Petri Tamminen

Heimliche Leben
Fin_tamminen
Vier Auszüge aus Piiloutujan maa (Die Welt der Verstecke, Otava, 2002. Übersetzung: Stefan Moster.

'Das Versteck der Kindheit suchen wir, wenn wir auf der Suche nach einer guten Wohnung, einem gutem Café sind, nach einem Ort, wo Wohlsein ist. Wir suchen jenen Kleiderschrank, in den wir uns zurückzogen, wenn man uns gekränkt hatte. Nie können wir die Atmosphäre dieses Verstecks vergessen. Wir sehnen uns nach jenem Lichtschein, dem gleichen, den das Jesus-Kind im Schoße Mariens sah, als das Licht der Welt durch das Jungfernhäutchen schimmerte.'




1. Der Dachboden

von Petri Tamminen. Übersetzung: Stefan Moster.

Der Keller taugt als Versteck, wenn es dem Leben an Bassgewummer und Tschetschenien fehlt - wenn der eigene Körper Übelkeit bereitet und der Alltag fahl und träge ist. Der Dachboden jedoch taugt immer als Versteck. Auf dem Dachboden herrscht die Wärme von verbranntem Orange. Auf dem Dachboden riecht es nach Sägemehl. Unten in der Wohnung spricht jemand, der Wind säuselt in den Bäumen, und die Wespen leben in den Ritzen des Gebälks. Auch im Drahtkäfig eines Mietshauses kann sich ein Dachbodenversteck befinden, durch entsprechende Einrichtung schafft man sich dort ein gemütliches Nest.

Jeder hat sich schon einmal klammheimlich vom Spektakel im Parterre verzogen und ist die Treppe zum Himmel emporgestiegen, in die Stille des Dachbodenverstecks. Dort klingen die Stimmen der Menschen matt. Dorthin dringt der Lärm der Welt gedämpft und wie aus einer anderen Zeit, aus einer, die man bereits überstanden hat. Dort kann man unter einem Webstuhl im Duft von alten Zeitschriften und verschossenen Tapeten liegen und lauschen, wie das Leben vorüber strömt. Man fühlt sich leicht wie in einem Bestattungsinstitut im Juli, wo der Besitzer ein Käsebrot verzehrt und die Sonne auf die Flanken der Särge scheint.

Für eine größere Gruppe eignet sich der Dachboden nicht. Der intime Raum macht die Menschen verlegen, und sogar erwachsene Männer verlieren ihre Ungezwungenheit. Zum Dachboden gehören Einsamkeit und Jugend, dort lernt man Sex und Existenzialismus: der 17-Jährige kommt heimlich vom Tanz, dreht vorsichtig den Schlüssel um, steigt die Treppe hinauf, öffnet die Tür zur Dachkammer, zieht sich aus, legt sich ins Bett und flüstert im Dunkel unter seiner Decke: 'Warum knarrt hier jedes Brett?'

Auch der Familienvater versteckt sich gern auf dem Dachboden, er weicht den samstäglichen Pflichten aus und blättert in einer Landwirtschaftzeitung aus dem Jahr 1956. Wenn er wieder herunter kommt, ist es bereits Nachmittag, das Essen ist fertig, und alles ist gut. Der Familienvater begreift, dass man ihn nicht immer braucht, dass Schaden und Nutzen, die er verursacht, einander ausgleichen. Diese Erkenntnis beruhigt. In ihrem Schutz kann sich der Vater wieder für lange Zeit in die Probleme der Familie einmischen.

In einem guten Dachbodenversteck gibt es haufenweise nutzlosen Kram, Geschenkpapier von vorletzter Weihnacht, Hülsen und ein schwedisches Taschenbuch namens 'Det är kärlek, Gunilla'. All das gibt es, aber nichts hat Auswirkungen auf den heutigen Tag. Da ist Staub und der Geruch von Lumpen, da gibt es leere Keksdosen und Tagebücher. Man findet Feldpost, in der von Fleischfetzen die Rede ist, die an Kiefernzweigen hängen, und eine Verbandstasche, wie sie in den sechziger Jahren bei den Sanitätern in Gebrauch war, als der Bauer aus dem Nachbardorf auf seiner Jawa aufs Feld gefahren kam und darum bat, ihm seinen Zahn auszureißen. Es gibt das alte Familienalbum und darin ein Gruppenbild, wo in der hinteren Reihe eine Pferd steht. Es blickt ernst in die Kamera.

Hat man den Nachmittag über auf dem stillen Dachboden gesessen und steigt danach in die Wohnung hinab, hat man das Gefühl, von weit her zu kommen. Die Stube ist hell, der Himmel draußen hoch. Die Bäume stehen düster da. Der Wind schlägt die Schnur gegen die Fahnenstange - die Landschaft ist voller Einzelheiten. Vom Haus führt ein Weg in die Welt. Dort ist das Leben wirr. Dort ist man abwechselnd Chauffeur und Passagier.

Ein Dachboden-Mensch kann Jahre im Parterre der Welt verbringen. Wenn er dann wieder auf den Dachboden steigt, erinnert er sich an die Kindheit. Es scheint, als stamme alles, woran man glaubt, von hier, alle Dauerhaftigkeit und Kraft, all das, in dessen Schutz man morgens aufsteht. Man hat das Gefühl, man hätte vom Leben seinen Teil auch dann bekommen, wenn man sich nie vom Dachboden entfernt hätte.





2. Die Bibliothek
von Petri Tamminen. Übersetzung: Stefan Moster.

Eine gemütliche Dorfbibliothek kann ein Paradies sein, aber in einer wissenschaftlichen Bibliothek gibt es Verstecke. Dort erwarten den Besucher menschenleere Regalkilometer, die Stille einsamer Grünpflanzen sowie Traurigkeit, die gleiche wie an einer Weitsprunggrube im Oktober.

Zuerst muss man wie suchend umher gehen, dann überraschend nach einem Buch greifen und es aufschlagen. Die Vorsatzblätter wirbeln Staub auf. Das Papier ist zart gelb, der Buchstabentyp sachlich, das Thema des Buches die Rezeption der katalanischen Frauenliteratur in Schweden. Man muss das Buch zärtlich streicheln.

Setzt man seinen Gang fort, weiß man, die Welt wird weiter bestehen. Die Menschheit ist übervoll von Liebe und Vertrauen. Der Mensch will nichts Böses, er will Zeit und eine sichere Klause, in der er Dinge studieren darf. Wenn man daran denkt, möchte man sich in den Spalt zwischen Wand und Regal zwängen. Früher oder später schwebt dort milder Kaffeeduft heran, der von der verdienten Pause emsiger Bibliothekare kündet.






3. Das Antiquariat
von Petri Tamminen. Übersetzung: Stefan Moster.

Manch einer hat das Hinterzimmer eines Antiquariats andächtig und erleichtert betreten wie ein Pfarrer, der den Kirchenraum verlässt und wieder in die Sakristei gelangt. Die wenigsten aber haben in den geheimen Winkel gespäht, der vom Hinterzimmer des Antiquariats mit einem Vorhang abgetrennt ist. Auch dort sind Bücher. Sie liegen haufenweise auf dem Fußboden. Nie scheinen sie einen willigen, fühlenden Besitzer gehabt zu haben. Da finden sich lose Blätter aus Ingenieurmatrikeln, Western-Taschenbücher, geschichtliche Darstellungen über Sprengel auf dem Land sowie ein Opus von E. Tiket mit dem Titel 'Benimmst du dich einwandfrei?'. Über allem schwebt der Geruch uralten Vergessens. Hinter Vorhang und Wand geht im vorderen Raum das Leben weiter. Dort beugen sich tüchtig wirkende Männer über die Kiste mit den Sonderangeboten, und die Tür geht auf und zu.

Schlüpft man am Samstag kurz vor Ladenschluss hinter den Vorhang des Hinterzimmers und passt sich den Büchern an, wird einem ein erhebendes Wochenende beschert. Um zwei sperrt der Besitzer den Laden von außen zu. Er rüttelt noch einmal an der Tür - dann herrscht Stille. Von jetzt an hat man Zeit für sich. Den vorderen Raum sollte man sich für den Sonntag aufsparen; für heute reicht es, da zu sein, wo man ist und sich mit den Raritäten vertraut zu machen, die im Hinterzimmer hinter die Buchreihen gerutscht sind.

Wie traurig wirkt ein Schwein, wenn es einen von den Seiten eines Kinderbuches in einem stillen Antiquariat anlächelt. Wie schön ist das Licht des Frühlingsabends, wenn es durch die staubigen Fenster scheint und wenn dazu in den Ohren das hoffnungsvolle Summen Tausender von Büchern klingt. Die Schriftsteller der Welt strecken die Hände aus. Diese Geste kann man beantworten, indem man vor Glück seufzt.

Der Flohmarkt ist ein gemeiner Ort. Den Frieden des Antiquariats kann er nicht bieten. Auf dem Flohmarkt ist das Leben fremder Menschen auf Tische gepackt, die gebrechliche Nacktheit von Töpfen und Videokassetten. Im Antiquariat akzeptiert der Mensch seine Lage, auf dem Flohmarkt verlangt ihn nach einem Kristallschwan, nach etwas, das sein verwirrendes Begehren schlucken könnte.





4. Einzelheiten
von Petri Tamminen. Übersetzung: Stefan Moster.

Bei einem schlechten Film muss man die Ränder betrachten, die Straßenansichten und die Einrichtungen, man muss sich etwas suchen, mit dem die Zeit vergeht. Wenn man einmal nicht in ein Versteck kommt, weil man im Bett liegt oder auf der Rückbank zwischen den falschen Leuten sitzt, muss man sich sein Versteck in Einzelheiten suchen.

Das Kind sieht Einzelheiten. Es richtet den Blick auf das in der Sonne glühend heiße Brett und die darüber hinweg laufende Fliege. Es gibt nur die Stille und das gedämpfte Summen der Fliege. Die Welt nimmt einen auf. Man ist eins mit ihr.

Der Erwachsene ist eins mit den wechselnden Jahreszeiten und mit dem Herbst, der ständig am Kommen ist. Erst unter außergewöhnlichen Umständen findet er die Ersatzverstecke der Einzelheiten und erinnert sich, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt als die, in der man über die Straßen eilt und Angst vor morgen hat.

Im herbstlichen Wald bleibt der Mann, der über Scheidung nachdenkt, an einem Graben stehen. Die Strömung ist stark, die Halme biegen sich, und auf der Wasseroberfläche treiben Luftblasen. Der Mann fixiert eine Blase, die in der Strömung dahin saust und verschwindet. Er fragt sich, was das für ein Dasein ist, das Dasein einer Luftblase, die im dunklen Wasser eines Waldgrabens lebt, zuerst klar und unerschütterlich, und dann ganz und gar verschwunden, weg. Durch diese Gedanken kommt er zu sich. Er kann seinen Weg fortsetzen.

Im Zimmer der Poliklinik kann ein einfacher Stift helfen. Ihm sieht man die Kümmernisse des Krankenhauses nicht an. Ein weißer Reklamekuli bringt den gleichen natürlichen Frieden ins Zimmer wie die Aussicht über eine Seenlandschaft. Diesem Frieden vertraut er sich an, der Mensch, der sich versteckt. Aus seinem Schutz verfolgt er, was mit ihm geschieht.

Der Business Planning Manager blickt im morgendlichen Stau auf eine einsame Kiefer am Straßenrand und erinnert sich an die Barmherzigkeit der Natur. An dieser Kiefer bleibt seine Seele hängen, während sein Volvo und sein Stress nach Helsinki weiter fahren.

Im Sozialamt richtet der Mensch den Blick auf ein Belüftungsrohr und sieht in dessen verlassener Gestalt die Brüderlichkeit. Von diesem Rohr aus beobachtet er, wie sein Körper nach vorne tritt, um einen Antrag zu stellen.

Der Familienvater, der zur Reservistenübung fährt, bemerkt auf der Toilette des Busbahnhofs den verbeulten Papierhalter und legt auf dessen Deckel sein Herz ab. Dort wartet es, das Herz, auf die Heimkehr des Vaters.

Ersatzverstecke gibt es überall. Überall kann eine unschuldige Mutter oder eine Fußleiste den Blick zum Innehalten bringen und anderswohin lenken, so wie ein Akkordeonspieler, der in Ekstase geraten ist, im Jenseits verschwindet.

Ist das Gemüt ruhig und man braucht kein Versteck, strahlen die stillen Einzelheiten ein unverhältnismäßiges Sehnen aus. Dann starrt einen der Fensterhaken oder der Sofaknopf mit leeren Augen an. Auch das macht nichts, denn auch dann ist man schon anderswo: Teil der großen, internationalen Brüderschaft der ins Leere Starrenden.














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