DIE SLOWENISCHE PROSA Von Desillusion zum Genre

von Matej Bogataj. Übersetzt von Sebastian Walcher.
Was die slowenische Prosa der letzten zehn, fünfzehn Jahre betrifft, können wir behaupten, dass in ihr zwei grundlegende Ausgangszustände vorherrschen. Darauf deuten jedenfalls die repräsentativsten Romane und Kurzgeschichten. Der zweite ist das Kokettieren mit den zeitgenössischen literarischen Stilen und Richtungen, wie sie sich im zwanzigsten Jahrhundert entwickelt haben, der erster die Fortführung der und das Aufbauen auf die Verbalisierung der Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg als aufständische und subversive literarische Reaktion eine durch das Sieb der Ideologie gepresste Wahrheit wurde.

Die moderne slowenische Prosa bzw. ihre herausragendsten Autoren, Peter Bozic, Lojze Kovacic, Dominik Smole, Andrej Hieng und andere, aber auch deren Dichterkollegen wie Dane Zajc oder Gregor Strnisa erlebten die Unsinnigkeit, die Absurdität, das Grauen und die Unmenschlichkeit des Krieges, die Okkupation, die Deportation, den Bruderkrieg, nach all dem die blutige Abrechnung der Sieger mit den Besiegten und schließlich die Vergeltung der Titoisten, gemeinsam mit dem Informbüro, als ihr fundamentales Erlebnis.

Die Welt brach damals vor ihren Augen zusammen und überragte alles, was sich bis dahin in der Sprache und den Erzählstrategien angesammelt hatte. Die traditionelle Literatur und ihre Sprache genügten nicht mehr. Die Autoren, die nun in der Szene auftreten, attackieren konsequent den Traditionalismus in der Literatur, der die Realität in abgeschlossenen Geschichten mit Hilfe logischer Charakterisierung der handelnden Personen und einem allwissenden Erzähler zu erfassen sucht. An seine Stelle tritt die personale Erzählweise, die Erfahrungen und alles Erzählte unsicher, fragmentarisch macht; der entzweiten Welt und ihren abwesenden moralischen Normen werden lediglich der gebrochene und unsicher Aufbau und eine ebensolche Syntax gerecht. Die Wahrheit, so heißt der Titel eines Romans von Lojze Kovacic, wird Gegenstand eines porösen und fraglichen Bewusstseins, das sie ununterbrochen verzerrt. Freilich spielte die Literatur und ihre Reflexion im Einparteiensystem, das keine politischen Alternativen zuließ, noch einmal ihre subversive Rolle aus. Literarische Zeitschriften, die in ihrer Gesellschaftskritik zu weit gingen, wurden eine nach der andern liquidiert und tauchten schließlich im Tauwetter unter anderen Namen und in geringfügig veränderter Besetzung wieder auf.

Die moderne Prosa in ihrer neuen, getarnten Variante mit zahlreichen Elementen der Fin-de-siècle-tradition oder des neuen Realismus, gleichzeitig angereichert mit neuen formalen Ansätzen, die sie von den amerikanischen und lateinamerikanischen Schriftstellern der Metafiktion übernahm, ist auch in den achtziger und neunziger Jahren präsent. Wenn wir die Preisträger für die besten Romane heranziehen, erkennen wir, dass unter ihnen nach wie vor Schriftsteller moderner Prosa zu finden sind. Vor allem Lojze Kovacic, ohne Zweifel einer der besten Nachkriegsprosaisten, der in seinem umfangreichen Opus seine Erfahrungen niederschreibt, etwa nach dem Motto `ein Leben, ein Buch´. Dabei bohrt er mit eidetischer Sorgfalt und kindlicher, unzensierter Kompromisslosigkeit in der eigenen Erinnerung, konstituiert sich zugleich als literarische Figur und als Erzähler. Die Romane Prisleki (Die Zugereisten), Kristalni cas, Vzemljohod und Otroske stvari, um nur einige der letzen zu erwähnen, sind nur vier umfangreiche Kapitel aus einem Werk, das minutiös das Leben und Handeln des Autors beschreibt. All das ist vor eine opulent beschriebene, halbvergangene historische Kulisse gestellt und in komprimierten, rasiermesserscharfen Sätzen festgehalten.

Andrej Hieng entspringt dem Existentialismus. Seine Prosa ist durchwirkt von einem geheimnisvollen und quälenden Gefühl der Weltferne des Einzelnen und der Entfremdung, wobei auch im letzten, filigran geschriebenen Roman Cudezni Feliks der weite und artikulierte schriftstellerische Ausschlag zu bemerken ist. Der modernen Prosa bzw. ihrer Vorwärtsbewegung ist auch das Wirken von etwas jüngeren Schriftstellern zuzuordnen. Vor allem Rudi Seligo, der in seiner frühen Prosa die Technik des Nouveau romans verwendet, also Deskription und das Verdrängen des Erzählers, aber auch jeglicher Subjektivität - allerdings, paradoxerweise, von einem humanistischen und kritischen Ausgangspunkt - verarbeitet in seinen letzten Werken, in den Sammlungen Molcanja, Uslisani spomin und dem Roman Izgubljeni svezenj im Stil von Danilo Kis die Paradoxie der Geschichte. Der Einzelne ist dabei Opfer einer totalitären Gewalt oder skrupelloser Konsum- und Kapitallogik, wobei sich Seligo der Satire bedient, auch solcher menippischen Typs. In der Ohnmacht des Einzelnen gegen das absurde Schicksal oder den etwas konkreteren Druck der Geschichte und ihrer Subjekte, die alles folgende entstellen, ist ihm Drago Jancar nahe. Dieser schreibt von seinem ersten Roman Galjot (Der Galeot) an gerade von dieser Absurdität der Geschichte, von Verfolgung und der fehlenden Basis des Einzelnen. Im Roman Severni sij (Nordlicht) erzählt er im Stil Kafkas von einem Helden und dessen `Sich-Verlieren´ im Grauen und der Bewegung an den Rand des Wahnsinns. Ähnlich wie in Galjot stellt auch in Katarina, pav in Jezuit (Katharina, der Pfau und der Jesuit) die Geschichte die Kulisse, freilich um die Unveränderlichkeit, die Archetypie der Situation darzustellen. Die Geschichte eines Beziehungsdreiecks im Gesichtskreis einer Wallfahrt ist in dichten, schweren, barocken Sätzen geschrieben.

Zvenenje v glavi (Rauschen im Kopf) ist eine romaneske Farce. Am Beispiel eines Gefängnisaufstandes und der Machtübernahme in der Strafanstalt durch die Häftlinge paraphrasiert er auf ironische Weise Orwells Animal Farm und beschreibt die Mechanismen der Macht sowie die schlussendliche Sinnlosigkeit und Entartung jeglicher emanzipatorischen Aktion. In den Kurzgeschichten nähert sich Jancars Opus den literarischen Strategien von Borges, der Handlungsort dehnt sich weltumspannend aus, er sucht die für ihn typischen Abweichungen vom Etablierten, die zu Katastrophen auswachsen, von welchen manche klein, banal und deshalb auch ausgesprochen humorvoll und ironisch gefärbt sind. Jancar ist einer der aktivsten Essayisten Sloweniens. Er behandelt verschiedenste Themen, vom mitteleuropäischen Kulturraum über Fallen und Abwege der wirtschaftlichen Übergangszeit Sloweniens bis zu Überlegungen zur neuen, gemeinsamen, europäischen Integration.

Über das literarische Geschehen ab Beginn der Achtzigerjahre läßt sich sagen, dass es ausgesprochen offen war, dass es sich durch große Toleranz gegenüber neuen, kommenden Erscheinungen auszeichnet. Die schriftstellerischen Taktiken und literarischen Richtungen kohabitieren ohne Hierarchie und befruchten einander. Leichtfüßig wechseln sie von einer in die andere, selbst innerhalb des Opus eines einzelnen Schriftstellers. Eine dominante literarische Richtung gibt es nicht; trotz gelegentlicher, jedoch für die Lebendigkeit des literarischen Geschehens viel zu wenig polemischer oder jedenfalls nicht deutlich genug artikulierter Versuche, eine der Gruppierungen einzuheben. Somit ist der kollegiale Zusammenschluss zu Gruppen eher eine Sache des Pragmatismus, der täglichen kulturellen Bedürfnisse und des Miteinanderhandelns, als ein Zusammenschluss zu Verbänden, die auf ästhetischer Verwandtheit gründen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass man bei einer Reihe von Schriftstellern eine starke Variation der prosaistischen Ansätze bemerken kann, so zum Beispiel die Bezugnahme auf den Existentialismus oder den psychologischen Neorealismus wie bei Jani Virk, der noch dazu eine Färbung unauslöschlicher Sehnsucht und schicksalsträchtiger Verflechtung von Eros und Thanatos aufweist.

Ein ähnliches Gewimmel von Techniken und Anhäufungen stilistischer Spielereien finden wir auch bei Feri Lainscek, der einmal den ruralen Realismus imitiert, so etwa in Namesto koga roza cveti oder Ki jo je megla prinesla, wo er erkennbar und geradezu meisterhaft das Model des sentimentalen Realismus aus der Zwischenkriegszeit nachahmt, ein ander Mal aus den New-Age-Spekulationen über die Reinkarnation schöpft und eine pseudohistorische Chronik mit Liebesgeschichte im Vordergrund schreibt (Locil bom peno od valov). In seinem Opus finden sich auch ausgesprochen metafiktive Romane, in denen Lainscek mit der zweideutigen Identität des Erzählers spielt und daraus eine fantastische Schlinge dreht, in der sich die Erwartungen des Lesers verfangen.

Ausdrucksvoll und leicht erkennbar ist auch das prosaistische Werk von Dusan Merc. Seine Romane befassen sich mit Repressionen, mit der Abgeschnittenheit des Einzelnen, vor allem unter Betonung der Unbestimmbarkeit der Geschehnisse, was sich schon auf der Ebene der Erzähltechnik zeigt: Die Welt ist immer unüberschaubar und unfassbar, rissig und angeknackst, beobachten wir sie doch aus dem Bewusstsein der Protagonisten, sie nährt sich auf fantastische Art an der Immanenz der eher außenseiterischen literarischen Figuren.

Bei der gesamten jüngeren, um 1960 geboren Schriftstellergeneration macht die zuvor mühsam entdeckte Autorensprache der überwiegend modernistisch verankerten Generation einem in zweiter Instanz angenommenem, selbstreflexivem Schreiben und dem Genre der Travestie Platz. Darin gingen die Vertreter der postmodernistischen Generation am weitesten. Es stimmt, dass es verhältnismäßig wenig radikale Werke unter direktem Einfluss von Borges und den amerikanischen Schriftstellern der Metafiktion gibt. Andrej Blatniks Roman Plamenice in solze und einige seiner Kurzgeschichtensammlungen gelten als der Gipfel derartiger Literatur. In letzter Zeit bewegt er sich jedoch mehr in Richtung des Minimalismus eines Raymond Carver. Seine Weggefährten beim programmatisch metafiktiven Schreiben sind Branko Gradisnik, Emil Filipcic, Igor Bratoz und Aleksa Susulic. Ihre Erfahrung beim Recycling und den Erklärungen zum Quadrat, als Kopie bereits bestehender Rede oder eines literarischen Genres, beeinflusste auch andere Autoren. Man diese Erfahrung wohl bei einer ganzen Reihe von Schriftstellern beobachten, etwa in der Kurzprosa und den im Stil Poes gehaltenen Romanen von Mate Dolenc, der Unterwasser-Reiseberichte, Erfahrungen von Tauchgängen in der Adria und Schifffahrten auf allen Weltmeeren verfaßt oder sich in düsteren, sumpfigen Randgebieten wiederfindet. Oder aber bei Maja Novak, einer luziden und geistreichen Autorin von Genretravestien, die immer wieder von Frau in der Männerwelt erzählt.

Berta Bojetu-Boeta schreibt in zwei meisterhaften Romanen über die Geschlechter und die Gewalt, die Macht (des Mannes) und ihre Faszination. Filio ni doma und Pticja hisa sind ohne Zweifel ausgezeichnete, dicht gepackte Artikulationen der Autorin über das weibliche Geschlecht. Mit dem typisch slowenischen Thema der possessiven Mutter und der inferioren Tochter beschäftigt sich auch Brina Svit in ihrem Roman Smrt slovenske primadone.

In einer solchermaßen klassifizierten slowenischen Prosa der letzten Jahre finden sich noch einige weitere herausragende Namen und Strömungen: Die Regionalisten und `Archaisten´ Marjan Tomsic, Vlado Zabot und der bereits erwähnte Feri Lainscek schreiben vorwiegend von geografisch dislozierten Gegenden und deren Bewohnern. Hierbei ist das Schreiben fantastisch, unter der Oberfläche der Zivilisation sind noch heidnische, vorchristliche und magische Traditionen erhalten. Eine solche Remythologisierung und Erneuerung des ursprünglich Volkstümlichen nähert sich sehr der Düsterheit von Märchen, hinsichtlich der zeitgenössischen literarischen Gattungen erinnert sie stark an den magischen Realismus. Auf der anderen Seite gibt es aussagekräftige Beschreiber eines wilden, chaotischen, entpersönlichten Stadtlebens, z.B. Andrej Skubic. Seine beiden Romane Grenki med und Fuzinski bluz sind geistreiche, geschickt verwobene literarische Studien über den Zustand der slowenischen Sprache und ihrer Realisierungen, z.B. des städtischen Slangs von Jugendlichen. Über Helden im sozialen Abseits schreibt Vinko Möderndorfer. Sein Stil ist von Erotik durchsetzt, ähnlich wie bei Mojca Kumerdej und Ales Car. Aus Platzgründen wurden gleich mehrere, durchaus bekannte Autoren ausgelassen. Kurz, die slowenische Prosa ist thematisch und in den Genres lebendig und offen, quantitativ reichhaltig. Jedes Jahr erscheinen etwa 50 Romane und ebenso viele Sammlungen von Kurzgeschichten. Ähnlich reich ist das Leben bei den literarischen Zeitschriften und internationalen Literatentreffen.

Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass die schädlichen Eingriffe in das Verlagswesen, also der Wandel zur Privatisierung, der Schwund an finanzieller Unterstützung bei den Ausschreibungen und die Verbürokratisierung des `Hauptsponsors´ der slowenischen Belletristik, dem Kulturministerium, dessen Aufgabe es ist, die Folgen der wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten durch zusätzliche Finanzierung literarischer Programme zu abzufedern und freiberuflichen Schriftstellern angenehme Arbeitsbedingungen zu schaffen, zur Ruhe kommen werden.











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