu Sir William-Henry auf der Treppe des Opernhauses am Heumarkt gesagt hätte, entgegnete dieser, er habe nicht die leiseste Erinnerung daran.



Paradwys

Exzerpt 2: Piccadilly



Die Majestät des Hauses war durch seine Lage bedingt. Das Haus des Earls Foston. Das Haus der Familie. Sein Thron in der Hauptstadt, das Herz seines Reiches in der Stadt. Polmont war viele Male daran vorbeigelaufen als er ein Junge war (und älter), auf dem Weg nach Hyde Park Corner und dem Dorf Knight´s Bridge um Mr. Hatfield´s Lieblingscider zu kaufen, von einem Hugenotten aus der Linie des berühmten Boris de Pfeffel (schon seit mehr Jahren tot als er sich erinnern konnte). Wie manch ein anderer hielt er oftmals an, um die großartige Fassade des Hauses zu bestaunen. Musste zurücktreten, um einen guten Blick zu haben, auf die niederste Stufe des Teichufers von Chelsea, um seine Pracht zu beneiden und seinem Mund ein Pfeifen entlocken zu können während er verstohlen von draußen reinblickte...
Und zu guter Letzt, daraus hinauszublicken ! Sein Leben hatte eine Wendung genommen. Eine wundersame Wendung. Jeden Morgen auf warmem Laken aufzuwachen, während er langsam seine Augen öffnete und die Engel betrachtete, die auf der hohen Decke goldene Posaunen bliesen. Und seine Nase voller himmlischer Düfte! Auf dem dunklen Eichentischchen an seinem Bett war ein Strauß roter Rosen in einer römischen Vase aus dem 2.Jahrhundert hingestellt, die einst in der Villa des Kaisers Antonius Pius gestanden war, wenige Meilen südlich von Rom. Dann stand Polmont auf, einen Umhang von Fröhlichkeit um sein Herz gewickelt, zog einen seidenen Morgenmantel an, band ihn mit leichtem Knoten zu und auf dem hölzernen Flur schlurften seine Schritte ein bisschen als er darüber schritt. Er wusch sein Gesicht mit zitronenduftender Seife und reinem Wasser aus einem Krug, den ein Zimmermädchen für ihn auf die Truhe am Fuße seines Bettes gestellt hatte.
Ewigkeiten im Erker seines Zimmers im dritten Stock zu stehen, so umwerfend froh und stolz, voller Befriedigung und Leichtigkeit, mehr als nur zufrieden ! Täglich fühlte er sich so munter und leicht, genau wie an einem Sommernachmittag wenn der Himmel hell strahlte und die Sonne heiß brannte. Seine Finger befühlten leicht die schweren Vorhänge, dann presste er sie fest in seine Faust, schmiegte sie an seine Backe und zog sie tief ein, indem er sie lange beroch. Erlebte er das nun wirklich ? War er wirklich dort ? Oder war alles nur ein trügeri-scher Traum ? Ein schrecklicher Alptraum, aus dem er wieder zähneklappernd zwischen zwei Gräbern eines Friedhofs erwachen würde ? Manchmal öffnete er das Hinterfenster, um manch ein Wort mancher Unterhaltung emporsteigen zu hören bevor er seine Augen erhob, um einer bestimmten Kutsche zu folgen  die Straße hinauf, den ganzen Weg bis zum Hay Market. Hinter dieser Straße nun lagen die Parks von Leicester und Covent Garden. Es gab soviel zu sehen, soviel zu betrachten, soviel zu bestaunen, aber nichts war vergleichbar mit dem mor-gendlichen Ausblick über den grünen Park hinweg, vorbei an der Anhäufung von Eichen drüben in der Ferne, wo der Buckingham-Palast stand.
Angekleidet schritt er die Marmorstufen des Hauses hinab in das größte Wohnzimmer der Stadt London, wobei er an zwei Zofen vorbeikam, die gerade dabei waren, die dunklen Möbel zu polieren und der Geruch der gelben Wachskerzen des gestrigen Abends begann allmählich stärkeren Gerüchen zu weichen. Polmont befasste die Verzierungen der Wände im Stil von Echart. Er wanderte über eine Landschaft aus neuen Teppichen von der berühmten Manu-faktur in Brüssel, vorbei an Eichenstühlen aus den Niederlanden und ein stattlicher Diener mit deutlichem Bauchansatz beaufsichtigte das Decken des längsten Tisches, den Polmont je in seinem Leben gesehen hatte. Die Düfte des Reichtums füllten seine Nase. Er war in süßer Entzückung, den Kopf voller flüchtiger Gedanken und seine Phantasie entbrannt. Später merkte er, dass er eine Art Pfeifen ausgestoßen und versunken vor sich hin gemurmelt hatte. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet einer wie er Gast im Hause des Earls von Boston sein würde ? Unter seinem Dach nach seinem Gefallen schlafen, essen, lesen konnte ?



Paradwys
Exzerpt 3: Der Earl Foston
Als Polmont zu ihm gerufen wurde, war er voller Ansporn, voller Ratschläge und Freundlichkeit. 'Würde´s die Zeit erlauben,' aber ich habe so viele Dinge zu tun, muss so viele Leute sprechen, muss so vielen Angelegenheiten soviel Aufmerksamkeit widmen; du hast ja keine Vorstellung, wie ich von einer Sache zur anderen jage, bis ich manchmal kaum zum Verschnaufen komme, aber ich würde dir liebend gerne mehr Zeit schenken, als es jetzt gerade der Fall ist. Ich hätte es gerne, wenn wir uns - idealerweise - mindestens eine Stunde pro Tag zusammensetzen könnten. Und warum ? Um zu sehen, wie´s voran geht. Ich will von dir, dass du alle Erfahrungen meines Lebens zu einem sinnvollen Gesamtbild zusammenfügst. Das ist dein Ziel. Jeder braucht ein Ziel in seinem Leben. Kein Ziel - kein Garnix. Und denk´auch an das Familien - motto...
'Vincit omnia veritas.'
'Guter Mann. Bist ein aufgeweckter Bursche; du bemerkst Dinge und beginnst zu verstehen, was zu tun ist. Und hab´ja keine Angst davor, mir weh zu tun. Sei ehrlich. Roll´die Zeit runter wie den Strumpf an deiner Wade. Zieh sie aus wenn dir das lieber ist und wirf sie zur Seite, damit du die Farbe der Haut genau in Augenschein nehmen kannst, das Muster der Adern, die feinen Härchen, auch die Warzen und die Hornhaut, alles. Oftmals findet sich mehr vom Leben eines Menschen in seinen Füßen als in den Hautfalten seines Gesichts. Und es gäbe keine größere Freude für mich als mir vorzustellen, dass in künftigen Jahrhunderten Tausende, Zehntausende, ja sogar Millionen von jungen Männern noch immer zu mir strömen würden wie Ochsen an die Furt eines alten Flusses um still von den Wassern seiner Weisheit zu trinken.'

Er nahm einen roten Apfel aus einer Schale.
'Sieh mal, Polmont' malmte er geräuschvoll, 'alle Spuren irdischer Arbeit werden verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist, alles und jedes und nichts wird bleiben. Außer so monumentalen Bauwerken wie die Pyramiden Ägyptens. Stell dir mal vor ! Um sowas zu errichten bräuchte ich hunderttausend Sklaven, mindestens, und nochmal ein halbes Jahrhundert Leben. Die Zeit habe ich nicht. Nur die Idee, die hinter meinem Leben steht, wird ewig fortdauern. Und meine letzte Wohltat auf dieser Erde wird es sein, die Menschen zu lehren, wie sie es vermeiden können, der Torheit anheimzufallen.'
'Genau.'
'Generation um Generation lernt durch Fehler, durch Schmerz, durch Tränen, durch Leiden, durch Fehldenken, durch Fehlerinnerung, dadurch, dass sie verführt werden zu glauben, es gäbe eine bessere Art des Lebens. Pah ! Den folgenden Generationen von jetzt bis ans Zeitenende diesen Schmerz zu ersparen - das ist das Ziel für mich und für dich. Gib den Menschen das Geschenk eines Lebensalters; dann schließ deine Augen und stell dir mal vor - schließ sie ! - schließ sie fest ! Nicht verstohlen durch die Lider auf mich blinzeln, sondern schau durch die Augen deines Denkens auf die Wunder der Jahrhunderte, die noch kommen werden und sich zu einem prächtigen Tal ausweiten. Bemüh´dich zu sehen ! Lauf los, steig auf die Hänge der ungeheuren Berge da, die du in der Ferne siehst bis du den Gipfel der Größe erreicht hast und steig auf der anderen Seite wieder hinab in die Lande der Zukunft. Und jetzt stell dir vor, wie jeder Vater des Reiches dein Buch in die Hände seines Sohnes legt - kannst du das sehen ? - und sagt: 'Da hast du ein Buch, Sohn, worin steht, wie man weise lebt. Lies es sorgfältig und lern daraus.' Ein Buch voller Ideen, um die Menschen der Zukunft zu inspirieren. Obwohl mir eigentlich Ideen zuwider sind wie die Ideen der philosophes. Kennst du sie ?'

Der Biograph stand auf, wobei er merkte, dass seine Beine eingeschlafen waren und ihm feine Nadeln die Wade hochprickelten.
'In Paris.'
'Die Stadt allen Übels, Polmont, wo unreine Ideen sich in der Dunkelheit der Kanalisation kreuzen um als Schleim seine Straßen zu überfluten.'
'Am Abend als wir uns das erste Mal begegneten, Earl, da war´s als ich das erste Mal einige von ihnen hörte. Als wir zusammen aßen. Ich war in der Gesellschaft Eurer lieben Frau und Sir William Henry und eines jungen Mädchens namens Mademoiselle Chameroi. Ich erinnere mich an den Adligen da, der aufstand, um gegen die 'Philosophen' zu argumentieren, indem er behauptete - was behauptete er noch mal.... ich kann mich nicht recht erinnern, da war soviel Gezänk um mich rum...'
'Versuch´dich zu erinnern.'
'Es gibt keine wahre Freiheit außer im Gesetz.'
'Genau !' Earl Foston kaute seinen Butzen langsam und seine orangen Augen entspannten sich allmählich, bis sie im Blick in die Augen seines Biographen zur Ruhe kamen. Genau. Es gibt keine wahre Freiheit außer im Gesetz. Kannst du dich an noch mehr erinnern ?'
Paris. Wie weit zurück lag das alles schon. Wie das Leben eines Anderen.
'Versuch´es dir in Erinnerung zu rufen....' drängte er ihn. 'Emm....etwas über den Bösen. Er sagte, dass sie alle Teufelsbrut seien, Voltaire, Rousseau, Arouet, Diderot, d´Alembert...'
'Wer war dieser Weise ? Kannst du dich an seinen Namen erinnern ?'
Es gelang ihm nicht und er zuckte mit den Schultern. 'Jedenfalls lag er genau richtig. Und warum ? Sehr wenige haben bemerkt, wie wirklich gefährlich diese satanischen Menschen sind. Hirngespinste. Das haben sie zu bieten. Ideen, die sich niemals auf der Bühne des Lebens bewährt haben. Falsche Gelehrsamkeit, die der Natur zuwiderläuft, der Vernunft Gewalt antut und die Menschen vom wahren Glück abhält. Eine kindische Rebellion, so ein unreifes Strampeln gegen die conditio humana selbst. Und auch unchristlich. Kein Wunder, dass einer wie der Bischof Parva sich die Seele ausgrämt, weil die Menschen dieses Zeitalters ihre Herzen zwar in einem Geist der Schönheit ihren Mitmenschen zuwenden, die wahre Schönheit unseres Erlösers aber verschmähen. Und deshalb muss einer wie ich erkennen, wie wichtig es ist, die Betrachtungen eines Menschen zu Papier zu bringen und sei´s nur um halbausgegorene Ideen zu beseitigen. Schau mich an - schau mir direkt ins Gesicht, schau mir in die Augen - und sag´ehrlich, ob du dein Bestes geben wirst um mir zu helfen und dadurch der Welt zu helfen nicht in die Irre zu gehen ?'
Polmont versprach es.
Schon halb durch die Tür getreten erstarrte Earl Foston in seiner Bewegung, drehte sich halb zu ihm um, hielt inne, erhob seinen Finger so, als hätte er sich gerade an etwas erinnert, und sagte: 'Lass die Menschen daraus Lehren ziehen, wie man recht lebt, Polmont. Übertrage, lehre, bilde, und hab´keine Angst, die Wahrheit zu sagen.'
'Hab´ich nicht.'
'Vielleicht ist die Mode unserer Zeit auf der Seite dieser Menschen, aber denk dran, dass es nur eine Mode ist. Denn die Regeln der menschlichen Natur bleiben ihrem Ursprung verhaftet. Wir besitzen die ewige Wahrheit über die conditio humana. Letztendlich muss jeder von uns - du, ich, der Premierminister und der Kanzler, mit denen ich gestern abend diniert habe - jeder von uns, selbst der stinkende Landstreicher, der heute morgen an meine Tür kam, um zu betteln - sich fragen, was er ist.'
'Nicht wer er ist ?'
'Nein, Polmont. Was er ist. Denn sonst gäbe es keine Gesellschaft. Dieses geheimnisvolle Gewebe des Umgangs miteinander zum Ruhme Gottes. Denn halte der Gesellschaft einen ehrlichen Spiegel vor und du wirst nicht weit vom Weg abkommen. Deshalb kann ich nicht genug betonen, wie wichtig es ist, dass du mein Leben als Bild von etwas zeichnest, was über es selbst hinausgeht, etwas, was unsere Epoche in sich fasst, aber doch mehr als das. Streben nach Größe sollte das Leben jedes Menschen sein.'


ENDE







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