In dieser Ausgabe
Nichts als Licht: Saila Susiluoto
Mädchenembryos
Übersetzung: Elina Kritzokat.
Stanza heißt im Italienischen 'Zimmer', und Saila Susiluotos zweite Veröffentlichung, Huoneiden kirja ('Das Buch der Zimmer'), ist ein Buch voller Räume. Der im 17. Jahrhundert lebende Dichter John Donne sagte: 'Baun wir in Versen Räume fein'. Die Gedichte von Susiluoto sind Prosagedichte, keine Verse oder gar Sonette - doch es sind imaginierte Räume, prall gefüllt mit greifbarer Emotion. Die Gedichte sind nicht im eigentlichen Sinne 'fein', aber voller Schönheit, reich an lyrischem Nachhall, tönend vor Erfahrung.
Die Protagonistin ist ein Mädchen, doch außer ihr gibt es noch reichlich andere Personage; Frauen, Männer, Kinder: 'Schmerz ist in Menschengestalt durch mich hindurchgezogen'. Die Figuren glauben, dass es viele Arten gibt, durch Dinge hindurch- oder auch auf sie zuzugehen. Sie folgen den Zeichen, die sie auf ihrem Weg finden - vom Erdgeschoß (teils unterirdisch gelegen) eines zugigen Hauses empor bis in den fünften Stock, der frei zu schweben scheint.
Diese Räumlichkeiten sind ganz eindeutig in der menschlichen Psyche angesiedelt, aber darum nicht weniger möbliert, und sie verfügen über ein gutes baraka - das arabische Wort für die Atmosphäre, die von einem Bewohner auf seinen Raum übergeht. Diese Räume legen Zeugnis ab davon, dass in ihnen gelebt wurde, geistig wie emotional - selbst wenn es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt. Es scheint, als wäre jeder Mensch ein Haus, in dem viele Geschichten und Personen leben, manche davon sind Vorfahren, manche künftige Daseinsformen des Selbst, manche sind Menschen, die wir geliebt haben, manche wiederum ungeborene Kinder.
Susiluoto (Jahrgang 1971) ist anders - natürlich, denn das hat eine Dichterin schließlich auch zu sein: nur auf diese Weise kann sie Dinge sehen, die andere sehen und doch nicht sehen. Wichtig ist es, man selbst zu sein. Das ist nicht so einfach, wie sich das immer so anhört im Leben oder in der Literatur. Es geht nicht darum, im technologischen Sinne eine vermeintliche Grenze weiter hinauszuschieben, sondern im künstlerischen Sinne. Mozart hat gesagt, seine Musik sei nicht origineller als seine Nase; und Susiluotos Gedichte sind nicht origineller als ihre Finger- oder Fußabdrücke. Dennoch finden sich auch bei ihr Bezüge - beispielsweise zu Lewis Carroll, oder der östlichen Welt: Jede Seite des Gedichtbandes ist mit einem anderen Hexagramm aus dem I Ching, dem chinesischen Buch der Wandlungen versehen, und offenbar stellen diese einen okkulten Code oder einen Kommentar zu der Reise durch das Haus dar.
Saila Susiluotos erster Gedichtband, Siivekkäät ja hännäkkäät ('Die Geflügelten und die Geschwänzten') erhielt 2001 den Kalevi-Jäntti-Preis für junge Autoren. Susiluotos Lyrik profitiert von ihrem Prosa-Einschlag und gehört zu einer schwierigen Form, die beispielsweise in Großbritannien nicht sonderlich beliebt ist - in der jedoch sowohl über den Rhythmus der Prosa als auch den der Lyrik verfügt werden kann - ganz Susiluotos Absicht und ihrer Sensibilität entsprechend. Ihre Phantasiewelten sind nicht an Kriterien wie realistisch oder surrealistisch gebunden, sie sind reich an beiden Elementen. Die üblichen Erscheinungsformen von Sprache und Erleben werden umgestaltet, Realität wird Vorstellung und erschafft dabei Räume, in denen sich auch der Leser aufhalten und etwas erkennen kann - sofern er die Einladung annimmt, die Realität dieser Räume kreativ mitzuerschaffen. Und dann passiert das, was - wie wir wissen - nur Lyrik ermöglicht: Wir erfahren eine Art Transzendenz; wir stoßen auf Potenziale.
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