Thomas Warburton: Förklädnader

Versteckte Menschlichkeit
Warburtmon[1]
Maria Antas über die Erzählungen von Thomas Warburton. Übersetzung: Elina Kritzokat.
Thomas Warburton (geboren 1918) hat schon sechzig Jahre lang massenweise Worte, Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, Beiträge zur Literaturgeschichte und Artikel veröffentlicht. Er überträgt finnische und englische Literatur in seine Muttersprache Schwedisch (und hat diverse Mumin-Geschichten von Tove Janssons ins Englische übersetzt); außerdem verfasst er Texte über das alte Japan.

Es überrascht nicht, dass Thomas Warburtons letztes Buch den Titel Förklädnader ('Verkleidungen') trägt. Mit einem hohen Maß an Erfahrung ausgestattet ist es Warburton ein Leichtes, sich in die Haut der unterschiedlichsten literarischen Figuren hineinzuversetzen und ihre Geschichten voranzutreiben.

Förklädnader ist nur ein schmaler Band - und doch eine ausgedehnte Reise durch Raum und Zeit. In vierzig Prosaminiaturen begegnen wir unter anderem dem Minotaurus, Hänsel und Gretel, Aphrodite und Dornröschen. Wir fahren nach Griechenland, in die USA, in die finnische Wildnis und in den Regenwald, wo minderjährige Soldaten kämpfen. Märchen, Legenden, Parabeln, Zeitungsausschnitte und moderne Mythen wechseln einander ab und erkunden aus vierzig verschiedenen Perspektiven die Menschheit - die, so scheint es, häufig einen bequemen, ignoranten oder gewalttätigen Weg geht, anstatt sich für Besonnenheit und Freundschaftlichkeit zu entscheiden.

Thomas Warburton verleiht seinen Männern, seinen zahlreichen Geschöpfen eine Stimme und meidet jegliches Pathos durch eine gelungene Mischung aus Ironie und Empathie. Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern kommt daher wie jemand aus Karl Marx´ Kapital: Sie friert, hat Hunger und zündet ein Streichholz an, um sich zu wärmen. Der Rest ist Geschichte: Eine Fabrik brennt ab, doch der betagte Besitzer erhält eine Entschädigung von Königin Viktoria. Archimedes ist der heroische Erfinder des Krieges und der Feindschaft, muss sich am Ende jedoch selbst dem Schwert ergeben. Und tief im finnischen Wald lebt ein altes Paar, das sich eines Tages in Bäume verwandelt, die den Kettensägen einer großen Bauholzfirma zum Opfer fallen. Fortan werden der Mann und die Frau an einem Sägewerksweiher als Holzblöcke genutzt und somit in Kapital verwandelt - ein trauriger Geschichtsverlauf.

In Warburtons erster Gedichtsammlung, Du, människa ('Du, Mensch', 1942 im zweiten Weltkrieg veröffentlicht), melden sich viele Verstorbene zu Wort, vor allem Soldaten vom Schlachtfeld. In diesem Buch lässt Warburton auch einige finnischsprachige Dichter zu Wort kommen. Da verwundert es nicht, dass Warburton später Edgar Lee Masters Spoon river anthology übersetzt hat und nun, sechzig Jahre später, ein Buch veröffentlicht, in dem so viele Stimmen flüstern und brüllen.

Förklädnader, das der Sprachmensch Warburton selbst ins Finnische übertragen hat (Valepukuja), ist ein kühnes Buch, das den Leser daran erinnert, dass wir mit und in zahlreichen Narrativen leben - sofern wir uns überhaupt an sie erinnern und die Zeit haben, sie zu bedenken und zu beschreiben; so, wie wir es zu tun pflegen mit Märchen, deren Stoffe in uns weiterexistieren.

Manchmal schäme ich mich ein bißchen, wenn ich das ursprüngliche Narrativ, das Warburton für seine Neuinterpretation oder Satire benutzt, nicht erkenne. Und manchmal bin ich inspiriert von den Erzählsträngen, den Geschichten, die mühelos durch Erinnerung, Zeit und Raum schreiten. Denn Warburtons vielfältige Charaktere leben und sprechen alle in demselben Buch, und so wird es einen Sinn haben, wenn der Leser die Erzählstränge, die Geschichten mit sich trägt und weiterspinnt, um in Dialog zu treten mit der Tradition - die, unnachgiebig und formbar zugleich, beständig anwesend ist.









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