In dieser Ausgabe
LEITARTIKEL
Unterwegs geschrieben
Editor
Books from Finland
Die Faszination zeitgenössischer Literatur liegt für mich in der Fähigkeit des Autors oder der Autorin, die Welt beispielsweise durch die Augen Dornröschens, einer Schimära, Hänsels und Gretels oder eines jungen Mannes zu betrachten, der in unserer chaotischen Gesellschaft geeignete Verstecke sucht. Im dritten Beispiel verschmelzen Realität und Phantasie, wodurch es mir möglich wird, meine Erfahrungen aus der realen Welt mit dieser Suggestion des Was-wäre-wenn zu vergleichen.
Seit zwanzig Jahren durchkämme ich die Literatur auf der Suche nach originellen Texten. Was die Transcript-Leser nun vor sich sehen, ist eine knappe Auswahl aus den Entdeckungen der letzten Jahre, die in Books from Finland, einer nicht kommerziellen, englischsprachigen Literaturzeitschrift, erstmals in Übersetzung erschienen sind. Die Mitherausgeber und ich suchen Material, das Veränderungen in der Welt und im menschlichen Leben reflektiert und im Schreiben sichtbar macht. Wir versuchen, daraus auch in einer anderen, allgemein bekannten Sprache Literatur zu machen. 'Der Akt des Schreibens ist der Versuch einer Positionsbestimmung auf einer Reise mit unbekanntem Ziel' (so schrieben meine Kollegin Hildi Hawkins und ich 1995 im Vorwort zu einer Anthologie finnischer Literatur).
Die ausgewählten Beispiele repräsentieren, so hoffe ich, eine Art literarische Biodiversität. (Ein Begriff, der meiner Ansicht nach weniger fragwürdig ist als der Ausdruck 'kulturelle Diversität', über den sich die Chefredakteurin von Books from Finland, die Schriftstellerin Kristina Carlson in ihrem Beitrag lustig macht!)
Finnen schreiben in finnischer oder schwedischer Sprache - rund sechs Prozent der Bevölkerung sprechen schwedisch als Muttersprache; von den hier vorgestellten Autoren schreiben zwei, Susanne Ringell und Thomas Warburton, schwedisch. Unter den Texten der zwischen 1918 und 1971 geborenen Autoren finden sich kurze, kapriziöse Geschichten, noch kürzere, die an der Grenze zum Absurden stehen, und Auszüge aus einer in Form eines langen Gedichts geschriebenen, eigentümlichen Kindheitserinnerung. Die erwähnte Schimära, erschaffen von Leena Krohn, ist das Produkt einer künftigen Genmanipulation, teils Ziege, teils Wolf, teils Affe und teils Mensch. Phantasie, Imagination und Paradox sind die Elemente, die ich persönlich in den Mittelpunkt dieser Auswahl stellen wollte.
In jedem Beispiel wird jedoch die heutige Welt reflektiert oder kritisiert, und das Thema der Veränderung ist in den Stoff des Schreibens eingewoben. In ihrem Beitrag über das Schreiben in der heutigen Welt betrachtet die Schriftstellerin und Ärztin Veronica Pimenoff auch die Macht der Phantasie: 'Wenn man Literatur schreibt und liest, kündigt man der Welt, überlässt sie sich selbst und berauscht sich an dem Erlebnis, durch eine andere Welt zu gehen'. Dieser Rausch und das Gefühl, unterwegs zu sein, sind der Ursprung der Freude am Lesen.
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