Kaarina Valoaalto

Im Niemandsland einer Frau
Valoaalto[1]
Satu Koskimies über den autobiographischen Roman von Kaarina Valoaalto. Übersetzung: Elina Kritzokat.
Als die Dichterin und Schriftstellerin Kaarina Valoaalto vor zehn Jahren aufs Land zog, in das Dorf Toivakka in Mittelfinnland, teilte sie mir folgendes mit: '350 Gramm von mir sind gerade umgezogen, die restlichen 99 Kilo stecken noch im Getümmel. Die letzte Facht - die Hühner, die Enten, die Ziegen, die Gänse, die Katze - geht morgen früh um sechs ab; sie wird in speziellen Kisten geladen, die von Helfern getragen werden. Die Strömung hat mein Herz geraubt und die Stromschnellen meinen Verstand'.

Kaarina Valoaalto (geboren 1948) verkörpert den Mythos der 'kreativen Verrücktheit' des Dichters, indem sie schreibt, wie sie lebt, und lebt, wie sie schreibt. In einem ihrer Gedichte namens 'Räppiä saarnaspöntöstä' ('Rap von der Kanzel', 1997) ziehen zwei Schwestern, Eine und Tyyne, in ihr Traumhaus auf dem Land, nur um dort von einem scharfen Geruch empfangen zu werden: dem von Schimmel. Die Wirklichkeit im Herzen des Landes offenbart sich den Neuankömmlingen auf tragikomische Weise.

Die Poesie von Kaarina Valoaalto (Valoaalto, der zweite Teil ihres Pseudonyms, bedeutet 'Lichtwelle') erfordert sowohl Mut als auch einen Sinn für Humor. Versucht die Dichterin, die ganze Welt in ihren komplexen Gedichten unterzubringen? Darin liegt für sie ein verlockendes Chaos. Die Bühne, auf der ihre Gedichte spielen, vereint Szenographien verschiedenster Dramen. Der Leser wird mit philosophischer Wahrheit konfrontiert, mit einem Aufschrei direkt aus dem Herzen eines Mitmenschen (der Dichterin selber) und mit alltäglicher, beiläufiger Ironie, an Leute gerichtet, die sich über die Geschehnisse in der Welt auf dem laufenden halten wollen - alles auf einmal. Möglicherweise findet der Leser das alles schwer verdaulich, aber er oder sie ist gezwungen, Partei zu ergreifen.

In den vergangenen zwanzig Jahren hat Kaarina Valoaalto vierzehn Bände mit Gedichten und Prosa veröffentlicht - vieles darin ist im Niemandsland zwischen den beiden Genres angesiedelt. Ihr neuestes Buch Einen keittiö, Eines kök ('Eines Küche', Tammi, 2002) basiert zum großen Teil auf Erinnerungen an die Jahre der Kindheit und der Jugend und könnte vom Genre her ebenfalls als 'anders' beschrieben werden: Ja, es ist möglich, seine Memoiren als Prosagedicht zu schreiben.

Das Buch spielt im Helsinki der 1950er, jener spartanischen Jahre direkt nach dem Krieg. In einem Wohnblock lebt eine Mittelschichtfamilie, deren Kinder den Eltern als zufällige biologische Objekte erscheinen. Die Erzählerin, ein sensibles Mädchen und zugleich eine talentierte Dichterin, beginnt zu schreiben; sie wird zu derjenigen, die die traurigsten Dinge niederschreibt.

Sie nimmt ihre Vergangenheit mit mikroskopischer Präzision unter die Lupe und blickt schließlich durch sie hindurch; diese exzentrischen Erinnerungen, frei von jeglicher Gnade oder Scham, bringen einen zum Lachen, aber sie schockieren auch. Mit Hilfe ihres dichterischen Zauberstabs gelingt es Kaarina Valoaalto, schmerzhafteste Erinnerungen zu berühren und dabei langsam ihre außergewöhnlichen Eltern zu verstehen, bis es ihr schließlich sogar gelingt, sie anzunehmen und zu umarmen - durch die Kraft ihrer Worte.











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