LEITARTIKEL

Aus der Feder geboren
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'Weit weg von Preisverleihungszeremonien, die in die Tagebücher etablierter Gestalten gekritzelt wurden, weit weg von sicheren Akademien, haben Autoren in Slowenien, wie in den anderen osteuropäischen Ländern, Zensur und Armut kennengelernt.'

Von Diarmuid Johnson. Deutsch von Peter Busse.

Transcript freut sich, diese Sonderausgabe über Slowenien kurz vor der Internationalen Prager Buchmesse, auf der Slowenien dieses Jahr Ehrengastland ist, präsentieren zu können.

Ein kleines Land mit einer kräftigen Stimme, könnte Slowenien als Mikrokosmos des sich zur Zeit herausbildenden Europas beschreiben werden. Hier ist ein Land, das seine Existenz, zumindest teilweise, der Hartnäckigkeit seiner Dichter und Denker verdankt. Weit weg von Preisverleihungszeremonien, die in die Tagebücher etablierter Gestalten gekritzelt wurden, weit weg von sicheren Akademien, haben Autoren in Slowenien, wie in den anderen osteuropäischen Ländern, Zensur und Armut kennengelernt.

Aber ist nicht eine Zensur von ganz anderer Art heute in Westeuropa spürbar? Eine marktorientierte Zensur, eine Selbstzufriedenheit, die von der Brieftasche des Konsumenten diktiert wird? Inzwischen stellen reiche und mächtige Länder Waffen her, beuten die Arbeitskräfte ärmerer Länder aus und tragen massiv zur Umweltveränderung bei, die sie völlig ignorieren.

Wie kann die Schreibfeder dies ändern? Integrität ist sowohl ein Thema für den Autor als auch für den Politiker, Juristen und die Welt der Konzerne. Slowenische Autoren haben auf den Ruf der Integrität geantwortet, und indem sie es taten, haben sie in einer Ecke Europas, in der sich die Gebiete slawisch-, romanisch- und germanischsprechender Völker überschneiden, eine Demokratie geschaffen, die zur Stabilität eines Kontinents beiträgt.

In dieser Ausgabe von Transcript stellen wir elf dieser Autoren vor. Unsere Leser werden Drago Jancar kennen, dessen Geschichte Ein Sprung von der Liburnia wir hier veröffentlichen. Andere Namen, die auftauchen, sind Andrej Blatnik und Suzanna Tratnik. Hierin schliessen wir wir Taja Kramberger und Peter Semolic ein. In Slowenische Bücher auf Englisch wird der Leser Ausschnitte aus ihren Werken in Übersetzung finden, und andere Autoren, wie zum Beispiel Tomaz Salamun, den wir in Transcript 13 interviewt hatten.

Wenn man in einer jungen Demokratie lebt und arbeitet und dem Wind der Globalisierung ausgesetzt ist, sind die Flitterwochen eines Künstler allerdings recht kurz. Ein Buch kostet in Slowenien haute soviel wie ein Abendessen für vier Personen, schreibt Andrej Blatnik in seinem gut informierten Überblick über die Geschichte der Veröffentlichungen auf Slowenisch. In Banalitäten schreibt Brane Mozetic über das Leben in Ljubljana: 'Ich kann nur eine Masse von Leuten sehen, die T-Shirts tragen die sagen 'Ich bin niemand. Wer bist du?' Seine Verwirrung angesichts der Geschwindigkeit des Wandels in seinem Land wird von anderen seiner Zeitgenossen geteilt. 'Jetzt lebt sie in einem großen Haus, nein, einem Landhaus, nicht weit von Ljubljana,' schreibt Suzanna Tratnik in Berlin-Metelkova. 'Das Landhaus steht in der Mitte eines überwucherten Gartens, mit einem schmutzigen Steinbecken, von dem ich mein ganzes Leben geträumt hatte.'

Liest man zeitgenössische slowenische Literatur, betritt man einen Raum, in dem verschiedene Kräfte miteinander im Wettstreit liegen, alt und neu, ländlich und städtisch, homo- und heterosexuell, Balkan und Mittelmeer, und in dem der Zusammenbruch der älteren Konventionen ein Vakuum hinterlassen zu haben scheint, in dem Leben gelebt und Bücher geschrieben werden.












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