Petri Tamminen

Die Seele verstecken
Tamminen[1]
Soila Lehtonen über die Erzählungen von Petri Tamminen. Übersetzung: Elina Kritzokat.
Die Welt schüchtert die Menschen ein, so lautet die These Petri Tamminens in seinem Buch Piiloutujan maa (Die Welt der Verstecke; Übersetzung und Zitate in diesem Text: Stefan Moster). Nun ja - wenn das wahr ist, was kann man dann tun? Rasen und kämpfen? Oder: sich verstecken?

Die Menschen in Tamminens Welt entscheiden sich für das Verstecken. Glücklicherweise gibt es im Leben ausreichend Möglichkeiten sich zu verstecken, und diese bestehen nicht nur in konkreten räumlichen Optionen, sondern auch in Seelenzuständen und Verhaltensweisen.

Petri Tamminen, Autor und freier Journalist (geboren 1966), veröffentlichte 1994 sein Debüt Elämiä ('Leben', Otava), ein Kurzgeschichtenband, in dem das komplette Leben verschiedener Leute in rund 200 Wörtern erzählt wird. Ganze Lebensabschnitte werden in einen Satz gebannt; eine Biografie wird auf ein Erlebnis verknappt, häufig ein offensichtlich unwesentliches. Komik und Tragik liegen nah beieinander und werden oft gar nicht durch die Sprache als solche erzeugt, sondern vielmehr dadurch, dass der Autor bestimmte Dinge bewusst auslässt. Autors. Die Veröffentlichungen, die darauf folgten, waren 1997 der Erzählband Miehen ikävä ('Männerblues') und 2000 der Roman Väärä asenne (auf Deutsch erschienen unter dem Titel 'Der Eros des Nordens'), der die Alpträume eines frischgebackenen Vaters beschreibt, der unter einer Bakterienphobie leidet.

Piiloutujan maa schildert eine Reihe von Menschen, die sich vom alltäglichen Leben bedroht fühlen und in ein Versteck ausweichen wollen; es ist sowohl ein Handbuch für den modernen Ausweicher wie auch eine Studie über seine Einstellung dem Leben gegenüber.

Zu den Verstecken, die jeder kennt, zählen natürlich der Dachboden oder Mamas Schoß, aber auch Bibliotheken, Flughäfen und diverse Transportmittel bieten gute Versteckmöglichkeiten. Günstige Gelegenheiten, um sich zu verbergen, finden sich jedoch ebenso in bestimmten Momenten wieder, in scheinbar unbedeutenden Einzelheiten: Ein Baum, der in der morgendlichen Rush-hour an einem vorüberzieht, oder eine Lüftungsanlage im Sozialamt, an der die Stoffbespannung abgelöst werden kann.

Es ist klar, dass bestimmte Berufe bessere Versteckmöglichkeiten bieten als andere. Die labyrinthartigen Gänge von großen Büros, Verwaltungsgebäuden und Rathäusern halten perfekte Verstecke bereit. Menschen, die in diesen Bauten arbeiten, können tagtäglich über diese Schlupfwinkel verfügen. Angestellte können jederzeit in die verborgenen Verliese des Archivs abtauchen. Im ewigen Dunst alternden Papiers können sie sich in jahrzehntealte Dokumente versenken, in 70er-Jahre-Möbel, in Bücherregale, die wiederum hinter anderen Bücherregalen sichtbar werden ... Sie kennen den Weg in den Keller und zu den entlegensten Toiletten. Wenn sie zurückkehren an ihren Arbeitsplatz, sind sie erfüllt von Energie und einem geheimen inneren Frieden.

Wer sich verstecken will, braucht eine Strategie, so rät Tamminen. 'Sein Versteck findet man nie, sucht man es erst im Moment der Not. Der Kluge hält unentwegt nach Verstecken Ausschau'. Wenn Sie, verehrter Leser, cholerisch sind und einen Hang zur Sprache der Fäuste haben, so mag es sein, dass Sie Petri Tamminens Interpretationen von Existenzangst nicht in ihrer ganzen Tragweite genießen können. Möglicherweise werden Sie mit folgender These Tamminens nicht einverstanden sein: 'Ein vernünftiger Mensch wird nicht genervt und dann fuchsteufelswild. Er wird bedrückt. Die Bedrücktheit ist ein Versteck. Bedrücktheit befreit. Die Müdigkeit und die Pflichten des Alltags reichen nicht in ihren Schutz hinein. In ihren Tiefen gerät das Irdische in Vergessenheit. Zwar drängen sich statt dessen der Lärm des Bewusstseins und das Gefühl, dass alles verloren ist, auf, aber das ist auszuhalten. Alles darf jetzt seinen Lauf nehmen. Auf diese Weise ruht sich der Bedrückte aus. Das ist die Art des Bedrückten, Urlaub von der Welt und ihren Regeln zu nehmen. Faust verkaufte seine Seele, der Bedrückte gibt sie kostenlos her'.

Tamminens im hohem Maße originäre Prosa mag sich nicht jedem sofort erschließen. Der Übersetzer und ich mussten lange darüber nachdenken, was folgende Wendung im Zusammenhang mit der Beschreibung des Dachbodens bedeuten könnte: 'Der Keller taugt als Versteck, wenn es dem Leben an Bassgewummer und Tschetschenien fehlt'. Ich rief den Autor an, was war hier gemeint?

'Nun ja, ich dachte, wenn im Leben eines Mannes wichtige Erfahrungen fehlen - Stärke (der Bass) und die häßliche Fratze des ewigen Alltags (Tschetschenien); und der Erzähler ist natürlich ein Mann - dann sehnt er sich nach dem Keller, der das Gegenteil ist vom Dachboden'.

Tamminens streng akribischer Erzähler ist eine Art reuiger Ritter, ein Don Quichote, der darum kämpft, dass die Welt erkennt, welche Freiheit im Rückzug liegt. Wenn das nicht tragikomisch ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Auch ich selbst bin ein Versteck-Typ. Trotzdem habe ich versucht, mir einzureden, dass es ja nur um die Abwechslung ginge, wenn ich mich vom Getriebe der Welt in mentale Versteckzustände zurückgezogen habe. Und nicht darum, dass ich es nicht mehr ausgehalten hätte.












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