Kaarina Valoaalto

Familiengeheimnisse
Valoaalto[1]1
Kaarina Valoaalto. Auszüge aus Einen keittiö, Eines kök ('Eines Küche', Tammi, 2002). Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.
Ein einzelnes Etagenhaus wie dieses ist ein lebender Organismus wie die in ihm wohnenden Menschen. Oben das Gehirn, unten die Gedärme und Ausgänge.

In den oberen Etagen prangen Wasserhähne in den Küchen, Spülen, löwenfüßige Sofas in den Wohnzimmern, Mahagonikommoden und in den Kristalltropfen der Lüster die violetten Saphire des Regens und der Meere.

Jahre später führen dieselben Dinge, wie die Hähne und Möbel früherer Generationen, ein unterirdisches Gespensterleben in den fremden Maschendrahtsalons der Kellergänge, von ihrem früheren Leben erzählend, uns einladend in die Geisterwelt der Gegenstände und Möbel
mit moosgrünen Gesichtern, wie die Toten auf den Friedhöfen den Lebenden winken.

Wir waren die Lebenden. Doch die Grenze war haarfein. Sie hatten Gesichter, gebieterische Mienen, Münder und Augen, diese Kommoden, Schränke, Sofas, auch die Stiefel, die mit gerunzelter Stirn aus hundert Schnürsenkelösen uns ansahen, die Sohlen zu einem Lächeln gekrümmt.

Manche Lampen hatten eine adlige wachsbleiche Schnauze, von der das Kabel wegführte wie der Kommentar zu einem nicht ausgesprochenen Satz. Der ganze Keller war bevölkert, eine lautlose machiavellistische Bühne, auf der der Verlust eines Zahns die Replik nicht unterbrach.

Familiengeschichte in Gegenständen gespeichert, verlassen vergessen, die von Staub und grünem Stoff bedeckten wertvolleren Sachen, die ausgestopften Eulen, die überlauten Wanduhren entschlafener Tanten.

Das Zeug jeder Familie in seinem eigenen Maschendrahtabteil betrachtete das Zeug anderer Familien.

*

Mutter war kaputt. Vater war kaputt. Die Familie war kaputt. Meine Eltern waren zerbrochen, zerschellt, zermalmt, Schotter, Körner, die feinfaserige Nervenstruktur zersprungen wie das Werk einer Schweizer Uhr.

Ihre Eltern hatten den Bruderkrieg erlebt, meine Eltern wiederum waren von drei Kriegen traumatisiert. Trauma, Triptychon, Trochäus, Trikot, Trüffel, Trolleybus, Traktor.
Brennende Liebe zur Literatur und zum Furzen bildete den geistigen Salon, in dem diese sog. 'Kriegsverletzung' sich in unserer Familie manifestierte.

Durch Fürze suchte man die seelischen und psychischen Wunden zu behandeln, die meine Eltern von ihren Eltern geerbt und nach drei Kriegen an ihre Kinder weitergegeben hatten.

Wir furzten diese Wunden hinaus. Ein Furz war ein Kommentar. Die Einleitung eines Dialogs. Der erste Ton einer Äußerung, die Vorahnung eines Satzes. Auf der Tröte des Traumas tröteten wir, dass die Wände wackelten.

Wir glaubten, dass alle Familien furzten. In unserer Familie las man Literatur und kommunizierte furzend. Mutter beantwortete Vaters Furz mit einem leiseren, und wenn es meinem Bruder gelang, Vaters Furz mit einem noch gewaltigeren zu übertrumpfen, war er ein Nationalheld, hatte mehr geleistet als mit einer Eins im Aufsatz.

Fürze waren neutraler Boden, Fürze bliesen aufrichtigen Jubel in die gespannte Familienatmosphäre. Als Gegengewicht zu Mutters depressiver Veranlagung und Vaters kriegsgebeutelten Nerven drückten sie echte Freude aus.

Und außerdem musste man lachen, wenn Vater furzte, es war ein Signal, wie ein Befehl oder eine Aufforderung, jetzt dürft ihr lachen. Vater ist guter Laune. Mutter machte sich nicht so viel aus dem Furzen. Sie las schöngeistige Literatur. Sie tat es Vater zuliebe.

Wir lasen Bücher über eine Familie, die Sennatee trank und furzte. Wir wollten schier ersticken vor Lachen, die Kloszenen versetzten uns in Ekstase.

Alles, was mit dem Rektum zu tun hatte, bildete einen natürlichen Weg, auf dem sich die Spannungen der Familie entluden. War doch das Rektum auch im Anatomieatlas das natürliche Pendant des Mundes, wie das andere Ende eines Seils, freilich ohne Zähne. Die gleichen Muskeln um das Rektum wie um den Mund zuckten spannten sich erschlafften seufzten äffs, FFFFFffff-Buchstaben.

Mund und Rektum voller Luft FFHUHH FII, deshalb heißt im Schwedischen der Furz FIISA. Ann FIISA Retsova. Als ich bei einer Freundin länger blieb als gewöhnlich, war ich verdutzt, da nirgends ein Tröten zu hören war.

Niemand furzte. Diese seltsame Beobachtung verblasste vor der Tatsache, dass sie aßen, mit anderen Worten, ich war sicher, dass auch sie aufs WC gehen mussten, jeder von ihnen, und was dort geschah, konnte für niemanden ein Geheimnis sein.

Das war ein gewisser Trost. Vielleicht war meine Familie doch kein furzendes Kuriosum, sondern eine ganz normale Familie.

Eine Familie, die mit dem Gewicht von 848 Traumata auf den Schultern zu leben versucht, führt noch ein relativ normales Leben. Ein Leben an der Heimatfront, die Holznäpfe des Alltags in den Händen. Ein Leben in den Laufgräben. Die erstarrten Gräben der Familien.
Niemand war mehr derselbe.

Alle waren Verlierer, auch in diesem Krieg, in den Laufgräben der Familien hielt das Krachen der Granaten an, Kanonen donnerten auf den verminten Feldern des Alltags.

War es eine Regression, war die Familie in ihrer Entwicklung stehengeblieben? Schwer zu sagen; wenn die Entwicklung des Individuums bestimmte Stadien durchläuft, äußert sie sich dann in der Familie als Summe der Entwicklung ihrer Mitglieder, oder wie?

Wenn eine Schachtel hundert Erdbeeren enthält und eine davon faul ist, fault die ganze Schachtel.
Doch die Entwicklung des Einzelnen ist keine Infektion, keine Cholera oder Pest. Jedenfalls, denken wir nur an Mozart, der ständig furzte, nein, hol's der Teufel, Furzen tut der Genialität keinen Abbruch.

Obwohl Genialität und Furzen nichts miteinander zu tun haben. In der Epoche gepuderter Perücken war der Kontrast sicher viel stärker. Machte das irgendeinen Sinn?
War es möglich, die Kette zu zerschneiden? Macht eine hysterische Mutter ihre Kinder zu Miniaturhysterikern?

*

Die Familie züchtete keine weißen Tauben, sondern Notlügen.
Der Vater stand hinter der Küchentür und sagte, er sei nicht zu Hause. Die Mutter, auf dem Kopf 22 `Lock`enwickler wie seltsame blaurote Spulwurmlarven, lag im Bett und sagte, sie sei nicht zu Hause, ich sah doch, dass sie da war.

Notlügen sprangen aus Woll- und Baumwollunterhosen, Handtaschen, Nagellackflaschen, sie hatten eine seltsame Verbindung zu Kloschüsseln, Bademänteln, ganz allgemein dazu, dass jemand nicht angezogen, gekämmt, geschminkt war oder in Unterhosen dastand, wenn es klingelte.

Sag, dass Vater verreist ist. Sag, dass Mutter beim Frisör ist. Sag, dass Mutter in der Badewanne liegt.

Wie ein kleiner Piccolo eilte ich mit meinen Botschaften zwischen Klingel, Flur, Wohnzimmer, Küche und Bad hin und her. An der Tür stand ein Mann mit Holzkrücken, dessen eines Hosenbein leer war. Unten im Treppenhaus hing ein Schild: Hausieren und Betteln verboten. Das war es. Mit solchen Krücken hatte ich Reiten gespielt; sie hatten Lederpolster für die Arme. In der Kreuzsee der Krücken humpelnde hinkende blinde Krüppel.

Von ihnen spricht man nicht. Das gehört sich nicht.
Krieg ist hässlich. Ein für alle Mal passé.
Vater und Mutter. Was konnte man anderes von ihnen erwarten. Es reichte, dass sie ihn erlebt hatten.
Am eigenen Leib erfahren. Kultivierte Leute schwiegen über den Krieg, zu Hause sprach man nicht über den Krieg, nach Mutters Ansicht taten das nur Betrunkene, Arbeiter und Landwirte.

Dennoch geisterten die Gespenster des Krieges als Invalide Krüppel Kriegsblinde durch die Straßen der 1950er Jahre mit den glänzend roten Packards als Vorboten des künftigen Eldorados.

*

'Soll ich die Brote mit Pökelfleisch belegen?', fragt Mutter. Die Kühlschranktür klappt auf und zu.
Die ganze Familie ist mobilisiert, den Stammeshäuptling zu wecken und zu umsorgen. Vom Ölen seiner Maschinerie hängt das Familienglück ab.

Vaters Wohlergehen war von Mutters Fürsorge abhängig.
Vater war Kopfarbeiter. Die Knoten, Zapfen und Canyons seines Gehirns mussten massiert werden, obwohl er keine Haare auf dem Kopf hatte, außer an den Seiten.

Noch spätabends mussten Butterbrote geschmiert werden. Damit Vaters Gehirn funktionierte. Es brauchte eine ausgewogene Ernährung, deshalb machte Vater Kopfstand und zog Kresse auf der Fensterbank und kochte selbst Buchweizengrütze.

Obwohl der Krieg eigentlich keinen Mund oder Kopf hat,
von Zähnen ganz zu schweigen, hatte der Krieg Vaters Haare gefressen, die lockigen Haare eines jungen Mannes.
Sie waren ihm in der Schlacht von Rukajärvi ausgefallen.

Mutter weiß, wie seine Haare waren. Vaters Kopf ist von einer dichten Tonsur umkränzt. Der Kopf des Vaters, der unsere Köpfe gegeneinander schlug, wenn er uns an den Händen hielt. Wir gingen neben ihm her, als wir ein Ziehen an unseren Armen spüren. Vater schleudert uns wie Geschosse gegeneinander - peng, unsere Knöpfe knallen zusammen. Vater lacht.

Zwischen den verbrannten Häusern eines Dorfs, von feindlichen Truppen umzingelt, der erste persönlich getötete Soldat, vom Vater erschossen, wie eine Frucht des Kriegshumors, wie ihr Nachgeschmack dieses seltsame Spiel.
Die explodierende Kraft der Kugel. In unseren Köpfen. Peng.

Die zehn Gebote?

So wie man im All keine grünenden Erdbeerbeete findet,
keine blauen Wolkenhügel, keine Wäldchen oder Wiesen, wie man kein Vogelgezwitscher hört, sondern nur unbelebte Landschaften erblickt.

Man sah keine blauen Seen Waldrücken Sommerwolken Sonnenstrahlen in den blauen Augen meines Vaters, das lichtbrechende Strahlenbündel enthielt keine Wärme, nur knirschender Harsch, vom Mond bestrahlte Eisfelder, die weiten Ebenen des ewigen Eises im Blau von Vaters Blick, die Starre der kalten Leichenfelder, nicht nur durch die Arme floss etwas Eisiges vom Vater in mich, sein Blick kreuzigte mich, versteinerte mich, Vaters Blick, der Blick eines Mannes, der tausend Männer getötet hatte auch wenn es nur ein einziger im Krieg Erschossener gewesen war, einer, der eine fremde Sprache sprach, ein Feind natürlich, der den Vater mit Menschenaugen angesehen hatte, angesehen wie einer, der sagt: Schieß nicht!

Zwischen diesem Blick und dem Schuss war gewissermaßen auch dies alles, was uns jetzt geschah, vorgezeichnet oder fertig geschrieben, das Drehbuch wiederholte sich, oder wurde gespielt, auch in dieser kleinen Episode,
dem Spaziergang eines Vaters mit seinen Töchtern.

Wir hörten den Schuss sahen den Blick des Soldaten
- schieß nicht - und am Himmel ein Vogel, auf den Vater zeigte - wir hörten nur den Schuss - er traf in die Brust.

In Vaters Blick war nichts, was gezeigt hätte, dass wir seine Kinder waren. Vater schaute uns an, man kann sagen, dass er uns sah. Sonst kein Gefühl. Wie biologische Objekte. Er erkannte uns.


Was war dort, was regte sich am anderen Ende dieser Arme oder zwischen den Schultern, in den Händen, die mich und meine Schwester an den Händen hielten und uns ohne Warnung plötzlich mit harter Muskelkraft gegeneinander schleuderten, so dass die Köpfe zusammenprallten.

Lustig, oder?


*

Wenn man im Krieg einen Splitter in den Kopf bekommen hat, zählt das als Grund. Ich habe keinen akzeptablen Grund für die vielen Lücken in meinem Gedächtnis. Für die totalen Filmrisse. Mein Gedächtnis hat einen Krampf. Es zappelt und zuckt.

Strecken Beugen.
Seitschritt.
Verbeugung.

Wo waren meine Schwestern und mein Bruder? Ihr wart doch vier? Ein schwarzes Loch hat sie verschlungen. Es gab sie einfach nicht. Sie hatten aufgehört zu existieren. Warum gab es keine Geschwister? Keine Personen.


*


Das Labyrinth der Straßen in der Stadt, die salzgespeckten Fassaden der Viertel. Wie, wenn Vater die Stadt auswendig kannte, wie steht es jetzt mit diesem Wissen? Was hat es genützt? Dass er sein Leben lang durch ihre Straßen gelaufen war.

Den Himmel über der höchsten Fensterreihe jedes Hauses hatten die Augen in seinem Gesicht wechselnden Alters betrachtet, ohne nur einmal sich zu trüben vor dem, was sie sahen.

Der Himmel über der Stadt blieb immer gleich.
Obwohl die Augen meines Vaters nicht mehr waren.

Was nützte es, dass Vater jede komplizierte Einbahnstraße kannte, mit verbundenen Augen zum Hauptgebäude der Firma fahren konnte.

Was nützte es, an Vaters Junggesellenbude in der Sepänkatu Sieben zu denken. Die Stadt lebte und bot ihre Straßen und deren Kurven, die meergesalzene Frische der Häuser, die Symmetrie und Asymmetrie der Viertel neuen Augen, neuen Beinen an. Ließ Ebbe und Flut der Menschen in den zwanziger und dreißiger Jahren erahnen. Aus denselben Fenstern hatten auch sie herausgeschaut, die verzierten Türen geöffnet, darüber eine stuckverzierte Jahreszahl,
1878 oder 1924...

Die Bäume im Park, ein melancholisches Gefolge, die einzigen Überlebenden der eingekreisten Stadt. Ein Park wie eine illuminierte Ansichtskarte.

Zu den Fenstern schauten Köpfe aus einer anderen Epoche heraus, Köpfe, die von den Schultern der Zeit gefallen waren, aus ihren eigenen Schuhen gerollt, hinter die Selbstbeherrschung der Zeit gekollert& und mit ihnen alles&
was noch um die Häuser schwebt, in denen sie einst wohnten.
Was zu spüren ist im Rhythmus der Straßen, in der Heftigkeit der Viertel.

Die Menschen hatten ihre Stadt gekannt, ihre innersten Winkel, denn sie liebten den salzigen Wind, den aus der Meeresfeuchte geborenen Duft.












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