In dieser Ausgabe
Die Korsische Belletristik
Das Strassencafe
Als die Sonne unterging, schleppten sich die Wolken träge über den Septemberhimmel. Die Stadt, bei Gluthitze, Verkehrsstaus und menschlichem Gewimmel in Stumpfsinn versunken, wartete darauf, dass sich endlich ein Gewitter entlud. Aber der Himmel wollte nicht aufreißen, und die brütende Hitze hatte dem Ort eine Dunstglocke aufgedrückt.
Er saß, hing eher halb im Stuhl, das Hemd offen, verbarg seine Augen hinter dunklen, aber auch glänzenden Brillengläsern, sodass sich die Strasse mit ihrer Unruhe darin widerspiegeln konnte. Schweiß rann ihm die Schläfen hinunter, als gelte es den Regen, der nicht vom Himmel fallen wollte, freizukaufen. Zwischen zwei Zügen aus seinem Zigarillo zuckte er mit den Augenlidern, sobald ihn ein Sonnenstrahl streifte, oder er verharrte in seiner Stellung und beobachtete das Geschehen auf der Strasse. Es war nicht nötig, weitere Angstgefühle in sich aufkommen zu lassen, solange sich die, die das Wetter auslösten, so unbezwingbar in einem ausdehnten. Auf den funkelnden Brillengläsern zogen die von launischem Wasser aufgequollenen Wolken, immer langsamer vorbei. Wie ein Pfeil schoss eine Schwalbe in die Höhe, um einen Lufthauch zu erhaschen, qualmende Lastwagen rollten vorbei, und Touristen mit vor Hitze roten Gesichtern, wie betäubt, Schirmmützen quer aufgesetzt, suchten nach einem Schattenplatz. Hin und wieder brachte ein weibliches Gesicht, das vorbeizog, einen Hauch von Frische in diese stickige Atmosphäre.
Doch was verbargen diese Augen, diese Lippen, diese fein gezeichneten Wangen? Durch die dunklen Brillengläser erriet man kaum etwas, man konnte nur seine Phantasie schweifen lassen, die sich aber auch als trügerisch erweisen konnte. Ein Mensch bietet sich nicht dar wie ein offenes Buch, das man so durchblättert; denn bevor man das Herz der Aghje erreicht, heisst es, die sorgsam errichteten Steine der Umrandung zu umgehen, um, sobald man im Zentrum angekommen ist, heisst es die Stunde des Getreideschworfeln abzuwarten, die von der aufkommenden Brise bestimmt wird. Der Brise, die an diesem Abend selbst an der Meeresküste fehlte.
Die Brillengläser reflektierten Scharen von bekannten oder unbekannten, vollen oder länglichen, breiten oder feinen Gesichtern, die sich zwischen den Karosserien der Autos mischten. Ab und an näherte sich ein bedrohlicher Sonnenstrahl&
Er registrierte eine lange Reihe von Haltungs- und Verhaltensmustern derer, die an ihm vorbei zogen. Von denen, die ihr Glas nur genießen, wenn sie an die Theke gelehnt, immer zur gleichen Zeit, am gleichen Platz an der gewohnten Ecke des Tresens die Welt zu verbessern pflegen. Manchmal sagten sie einen Gruß, einige höfliche Floskeln: fragten nach der Gesundheit, den Kindern, wann beginnst du wieder zu arbeiten, was für eine Hitze, ich bin geschafft. Der Aperitif floss durch alle diese Kehlen wie das Wasser in einem Bach. Eben, ein Bach, in dem man seinen Kopf ins Wasser taucht und ihn unter Wasser hält, um sich vor jeglichen Ängsten zu schützen.
Und doch liegt das Dorf dort oben, ganz oben, gestern jedenfalls und vor einem Monat, aber gegenwärtig ganz und gar nicht mehr. Gedanken flogen wie Wolken am Firmament vorbei, gleich den vorbei ziehenden Menschen in den Strassen. Und dann gab es noch die Frauen, die dort saßen, die zunächst in den kleinen Spiegeln erschienen, dann auch wieder schnell daraus entschwanden, als wäre alles nur ein flüchtiger Traum. Man musste schon den Kopf drehen, um sie wieder in die glänzenden Rechtecke einzufangen. Waren es noch zu erobernde jungfräuliche Lande ? Bereits in Beschlag genommene Gebiete ? Er wusste nicht, ob die Blicke, die ihn beiläufig trafen, zufällig, herausfordernd oder bereits viel versprechend waren. Und er versuchte es erst gar nicht herauszufinden, ihm reichte es, seiner Phantasie freien Lauf lassen zu können, einstweilen zumindest&
Inzwischen ging man vor Hitze ein, die Sonne wollte einfach nicht untergehen, endlich, einige Regentropfen, nein, nicht einmal das, es würde wieder keinen Regen geben. Hinter der Brille, begannen die Augen nun in das eigene Innerste zu blicken: den vorangegangen August, ein umgefallenes Auto, eine Nacht, mit seiner Frau. Er hätte es geschafft, sagten die Ärzte, es gäbe keine dauernden Schäden, keine lebenswichtigen Organe seien betroffen. Ausgestreckt, halb wach auf dem Krankenbett, lauschte er den Gesprächen, die Angehörige mit den Ärzten führten: die Uhrzeit für die Beerdigung, Madeleine, morgen, um siebzehn Uhr, die Arme. Er blieb sitzen, hing weiter halb im Stuhl, das Hemd offen, die Brille vor den Augen. Ungefähr einen Monat zuvor, zur gleichen Zeit, am selben Ort, hatten sie gemeinsam ein angenehmes Leben geführt. Ein einfaches Wohlbehagen, das sich aus ihrem stillen Einvernehmen ergab. Gerade hatte sich das Unwetter in seinem Kopf ein wenig beruhigt. Aber der Septemberhimmel blieb weiter mit Wolken verhangen.
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