Kulturelle Vielfalt und Kuhmägen

Kulturelle Vielfalt und Kuhmägen
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von Kristina Carlson, Chefredakteurin Books from Finland. Übersetzung: Elina Kritzokat.
Das Schlagwort 'Kulturelle Vielfalt' wird von Politikern ständig wiederholt und ist nur mehr eine Blase von allzu durchgekautem Kaugummi. Der Grundgedanke ist gut, doch im Zuge der EU-Erweiterung wurde er zur Beruhigung kleinerer Länder und Sprachgebiete überstrapaziert. Denn im Grunde stehen natürlich vor allem wirtschaftliche, politische, staatliche und militärische Fragen im Vordergrund.

Es wird kaum einen Maßstab geben, mit dem sich ermitteln ließe, wie sich das Zusammenwachsen Europas, geschweige denn die Globalisierung, auf die Sprache und Kultur einzelner Länder auswirkt. In Wirtschaft und Politik werden die großen Sprachen gesprochen: Französisch, Englisch und Deutsch. Als Resultat dessen lässt sich in den anderen Sprachgebieten beobachten, wie die komplexe Struktur eines bürokratischen Idioms in die jeweilige Sprache Einzug hält. Dieses Phänomen wird auch in der Satire des Autors Olli Jalonen beschrieben, dessen Kurzgeschichte Optimale Pflegepraxis in dieser Ausgabe von Transcript zu finden ist.

Die Gespräche der Mächtigen, die im Kabinett und auf den Korridoren geführt werden, sind thematisch weit von dem entfernt, was 'Kulturelle Vielfalt' in etwa impliziert, und vom Alltag der Menschen sind sie mindestens ebenso weit entfernt. Als die Redaktion von Books from Finland im Oktober 2003 zu einem internationalen Forum für Herausgeber von Kulturzeitschriften nach Athen reiste, machte ein Spaziergang durch die lokalen Fleisch- und Fischhallen wesentlich mehr Eindruck auf mich als alle Beiträge im Plenum. Im hyperhygienischen Finnland mit seiner Tendenz zu Fastfood und Plastik kann man sich einen solchen Anblick kaum vorstellen: Warenauslagen mit Kuhmägen, anderen Innereien oder gar gehäuteten Schafsköpfen, in denen die Augen noch immer in den Höhlen stecken.

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Die Erzählung Zeitverschiebung von Raija Siekkinen, ebenfalls in dieser Ausgabe veröffentlicht, schildert auf präzise und sensible Weise, wie sich 'Kulturelle Vielfalt' und ein allen Menschen gemeinsames Schicksal auf einem Flughafen abbilden; dort, wo jeder die Facetten des Lebens mit eigenen Augen beobachten kann. Ich erinnere mich an ein englisches Pärchen, letzten Sommer auf dem Flughafen Berlin Tegel: Der Mann und die Frau waren nicht mehr wirklich jung - keine Rucksacktouristen, sondern ganz offensichtlich erfahrene Globetrotter. Sie saßen auf einer Bank in der Abflughalle und holten aus ihrer Tasche eine Flasche Rotwein, Joghurt und Käse hervor. Sie tranken den Wein aus Plastikgläsern mit Stiel und wischten nach Beendigung der Mahlzeit ihre Hände an einem Waschlappen sauber. An ihnen eilten formell gekleidete Geschäftsleute vorüber, den Koffer umklammert, das Handy ans Ohr gepresst. Ich dachte: Hier geht es nicht um Alter, um Sprache oder Nationalität, sondern um Lebenseinstellung - die selbst eine Form der Kultur darstellt.

Auf dem Forum in Athen wurde deutlich, dass sich die Vertreter der künftigen EU-Länder (darunter Ungarn, Tschechien und Estland) konkrete finanzielle Unterstützung für ihre Zeitschriften erhoffen, die sie jahrelang unter unsicheren und bescheidenen Bedingungen herausgegeben haben. Ich hoffe sehr, dass ihre Hoffnungen sich erfüllen werden.

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Ich lebe zur Zeit in einem kleinen Dorf im östlichen Südfinnland. Die Ende des 17. Jahrhunderts entstandene Schwermetallindustrie und das Sägewerk sind längst stillgelegt, doch in den alten Fabrikanlagen, die mittlerweile internationalen Touch haben, gibt es wieder Arbeit: Umweltschützer und Kunstgewerbetreibende, die Touristen in den Ort locken, werden mit EU-Geldern unterstützt. Ich kann somit bezeugen, dass die ... (und ich werde diese zwei Worte nicht ein weiteres Mal benutzen!) kein bloßes Lippenbekenntnis geblieben ist.

Selbst gut gewillte Politiker können dem Vormarsch der internationalen Kulturindustrie, die auf Bestseller und Unterhaltung setzt, keine Grenzen setzen - und diese Entwicklung ist die größte Bedrohung für Vielfalt und Originalität.












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