In dieser Ausgabe
Die Grausamste Politik
Die Grausamste Politikvon Veronica Pimenoff.
Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.
Immer wieder hört man, die Literatur sei das Gedächtnis einer Nation. Was aber, wenn die Welt sich so schnell zu verändern scheint, dass man den Eindruck gewinnt, es sei notwendig, alles Frühere zu vergessen, um unter den neuen Gegebenheiten leben zu können?
Es dröhnten keine Posaunen wie in Jericho, aber auch keine Kanonen, als im Herzen Europas rund um Westberlin die Mauer fiel. In der vernetzten Welt vollzog sich ein Kaskadeneffekt, der viele große Zentren des globalen Machtsystems zerstörte und nur ein Machtzentrum zurückließ. Die Verbindungen des Moskauer Knotenpunkts wurden abgeschnitten, und die Macht der Vereinten Nationen, die in einem Wolkenkratzer am Ufer von Manhattan residieren, fiel in sich zusammen. Der einzige verbleibende Pol in Washington stornierte seine Zahlungen an die UNO, zog sich aus dem Abkommen von Kyoto und vom internationalen Kriegsverbrechertribunal zurück und nahm sich das Recht, Krieg zu führen. Der NATO-Angriff im Kosovo 1999 und der Irak-Krieg zermalmten die Autorität der UNO, die ein halbes Jahrhundert lang Bestand gehabt hatte; der UNO blieb nichts anderes übrig, als das Handtuch zu werfen - ein Handtuch, das man nun sozusagen verwenden müsste, um nach den militärischen Operationen aufzuwischen. Oder, um eine andere Metapher zu verwenden: Die UNO ist nicht mehr in der Lage, den Fehdehandschuh hinzuwerfen, sie hat nur noch Gummihandschuhe zum Putzen.
Die Entwicklung der Instrumente und der Politik dieser Reorganisation des Machtsystems bezog ihre ersten Impulse aus Europa, nicht zuletzt von den Vettern der Finnen, den Ungarn. Immigranten aus Ungarn leisteten in den USA einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Computers (John Neuman), der Atombombe (Leo Szillard, Edward Teller) und der Netzwerktheorie (Albert-Laszlo Barabási). Auch die Mauer zwischen Ost und West begann an der ungarischen Grenze symbolisch zu zerbröckeln, als Ungarn 1989 seine Grenze für Ostdeutsche öffnete, die nach Westdeutschland wollten. Doch der Pol der Macht entstand jenseits des Atlantiks, und seine neue Autokratie manifestiert sich in seiner Straffreiheit.
Auf dem alten Kontinent zerfielen infolge der stürmischen Ereignisse Staaten, neue entstanden, und Regierungsformen veränderten sich. In einigen Ländern büßte die Literatur ihre etablierte Funktion ein, über die gesellschaftliche Realität zu berichten, und verlor einen Teil ihrer Leser an andere Medien. Sie erhielt plötzlich eine unerwartete Autonomie und musste eine neue Sprache lernen.
In Finnland war der politische Wandel weniger extrem. Aber auch ich mit meinen 54 Jahren habe heute das Gefühl, dass ich meine finnische Kindheit und Jugend in ferner Vergangenheit und in einem exotischen Land verbracht habe. Die technische Entwicklung hat Lebensweg, Glaubensvorstellungen, Familienleben, Wohnungen, Schulen, Arbeit und Arbeitsplätze, Freizeit, Geschäftsverhalten und sozialen Umgang der Finnen verändert. Die Generationen der technischen Innovationen lösen sich schneller ab als die Menschengenerationen. Mit einem alten Passwort hat niemand mehr Zugang zum Netz. Namen müssen im gleichen Tempo gewechselt werden, wie ein Hacker oder Cracker fähig sein könnte, Geheimnisse zu entdecken oder ein Tätigkeitsfeld zu zerstören. Auf einige Felder kann man sich erneut begeben, in jeder beliebigen Gestalt, die man für sich erfinden will; schließlich haben sich auch die anderen nur für den momentanen Bedarf erfunden. Der Staat, die Post, batteriebetriebene Milchaufschäumer und die SMS des Geliebten setzen voraus, dass man sich Neues aneignet, statt sich an Vergangenes zu erinnern. War früher die Fähigkeit gefordert, im Moor, auf dem Wasser, im Wald und auf dem Fjell zu überleben, so muss man sich nun in einem von der Technik geformten Umfeld - Körper, Kommunikation, reale und virtuelle Umwelt - zurechtfinden und zudem befürchten, dass die Natur trotz allem plötzlich mit einer Überraschung aufwartet.
Darüber habe auch ich geschrieben, in meinem Roman Risteilijät (Die Kreuzfahrer), der 1995 erschien. Er beschreibt die verschiedenen Daseinsformen des Wassers - der Grundlage des Lebens. In dieser landlosen Geschichte befinden sich die Protagonisten auf dem Meer, in einer schwimmenden technologischen Welt, die mit Satelliten-Ortungssystemen operiert. Diese Welt und der Umgang der Menschen miteinander werden durch Maschinen und Geräte gesteuert. Einige der Personen des Romans tragen einen Herzschrittmacher oder sind psychisch abhängig von der maschinell erzeugten virtuellen Realität. Im Jahr 1995 befanden sich meine Protagonisten noch ohne Handy auf dem Schiff. Die technische Entwicklung lässt ein Buch im Handumdrehen veralten!
Der Titel meines 1999 erschienenen Romans Maa ilman vettä (Land ohne Wasser) evoziert das Gegenteil der Welt des Romans Risteilijät. In diesem Buch sucht man wasserloses Land, um den von der Technik erzeugten Atommüll in der Natur vergraben zu können. Gleichzeitig forscht man nach einem tödlichen Gift im Frosch, einem Tier, das in den verschiedenen Stadien seiner Entwicklung sowohl im Wasser als auch an Land atmen kann.
Historisch gesehen spielten Frauen auf Feldern der Ehre - wie zum Beispiel Zweikampf, Armee und Krieg, akademisches Leben und Forschung oder Sport - keine oder nur eine geringfügige Rolle; in meinem Buch agieren die Frauen jedoch gerade auf diesen Feldern, in der technologischen Welt der Wissenschaft und der Kriegführung. Am Schluss des Romans steht die Frage, wie bald die Biotechnologie an der Börse notiert werden wird.
Diejenigen, die mich aus Anlass dieses Buches interviewten, interessierten sich vornehmlich für seine politischen Aspekte und fragten wiederholt, ob ich glaube, die 'vierte Welt' werde reihenweise Anschläge auf Europa und Nordamerika unternehmen. Ich sagte, meiner Ansicht nach sei damit zu rechnen. Wer keine Macht hat, der hat eine Utopie. Die Utopie ist eine starke Antriebskraft, über die ich in der sich wandelnden Welt schreiben möchte.
Ebenso wie früher hat der untergehende Teil der Welt seine Verteidigungsstellungen verstärkt und übt von oben Druck aus, wenn neue Kräfte aufzusteigen versuchen. Verurteilte Kriminelle besiedelten Sibirien und Australien, nicht verurteilte Nordamerika. Heute bahnt sich die 'vierte Welt' den Weg nach Europa und Nordamerika, zu Fuß, per Schiff oder mit dem Flugzeug, an der Spitze diejenigen, die seit jeher die größte Vitalität und Geschicklichkeit in internationalen Kontakten besitzen: Kriminelle und Prostituierte.
Zwischen diesen beiden Büchern veröffentlichte ich 1997 einen weiteren Roman, Kunniakirja ('Buch der Ehre'), über die Verschiebung Finnlands von Ost nach West. Ich vermischte dabei die heutigen Ereignisse mit einer Epoche, in der Finnland diesen Übergang bereits einmal vollzogen hatte - der Zeit vor meiner Geburt. Dabei habe ich mich bemüht, darauf zu achten, dass die technische Ausstattung der Welt, die ich beschrieb, der vorgegebenen Epoche einigermaßen entsprach. Wichtige Themen des Buches sind die Ehre des Mannes und die Sterblichkeit des Menschen. Die Ehre wird als widerwärtig beschrieben, die Sterblichkeit als erleichternd. Das ist kein Dogma. Literatur ist kein Informationskanal. Literatur ist ein Sprachrohr der Erfahrung und Erkenntnis.
Es stimmt allerdings, dass Kunniakirja auch politische Inhalte hat. Der Roman weist die Begriffe Ehre und Reinheit zurück, die die Menschheit in wertvolle und wertlose Individuen teilt und kontinuierliche Trennungen und Säuberungen fordert; er versucht demgegenüber, Vermischung und Koexistenz zu preisen, die vielleicht - zumindest aus einiger Distanz betrachtet - vor langer Zeit in Cordoba und sogar vor kurzem in Jugoslawien vorübergehend möglich waren, bis allen Beteiligten klargemacht wurde, dass manche Menschen falsch leben und falsch glauben und eliminiert werden müssen, notfalls, indem man sie tötet.
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Ich habe in großen Abständen geschrieben. Als ich, damals noch ein Kind, zu schreiben begann und beschloss, unter anderem Schriftstellerin zu werden, hatte ich keine Ahnung, worüber ich schreiben sollte oder wie, geschweige denn, warum. Ich weiß es immer noch nicht, und es stört mich heute wieder so wenig wie damals. Es war einfach ein überwältigend schönes Gefühl, zu schreiben, und diese Erfahrung hat die Jahre überdauert.
Als Kind brauchte ich keine Leser; der Text leistete mir Gesellschaft, und ich redete mir ein, eines Tages würde ich etwas Bedeutsames schreiben, das die Welt in Erstaunen versetzt. Gewiss ist ein Rest dieser Erwartung geblieben, doch der Wunsch ist verblasst. Schon meine erste Veröffentlichung brachte die Erfahrung, dass der fertige Text nicht mehr mein ist. Er geht seinen eigenen Weg und lässt sich auf Beziehungen mit seinen Lesern ein, an denen ich keinen Anteil habe.
Wenn ich schreibe, untersuche ich, was ich untersuche, erfinde, was ich erfinde, spiele, was ich will; ich experimentiere frei, rücksichtslos, verantwortungslos, ohne mich um Zerstörungen, Eindrücke, Konsequenzen zu kümmern. In keiner anderen Situation bin ich so rückhaltlos wie als Schriftstellerin, weder als Frau noch als Mutter, Ärztin oder Wissenschaftlerin, weder bei Wanderungen im Wald noch bei öffentlichen Auftritten&
Natürlich beziehe ich mein Material aus der realen Welt. Die Literatur gleicht insofern der grausamsten Politik, als sie Menschen als Material betrachtet. Wenn man Literatur schreibt oder liest, kündigt man der Welt, überlässt sie ihrem Schicksal und berauscht sich an dem Erlebnis einer anderen Welt. Literatur kann der Welt entfliehen und sie vergessen - oder ihr entgegentreten und sie kritisieren. Mein Ziel ist nicht die Beschreibung der Wirklichkeit oder die Aufdeckung der Wahrheit; was ich anstrebe, ist ein Gewebe aus Ereignissen, Gedanken und Empfindungen, dicht genug, um zu halten, andererseits aber so offen, dass der Leser seine eigenen, mir unbekannten Gedanken und Erfahrungen einweben kann.
Freilich schreibe ich heute anders als mit sechs Jahren. Damals versuchte ich durch Schreiben Dinge zu erleben, die ich noch nicht erlebt hatte und an die ich mich vielleicht nie wagen würde. Heute bin ich darauf aus, Dinge so gnadenlos unter die Lupe zu nehmen, wie ich sie mit einem Mann, einem Kind, einem Freund oder flüchtigen Bekannten nie betrachtet habe und wohl auch nie betrachten könnte. Es ist mitunter grausam und schmerzhaft. Wenn man am Schmerz Gefallen zu finden beginnt, drückt man noch fester zu: Vielleicht trifft man den Punkt, an dem es wirklich wehtut. Manchmal treten Schönheit und Schrecken hervor, und die Welt, das eigene Ich und das Leben werden spürbar.
Wenn er den ersten Satz geschrieben hat, ist der Autor nicht mehr frei. Tatsächlich schreibt der Text sich selbst, denn alles, was geschrieben ist, lenkt und färbt das, was danach geschrieben wird. Den Schluss kann man nicht autonom schreiben, er steht in Beziehung zum Anfang. Selbst wenn er unpassend ist, unmöglich erscheint oder den Anfang unterläuft, steht er doch in Verbindung zum Anfang und zum Verlauf der Erzählung. Andererseits kann der Schluss dem Anfang eine neue Bedeutung geben, ohne dass der Text im geringsten verändert wird.
Wenn man einen Text verfasst, bringt man etwas Lebendiges zur Welt. Sofern der Text schön, stark und brutal ist, leistet er seinem Schöpfer sofort Widerstand. Das ist stimulierend und veranlasst mich, weiterzuschreiben. Das vitale Raubtier verschlingt alles um mich herum, während es zum Roman heranwächst; ein Verkehrsstau, in dem ich stecke, ein Streit, den ich mit anhöre, der Wind im Gras und das Licht auf dem Schnee - alles dient ihm als Nahrung. Mein Körper, der Text und die Umgebung bringen einen Rhythmus hervor, in den die Worte eingefügt werden müssen.
Die Freiheit von Bindungen, Verpflichtungen und Verantwortung, die man beim Schreiben eines literarischen Textes empfindet, und die Widerspenstigkeit, die Gefährlichkeit, der Sog des Textes haben mich von Kind an fasziniert. Deshalb kehre ich von Zeit zu Zeit zum Schreiben zurück. Der Prozess ist anregender als das Material. Nachdem ich zuletzt darüber geschrieben habe, wie man tödliches Material in der Natur verstecken will und gleichzeitig in derselben Natur nach einem tödlichen Stoff sucht, arbeite ich nun an einem Roman, in dem ich erörtere, was die Welt zusammenhalten mag. Der Text kann eine Welt konstruieren, die die von mir erlebte Welt herausfordert. Ich genieße es, dass nichts - außer meiner eigenen Feigheit und Einfallslosigkeit - meiner Betrachtung Grenzen setzt und dass ich, wenn mein Vorhaben gelingt, in meinem Text einen starken Widersacher schaffe, bevor ich mich von ihm verabschiede und er mich verlässt, um mit seinen Lesern zu spielen.
Die mit dem Schreiben verbundenen Risiken machen den Prozess angenehm aufreibend. Man kann zurückgestoßen werden, auch wenn man sich dem Text mit Zärtlichkeit und Lust nähert. Man darf das faszinierende Raubtier weder zähmen noch sich von ihm zerfleischen lassen. Vielmehr gilt es, für seine Kraft und Schönheit Raum zu schaffen, so dass der Text leuchtet und klingt.
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