In dieser Ausgabe
Olli Jalonen
Totalitäre Tendenzen
Übersetzung: Elina Kritzokat.
Olli Jalonen ist ein Meister im Erschaffen von Dystopien und Entfremdungsszenarien. Er steuert geradewegs auf die Darstellung totalitärer Tendenzen mitten in unserem Alltag zu und arbeitet diese noch heraus, indem er sie samt ihren tödlichen Gefahren durch Understatement betont und in Umgebungen platziert, die entweder utopisch oder verfremdet sind - wobei sie zunächst realistisch und gänzlich neutral daherkommen.
Jalonen (geboren 1954) ist zwar kein Satiriker, hat aber eine Ader dafür, die Handlungsmotive und Veränderungsprozesse seiner Personen zu schildern - und das in Szenarien, die die Grenzen des 'Normalen' ausloten: Situationen, in denen scheinbar ganz absichtslos schreckliche soziale Zwänge wirksam werden, die zu einer Deformierung aller menschlichen Werte führen; Situationen, in denen Menschen sterben müssen, in die sie hineingezwungen werden oder gegen die sie nur müde revoltieren. Derartige Szenarien bilden den Kern von Olli Jalonens Werk. Eine ähnlich große Bedeutung hat der im Dokumentarstil gehaltene Rapport über Menschen, deren Leben bedroht ist oder die von der Geschichtsschreibung schlichtweg vergessen worden sind.
Jalonens Roman Isäksi ja tyttäreksi ('Vater und Tochter werden') erhielt 1990 den Finlandia-Preis für Literatur. Neben Romanen und Erzählungen hat Jalonen auch mehrere Hörspiele verfasst. Kontrolle, sei sie nun sozial oder institutionell ausgeübt, ist der Gegenstand aller Geschichten in Jalonens neuem Erzählband Varjättyä rakkautta ('Gefärbte Liebe', Otava, 2003). Alles, was Jalonen als Rahmenbedingung für seine Storys braucht, ist ein Hindernis für die Liebe: starke eheliche Konventionen - wie im Fall der finnischen Familie, die während eines Spanienurlaubes buchstäblich im Schatten von Gaudís Kirche Sagrada Familia lebt -, eine beengte Studentenwohnung oder die Ausnahmesituation eines Krankenhausaufenthaltes oder eines Schulausflugs.
Die Erzählungen zeigen uns das wahre Gesicht des Totalitarismus in einer ganz neuen Dimension. In einer der Geschichten offenbart sich uns dieses Gesicht anhand einer Frau, die die Macht der Staatsgewalt internalisiert hat. Ihr Mann hat versucht, in den Westen zu fliehen, wurde erwischt und getötet, und als die Tochter der Frau ebenfalls Fluchtpläne schmiedet, verrät die Mutter die Tochter an den Staat.
Die Psychologie des Totalitarismus wird auf köstliche Weise in der Geschichte über einen Finnen veranschaulicht, der die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Nahverkehrs in Nordkorea unter die Lupe nimmt und angesichts seiner attraktiven weiblichen Reisebegleitung Bekanntschaft mit der Paranoia schließt. Dieselbe Art von Schrecken begegnet uns in einer Erzählung über finnische Kinder, deren Stimmen in einem Freizeitcamp in der Sowjetunion von karelischen Mitgliedern der Geheimpolizei zum Zwecke späterer Identifizierung aufgenommen werden. Die Geschichte 'Korea' gehört zu den besten in diesem Band; vielleicht, weil es ihr gelingt, die alte Frage Rudyard Kipling's neu zu stellen: ob der Westen den Osten wirklich verstehen kann, ob eine Kultur die Semiotik einer völlig anderen Kultur begreifen kann.
Die für Transcript ausgewählte Geschichte 'Optimale Pflegepraxis' beschreibt die sadistische, technokratische Heranzüchtung von Hunden zu Futterzwecken und offenbart uns die utilitaristischen Tendenzen unserer Zeit.
'Es gibt wenig Liebe in so einem großen Land', verkündet der finnische Biologielehrer Zetter seiner Kollegin Raisa, die er während des Ausflugs in die Sowjetunion geschickt verführt. Auch diese Beziehung hat mit Liebe nichts zu tun. Angesichts großer ökonomischer und politischer Entwicklungen scheinen menschliche Werte, ja vielleicht sogar menschliches Versagen oder gar Verbrechen unbedeutend.
Mit Hilfe eines neutralen Erzählers und subtiler Anspielungen vermag Jalonen beim Leser Ekel und Abscheu hervorzurufen über die Mechanismen unseres Alltags und darüber, wie Menschen zu Objekten gemacht werden - und manchmal auch über die bigotte Doppelmoral seiner Charaktere.
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
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