BÜCHER: FÜR EIN APFEL UND EIN EI?

Kurze Geschichte des gegenwärtigen slowenischen Verlagswesens
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von Andrej Blatnik. Übersetzt von Sebastian Walcher.
Vor dem Jahr 1991 war Slowenien anders. Es war ein Teil des ehemaligen Jugoslawiens, in dem zwei Millionen Einwohner, acht Prozent der gesamten Bevölkerung, ein Viertel des Bruttosozialprodukts erwirtschafteten. Slowenien war eine ethnisch homogene teilweise autonome Republik, deren Bewohner eine Sprache verwendeten, die anders war als die Staatssprache. Das Buch war damals ein Objekt von `besonderer gesellschaftlicher Bedeutung´.

Durch Jahrhunderte hindurch hielt es unter unterschiedlichen Herrschaften, von welchen sich die österreichisch-ungarische Monarchie am längsten behauptete, das slowenische Kultur- und Nationalbewusstsein aufrecht. Das erste national-kulturelle Programm formte der bedeutendste slowenische Dichter France Preseren (1800-1849) mit seiner Grundsatzentscheidung auf Slowenisch zu schreiben und nicht in der damaligen Amtsprache, dem Deutschen, in dem er anfangs einige (weniger erfolgreiche) Gedichte schuf.

Im Jahr 1866 übertrug der Dichter und Erzähler Josip Stritar (1836-1923) im Vorwort der zweiten Auflage von Preserens Poezije (Poesie) dessen Nationalprogramm in eine für das Manifest passendere Sprache. Slowenische Schriftsteller spielten auch in den Jahren des Umbruchs der jüngeren slowenischen Geschichte (1988-1991) bei der Gestaltung der slowenischen Staatlichkeit eine merkliche Rolle, so waren sie unter anderem noch in der Zeit Jugoslawiens die Autoren der interimistischen Schriftsteller-Verfassung. Es war also zu erwarten, dass der selbstständige Staat den Status des slowenischen Buches und des kreativen Schreibens in allen Bereichen intensiv unterstützen würde.

Diese Illusion hielt jedoch nicht lange an, das Buch begann sein Schicksal mit allen am Markt erhältlichen Konsumgütern zu teilen. Es stimmt, dass nach der Liberalisierung der Wirtschaft aus vormals etwa zwanzig staatlich beaufsichtigten Verlagen einige hundert Wirtschaftsvereinigungen entstanden, die auch für das Verlagswesen registriert waren, es stimmt, dass auf der Laibacher Buchmesse jedes Jahr etwa achtzig Verlage ausstellen und es stimmt, dass in den letzten Jahren des 20. Jh. in Slowenien jedes Jahr ca. viertausend Buchtitel erschienen, davon mehr als drei Viertel Erstausgaben, also doppelt so viele wie im Jahr 1990; es stimmt aber auch, dass diese zweitausend Titel aus dem Jahr 1990 in einer Gesamtauflage von sechs Millionen erschienen sind, was auch die Gesamtauflage des Jahres 2000 ausmachte. Somit halbierte sich die durchschnittliche Auflage eines Buchtitels innerhalb von zehn Jahren auf 1500 Exemplare.

Die Anzahl der einzelnen kulturell relevanteren Programme verringerte sich dabei am stärksten: Die durchschnittliche Auflage von Gedichtbänden viel unter 500 Stück, die Auflage slowenischer Prosa beginnt bei 400 Exemplaren und erreicht selten mehr als 1500.

Gleichzeitig mit dem Verkaufsrückgang stiegen auch die Preise der Bücher, die sich nun, den Veränderungen des restlichen Marktes entsprechend, noch schlechter verkauften. In der sozialistischen Zeit des Konsumgütermangels kaufte man sich mit dem Rest des Geldes eben Bücher, etwas anderes gab es sowieso nicht. Nun steht alles zum Verkauf, vom Hamburger über Designerkleidung bis hin zu Aktien und die Auswahl ist groß. Ein Buch kostet soviel wie ein Mittagessen für vier Personen, man kann es sich aber auch in jeder Bücherei ausleihen, kostenlos. Der Buchverkauf fiel somit innerhalb von zehn Jahren auf ein Drittel des ehemaligen, umgekehrt stieg der Verleih von durchschnittlich drei bis vier auf durchschnittlich neun Buchtitel pro Person im Jahr.

Teilweise verhalf auch der erhöhte Konsum ausländischer Bücher zur Veränderung im Konsumverhalten heimische Titel betreffend. Meine literarische Ausbildung ermöglichte ich mir in den 80er Jahren mit Büchern, die ich auf Reisen per Autostopp aus Westeuropa schmuggelte. Eingeführte Bücher waren selten, weshalb meine Sammlung für die Universitätsbibliotheken kopiert wurde. Nun gibt es in Ljubljana amerikanische, englische, deutsche, italienische und französische Ausgaben oft schon gleichzeitig mit ihrem Erscheinen im Ausland. Was man nicht in der Buchhandlung erhält, kann man im Internet bestellen, oftmals auch schneller und günstiger, weshalb es immer weniger ernstzunehmende Buchhandlungen gibt, in Ljubljana z.B., schon weniger als Radgeschäfte.

Der Status der Literatur hat sich verändert. Vor dem Jahr 1991 lasen die Menschen oftmals, um in der Literatur etwas Anderes zu finden. Etwas Andersartiges. Etwas, das man nirgendwo sonst hören durfte. Geschichte, Soziologie, Politik. Im Roman suchte man nach demokratischen Ideen, in der Poesie die Stimme des Widerstandes. Nun ist der Politik alles erlaubt und der Literatur sind nur jene Leser geblieben, die sich für sie interessieren, weil die Literatur sie interessiert. Die Heimat ist der slowenischen Literatur zu eng geworden, die Zahl der heimischen Leser wiederum zu gering.

Diese Verengung des Raumes traf einige Schriftsteller äußerst hart, andere wieder trösteten sich mit dem Interesse ausländischer Verleger: Zeitgenössische Autoren, die vor dem Jahr 1991 im Ausland Bücher veröffentlichten, kann man an einer Hand abzählen. In den letzten zehn Jahren erlebten mehr als sechzig Autoren die Publizierung ihrer Werke in anderen Sprachen. Eine ganze Reihe von Schriftstellern veröffentlicht in angesehenen Zeitschriften, einige sind in die angesehensten ausländischen Verlagsprogramme eingegliedert. Auch die exotischen Slowenen sind gut fürs Business: Der Gallimard-Verlag begann auf der ganzen Welt die in Paris lebende Brina Svit zu verkaufen, der Verse-Verlag den Philosophen Slavoj Zizek und wahrscheinlich ist jener Tag nicht mehr fern, an dem slowenische Verleger slowenische Autoren von ausländischen Verlagen kaufen werden. Und sie vielleicht sogar übersetzen: Zu ihrem internationalen Vorstoß trug vor Allem bei, dass Brina Svit nach den ersten übersetzten Büchern begann auf Französisch zu schreiben, Slavoj Zizek wiederum auf Englisch.

Der heutige slowenische Leser erwartet nicht mehr, dass die Poesie eine bessere Welt schafft, dass sie sein Leben mit Sinn erfüllt, früher oder später verlässt er sich nur noch auf sich selbst. Die Besinnung auf das Nationale hat den Roman verlassen und ist in die Texte der Wahlkampagnen übersiedelt. Die Literatur hat sich von ihren für die Gesellschaft wichtigen Funktionen befreit, sich verselbständigt, verlor aber zugleich viel an gesellschaftlichem Einfluss. Die staatliche Unterstützung des national bedeutenden Buches ist noch ein Überbleibsel des vorangegangenen Regimes; mit ihrer Hilfe erscheinen jährlich in etwa 200 Buchtitel und ca. siebzig Kulturzeitschriften mit Auflagen von wenigen hundert bis zu einigen tausend Exemplaren. Im Jahr 2003 wurden ca. 1,4 Million Euro für die Unterstützung von Buchausgaben bestimmt, für Zeitschriften ca. 800.000 Euro, 280.000 Euro für internationale Zusammenarbeit, von Stipendien für Übersetzer, bis zur Mitfinanzierung von Literaturfestivals und ein klein wenig zur Förderung der Lesekultur, insbesondere von Lesungen und literarischen Gesprächen. Man kann daraus schließen, dass eine derartige Unterstützung den Großteil der qualitativ hochwertigen Projekte heimischer und übersetzter Literatur ermöglicht, rechnet sich doch ein nicht subventioniertes Buch (bei adäquater Bezahlung der Urheberrechte) erst bei Auflagen, wie sie von belletristischen Werken in Slowenien nur selten erreicht werden.

Im Einklang mit der neuen Lage veränderte sich auch das slowenische Verlagswesen: Von den großen Verlagshäusern der sozialistischen Ära konnte sich im Grunde genommen nur eines anpassen und bestehen bleiben, das heute beinahe die Hälfte aller Bücher in Slowenien verkauft und den Großteil der Einkünfte erreicht, indem es die Rechte an Büchern im Westen kauft und sie auch in seinen Tochterverlagen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens herausgibt. Das zweitgrößte Verlagshaus, der ehemalige slowenische Staatsverlag, stellte die Publikation von Belletristik ein, gibt nur noch Lehrbücher heraus und beschäftigt sich mehr mit Kapitalanlagen als mit dem Verlagswesen. Wie eine kürzlich vom Ministerium für Kultur finanzierte Studie zeigte, werden die meisten kulturell relevanten Bücher in Slowenien von kleinen gemeinnützigen Verlagen herausgegeben. Viele von diesen haben nicht einmal einen einzigen Angestellten.

Wie ein kleiner gemeinnütziger Verleger in einem kleinen profitorientierten Land, wie es das heutige Slowenien ist, überleben kann, ist schon ein Thema, das eher in den Bereich fiction als faction zu zählen ist. Elemente des Sozialdramas, der Burleske, des Horrors und der absurden Komödie sind garantiert.











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