Von A bis Z: Susanne Ringell

Ein Wörterbuch der Schicksale
Ringell
Susanne Ringell. Vier Erzählungen aus Av blygsel blev Adele fet ('Schühternheit machte Adele fett', Söderströms, 2000). Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.




1. A: Adele
von Susanne RIngell. Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.


Aus Verlegenheit wurde Adele fett. Was ihre Finger flink im Kühlschrank wühlen ließ, war nicht Hunger, sondern Verwirrung. Die Unsicherheit, was ihre Zunge sagen sollte, trieb sie zum konkreten Angebot des Kühlschranks. Im Schmecken war die Zunge gut. Spüren, wie die Zähne kauten, konnte sie auch, selbst wenn sie sich mit dem Sprechen schwer tat. Die Zunge wurde zum Experten für Rosenkohl und Wurst. Was übrig blieb, war Guten Morgen und Danke, war Danke und Auf Wiedersehen und Schönes Wetter heute.

Adele brauchte eine Ewigkeit, um fett zu werden. Sie mochte keine Süßigkeiten, daher dauerte es lange, bevor sie sich rundete. Sie war gezwungen, den Umweg über Salat mit Dressing und Eier mit Majonäse zu nehmen, doch schließlich kam sie ans Ziel. Sie erreichte ihr Gewicht in Gold, das Gewicht ihres gesammelten Schweigens. Achtundsiebzig Kilo aufs Gramm. Ein befreiendes Gefühl. Nun war sie gediegen, und sie begann zu glänzen. In den Augen der Männer sah sie ihren Glanz zum ersten Mal. Und als die Männer sie berührten, begriff sie, dass sie eine Art umgekehrter Midas geworden war. Die Männer, die sie anfassten, verwandelten sich in Gold. Arme, ausgehungerte Kerle. Adele war wie die Erektion, die sie verursachte, weich und gleichzeitig fest, sanft und schweigsam und zielstrebig.

Es wurde also keine tragische Geschichte über Einsamkeit und Übergewicht. Die Folge von Adeles Ausflügen zum Kühlschrank war Sex.






2. E,F: Egil und Folke
von Susanne RIngell. Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.
Egil und Folke stehen am Bahnhof, draußen auf dem Perron. Sie stehen unter freiem Himmel. Unter einem wunderbaren Himmel. Sie haben Skier in den Händen und eine pralle Nylontasche zwischen den Beinen. Es ist kalt. Der Bahnsteig ist überfüllt und laut, aber sie haben ihre eigene Nische in der frischen Luft, die nur ihnen gehört. Folke trägt eine rote Mütze, und Egil raucht in kurzen Stößen, wie es die Ausländer tun. Er findet es irgendwie schade, dass Folke nicht raucht, es wäre so nett, ihm eine männliche, ausländische, kameradschaftliche Zigarette anzubieten, hier auf dem Bahnsteig an Gleis Sieben zwischen all den Reisenden, Leuten, die unterwegs sind, Leuten, die warten und nichts von Egil und Folke wissen.

Und die nichts vom Warten wissen. Egil hat neue Hosenträger, doch die sieht man jetzt nicht. Später wird Folke Gelegenheit haben, Egils neue Hosenträger zu sehen. Folke schaut auf seine Taucheruhr, fünf vor acht, und in Egil tickt bereits die Tiefe. 'Welche Wagennummer haben wir?', fragt Egil, der hören will, wie Folke sagt, sechsunddreißig, unsere Wagennummer ist sechsunddreißig. 'Sechsunddreißig', sagt Folke. Kurz angebunden. Kurz angebunden, aber doch nicht so barsch, dass Egil Zweifel kämen. Alles läuft wie geschmiert. Alles ist gut und auch ein wenig gefährlich, Folke sagt fast genau das, was Egil hören will, und bald läuft der Zug ein, und es ist ein beruhigend langer Weg nach Lappland, und richtig gefährlich wird es erst, wenn sie ankommen. Am späten Abend. In der Hütte, die sie gemietet haben, Folke und Egil, die Broschüren, in denen sie am Arbeitsplatz geblättert haben, Egil und Folke, die Erwartungen, die sie lange und sorgsam gehegt haben.

Egil und Folke gehen auf eine Reise, die sie weiter führt als einer von ihnen je gereist ist. Eine Reise, die sie dem Gefährlichen näherbringt. Wie weit sie gehen werden, wissen sie noch nicht. Das wissen sie erst, wenn es ernst wird. Im Lapplanddunkel beim Drink am Kaminfeuer. Mit all dem Unausgesprochenen, von dem Egil hofft, dass auch Folke, von dem Folke im Traum, fast vor sich selbst verborgen, hofft, dass Egil, dass auch Egil - sie haben bisher ja nur über das Skilaufen gesprochen und darüber, wer das Fernglas mitbringt und ob man die Konserven nicht vielleicht doch an Ort und Stelle kaufen sollte.

Sie haben nicht darüber gesprochen, wer den ersten Schritt tun soll. Sie haben den ersten Schritt getan: Sie werden nach Lappland fahren und Ski laufen. Jetzt kommt der Zug. Er ist blau. Folke mit der roten Mütze ist Industriekaufmann, Egil ist Betriebswirt und barhäuptig. Der Himmel über dem Bahnhof ist wunderbar. Zwei gut aussehende Männer, Folke und Egil. Beide schon über vierzig, und stehen zum ersten Mal da mit ihren Skiern in diesen Stoffbeuteln, die so leicht abzunehmen sind.

Egil tritt seine Zigarette aus.
'Also los', sagt Folke.






3. O,P: Olsson und Paula
von Susanne RIngell. Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.
Sie sitzen auf einer Bank. Auf einer grün lackierten Bank in einer kleinen elsässischen Stadt. Der Rhein fließt vor ihnen und an ihnen vorbei. Sie sind sich nicht einig. Sie sind, was man Freundinnen nennt, doch im Moment sind sie sich nicht einig, und mit der Freundschaft hat es ohnehin nie viel auf sich gehabt. Sie telefonieren nicht ohne Anlass miteinander, sie dringen nicht in die Privatsphäre der Anderen ein, und sie leihen sich definitiv keine Kleider voneinander aus. Olsson ist groß und rotblond, und Paula ist nichts Besonderes. Eine ganz normale Frau, aschblond und ein bisschen unter Mittelmaß. Olsson raucht Zigarillos. Sie hat braune Zähne, eine Calvados-Wolke umgibt sie. Paula riecht an dem mittlerweile welken Tausendschönchen, das sie in der Hand hält, aber es duftet nicht, und das weiß sie.

'Wollen wir ein bisschen spazieren gehen?', fragt sie.
'Sind wir nicht schon genug gelaufen?', kontert Olsson. Ihr tun die Füße weh, sie möchte hier sitzen bleiben und leise vor sich hin schmoren, doch Paula ist immer so rastlos. Dauernd will sie etwas tun, aber heute Abend in ein Luxusrestaurant gehen, das will sie nicht. Obwohl sie endlich Gelegenheit dazu hätten und das Lokal mehrere Sterne hat und Olsson Lust auf Extravaganzen verspürt. Es ist zum Verzweifeln.

Paula ist ganz in Ordnung, aber besonders spaßig ist sie nicht. Ein wenig trocken, außerdem hat sie ständig einen Reiseführer in der Hand. Olsson findet es stillos, sich offen als Touristin erkennen zu geben. Sie will überall zu Hause sein, aber Paula weiß nicht, was Diskretion bedeutet. Jetzt zum Beispiel hat sie einen Mann kennen gelernt, das merkt man ihr an, obwohl Paula nichts sagt und Olsson nicht vorhat, sie zu fragen. Nee, meine Liebe, der Kerl ist nicht der Richtige, denkt Olsson, die ziemlich sicher ist, dass Paula nach Namen und Alter ausgefragt werden will, nach dem Beruf und danach, wann man sich wiedersehen wird.

Blödsinn. Paula steht auf. Sie geht ans Ufer und wirft ihr Tausenschönchen in den Rhein. Es schwimmt langsam, aber sicher mit der Strömung davon. Ihre Reisekasse ist fast leer und sie hat das Gefühl, dass sie bald ihre Tage bekommen wird. Sie würde es heute Abend gern ruhig angehen lassen, aber Olsson will feiern, und Olsson ist Paulas älteste Freundin. Sie sind seit der Schulzeit zusammen - nicht unzertrennlich wie Lehm und Stroh, sondern wie zwei Mauerblümchen. Das ist nicht der schlechteste Ausgangspunkt. Im Lauf der Zeit sind sie sich näher gekommen, und Paula schätzt Olssons Sachlichkeit. Sie haben eine sachliche Beziehung zueinander. Ohne Theater, eher wie zwei Männer. Sie gehen zusammen in Museen, ab und zu auch auf Reisen, und bei Bedarf hilft Olsson ihr beim Einkaufen oder trägt Erde in ihren kleinen Garten. Im Gegenzug lädt Paula Olsson zum Essen ein, wenn ein Feiertag ansteht. Olsson ist oft allein.

So ist es nun mal. Olsson, in alten Jeans, sitzt mit rotem Gesicht auf der Bank. Sie hat die Schuhe ausgezogen, so dass man ihre Fußnägel sieht, deren abblätternder Nagellack von einem kurzfristigen Anfall von Eitelkeit zeugt. Schleppkähne kommen und gehen. Ein gelber Hund ertrinkt beinahe in den Fluten, und alles glättet sich. Guter Wille ist etwas Gutes. Sie machen einen Spaziergang, trinken einen Calvados, und am Abend lädt Olsson Paula in das Luxusrestaurant ein. Leicht beschwipst und in Spendierlaune ist sie auf den Gedanken gekommen, dass vielleicht gerade da der Schuh drückt.

Zwischen dem vierten und dem fünften Gang erzählt Paula beiläufig und mit weinglänzenden Augen, sie habe irgendeinen Dummkopf kennen gelernt, aber aus der Geschichte würde sicher nichts.
'Sag das nicht', meint Olsson großmütig, denn sie weiß, dass Paula Recht hat. 'Wann werdet ihr...'
'...uns wiedersehen?'
Und Paula geht ins Detail, während Olsson sich noch ein Zigarillo ansteckt und die Bedienung davon absieht, die Nase zu rümpfen. Paula und Olsson genießen den Abend. Er wird eine Stange Geld kosten, aber er ist eine Erinnerung fürs ganze Leben.





4. Walter
von Susanne RIngell. Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara.
Walter hätte heute um dreizehn Uhr null null zur Reflexzonentherapie gehen sollen, doch das tat er nicht. Er machte vielmehr im Treppenhaus der Therapeutin kehrt und steuerte eines der angesehensten Restaurants der Stadt an, denn Hunger war immer noch Hunger, etwas Handfestes, während die Reflexzonentherapie vermutlich so mystisch war, wie das Wortr klang, auch wenn seine Frau den ganzen Vormittag darauf verwendet hatte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Es war seine Frau gewesen, die alles arrangiert hatte, Zeit und Ort und Person, denn Walter hatte verspannte Muskeln und war so dumm gewesen, darüber zu klagen.

Du brauchst nichts zu tun, hatte seine Frau gesagt, als er das Haus verließ. Du liegst nur da und genießt. Die einzigen Zonen, die Walter kannte, waren Kriegszonen (und einige erogene), und was 'Therapie' betraf, so hatte das etwas mit der Seele und mit Problemen zu tun.

Nun saß Walter im Restaurant und genoss ein Steak à la Tauno Palo und eine Flasche Bier. Tauno Palo war ein legendärer Filmschauspieler, er hatte echte Kerle gespielt, Holzflößer und Vagabunden vor allem; es war ein gutes Gefühl, ein Steak zu essen, das nach ihm benannt war. Ein wenig Blut sickerte aus dem Fleisch und vermischte sich mit der Sahnesoße, und Walter hatte den Eindruck, dass sich seine Muskelverspannung mit jedem Bissen lockerte.

Schön war es auch, irgendwo zu sitzen, wo man seine Kleider anbehalten konnte, ja überhaupt zu sitzen und nicht hilflos dazuliegen, ohne zu wissen, was einem bevorstand.

Walter war nie schmuddelig, aber an diesem Mittag, im leichten Tabakdunst des Restaurants, fühlte er sich fast unanständig rein. Er hatte sich eine halbe Stunde lang die Füße geschrubbt, denn seine Frau hatte ihm gesagt, die Therapeutin würde sich hauptsächlich den Füßen widmen. Er trug die neue Unterhose, ein Weihnachtsgeschenk, und hatte sich die Ohren mit Wattestäbchen gereinigt, bevor er ging. Sicherheitshalber hatte er alle intimen Winkel seines Körpers gesäubert.

Du brauchst nichts zu tun? Du liegst nur da und genießt Ha! Ehefrauen haben eine merkwürdige Vorstellung davon, was einfach ist.












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