Mojca Kumerdej

Unter der Oberfläche
Aus dem Slowenischen von Peter Scherber.
`Kommst du nicht mit mir schwimmen?´ fragte er mich, als er auf dem Kies des Seeufers ins Wasser glitt.

`Du weißt doch, dass ich nicht... ich schwimm nicht gerne,´ antwortete ich ihm, so wie ich ihm jedes Mal antworte, wenn er mich fragt; als ob er es vergessen hätte, oder er fragt deswegen, weil er sich nicht daran erinnern will.

Du wirst den wahren Grund niemals herausfinden. Und niemals werde ich ihn dir nennen. Weil wir schon den dritten Sommer, unseren gemeinsamen Sommer, zusammen leben, ohne dass uns beide jemand gestört hätte, war ein Opfer notwendig. An jenem frühen Julinachmittag, nicht nur, dass ich alles sah, sondern dass ich nichts tat - und damit alles tat. Vielleicht war es Schicksal - nämlich, dass ich vom Strand ins Haus gegangen war, weil mir seit dem Morgen schlecht war und ich einen Brechreiz verspürte.

Wahrscheinlich habe ich gelesen, vielleicht auch nicht, womöglich habe ich auch nichts getan, außer, dass ich im Haus auf und ab gelaufen bin und einige Male auf die Terrasse hinaustrat. Ich sah euch beide, wie ihr am Strand spieltet, du und die Kleine mit den langen, zerzausten hellen Haaren. Es stimmt nicht, dass ich nicht an das gedacht habe, was dann später an diesem Nachmittag geschehen ist, dass ich mir das nicht sogar gewünscht hätte. Mir standen Kinder eigentlich nie besonders im Sinn, ich habe einfach nie darüber nachgedacht, zwar schien mir, dass auch wir beide eines haben würden - einfach deshalb, weil in einer Verbindung, in der man sich liebt, so etwas normal ist. Wahrscheinlich hätte ich nicht ernsthaft darüber nachgedacht, wenn ich nicht diese Frau beobachtet hätte, wie sie dich so berechnend umschmeichelt, sich dir anbiedert, sich gezielt ihre Haarfülle zurechtlegt, wenn sie sich mit dir unterhält, wie ihre Mundwinkel beben, bevor sie ein Wort ausspricht, wie sie auf ihre Unterlippe beißt und sich diese - scheinbar nebenbei, in Wahrheit aber gewissenlos und berechnend benetzt und wie dein Blick dabei feucht und starr wird.

Da wusste ich, dass ich etwas unternehmen musste. Nicht zuletzt war sie attraktiver als ich und besaß die Eigenschaft, um sich herum eine Art wärmendes Kraftfeld auszubreiten, eine Fähigkeit, die mir einfach abgeht. Und so geschah es dann. Als du das erste Mal die Hand auf meinen Bauch legtest, da wusste ich, dass ich dich besitze und da entschied ich mich dazu, dich immer zu besitzen, ganz und mit Haut und Haar, ohne dazwischen liegende, störende Elemente, die unsere Liebe bedrohen könnten.

Aber als die Kleine zur Welt kam, hast du dich verändert, vor allem hast du mich nicht mehr so wie vorher angesehen. Nicht mehr als die Geliebte, sondern als die Mutter deines Kindes. Als die Mutter der Kleinen, die sich aus einem Säugling zu einem Mädchen entwickelte und dann immer mehr, das fiel mir auf, zu einer kleinen Frau. Jedes Mal, wenn du nach Hause kamst, hast du zuerst die Kleine an dich gedrückt, hast mit ihren honigfarbenen Haaren gespielt, sie auf die Wangen geküsst und erst dann kam ich an die Reihe. Und die Kleine hat die ersten Monate geheult, unbeschreiblich viel geheult, so dass ich schon damals überlegte, dass man etwas dagegen unternehmen sollte. Jede Nacht weckte sie mich mit ihrem durchdringenden Schreien, so dass ich aufstand und versuchte, sie zu beruhigen, während du selten aufgestanden bist, weil du am folgenden Morgen ausgeschlafen sein musstest, was aber nicht für mich galt, weil ich mit ihr zu Hause bleiben konnte. Deshalb, weil ich für sie sorgte. Weil ich für dein Kind sorgte.

Für dein liebstes Schätzchen, wie du oft sagtest, dabei hast du überhaupt nicht bemerkt, dass mich das schmerzte. Sie wusste sehr gut, dass sie den ersten Platz einnahm, dass du sie lieber hattest als mich. Nicht selten bemerkte ich in ihren großen hellen Augen ein schadenfrohes Lächeln, wenn du sie an dich drücktest, ich selbst aber wartete an der Seite, um an die Reihe zu kommen, wenn ihr beide von einander genug hattet. Die Kleine konnte böse sein, sehr böse und schadenfroh. Sie dachte sich Dinge aus, die überhaupt nicht der Wahrheit entsprachen: so, dass sie nicht das Essen bekommen hätte, das sie sich an diesem Tag gewünscht hatte oder das ich ihr am Tage vorher versprochen hatte, oder dass ich sie einige Male geohrfeigt hätte, als sie im Einkaufszentrum unfolgsam war und sie sich von meiner Hand losgerissen hatte, dies geschah alles nur, um Aufmerksamkeit zu erregen, dann wurde sie vom Personal über Lautsprecher gesucht und die Verkäuferinnen haben mit mir zusammen zwischen den Kleiderbügeln nach ihr gefahndet, bis man sie dann endlich in der Sportartikelabteilung gefunden hat. Sie lachte mir ins Angesicht, als wollte sie sagen, schau, wie viele Leute nach mir gesucht haben, alle wollten sie mich finden, dich eingeschlossen, der du auf der Welt niemanden hast, der dich am allerliebsten hat.

Und dann, in dem Moment, wenn man sie zu mir brachte, dann habe ich sie keinesfalls geohrfeigt, sondern habe sie nur ganz fest in den Arm genommen und ihr über die Haare gestrichen, sie aber hat geschrieen, als täte ich ihr weh; das hat es aber nicht, ich war ja Diejenige, die Schmerz empfand, weil sie mir, wie so häufig vorher, eine Blamage bereitet hatte; alle Augen waren nun auf mich gerichtet, die ich sie so schlecht erzogen hätte, was ich für eine Mutter sei und dergleichen las ich aus ihren Blicken ab. Und dann du, warst zu Hause nicht böse auf sie, sondern auf mich, weil ich sie aus den Augen verloren hatte, weil ich zugelassen habe, dass sich dein Kind von den schützenden Händen seiner Mutter losgerissen hatte.

Unzählige Male hat sie so etwas angestellt, nur um im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Als Freunde zu Besuch kamen, setzte sie sich auf den Sessel, mit übergeschlagenen Beinen und präsentierte dann wie eine kleine Frau den Gästen Fragen, die für ein Kind reichlich unkonventionell klangen und durchaus sexuelle Anspielungen enthielten. Oh, wie wurde sie von allen vergöttert, die wird es den Männern zeigen, in Schach halten wird sie sie, man kann jetzt schon sehen, wie aufgeweckt sie ist, noch dazu ist es so gut wie ausgemacht, dass sie eine richtige Schönheit werden wird. Gescheit und schön, sprachen die Gäste und sie sahen dabei zu dir hin.

Eine wahre Tochter ihres Vaters, dachten sie sicher, Gott sei Dank, sie hat eher wenig von der Mutter mitbekommen. Ihre grünblauen Augen hat sie, ihre vollen Lippen und das entwaffnende Lächeln, mit dem sie alles erreichen kann, und ihre außergewöhnliche Verständigungsbereitschaft... Sicher hat sich schon mancher gefragt, was du an mir findest. Gut, jetzt schon, wo wir ein Kind haben, aber was hat dich damals gereizt, als du dich ja aller Wahrscheinlichkeit nach in mich verliebt hast. Die Leute sind doch immer berechnend und verlieben sich in Menschen, die so schön sind, wie sie selbst, irgendwie wird doch immer abgeschätzt, für wen man zu wenig schön und anziehend ist und wer einem selbst nicht entspricht. Wenn sie uns beide ansahen, haben sie das wahrscheinlich bemerkt und gedacht, dass du wohl eine Attraktivere als mich verdient hättest. Aber Keine auf der Welt wäre fähig gewesen, dich mit solcher Kraft zu lieben wie ich, Keine wäre fähig gewesen, das zu tun, was ich getan habe - gerade damit, dass ich im entscheidenden, schicksalsträchtigen Augenblick nichts unternommen habe.

Mit der Ankunft der Kleinen hatte sich alles verändert, es gab nicht mehr die Sonntage für uns zwei wie früher, wo wir bis Mittag im Bett lagen, mit einem riesigen Holztablett auf dem Boden, voller Obst, Vollkornbrot, Käse und Kaffee mit Kardamom. Nein, immer dann, wenn wir beide begannen, aufzuwachen und du mich an dich zogst, dann öffnete sich normalerweise die Tür und sie kam im Nachthemd zu uns, sprang auf das Bett und umarmte dich. Und damit war Schluss mit allem für diesen Sonntag, für diese Woche. Die Zeit für uns beide wurde immer mehr zur Zeit für die Kleine, sie war es, die den Rhythmus für unsere Morgen und unsere Nächte vorgab. Du wolltest ja nicht, wie ich es dir einst vorgeschlagen habe, dass wir uns einfach mal einschließen; du weißt doch nie, wann sie plötzlich auf die Idee kommt, aus ihrem Zimmer in unser Schlafzimmer zu schleichen.

Das ist nicht gut, nicht human, hast du mir geantwortet, sie ist noch ein Kind und braucht uns... Das stimmt ja, natürlich, habe ich dann gesagt, aber doch nicht immer, jedes Mal, wenn es ihr so einfällt... was soll denn dann aus uns beiden werden? Sie ist doch unsere Tochter, hast du mich dann jedes Mal böse angeschaut, mit dem Vorwurf, als hätte ich dein Kind nicht genügend lieb. Immer, wenn ich morgens aufwachte, dich neben mir fühlte und begann, dich zu berühren, habe voller Angst zur Tür geschaut, gehorcht und mir gewünscht, jetzt nicht diese kleinen Schritte hören zu müssen, die auf unser Schlafzimmer zu tapsen und befürchten zu müssen, dass sich die Türklinke senkt.

Immer gelang es ihr, die Aufmerksamkeit an sich zu reißen. Auch an meinen Geburtstagen. Da habe ich alles genauestens vorbereitet, schön hergerichtet, alles war in bester Ordnung und dann, als die Leute eintrafen, einige auch mit ihren Kindern - so ist es halt, wenn du im Sommer Geburtstag hast und alle sich über den Grill freuen, der da im Garten vorbereitet wurde, wo sich Kinder ohne Angst und Gefahr bewegen können -- da stand die Kleine wieder einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und als man mir die Geschenke überreicht hat, da haben sie schon im nächsten Moment vergessen, warum sie überhaupt gekommen waren. Ich habe dir schon zweimal gesagt, dass ich anders feiern möchte, nicht nachmittags, im Garten und mit allen diesen Kindern, sondern abends, wir beide zusammen, allein für uns, die Kleine hätte ich dann zu unseren Eltern gebracht. Beide Male warst du dagegen, meintest, mein Geburtstag sei ein Feiertag der ganzen Familie und dann seien auch unsere Eltern beleidigt, wenn wir sie nicht einladen würden. Ich habe nachgegeben, nur deswegen, weil ich für dich alles tun würde, weil ich dich so sehr liebe, wie ich bisher noch niemanden geliebt habe, und es war so stark, weil ich niemals geliebt worden bin. Aber du weißt nicht, wie es ist, wenn du jemanden mehr liebst als er dich, wenn du weißt, dass seine Berührung und sein Händedruck womöglich jemanden anderen noch fester drücken, wo du selbst doch bereit bist, ihm alles zu geben, was du hast und alles dafür zu tun auch das herauszufinden und zu geben, was du nicht hast. Und genau das habe ich für dich getan und mir einmal im Leben das genommen, was mir am meisten bedeutet und was mir schon fünf Jahre immer wieder vor meinen Augen entschwindet.

Die Kleine war in diesem Sommer viereinhalb Jahre alt. Es war ein sehr heißer Sommer, einer, wie ich ihn einst so unendlich genossen habe, wie beispielsweise die Sommer bevor die Kleine auf die Welt gekommen war und die wir an der Adria verlebt haben, alleine. Mit ihrer Ankunft begannen dann diese Familienferien, mit unseren Freunden und deren Kindern. Das Paar, mit dem wir den Juli vor drei Jahren zusammen verlebten, hatte ebenfalls ein Kind, das aber schon lange keines mehr war. Sie war fünfzehn Jahre alt, groß und schlank, sogar eine Kleinigkeit größer als ich und mit so vollkommener Haut, wie sie nur einige Teenager haben können. Glaubst du, ich hätte nicht bemerkt, wie sie sich mit ihrem jungen, langen und schon vollkommen entwickelten Körper wie ein Puma streckte, wie sie die Lippen aufwarf und schürzte, wenn du sie etwas fragtest und sie sich scheinbar ohne besonderes Interesse, in Wirklichkeit aber ganz verliebt mit dir unterhielt? Worüber es nur geht, überlegte ich, als ich euch zwei aus einer Entfernung betrachtete, wo ich kein Wort verstehen konnte und nur die Körpersprache sehen konnte, die unzweideutig und klar war: ihr habt euch sehr gefallen. Ich weiß ja, dass du nicht gewagt hast irgendetwas zu tun, sie war ja erst fünfzehn, war die Tochter unserer Freunde, nur ein Jahrzehnt älter als deine Tochter.

Aber als ich dieses Wesen sah, eine sich entwickelnde Frau, die du schon in einigen Jahren, vielleicht in dreien und in anderer Umgebung ganz sicher angerührt hättest, wobei es nicht nur bei einigen sinnleeren Gesprächen mit ihr geblieben wäre - worüber kann man denn schon, ich bitte dich, mit einem Teenager sprechen, wenn das Gespräch nicht eine Ausrede dafür ist, dass du mit ihr genau das und so viel anstellen kannst, wie es die Regeln des Anstandes erlauben - da entdeckte ich in ihr immer mehr die Kleine.

Wahrscheinlich war es Schicksal - nämlich, dass ich an diesem Julimittag aufstand und vom Strand hinauf in das Haus oben am Ufer ging. Ich erinnere mich nicht genau, was ich dann anfing, wohl nichts besonderes, außer, dass ich einige Male auf die Terrasse hinaustrat und beobachtete, wie du dich mit der Fünfzehnjährigen unterhieltest und dabei mit der Kleinen spieltest. Als ich dann wieder hinsah, hast du mit deiner Meeresprinzessin Sandburgen gebaut. Ihr wart alleine, hinter unseren Freunden zog sich auch das Mädchen vom Strand zurück in den Schatten.

Als ich das letzte Mal aus dem Fenster schaute, da sah ich deinen sonnenverbrannten Körper, der da unter dem aufgespannten Sonnenschirm lag. Die Kleine spielte auf dem Sand neben dir. Der aufgeblasene Plastikdelphin, den ihr auf dem Sand am Meeresrand liegen gelassen hattet, begann sich wegen der ansteigenden Flut zu bewegen. Die Kleine bemerkte dies. Als das Meer den Delphin zu umspülen begann und die erste größere Welle anfing, ihn fort zu tragen, da rannte sie hinter ihm her. Ich trat auf die Terrasse hinaus und wünschte mir in dem Moment genau das, was dann auch sich abzuspielen begann. Du schliefst noch immer, die Kleine aber trippelte hinter dem Delphin her und versuchte ihn zu fangen, während ihr das glatte Ding immer wieder entglitt. Mir war klar: ein Schrei von mir, ein lauter Ruf würde dich aufwecken, du würdest nach der Kleinen springen, sie packen und dem Schaum des Meeres, der da salzige Blasen an ihrem Körper bildete, entreißen. In diesem Moment sah ich eine Gelegenheit, dass alles wieder so werden würde, wie es einst war. Ich und du, alleine, und niemand zwischen uns, der den Rhythmus unserer Stunden bestimmte, unserer Tage und Nächte, unserer Jahre in der Zukunft. Es schien mir, als ob alles um mich herum stehen blieb, die Geräusche verschwanden und das Licht blendend weiß war. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete ich die Szene und mir scheint, dass ich nichts dabei empfand. Keinen Schmerz, keine Angst, ich bemerkte nur das, was ich laufend dabei dachte. Die Kleine fasste wieder plötzlich nach den Flossen, dann riss ihr eine große Welle mit aller Macht das aufgeblasene Tier aus der Hand. Ich sah ihre Händchen, wie sie versuchten, es festzuhalten und dann noch, wie es sie in die Tiefe zog...Weiter habe ich nicht mehr zusehen können. Ich drehte mich um und ging ins Haus, schenkte mir ein Glas Cognac ein und fiel aufs Bett. Ich hielt mir die Augen zu und die Welt vor und hinter mir verdunkelte sich. Ich verfiel in einen traumlosen Schlaf. Und als ich dann, nach einiger Zeit eine Hand verspürte und in die nassen Augen unserer Freundin blickte, da wusste ich, dass es passiert war. Dass die Geschichte zu Ende war. Die Kleine, umarmte sie mich und drückte mich fest an sich. Die Kleine lebt nicht mehr, brach die Frau in Tränen aus. Ich stand auf, benebelt vom Cognac und wohl auch von dem seltsamen Schlaf und sah dann dich, wie du eingewickelt in eine sandige Decke da im Sessel des Wohnzimmers hingst, und in deinem Schoß den kleinen aufgeblasenen Delphin hieltest.

Neben dir saß unser Freund, und auf der Couch daneben seine fünfzehnjährige Tochter, die zum ersten Male in ihrem Leben den Tod gesehen hatte. Im Hause befanden sich noch einige Leute, dann kamen Polizisten und der Leichenbeschauer. Das Mädchen hatte sie gefunden. Als sie nach dem Mittagessen zum Strand zurückkehrte, da sah sie auf der Wasseroberfläche den kleinen Körper, mit dem Gesicht nach unten gerichtet. Wie wahnsinnig sprang sie dann wohl ins Meer und versuchte ihre Meeresprinzessin wieder zu beleben, die aber schon fort geschwommen war zu anderen Meeren, Ozeanen, Flüssen und Seen. Ja, es





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