Baltasar Porcel

Unterschiedliche Wahrnehmungen der Wirklichkeit
Bporcel la novella de la vida11111
L'emperuer des morts bporcel]1111
Los argonautas porcel1111
Springs and autumns bporcel111111
'In meinen Romanen geht es immer um den Menschen und seine Leidenschaften und seine unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit.'

Von Rosa Cabré, Universität Barcelona. Übersetzung: Gabi Grauwinkel.

Ich habe Baltasar Porcels literarisches Schaffen seit seinen Anfängen verfolgt und bewundere vor allem die Kraft und Originalität seiner Prosa in katalanischer und spanischer Sprache. Porcel hat zeitweise an Lehrprogrammen der Universität mitgearbeitet und mein Interesse an seiner Arbeit nahm ständig zu, schaffte er es doch seinen reichen Erfahrungsschatz in immer komplexere Inhalte und Erzählstrukturen zu verwandeln.

Etwa 1988 begann ich mich bei meinen literarischen Forschungsarbeiten ganz auf die Werke von Baltasar Porcel zu konzentrieren und neben unzähligen Essays brachte ich sein Gesamtwerk heraus, was mir dabei half, den gesamten Umfang seines Schaffens besser zu verstehen.

Porcel ist ein Schriftsteller, der in so unterschiedlichen Genres wie Erzählung, Theater, Essay und Journalismus zu Hause ist, wobei seine Arbeit als Schritsteller jedoch immer an erster Stelle stand und so sind es vor allem seine persönlichen, phantasievollen Romane, mit denen Porcel seit langer Zeit einen der wichtigsten Plätze in der spanischen und vor allem in der katalanischen Literatur einnimmt. Sein Erfolg beruht auf der Kohärenz seines Gesamtwerks, immer seinen Ursprüngen treu und dennoch bereit, auch neue literarische Horizonte anzustreben, immer auf der Suche nach den Grenzen seiner dichterischen Kapazität und den Grenzen des menschlichen Daseins. So sind seine Erzählungen immer ehrlich und direkt, zeigen Licht und Schatten und die ganze vitale Kraft ihres Autors auf.

Meine Bewunderung für sein literarisches Schaffen wird von vielen geteilt, was sich in den literarischen Einführungen zahlreicher seiner Werke, in den Besprechungen und Analysen seiner Belletristik, den Buchpreisen, die er in Spanien und im Ausland erhalten hat, sowie der Tatsache, dass einige seiner Romane und Kurzgeschichten ins Französische, Englische, Italienische und Vietnamesische übersetzt wurden und letztendlich in der Veröffentlichung seines Gesamtwerks Obres Completes ab 1991 wiederspiegelt.

Alle die sich mit seiner Arbeit beschäftigt haben, stimmen darin überein, dass Qualität und Umfang seines Schaffens das Ergebnis der folgenden Charakteristiken ist:

1. Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Werk, in dessen Mittelpunkt der Held, oder die Helden, nach dem Sinn ihres Lebens sucht und das die unterschiedlichen Perspektiven des Autors in seiner schriftstellerischen Tätigkeit wiederspiegelt. Baltasar Porcel wurde 1937 in Andratx, auf Mallorca, geboren und 1956 wurde seine erste Erzählung veröffentlicht. Allerdings gelang ihm erst 1960 mit dem Roman Solnegre (Schwarze Sonne) der literarische Durchbruch. Seitdem wurden dreizehn Romane und zwei Kurzgeschichtensammlungen von ihm herausgebracht. Neben Solnegre waren das: La lluna i el Cala-Llamp (Der Mond und der Cala-Llamp, 1963), Els escorpions (Die Skorpione, 1965), Els argonautes (Die Argonauten, 1968), Difunts sota els ametllers en flor (Tod unter blühenden Mandelbäumen, 1970), Cavalls cap a la fosca (Galopp in die Finsternis, 1975, erschienen im Elfenbein Verlag), Les pomes d'or (Goldene Äpfel, 1980), Els dies inmortals(Unsterbliche Tage, 1984), Les primaveres i les tardors (Frühling und Herbst, 1987), El divorci de Berta Barca (Berta Barcas Scheidung, 1989), Lola i els peixos morts (Lola und die toten Fische, 1994), Ulisses a alta mar (Odysseus auf hoher See, 1997) und El cor del senglar (Das Herz des Wildschweins, 2000). Seine Kurzgeschichtensammlungen sind: Crònica d'atabalades navegacions (Chronik erstaunlicher Seefahrten, 1971) und Reindivicació de la vuida Txing (Forderungen der Witwe Txing, 1979), die 1984 in dem Buch Tots els contes (Sämtliche Kurzgeschichten) zusammengefasst wurden. 1984 wurden auch alle seine Erzählungen zum Thema Mallorca unter dem Titel Les Illes, encantades (Die Inseln, verzaubert) herausgegeben. Nicht zu vergessen die zahlreichen in unterschiedlichen Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen sowie seine Theaterstücke und journalistischen Beiträge, mit denen er sich unter den Literaten einen Namen gemacht hat.

Porcel ist mit seinem Gesamtwerk zum Paradigma der Prosaentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden. Seine beiden ersten Romane waren vom Existenzialismus geprägt, die nächsten beiden vom Realismus und die magisch realistischen Erzählungen zwischen 1969 und 1979 zeigen einen klaren Einfluss lateinamerikanischer Literatur. Seit Les pomes dor weist sein Werk einen deutlich persönlicheren, vitalen und eklektischen Stil auf. Wie auch Sartre kommt er zu der Erkenntnis, dass die Hölle immer die anderen sind und wird zum Verteidiger der Fähigkeit des Individuums, sich seine eigene Welt zu schaffen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist es wichtig herauszustreichen, dass Roman und Kurzgeschichte zwei mit einander verbundene literarische Formen sind, wobei der Roman die Gesamtheit von Erzähleinheiten bildet, die die interne Struktur von Kurzgeschichten aufweist. Tatsächlich spiegelt Difunts sota els ametllers en flor die Welt des Geburtsorts Andratx wieder, zusammengesetzt aus unterschiedlichen, zwischen 1967 und 1969 in der Zeitschrift 'La Vanguardia' veröffentlichten Kurzgeschichten. Um die unterschiedlichen Geschichten zu verknüpfen, setzt der Autor die Hauptfiguren einer Geschichte, in einer anderen Geschichte in den Hintergrund und schafft so ein Netzwerk von Beziehungen, das die unterschiedlichen Textfragmente miteinander verbindet. Zeitweise hat Porcel Kurzgeschichten unter dem Aspekt geschrieben, bestimmte Komponenten später für Romane zu nutzen, dann wieder sind aus den Erzählsträngen eigenständige Geschichten geworden, in denen es um die Suche nach Selbsterkenntnis geht.

Diese Arbeitsweise ermöglichte es mir unter dem Titel Molts paradisos perduts (Viele verlorene Paradiese, 1993), eine Sammlung von Kurzgeschichten zusammenzustellen, die alle in Romanen Verwendung fanden und deren Veröffentlichung als eigenständige Erzählungen nicht vorgesehen war. Basierend auf dieser Verbindung zwischen Roman und Kurzgeschichte schrieb Porcel 1989 El divorci de Berta Barca als Zeitungsserie, deren Kapitel wie sozipolitische Beiträge in 'La Vanguardia' veröffentlicht wurden. Seine letzten drei Romane Lola i els peixos morts, Ulisses a alta mar und El cor dels senglars entfernen sich von der kurzen Erzählung und kehren zurück zu den ursprünglichen Textkonstruktionen seiner ersten Romane: Solnegre, Els escorpions und Els argonautes.

2. Porcels Romane und Kurzgeschichten spiegeln seine Erfahrungen wieder, eine komplexe Wirklichkeit, die aus Erinnerungen eines gelebten Lebens entsteht und die nicht immer mit der Vergangenheit übereinstimmt, basierend auf mündlichen Erzähltraditionen, die ihm bereits im Kindesalter eine mystische Vision individueller und kollektiver Geschichte vermittelten, auf Dokumenten, mittels denen er mit aller Leidenschaft versucht, seine Wurzeln als Individuum innerhalb einer sozialen Gruppe zu finden, auf seinem auf zahlreichen Reisen begründeten kulturellen Wissen, mit dem er immer wieder seine eigene Kultur mit den entferntesten Kulturen vergleicht, auf Weiterentwicklung und Sinnfindung des Lebens und allem was damit zu tun hat, auf den Mythen und Symbolen seiner mediterranen Welt und auf den Bezügen zur Weltliteratur.

Sein Schaffen ist besonders von der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt: Camus, Pavese, Cela, Melville, Conrad, Hemingway, Baroja, Nabokov, Tolstoy, Chateaubriand, Grac und Bellow. Bei den Dichtern beeinflussten ihn San Juan de la Cruz, Dickinson und Leopardi und was die katalanische Literatur betrifft, gehörten Josep Pla und Llorenç Villalonga zu seinen ersten Lehrmeistern.

In seinem ersten Roman steht eine als Wunsch und Erfahrung empfundene Wirklichkeit im Mittelpunkt, allerdings weist seine Literatur noch nicht den Nuancenreichtum seiner späteren Werke auf. Nur seinem Streben nach Perfektion ist es zu verdanken, dass es ihm gelingt, komplizierteste Zusammenhänge klar darzustellen und so ein Bild der Wirklichkeit zu zeichnen, dass mit der Zeit mehr und mehr gefangen nimmt. Das wird an den Entwicklungssprüngen zwischen Els argonautes , Galopp in die Finsternis, Les primaveres i les tardors und El cor del senglar deutlich. Dabei möchte ich seine anderen Erzählungen keinesfalls herabwürdigen, im Gegenteil, ich nenne hier einfach nur die Romane, die seinen Schaffensweg am besten beschreiben, ein Entwicklungsprozess, der auch von den Werken definiert wird, die hier nicht aufgeführt sind.

Seine Art die Wirklichkeit zu empfinden, ist in allen seinen Werken präsent und bildet den Mittelpunkt seiner literarischen Persönlichkeit, die immer wieder in den biographischen, moralischen und intellektuellen Aspekten anzutreffen ist. Seine Persönlichkeit spiegelt sich sowohl in den Helden als auch in den Erzählern seiner Romane wieder, was dazu führt, das beide Figuren oft identisch sind. Manchmal hat der Held der Geschichte keinen Namen (z. B. in Solnegre oder Els escorpions) während der Autor seit Galopp in die Finsternis den Romanfiguren eine Version seines Nachnamens, Vadell, verleiht und später auch seinen Namen und persönliche Charaktereigenschaften. Das zeigt das zunehmende Vertrauen des Autors in sein Verständnis der Welt, das es ihm erlaubt, die Realität kreativ zu verändern. Seine Romane sind somit das Ergebnis der Suche nach Wissen und dem Wunsch, die Realität zu beeinflussen.

Die Entscheidung, alle Aspekte der Wirklichkeit wie beschrieben zu manipulieren, ermöglicht es ihm, wie der Literaturkritiker Joaquim Molas sagt, so etwas wie seine persönlichen Memoiren zu schreiben. Ausgehend von den existenzialistischen Ängsten und der Rebellion seiner Jugendzeit, wie in Solnegre oder Els escorpions deutlich wird, wechselt er auf Grund von Lebens- und Reiseerfahrungen zu einer anderen Art von Erzählung in Galopp in die Finsternis, Les pommes d'or und Els dies inmortals. Erst danach findet er zu den wirklichen Werten wie Liebe, Wissen und Literatur zurück und überwindet Tendenzen wie Gewalt und Vernichtung, um letztlich in seinen drei letzten Romanen als Literat gereift und sein Handwerk beherrschend genau diese positiven Werte auszudrücken. Mit neuem Konzept und neuen Ausdrucksformen webt er weiterhin an diesem Netz und sucht die Verbindung zwischen seiner aktuellen Existenz und der Vergangenheit, zwischen Risikobereitschaft und Freude an Schönheit, zwischen seinem Leben in einer immer globaler werdenden Welt und seinen Ursprüngen in dem kleinen mallorquinischen Andratx.

'In meinen Romanen geht es immer um den Menschen und seine Leidenschaften und seine unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit.' Eine dieser Wirklichkeiten beginnt in Andratx, dem kleinen Ort auf Mallorca, wo Porcel zum ersten Mal sexuelle und religiöse Repression erfahren hat, was sich in seinen frühen Romanen wiederspiegelt. Das Trauma der verlorenen Jugend ist auch seit La lluna i el Cala-Llamp oder Els argonautes und vor allem seit Difunts sota els ametllers en flor und Galopp in die Finsternis immer präsent. In den letzten Romanen hat er seinen Frieden geschlossen mit dieser Zeit und neigt, wie wir alle dazu, die Jugenderlebnisse durch die Distanz zu mystifizieren.

Porcel kehrt immer wieder nach Andratx zurück. Sein literarisches Ego findet hier die harmonische Synthese von Gegensätzen, die er auf seinen zahlreichen Reisen ab Ende der sechziger Jahre entdeckt hat und in seinen Werken nach 1968 literarisch aufarbeitet als Metapher der Notwendigkeit von Handlung und Aktion im Leben als Prozess des Entdeckens und der Selbverwirklichung. Dieses neue Andratx hat nichts mit dem mystischen Ort seiner Kindheit zu tun, es ist keine herbeigesehnte Welt, sondern ein Raum zwischen Sehnsucht und Beherrschung, in dem der Autor die Realität zum Ausdruck individuellen Willens macht.

Um jedoch nach Andratx zurückkommen zu können (wobei wichtig ist zu erwähnen, dass Porcel seit 1975 in seinen Erzählungen immer wieder nach Andratx zurückkehrt), musste Porcel zunächst von Mallorca nach Barcelona fliehen, um sich literarisch seine eigene Welt zu schaffen, und so reiste er durch ganz Europa, den Nahen und den Fernen Osten, Nordamerika, den Mittelmeerraum, die Sahara und Schwarzafrika. In seinen letzten Romanen mischen sich seine Reiseerfahrungen mit Erinnerungen anderer berühmter Reisender und den sagenumwobenen Abenteuern des Odysseus. Eine aufregende Handlung, die sich nach der Rückkehr des Helden in Nachdenklichkeit verwandelt und letztlich in einer Unbeweglichkeit endet, die uns dem Tod näher bringt und gleichzeitig die Möglichkeit gibt, die Welt zu verstehen und diese Kenntnisse durch das Niederschreiben zu verewigen.

Dabei dient der Handlungsraum, oder die verschiedenen Kulissen, vor denen sich die Handlung abspielt, nur dazu, den Romanfiguren und dem Erzähler Grund zum Nachdenken zu geben, denn für Porcel sind sie und er selbst Teil eines organischen Weltbilds. Das heißt, dass die Menschen dank einer Reihe von Instinkten überleben, die denen der Tiere gleichen, obwohl sie diesen intellektuell überlegen sind. Verstand und Instinkt ermöglichen Erkenntnis und Überleben. Beide sind gleich wichtig. Für Porcel aber hat der Instinkt, den der Mensch ja mit den Tieren teilt, eine ganz besondere Bedeutung. Mit dem Verstand kann man Fehler begehen, so wie es Papst Benedikt XIII. in Galopp in die Finsternis passiert, der Instinkt rettet jedoch dem schiffbrüchigen Jean François Medusa in Les pomer d'or das Leben. Diese Symbiose zwischen Instinkt und Verstand steht immer wieder im Mittelpunkt und so beschreibt Porcel in Lola i els peixos morts etwa die Menschen, als würde es sich um Tiere handeln und schreibt den Tieren menschliche Eigenschaften zu.

Das Glück, das seine Romanfiguren anstreben, kann so schön und vergänglich sein, wie 'blühende Mandelbäume in der Februarsonne'. Es geht darum, wie die Menschheit diesen Traum vom Glück erleben kann, wenn 'in uns allen tief verborgen diese Dualität lebt', jetzt und in unserer gesamten Geschichte, und sich weiter zu entwickeln heißt oft, eine Maske zu tragen, ein Doppelleben vor uns selbst und den anderen zu führen. Eine Dualität, die die Wirklichkeit der Figuren beeinflusst: Bäume sind genauso wichtig wie Schatten, erfassbare Wirklichkeit wird mystischer Naturgewalt gleichgesetzt und der menschliche Wille kann die Realität in einen Mythus verwandeln, was positive oder negative Auswirkungen haben kann. Dieses Weltbild des Autors kommt am besten in dem Roman Les primaveres i les tardors zum Ausdruck.

Zu Beginn sind alle Figuren tief mit der Heimat Mallorca verwurzelt, weil sie sich nur so von den existenziellen Ängsten lösen können, die sie ständig verfolgen. Sobald sie jedoch merken, dass sich durch Reisen die Beziehung zwischen dem Individuum und seiner Umgebung relativiert, beginnen sie die Stärke ihrer Leidenschaft zu genießen, Leidenschaften wie Sex, Machthunger, Ehrgeiz usw. Die Erzählung zeichnet dann die Freudenmomente der Erfüllung und Erkenntnis der Reisenden auf. Das geschieht schriftlich wie in Les pommes d'or oder als Tonbandaufzeichnung wie in Els dies inmortals, aber in beiden Fällen ermöglicht nur das Schreiben die individuelle Sehnsucht nach Unsterblichkeit der Romanfiguren zu stillen.

Porcel glaubt an die Unsterblichkeit des Menschen und trotz seiner Aussage in Els dies inmortals, derzufolge 'Die Menschen sterben, aber ihr Leben unsterblich ist', analysiert der Autor in Les primaveres i tardors diese dem Menschen zugeordnete Unsterblichkeit im Laufe der Zeit, in den verschiedenen Lebensabschnitten und beobachtet wie Lebensziele scheitern oder zum Erfolg führen, Träume, die wie 'Geisterschiffe', ohne jemals ein Ziel zu erreichen, verblassen und andere, die gradlinig zum Ziel führen, ihren Weg finden durch den Lauf der Zeit. Es handelt nicht um eine mechanische, vorbestimmte Weise, sondern um Weiterentwicklung. Porcel sagt dazu: 'Wir sind eine Veränderung innerhalb der Zeit, wir versuchen, die Zeit als einen dynamischen Fluss zu verstehen, um so etwas wie ein Schicksal zu schaffen, in dem unser Wille die Lebensum





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