Raija Siekkinen

Musik des Herzens
Siekkinen[1]1
Hildi Hawkins über die Novellen von Raija Siekkinen
Übersetzung: Elina Kritzokat.

Die Kurzgeschichten von Raija Siekkinen (1953-2004), die selten längere Prosatexte schreibt, handeln zumeist von Frauen: Irgend etwas ist gerade passiert, oder wird in Kürze passieren, vage, unspezifisch. Die anstehenden Veränderungen sind kräftezehrend und haben häufig mit Männern zu tun. Erinnerungen werden befragt und durchforstet im Bestreben, für die Zukunft gewappnet zu sein. -Den ganzen Tag hindurch druchwanderten Erinnerungen ihren Geist, in dichter Abfolge, wie bei hohem Fieber, von einem Bild zum nächsten schweifend, ohne Richtung, ohne Ziel-, so der Erzähler in der Titelgeschichte des Bandes Kuinka rakkaus syntyy ('Wie Liebe entsteht', Otava, 1991) 'und irgendwo dahinter lag die Erkenntnis, dass Momente lang sind und sich endlos ausdehnen, und das Leben kurz ist'. Lösungen, sofern sie angeboten werden, liegen oft jenseits dessen, wie die Geschichte endet, jenseits der bedruckten Seite, in Geist und Herz des Lesers.

Wie schon die kanadische Kurzgeschichtenautorin Alice Munro widmet Siekkinen sich thematisch den Regungen der weiblichen Seele. Munros Geschichten leben stark von Ironie sowie der emotionalen Anstrengung, die aus der minutiös beobachteten Banalität des Alltags resultiert. Siekkinens mises-en-scènes sind zwar ähnlich gebaut, stecken jedoch voller Poesie.

In der bereits zitierten Erzählung über ein Pärchen, das seine Entscheidung, kinderlos zu bleiben sowie die Untreue des Mannes aufarbeitet, ist der Haushalt voll von neuen Haushaltsgeräten: 'Sie hatten ... Geräte ... gekauft, um ihr Leben zu vereinfachen: eine Geschirrspülmaschine, eine Waschmaschine mit integriertem Wäschetrockner, eine Mikrowelle, ein zweites Telefon, weil die Wohnung groß war'. Siekkinen fährt unbeirrt fort: 'Das Leben ging weiter, es gab genug Zeit, auch um nachzudenken über das was war, über das was hätte sein können, und was kommen würde'.

Siekkinens Geschichten waren von Anfang an Bestandsaufnahmen von Mittelklasse-Leben, in dem das Materielle nicht als Gegengewicht zur dunklen Seiten der Seele fungieren muss. Aber während die Charaktere aus den früheren Erzählungen vor den Problemen des Lebens in eine Sphäre femininer Innerlichkeit und Meditation flüchten, ist ihr jüngstes Buch, Kalliisti ostetut päivät ('Teuer erworbene Tage', 2003) Zeugnis einer neuen, robusteren Haltung. Viele der weiblichen Charaktere haben Karriere gemacht und auch in ihrem Privatleben einen beachtlichen Grad an Selbstbestimmung erreicht.

Die Erzählung 'Yöllä kello kolme' ('Drei Uhr nachts') beginnt in auffallend getragenem Ton: 'Diese Nacht fuhr sie schon wieder auf und war schlagartig hellwach, und obwohl sie nicht auf die Uhr sah, wusste sie, dass es der dunkelste Moment der Nacht war und in ihr der Tod atmete'. Am Ende der Erzählung, nach einem ganz unvermittelten Tonartwechsel von Moll nach Dur im allerletzten Takt, entwickelt die Hauptperson, anstatt über ihr trauriges Schicksal nachzugrübeln, eine subtile Überlebensstrategie, derart subtil, dass der Leser einen Moment braucht, um mit den Geschehnissen Schritt zu halten. Und die Erzählung 'Aikaero' ('Zeitverschiebung'), ebenfalls in dieser Ausgabe von Transcript enthalten, berichtet keineswegs von einer neuen Form der Unterordnung, sondern vom Sieg über eine Phobie.

Als Übersetzerin ins Englische habe ich festgestellt, dass die Prosa Siekkinens einen fesselnd unkomplizierten Transfer ins Englische ermöglicht. Ein Phänomen, das mir schon bei anderen Autoren begegnet ist und das seine Tücken haben kann. Es ist, als hätte der Schriftsteller die englische Textversion schon mit anvisiert, oder - noch gefährlicher -, als wäre das Original eine Art Schattenversion, eine Art Prophezeiung für den Übersetzungstext, die aber keine eigene Existenzberechtigung hat. Dies könnte echte 'Euroliteratur' sein, Texte, die schon mit Blick auf einen großen Markt und auf künftige Übersetzungen hin konzipiert werden. Hier jedoch liegt der Grund für diese Textqualität woanders, und er hat mit einer anderen Problematik zu tun: Die Stimme Siekkinens und die Rhythmisierung ihrer Satzfragmente, unterteilt durch periodisch auftretende Kommata, bilden die Atemzüge und den Herzschlag der Hauptfigur nach, einer Frau, die vollauf mit ihren kreisenden Gedanken beschäftigt ist. Das Problematische hieran ist die Universalität, die damit ganz überraschend in den Text Einzug hält - weniger durch die Definition ganz bestimmter Szenarien als durch die minutiöse Darstellung der Musik des Herzens.

Ob ich will oder nicht - in Siekkinens Prosa höre ich die Gedanken aller Frauen. Ich höre meine Gedanken, und ich sinne über die meiner Freundinnen, meiner Schwester, meiner Mutter nach. Mir fallen die Worte aus dem Evangelium über die Mutter Gottes ein: 'Aber Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen'. Mir wird bewusst, dass es im Leben einer jeden Frau Augenblicke geben muss, in der Erfahrungen still verarbeitet oder umgedeutet werden - genau so, wie Siekkinen es wunderbar subtil beschreibt.











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