In dieser Ausgabe
Maria Antonia Oliver
Wer ich bin und warum ich schreibeIch bin also eine Frau (eine junge Frau, wollte ich eigentlich schreiben, aber das ist wohl nicht mehr so angebracht), ich heiße Maria-Antònia Oliver i Cabrer, bin in Manacor geboren und schreibe, weil es mir gefällt.
Damit wäre eigentlich schon alles gesagt, aber ich wurde gebeten, drei bis vier Seiten zu diesem Thema zu schreiben und ich weiß eigentlich nicht genau, was ich noch erzählen soll. Für gewöhnlich werden mir immer die gleichen zwei unbeantwortbaren Fragen gestellt, nämlich wer ich bin und warum ich schreibe, und Journalisten sind da besonders hartnäckig. Es ist unmöglich, ein Leben und eine Bestimmung oder Leidenschaft genau zu definieren, da beide aus einer Unzahl von Momenten und Situationen bestehen, von denen wir viele nur beiläufig wahrnehmen, einige dauern Sekunden und andere ein ganzes Leben, die meisten ziehen unbewusst an uns vorbei.
Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, gehörte es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, mich im Spiegelschrank meiner Eltern zu betrachten. Es war ein dreiteiliger Spiegel, dessen Seitenflügel man so aufklappen konnte, dass ich mich ganz und gleichzeitig unendlich oft wiedergespiegelt sehen konnte, so oft, dass ich mich nicht mehr wiedererkannte. Das hat mir Angst gemacht und ich klappte dann den Spiegel schnell zu, mit allem, was darin zu sehen war, und lief weg, um etwas anderes zu spielen.
Ich hatte auch einen Großonkel Joan, der mir Geschichten erzählte. Einige Menschen sind geborene Geschichtenerzähler und andere Menschen, so wie ich, verfügen über andere Talente. Ich denke, ich kann gut schreiben, aber erzählen kann ich nicht. Mein Onkel konnte es. Während er Bohnen schälte, Strohseile flocht, sich die Fingernägel mit einem Messer schnitt oder ein Fohlen nach Sa Cova führte - seine Hände waren immer in Bewegung -, da saß ich stundenlang an seiner Seite und lauschte verzückt seinen Geschichten. Als ich an Scharlach erkrankte und sechs Wochen lang das Bett hüten musste, überraschte er mich mit einem wahren Geschichtenreigen, der aus bereits erzählten und selbst ausgedachten Märchen, Fabeln und Legenden bestand. Scharlach war eine wirklich wunderbare Krankheit!
Mit zwölf bin ich dann in einen Zustand großer Traurigkeit verfallen. Hätte man mich zu einem Psychiater geschickt, hätte dieser sicherlich eine durch religiöse Probleme hervorgerufene prämenstruelle Depression diagnostiziert. Es hatte tatsächlich alles mit Gebetsübungen angefangen, aber wahrscheinlich waren diese Exerzitien lediglich der Auslöser meiner seelischen Probleme. Es wurde mir alles zu viel und der Rest der Welt ließ mich einfach nicht in Ruhe. Zu Hause habe ich darüber nicht gesprochen und wenn meine Mutter mich fragte, warum ich ständig weinte, antwortete ich: 'Ich bin traurig' und dann sagte sie: 'Das geht vorbei', oder sie lächelte einfach.
Ich habe das ganze Schuljahr lang die Mädchen aus meiner Klasse gefragt: 'Bist du glücklich, Francisca?', 'Bist du glücklich, Catalina?' und sie schauten mich nur erstaunt an, während ich so todunglücklich war, dass ich am liebsten sterben wollte. Richtig sterben! Ich wollte weder auf der Erde, noch im Himmel oder in der Hölle sein - ich wollte gar nicht existieren. Das war die Zeit, als ich mit dem Stehlen begann. Nur ein wenig Geld für Autoscooter. Der Autoscooter war der einzige Platz, an dem ich mich nicht traurig, verzweifelt und unglücklich fühlte; der einzige Platz, an dem ich nicht an den Tod dachte.
Danach wollte ich Kinostar werden und verliebte mich jede Woche aufs Neue in einen anderen Jungen. Ich war dicklich und klein, hatte dünne Beine, einen großen Busen, fast keine Taille und zu allem Unglück auch noch krauses Haar und das Gesicht voller Pickel. Ich sah also genauso aus wie ein Kinostar nicht auszusehen hatte und bei den Jungen verlieh mir das auch nicht gerade mehr Chancen. Zu dieser Zeit entwickelte ich eine Leidenschaft für Milchkaffee. Ich liebte Milchkaffee. Ich war eine wahre Leseratte und während ich alles Lesbare geradezu verschlang, trank ich meinen geliebten Milchkaffee und während ich fleißig lernte und gute Noten bekam, trank ich auch Milchkaffee. Sogar wenn ich meine Lieblingsplatten von Elvis Presley und den Beatles hörte, trank ich Milchkaffee.
Meine Familie ist später nach Palma gezogen und ich beschloss Stewardess zu werden. Meine Mutter erzählt mir heute noch, dass sie über diese Entscheidung sehr unglücklich war, mich aber nicht davon abbringen konnte: 'Du bist ja so dickköpfig!', sagte sie immer. Für mich war der Beruf der Stewardess gleich bedeutend mit einem Leben voller Abenteuer, aber meiner Familie bereitete mein Wunsch nur Kopfzerbrechen: 'Das sind doch alles nur Flittchen, Marieta Antònia', urteilte ein Freund meines Vaters. Aber ich hörte nicht auf diese Einwände, weil ich längst entschieden hatte, so zu sein wie Doris Day, die in einem Film, an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnere, ein Flugzeug und sämtliche Passagiere vor dem Absturz rettete. Zur gleichen Zeit hatte ich schon eine Kurzgeschichte geschrieben und mit einem Roman begonnen und mit zwanzig habe ich dann angefangen, mein Land kennen zu lernen und entdeckt, dass man in meiner Muttersprache einfach alles ausdrücken und beschreiben kann, was es auf der Welt gibt und so begann ich auf Katalanisch zu schreiben.
Aber warum schrieb ich eigentlich? Ich habe Gedichte, die ich mit acht geschrieben habe, eine Geschichte mit dreizehn und einen nicht vollendeten Roman, als ich 18 war - alles auf Spanisch und alles ziemlich schlecht. Ich möchte damit sagen, dass ich die Neigung zum Schreiben schon recht früh entwickelt habe. Aber aus welchem Grund? Kam in den Gedichten über eine gemeine aber sehr schöne Frau meine frühe Faszination für Spiegel zum Ausdruck? Spiegelte sich in der Geschichte von einem Bleistift, die ich mit dreizehn schrieb, irgendetwas von der Flucht zu den Autoscootern oder von den Geschichten meines Onkels Joan wieder?
Seit Oktober 1970, als mein erster Roman veröffentlicht wurde, habe ich nicht mehr aufgehört zu schreiben und ich frage mich, was ich heute noch gemeinsam habe mit diesem Mädchen mit Stiefeln und der Puppe im Arm, das ich auf einem Foto betrachte. Bin ich das noch oder ist das jemand anderes? Und was von all dem Erlebten, von meinem Wunsch Stewardess zu werden oder von den Straßenkämpfen mit der Polizei zur Franco-Zeit, findet sich in meinen Romanen, Artikeln und Geschichten wieder?
Viele Schriftsteller sagen, sie schrieben, um von den Menschen geliebt zu werden und Anerkennung zu erfahren, um die Unsterblichkeit zu erreichen oder die inneren Dämonen auszutreiben, um Ungerechtigkeiten zu kritisieren oder eine Neurose zu überwinden, ... aus all diesen Gründen schreibe ich auch und außerdem, weil ich beim Schreiben ich selbst sein kann, weil Schreiben ein Teil von mir ist und weil ich hoffe, dadurch ein ganz klein wenig unsterblich zu werden. Vor allem aber, weil es mir einfach Spaß macht und es das Einzige ist, was ich wirklich kann. Ich schreibe, also bin ich. Aber wer bin ich? Welche Neurosen und Manien versuche ich mit der Schriftstellerei in den Griff zu bekommen? Was will ich kritisieren und was nicht? Wo ist die junge Frau, der die Welt zu Füßen lag, als ihr erster Roman veröffentlicht wurde und was wurde aus der, die vor knapp drei Jahren an einer Embolie erkrankte? Ich weiß es wirklich nicht und wahrscheinlich denke ich in zwei Monaten ganz anders darüber als gerade in diesem Moment.
Alles was passiert, beeinflusst uns: Gesundheit und Krankheit, Liebe und Verliebtheit, Wahlergebnisse und der Krieg in einem entfernten Land. Wir Menschen verändern und entwickeln uns weiter und ich finde es wenig hilfreich, einen Menschen ein Etikett zu verpassen, um ein unveränderliches Bild von ihm zu haben. Trotzdem gibt es einige Dinge im Leben, die Bestand haben und unveränderlich sind und dazu gehört die Literatur. Literatur als Wert an sich, ohne die Qualität oder Quantität des Geschriebenen zu berücksichtigen. Wer bin ich und warum schreibe ich? Ich weiß es nicht genau und es bereitet mir auch kein Kopfzerbrechen. Für mich ist Schreiben Leben und Leben heißt Schreiben.
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
site by
CHL



