László Darvási

Die Nebel von Esztergom
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Dieses Artikel von Ulrich Baron erschien erst in Die Welt (09.02.03).

László Darvasi
Die Legende von den Tränengauklern

Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer.
Suhrkamp, Frankfurt/M.
576 S., 49,80 Mark.

'Am Tag des Apostel Paulus, an einem strahlenden Nachmittag, einem jener hellen und stillstehenden frühen Nachmittage, an denen man bis ans Ende der Welt zu sehen meint, habe ich die Veinhagener Rosensträucher angekotzt, den Stolz der Stadt.'

Mit diesen schönen Worten stellte sich 1995 der ungarische Schriftsteller László Darvasi auch dem deutschen Publikum vor. So freimütig er die erste Geschichte seines Bandes 'Das traurigste Orchester der Welt' (Rowohlt Berlin) begonnen hatte, so zerknirscht klang damals der letzte Satz des Bandes: 'Und jetzt lege ich, Jakob Waase, die Feder nieder und verstumme, denn vielleicht habe ich mehr über diesen Fall erzählt, als ich wußte.'

Mit den Rosensträuchern ist das so eine Sache, aber mehr von etwas zu erzählen, als man darüber weiß, das ist das Privileg der Dichter und der Verfasser historischer Romane. Denn wer nur viel historisches Wissen besitzt, der kann zwar mancherlei interessante Details servieren, kommt aber über Kostümfilmprosa kaum hinaus oder bleibt noch als alter Eco im Schatten des eigenen Debütwerks. Anders Darvasi, der sich der Geschichte nicht mit einer Fülle historischer Fakten und nicht mit großer epischer Konstruktion, sondern mit einem Bündel voller merkwürdiger Geschichten nähert.

'Die Legende von den Tränengauklern' behandelt ein großes, aber kein großartiges Kapitel der ungarischen Geschichte, das sich weitgehend mit der türkischen Besetzung des Landes deckt. Und es ergeht den Gestalten Darvasis oft schlimmer noch als den Veinhagener Rosensträuchern, was nicht nur mit den geflügelten Exkrementen des wunderlichen Siebenbürger Fürsten Demeter Absalon zu tun hat, so dass selbst ein Rabelais dieses Buch mit Gewinn lesen würde.

Man wird die Vorbilder von Darvasis vielsträngiger Romanhandlung kaum in den Geschichtsbüchern finden, sondern allenfalls in den Sammlungen volkstümlicher Sagen und Legenden. Zu den Größen der Geschichte hat Darvasi ein recht ironisches Verhältnis. Er verfolgt sie mit den Dämonen und Dschinnen seiner Einbildungskraft, tunkt sie ein, stellt ihnen einen fragwürdigen Helden zur Seite, den Führer eines Nebelheeres.

Als der türkische Sultan Suleiman der Große im Jahre 1541 die prächtige Stadt Buda erobert, da verschwindet der ungarische Hauptmann Bálint Homonnai-Nagy mit seinen Leuten im schmutzigen Nebel, der sich von Esztergom her ausbreitet. Doch anderthalb Jahrhunderte später, am Ende der Türkenzeit, wird er mit seinem Heer vor der zerschossenen Burg der gerade befreiten Stadt auftauchen, um dort die denkwürdigen Worte zu sprechen: 'Wenn wir auch zu spät gekommen sind, Junge, oder auch zu früh, so sind wir doch hier gewesen.'

Hier gewesen sind zahlreiche andere auch. Seltsame Leute: Der 'Weltspion' Josef Bezdan mit seinen sprechenden Blicken, der ein Haar Mohammeds auf seinem Haupte trägt, die Haremsdame Diamont, der Italiener Angelo, der eine zeitlang Fee war, der Holzschnitzer Arnót und sein stummer Teufel, die Juden von Buda, ein hundsköpfiger Tartar, zwei einsame Zwerge und jene Gaukler, die auf ihrem Karren landauf landab ziehen, um Kunststücke mit ihren Tränen vorzuführen.

Wer sind die Tränengaukler? Fünf Männer auf deren Karren eine blaue Träne prangt, fünf Männer, die schwarze Steine weinen, Blut, Honig, Eis und Spiegelscherben. Wem immer sie begegnen, der wird Teil ihrer Legende, denn sie weinen auch für ihn - weinen sie auch um ihn?

Sie ziehen durch ein Land, wo Steuern auf angetriebene Wasserleichen erhoben werden, wo man Todeskandidaten mit Hundeschwänzen erwürgt oder ihnen ein tödliches deutsches Märchen ins Ohr flüstert. Und mit sich ziehen sie die Stränge der räumlich und zeitlich weit gesponnen Handlung. Vielleicht ist es ihre eigentliche poetische Bestimmung, die Geschichte Ungarns in einem Netz aus Trauer einzufangen.

László Darvasi wurde 1962 geborenen, in einer Stadt, deren Name Törökszentmiklós (Türkensanktniklaus) an jene Zeit erinnerte, von der sein Roman erzählt. Doch erinnert die Widmung der 'Legende von den Tränengauklern' auch an einen anderen Miklós, an den im Sommer dieses Jahres verstorbenen Miklós Meszöly, dessen Einfluss auf die neue ungarische Literatur kaum überschätzt werden kann. László Darvasi aber ist als Autor ganz einzigartig, seine merkwürdigen Geschöpfe, seine Bilder überwuchern die festgefügten Bastionen der Historie und verwandeln sie in einen Märchenwald voll schrecklicher und trauriger Wunder.

'Wir sehen ein verblichenes Männergesicht, die Zeit bestreut es mit Silberstaub', so beginnt die Legende von den Tränengauklern': 'Sie tut uns den Gefallen und belässt es gnädig bei dieser Komposition.' Es ist das Bild eines Mannes, dem der Krieg sein Wiegenlied gespielt hat.

1659, während der Belagerung von Wardein, hockt ein aus Balaszentmiklós geflohenes Paar in einer Scheune, Josef Pillinger und seine Frau Susanna, und zwischen ihnen im Heu liegt ihr Sohn Franz. Im türkischen Lager lädt Feldzeugmeister Abi bel Bedenzi sein größtes Geschütz, und während die Kugel über Schanzen und Wassergräben hinwegrast, währt diese biblische Szene noch fort, doch nur einen Seufzer später liegt Franz als Waisenkind unter einem Henkelkorb, und um ihn herum liegen die blutig zerrissenen Fetzen des Krippenspiels unter Trümmern.

Ein Liebespaar trifft sich in der Ruine und übersieht den Säugling, dem dessen 'flinke und spielerische Bewegungen' gefallen. Doch wieder feuert die türkische Kanone, und wieder ist Franz danach allein. Während Wolken das 'grinsende Halbrund des Mondes' plündern, beginnt er schnarrend zu weinen, ein leises Kinderweinen, 'nur so, als würde der Wind mit einer Stalltür spielen'. Schon kommt der Tod in die Scheune und lässt sich neben dem Säugling nieder, doch er wartet vergeblich. Das Kind, 'das einmal ein schwermütig blickender Ungar mit großem Kopf werden' soll, wird unverhofft gerettet. Von einem Mann, der später den Feen in die windigen Hände fällt.

Franz Pillinger, 'der Bruder des Menschen', ist Darvasis Simplicissimus, Kriegswaise und Kriegsmann, ein tapferer Kuruze, beschnitten von einem feindlichen Säbelhieb, versonnen blickend und seltsam unberührt.

'Das Erzählen schmerzt nicht. Nur spüren wir, während die Worte blühen, den bitteren Honig der Schwermut auf unserer Zunge', schreibt Darvasi: 'Wir reisen in der Einöde von Wörtern und Sätzen. Und nicht der Weg und auch nicht unsere Laune wird dieser Reise ein Ende setzen. Vielleicht wird es nur ein winzige Träne sein.'

Am Schluss blickt dann Bálint Homonnai-Nagy, Hauptmann und Kreuzfahrer, noch einmal in die Landschaft, und: 'Ob er will oder nicht, er sieht ihn. Den Wagen dort in der Ferne, und darauf die blaue Träne.'












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