In dieser Ausgabe
Thomas Warburton: Förklädnader
Warnende Beispiele
Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.
1. Wie sich die Dschinnen verbergen
Tief in der Wüste Persiens wanderte einst ein Mann namens Abdallah. Er ging zu Fuß, denn sein einziges Kamel war vor Erschöpfung und Hunger zusammengebrochen. Abdallah wusste nicht mehr, wohin er ging und ob er jemals irgendwo ankommen würde. Doch es war ihm gleichgültig. Als die Nacht anbrach und es kühler wurde, lag er, in seine Dschellaba gehüllt, auf der Erde und fand keinen Schlaf.
Da verhüllte sich der funkelnde Sternenhimmel sekundenlang und es wurde dunkel, denn ein Dschinn flog herbei und ließ sich neben ihm nieder.
'Abdallah', sagte der Dschinn, 'ich kann dich in eine Oase bringen, aber natürlich nicht umsonst'.
'Was verlangst du von mir?', fragte Abdallah.
'Ich will etwas, was du nie einem Anderen gegeben hast und was du nie verlieren möchtest', sagte der Dschinn.
'Meinst du mein Leben?', fragte Abdallah.
'Das darfst du selbst entscheiden', sagte der Dschinn. 'Und du musst es mir geben, sobald du angekommen bist. Hauptsache, es ist das, was du am höchsten schätzt und für dich behalten möchtest'.
Abdallah überlegte eine Weile und nahm dankend an. Augenblicklich befand er sich in der nächsten Oase, unter einer Dattelpalme am Rand eines Wassergrabens. Neben ihm stand der Dschinn.
'Du sollst deinen Lohn bekommen', sagte Abdallah. 'Was mein Leben angeht, so mag ich es ebenso gut verlieren wie behalten. Es ist nicht viel wert. Bevor ich aufbrach, hat mich meine Frau verlassen und all mein Geld mitgenommen. Mein einziges Kamel ist tot. Mein Leben bekommst du also nicht, denn es ist wahrlich nicht das, was mir am teuersten ist. Doch ich will dir meinen Namen geben, den ich immer in Ehren gehalten habe und den ich von meinem Vater und meinem Großvater bekam. Du sollst den Namen Abdallah haben. Wie du weißt, bedeutet er Diener Gottes. Ich werde wohl einen anderen Namen für mich finden'.
Der Dschinn verzog das Gesicht. 'So heißen Tausende', sagte er säuerlich. 'Was soll ich mit einem solchen Namen?'
'Denk doch mal nach', sagte Abdallah, der immerhin nicht von gestern war. 'Wenn du diesen Namen trägst und die passende Gestalt annimmst und aussiehst wie alle Anderen - gibt es denn eine bessere Verkleidung für einen Dschinn, der seine Gemeinheiten ausbrütet?'
Der Dschinn räumte ein, dass daran etwas Wahres sei, und nahm Abdallahs Namen an, und seither konnte ihn niemand mehr von den anderen Abdallahs unterscheiden. Aber ein Dschinn war er dennoch. Daher soll man sich hüten, irgendwem zu vertrauen, der Abdallah heißt, oder Jimmy, oder Fritz, oder Olli, oder sonstwie.
2. Der treue Diener
Es war einmal ein alter Fernseher. Er war mindestens vierzehn Jahre alt, recht viel für einen von seiner Sorte, denn Fernseher werden selten älter als Hunde.
In seiner äußeren Erscheinung war er altmodisch, wie man sich leicht denken kann, doch er funktionierte noch mehr oder weniger wie immer. Viele glauben ja, der Bildschirm würde im Lauf der Jahre dunkler, die Farben würden sich verändern und die Bilder immer stärker flimmern, und das stimmt auch. Doch die Sache ist weitaus ernster als man ahnt.
Der Fernseher entwickelt nämlich eine eigenartige innere Beweglichkeit, eine Art zitternde Unruhe, ein seelisches Beben, das man von außen nicht sieht, denn es hat keinen Einfluss auf die Differentialfunktionen des Bildschirms, sondern existiert gewissermaßen isoliert von der Elektronik, die die Projektionstätigkeit der Bildröhre steuert und programmiert. Eine gute Erklärung, nicht wahr?
Der alte Fernseher erinnerte sich noch gut an seine Kindheit, als sich die ganze Familie oft stundenlang um ihn geschart hatte, um seine leuchtenden Farben zu bewundern, denn sein Vorgänger in der Wohnzimmerecke war durch und durch blaugrau gewesen. Heute dagegen sahen sie sich seine Darbietungen nicht mehr so oft an und spielten kaum noch mit der Fernbedienung. Es waren nicht einmal mehr dieselben Leute. Manchmal schob jemand ihm ein Ding unter, das sie Kassette nannten, und ließ ihn deren Bilder zeigen, als wären es seine eigenen. Das waren sie natürlich nicht. Sie zeigten nicht das wahre, echte Leben, sondern Phantasievorstellungen. Er begegnete den Videofilmen mit einer gewissen Herablassung, denn im Grunde tat er sich wohl recht viel auf seine eigenen Bilder zugute, während die fremden durch ihn hindurchzogen, ohne Spuren zu hinterlassen.
Der Greis hatte nämlich eine Eigenart, von der niemand wusste: Er wurde seine eigenen Bilder nie ganz los, selbst wenn er es gewollt hätte. Den größten Teil hatte er natürlich in den Äther geschickt, doch hinter dem grauen Fenster war eine Art Bodensatz, ein innerer Schleier zurückgeblieben. Und dieses Sediment blieb nicht einmal unbeweglich liegen, es glich eher einer Staubschicht, die wirbelte und schwebte, brodelte, umherflog und flackerte. Zwar war es gänzlich unsichtbar, doch er spürte es.
Es bestand aus Tausenden von Elementen, zerbröselten Überresten des wirklichen Lebens: randalierende und davonrennende Menschenmengen, brennende Städte und Innenflächen von Herzkranzgefäßen, verhungernde Kinder und vergrößerte Aufnahmen von Blattläusen, alles mögliche von Beton bis Chlorophyll, sowie Tausende von quasselnden, weinenden, grinsenden, leeren oder schlicht hässlichen Gesichtern, sämtlich mit einer ausgeprägten unteren Zahnreihe. Doch aus all dem war ein einziger Staubbrei geworden.
Der Brei ermüdete ihn bereits, und eines Tages reichte der Platz in seinem Inneren einfach nicht mehr. Der Staub floss aus ihm heraus und bildete bald eine Art Kruste, die seine Rückseite bedeckte. Bei genauem Hinsehen hätte man sie bemerkt, doch wer schaute schon genau hin.
Daher waren alle überrascht, als er sich eines Abends knallend und prasselnd entzündete. Wer hätte gedacht, dass er sich so wenig aus uns macht, sagten die trauernden Angehörigen.
3. Hänsel und Gretel
Nachdem die beiden Kinder die alte Frau in ihren Backofen gesperrt und verbrannt hatten, kehrten sie zufrieden in ihr heimatliches Dorf zurück, wo ihre Eltern sie herzlich willkommen hießen. Immerhin hatten sie nicht erwartet, ihre Kinder je wieder zu sehen.
Niemand erinnerte sich mehr daran, dass Vater Heinrich und Mutter Ilse Hänsel und Gretel im finsteren Wald ausgesetzt hatten, wo die alte Frau sie gerettet und versorgt hatte, denn alles war vergeben und vergessen, als die Kinder unversehrt und bei besten Kräften zurückkehrten und von ihren Erlebnissen und Taten berichteten. Natürlich mussten sie hier und da ein wenig lügen, das war ihnen klar.
'So tapfere Kinder', sagte Vater Heinrich. 'Ihr habt Fährnisse erlebt und gemeistert. Nun seid ihr abgehärtet für den Lebenskampf.'
'Genau', sagte Mutter Ilse. 'Die notwendige Härte gewinnt man nur durch Erfahrung. Das weiß ich.'
'Danke, liebe Eltern, dass ihr uns diese Erfahrung ermöglicht habt, sagte Hänsel.
'Wir sind euch ewig dankbar', sagte Gretel, ein sensibles kleines Mädchen.
'Aber', sagte Vater Heinrich, 'ist das nicht ein Fingerzeig eines Gottes oder Führers, der uns den Weg in die Zukunft weist?'
'Wahrhaftig', sagte Mutter Ilse, 'eure Geschichte eröffnet uns den Blick in die Zukunft.'
'Was meint ihr, liebe Eltern?', fragten die Kinder.
'Ja, vielleicht liegt hier der Beginn einer großen Aufgabe', sagte Vater Heinrich. 'Gewissermaßen einer patriotischen Aufgabe, so könnte man durchaus sagen. Leben nicht in den Dörfern der Umgebung zahllose alte Weiblein, Kriegerwitwen und alte Jungfern und Verrückte, die sich wer weiß wie über Wasser halten? Müssen wir sie alle ertragen?'
'Keineswegs', sagte Mutter Ilse. 'Außerdem betreiben sie gewöhnlich Hexerei, und ihr endgültiges Ziel ist es, uns alle zu entmachten, genau, und mit Hilfe des Teufels unser geliebtes Land zu beherrschen, und am Ende die ganze Welt. Ich könnte vor Wut in den Teppich beißen, wenn ich daran denke.'
'Hatte sie einen großen Backofen, diese alte Frau?', fragte Vater Heinrich.
'Ja, sagte Hänsel.
'Einen riesig großen, Papa', sagte Gretel.
'Und hatte sie viel Feuerholz?', fragte Mutter Ilse.
'Ja, sagte Hänsel.
'Große Stapel, Mama', sagte Gretel.
'Und nun lebt niemand mehr in ihrem Häuschen', sagte Vater Heinrich. 'Wir könnten einen kleinen Ausflug machen - holladiho, in den grünen Wald! - und das Häuschen in Ordnung bringen. Dann können wir ab und zu dort wohnen, und früher oder später wird irgendeine alte Frau vorbeikommen, die im Wald ihre Kräuter und Pilze sammelt.'
'Und dann dürfen wir alles noch einmal tun!', jubelten die Kinder.
'Ja, ihr lieben Kleinen', sagte Mutter Ilse.
'Und damit haben wir dann ein Beispiel gegeben und die Richtlinien der künftigen Tätigkeit aufgezeigt', sagte Vater Heinrich zufrieden mit einem glaubensfrohen Lächeln. 'Ich danke euch, meine Kinder, dass ihr den künftigen Generationen unseres Volkes die Augen geöffnet habt.'
'Die Jugend muss die Zukunft bauen, sobald sie heranreift', sagte Mutter Ilse.
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