Von A bis Z: Susanne Ringell

Von A bis Z
Ringell[1]1
Maria Antas über Susanne Ringells Menschen-Alphabet. Übersetzung: Elina Kritzokat.
Susanne Ringells letztes Werk ist die kürzeste aller Veröffentlichungen des Jahres 2000. Wenn man sich nicht genau erinnert, wo man das Buch ins Bücherregal gestellt hat, findet man es womöglich nicht mehr wieder. Der Text ist nur 62 Seiten lang. Und doch wird auf diesen Seiten eine ganze Zivilisation, ein ganzes Menschengeschlecht erschaffen.

Av blygsel blev Adele fet ('Schüchternheit machte Adele fett') ist ein Alphabet für Erwachsene. Unter jedem Buchstaben begegnen wir einer Person. Für A steht Adele, die so lange zunimmt, bis ihr Körpergewicht mit der Last ihrer Schüchternheit übereinstimmt: 78 Kilo Schüchternheit schleppt sie in sich herum, und sie ißt, bis sie dieses Gewicht auch tatsächlich physisch erreicht. Bei W treffen wir Walter, der vor einer Reflexzonen-Therapeutin ins Restaurant flüchtet. Er glaubt zu wissen, was Körper und Seele guttut - ein blutiges Rindersteak, und hört deshalb nicht auf die Bitten seiner Frau, die für die heilsame Therapie plädiert. Und bei E und F stoßen wir auf Egil und Folke: zwei schüchterne Männer, die auf einen Zug warten - und darauf, dass eine lange Phase der Erwartung endet.

Susanne Ringell liefert ihren Lesern ein komplettes Alphabet. Sie erneuert das Basisrepertoire, mit dem wir Sprache und Welt strukturieren. Aber eine Sprache ohne Menschen wäre tot. Und so ist jeder Buchstabe ein Mensch, jeder Buchstabe ist mit einem Schicksal belegt, das in offiziellen Geschichtsbüchern kaum eine Rolle spielt, dem Susanne Ringell aber eine neue Würde erteilt. Die Menschen, denen wir in diesem Buch begegnen, sind einsam. Das ist in der Literatur natürlich nichts neues - Ringell aber verfügt über die ganz besondere Gabe, selbst die groteskesten Charaktere würdevoll darzustellen. Es ist unübersehbar, dass Egil und Folke ein absurdes Bild abgeben, wie sie mit ihren Wollmützen auf dem Bahnsteig stehen, und Walter ist wahrscheinlich ein ziemlich unerträgliches, chauvinistisches Schwein. Und doch ist es leicht, sie zu mögen. Sie ertragen ihr Leben, sie tauschen es mit nichts anderem ein und gegen kein anderes Leben aus.

Standfestigkeit, Würde - genau wie der Stein in Ringells Buch Vara sten ('Stein sein', 1996), der immer stolz auf sich gewesen ist, selbst wenn die ganze Welt um ihn herum in Bewegung war und sich wandelte. Die Welt erneuerte sich, wohingegen der Stein älter und älter wurde und stets derselbe blieb. Doch unsere Wertschätzung für Susanne Ringells Daumenkino-Skizzen von Adele und all den anderen ist eigentlich erst ein Teil der Reaktion, die die Autorin in uns auslöst. Mindestens ebenso wichtig ist der Spaß, die Freude und das Spielerische der Texte. Es ist, als wolle Ringell sagen, daß menschliche Würde zwar existiert, jedoch von keiner Sprache vollständig eingefangen werden kann. Man kann sich über Sprache dem menschlichen Wesen lediglich annähern - manchmal jedoch prallen die Worte ab, wiederholen sich nur und ergeben keinen Sinn. Sie kommen in komischen Alliterationen zum Stillstand, sie erinnern klanglich an andere Worte und tauchen daher plötzlich im falschen Kontext auf. Respekt für Menschen erfordert auch einen Mangel an Respekt für Sprache, mit deren Hilfe die Menschen porträtiert werden - und schon lacht der Leser vor Vergnügen.

Lange Zeit schon war niemand mehr so ernst und so heiter zugleich wie Susanne Ringell, wenn sie linguistische Analyse, Psychologie und das Absurde zusammenbringt. Es kann gar nicht genug weibliche Absurdität geben.










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