UMGANGSDICHTUNG IN LJUBLJANA

Umgangsdichtung in Ljubljana
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Literatura, 2004, 157/158
Von Urban Vovk. Übersetzt von Sebastian Walcher.

`Wie gemauert stehen Schiffe,
auf so weiter grüner Wiese
ihre klaren Augen starren,
hinter Lidern Menschen harren.´

G. Strnisa: Stolpnice (Hochhäuser), aus der Sammlung Oko (Das Auge), 1974.

Urbanes. Urbane Literatur, urbane Prosa, urbane Poesie. In letzter Zeit sind wir Zeugen beispielloser Prasserei, wenn es darum geht, Allem und Jedem diesen Stempel aufzudrücken. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass manche in dieser willkürlichen Verallgemeinerung mobilisierte Truppen zu erkennen glauben, die mit erhobener Fahne über 'ideologisch' anfechtbare und unpassende Autoren herziehen, sie Bauern und Feldarbeiter schimpfen und ihnen ihren Glauben aufzwingen, verbalisiert als literaturästhetische Programme und pamphletistische Pogrome. Kurz: Urban ist zu einem Begriff geworden, über den man, freilich auf publizistischer Ebene, sich das Maul zu zerreißen beginnt, ein Begriff, der nahezu jedem auf der Zunge liegt, jedoch wenige in ihren Gedanken und noch wenigere im Herzen tragen. Obwohl der direkter Vergleich einer ernsthaften Beurteilung natürlich nicht standhält, hat Urbanismus im Kontext literaturkritischer 'Bestimmungen' nach dem Abtritt des in gleicher Weise mit jeder Erwähnung leidigeren Postmodernismus dessen Platz in der Literaturgeschichte eingenommen. Viele würden ihn sogar noch lieber in der Rumpelkammer der Literaturgeschichte sehen.

Wenn überhaupt, dann zeigt sich die Unzulänglichkeit und notgedrungene Schemenhaftigkeit von einer überordnenden Bezeichnung gerade in der Poesie. Darüber, wie unklar, diffus und uneinheitlich die Theorien zur postmodernistischen Dichtkunst waren und sind, wurde schon manches geschrieben und Ähnliches kann früher oder später für unseren Kandidaten angenommen werden. Jedenfalls dürfte es stimmen, dass sich sowohl der erste als auch der zweite gemeinsame Nenner der literarischen Strömungen im Kontext der (slowenischen) Prosa als deutlich homologer und homogener erweisen. Ebenso auch, dass es letztlich schon eine ausreichend große Herausforderung ist, derartige, manche würden sagen philisterhafte Bemühungen, als fruchtbare Provokation zu nützten, doch soll der Knochen weder den felsenfest überzeugten Zweiflern hingeworfen werden, die in streng unkontrollierter Verwendung des Urbanen eine eigenartige Variation zum zweiten Vierzeiler des ersten Gedichts aus Strnisas Zyklus Stolpnice (Hochhäuser) zu erkennen glauben ('Über Schiffen erstrahlt die Nacht, / voller Sterne glüht der Himmel, / und so verirrt, verliert den Weg / das Schiff im Meere dieser Nacht.'), noch 'Traditionalisten' oder 'Ruralisten', die in dieser 'ideologischen Hörigkeit' gegenüber der urbanistischen Mythologie eine beinahe revanchistische Geste sehen wollen.

Es stimmt nämlich, dass die slowenische literarische Tradition (und innerhalb dieser besonders die dichterische) 'in ihren Grundzügen eine Tradition der Natur und nicht städtischer Konglomerate ist' und dass es um 'die Tradition der langsamen Reise vom Primat der Natur zu städtischeren Plätzen' geht, wie Ales Debeljak im Essay Slovenska lirika in urbani primanjkljaj (Slowenische Lyrik und urbanes Defizit) betont, ohne Zweifel eine der wenigen Darlegungen zu diesem 'nationalen Problem'. Genauso einwandfrei erscheint des Autors fortführende Erkenntnis: 'Sogar in jenen Intonationen und Fragmenten gnomischer Auslegung (...), in denen die Stadt direkt proklamiert wird, sind die literarischen Stimmen nach wie vor ertränkt. Im Bewusstsein des Widerstandes gegen urbane Plätze im schlechtesten, in halb erzwungener Symbiose im besten Fall'. Unter den heute aktivsten Autoren könnte man Beispiele (nicht)erzwungener Symbiose im dichterischem Gesamtwerk Uros Zupans und Peter Semolics finden. In Lokomotive (Lokomotiven), der letzten Gedichtsammlung Zupans, entdeckt man Verse, die man als sehr eigenes Echo auf Strnisas Verse aus Stolpnice (Hochhäuser) verstehen kann: 'Häuser - wie Schachteln gespült an eine hohe / Düne. Wie eine Reihe weißer Zähne vor der sanften / Flut der Körper'.

Jedoch ist Zupan dem dichterischen Sentiment und seiner 'Kosmologie' nach vielleicht folgender Strophe aus Stolpnice am nächsten: 'Das Schiff im Meere dieser Nacht / gleitet, fliegt zwischen Sternen sacht / der Menschen Träume: Des Südens Hauch, / trägt's in die Nacht, übers Ende hinaus'. (In Nafta / Öl kann man lesen: 'Nur das Tosen des Verkehrs von der nahen Strasse erzählt, / dass das Leben in letzter Nacht / nicht auf einen fernen Stern gezogen ist'. Man darf nicht vergessen, dass die Sterne in Strnisas Stolpnice vor den Augen eines alten Mannes entstehen, der sie an den Himmel heftet. Semolic schreibt in seinem Gedicht Pot na Fu~ine (Der Weg nach Fuzine) aus der Sammlung Vprasanja o poti (Fragen zum Weg) beim Graffiti 'Bewegen auf eigene Gefahr', auf den er in seiner Nachbarschaft stößt, die, ganz nebenbei, als Ljubljaner, aber auch slowenisch-urbanes Konglomerat und Schmelztiegel verschiedener, ex-jugoslawischer Kulturen figuriert: 'Gut. Soviel, dass ich weiß, wohin /ich gehe, wenn ich sage, ich gehe heim. / Soviel, dass ich weiß, wohin ich gekommen bin, / wenn ich sage ich bin daheim. / Bewegen auf eigene Gefahr, / Leben auf eigene Gefahr. / Gut. Soviel, dass ich weiß, wie es hier ist, / wo ich sage, das ist mein Heim'.

Eskapistische Distanz zur Umgebung, die, unterlegt mit melancholisch intonierter Nostalgie, oft auch in Zupans Poesie gastiert, bzw. etwas, das man auch teilweise erzwungene Symbiose nennen könnte, ist bei Semolic durch Wiederholung (wenn ich sage, wenn ich sage, wo ich sage) mehr als nur angedeutet. Eine Identifizierung mit der Umgebung scheint nicht möglich, empfindet sie der Dichter doch als etwas äußerst Vorübergehendes und Entfremdetes.

Weil damit schon auf eine Art platonische Leiter der Urbanisierung hingewiesen ist, von der Abwesenheit zur Abneigung, zu erzwungener Symbiose und zu guter Letzt zur endgültigen Affirmation, sozusagen Begeisterung, ist es hier angebracht, Debeljaks Gedankengang bis zu dem Punkt zu folgen, an dem der Autor eine ausführliche Definition städtischer Lyrik, bzw., wie öfter zu hören und zu lesen ist, der urbanen Poesie liefert. 'Städtische Lyrik ist also eine Lyrik, die bereits nach dem Fall auftritt, ein zerfetztes Wort, das Zeugnis ablegt von zwangsläufiger Schizophrenie, Begreifen als normaler Geisteszustand, die den Dialekt der Strasse und den Jargon der Marken spricht, ächzend durch ein Kaleidoskop von Widerstandsgraffitis auf hohen Mauern und durch kaufmännische Unverschämtheit an verführerisch geöffneten Türen, kokettierend mit der Intima der Alleen und dem Schein der roten Lichter, aus verchromten Snob-Bars zu den Galerien der Berauschten in den verlassenen Häusern, in einem Moment springend, dabei kampflustig den politischen Missbrauch des alltäglichen Wörterbuchs der Einfalt ablehnend, gleichzeitig jedoch wird sie mit ungezügelter (leidenschaftlicher) Hoffnung getragen, sodass ihr totales Abtauchen in das unmittelbare Jetzt des kakophonischen sozialen Gerangels nicht auch Ruhm vom Imperativ der Vision fordern würde, die im historischen Stadtkern Schichten eines gebärmütterlichen Heimatgefühls entdeckt'.

Wenn wir ein wenig beim unmittelbaren Jetzt der slowenischen Realität und der Reaktion der zeitgenössischen slowenischen Poesie auf diese Realität verweilen, kann man nicht an den sozialgeschichtlichen Umständen vorbeiblicken, die meiner Meinung nach in so mancher Hinsicht die Entwicklung bedingten bzw. verfolgten, in letzter Zeit sogar den allgemeinen Aufschwung urbaner Poesie. Ich denke hier vor allem an das vergangene Jahrzehnt und etwas darüber hinaus, nach dem wir mit aller Berechtigung von immensen und einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen sprechen können, die die Nation zu einem Staat und Ljubljana, ein zwar äußerst weltgewandtes Städtchen, jedoch in der Vergangenheit in Wahrheit ein unbedeutendes Zentrum eines unbedeutenden Landes, im jugoslawischen Kontext oft als etwas größere Siedlung disqualifiziert (so gar so weit, dass diese Spöttelei aus Belgrad und Zagreb auch bei uns Fuß fasste), zur Hauptstadt des Staates umformten, wodurch ihr eine Reihe von Funktionen zufiel, die sie bisher nicht hatte. So kann Ljubljana auch zum besorgniserregenden 'Refugium der Psychopathen' werden, das man (wenigsten) 'auf der Landkarte nicht verfehlen' kann, wie es Brane Mozetic in seinem vielleicht am meisten harmonisch-urbanem Komad (Stück) sieht, in dem sozusagen alle Elemente enthalten sind, die, laut Debeljak für die Urbanisierung des dichterischen Gefüges unumgänglich sind. Damit will ich bei Gott nicht die Bedeutung der neuen Prosa missachten und auch nicht die Vielgestaltigkeit der Geschehnisse in den Achtzigern 'verschlafen', sowie die unumstößliche Tatsache unter den Tisch fallen lassen, dass Toma~ Salamun schon seit den Sechzigern die slowenische poetische Sprache ausgiebig mit Jargon, niederer Umgangssprache und Slang zugepflastert und sie damit gründlich durchlüftet und urbanisiert hat. Dennoch sind die Neunziger des vergangenen und die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts die Ära des Aufblühens des Urbanen, sowohl was die Motive und Themen betrifft als auch in Methode und Stil des Schreibens.

Ungeachtet diesen oder jenen Erbes, an das sich die zeitgenössischen literarischen Trends anlehnen oder auch nicht, wird man sich wohl mit der Tatsache anfreunden müssen, dass wir in den heimischen Gefilden noch eine Weil keine relevante (Groß-)Stadtkultur haben werden, keine urbane Lebensart als Spiegel gesellschaftlicher Vielfalt (die schon von einer Bunkerisierung geschützter und eingezäunter Stadtgemeinschaften überholt zu werden scheint), nicht einmal ihr zeitgenössisches Verständnis im Sinne einer Dehierarchisierung, Dezentralisierung, Heterogenität, Dynamisierung und erst recht nicht Tradition, die hierfür eine Stütze wäre. Deshalb überrascht nicht im Geringsten, dass die slowenische Gegenwartsliteratur diese Tradition, nicht zuletzt auch den Rhythmus und Puls des gegenwärtigen Alltags im urbanen Zentrum (das auch immer mehr zu einer der führenden Metaphern der heutigen Welt und zum Symbol des Zweifels an der Idee vom Fortschritt wird) oft aus fremden Quellen schöpfen musste (Zupan, Debeljak, Semolic, Cucnik, Podlogar, T. Kramberger, wenn ich mich nur an die dichterische Phalanx halte). Mit der Urbanität in slowenischen Verhältnissen soll wirklich nicht übertrieben werden (M. Kos). Die bei uns zurzeit schlagkräftigste literarische Generation und innerhalb dieser ihr insiderhaftester Antrieb setzt in diesem Sinne nur das kosmopolitische Moment und den nomadischen Lifestyle fort, die Salamun (der in diesem Kontext, ungeachtet dessen, was wir heute unter Umständen über sein kulturell-diplomatisches Unternehmen denken mögen, mit Sicherheit einen unabkömmlichen Bezugspunkt und eine handfeste, insbesondere aber transatlantische Basis für den slowenischen Kulturraum darstellt) beide in der für ihn bekannten Vehemenz als 'vierte Dimension' und konstitutives Element für das Seelenwachstum hervorgehoben und geltend gemacht hatte.

Es ist völlig normal, dass auf der Ebene des Rechts auf den Mythos der Urbanität eine Hierarchisierung stattfindet, können wir doch die urbane Lebensart nicht mit dem Leben in einem Hochhaus oder Block gleichsetzen. Ähnliche spöttische Bemerkungen, wie man sie in den Dimensionen des verblichenen Jugoslawiens auf Kosten der Hauptstadt der nördlichsten jugoslawischen Teilrepublik hören konnte, ergehen heute oftmals aus Ljubljana an die slowenischen regionalen Zentren. Zum andern kann die Urbanität nicht allzu viel Gemeinsames mit den bürgerlichen Werten haben, die heute, wegen der Betonung der Unterschiede und nicht der Gleichheit bzw. Gleichberechtigung unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen und deren Status, eher als sozial unkorrekt und politisch reaktionär gelten.

Urbanität soll man natürlich nicht nur zwecks Austausch des literarischen 'Topos' suchen In der dichterischen Gleichung 'Oh Vrba...' wird es eben keine bedeutende Verschiebung in Richtung eines urbanen künstlerischen Ausdrucks geben, wenn man die Variable Vrba mit Ljubljana austauscht, das Haus mit einem Hochhaus und den Vater mit Simen. Wahrscheinlich auch nicht in der Hingabe an einen Narzissmus der kleinen Unterschiede, der nach Rapper-Vorbild der Identifizierung wegen in halb dörflich organisierten Bezirksstädten Zuflucht nimmt, würde dies doch zu einer Art Trolleybus-Poesie führen. Das, was wir von der urbanen literarischen Produktion erwarten dürfen und können, ist vor allem, wenn ich Debeljaks Expertise (der nicht mehr viel hinzuzufügen ist) ein wenig zusammenfasse, dass sie nicht kraftlos ist, also nicht elitär im sozialen, nicht konformistisch im politischen und nicht mainstreamhaft im kulturellen Sinn.

Wenn ich zum Schluß noch klar Stellung beziehen soll, so möchte ich sagen, dass ich Cucniks erstes Gedicht aus der Sammlung Ritem v rokah (Rhythmus in den Armen) für das beste (am meisten) urbanistische Gedicht auf unserem Boden halte. Zu wenigstens teilweisen Urbanisten kann man, wenn wir ihre Resultate nur oberflächlich und unter bestimmten Umständen beurteilen, dennoch mehrere slowenische Dichter zählen, die ich in diesem Text auf die eine oder andere Art erwähnt bzw. zu erwähnen vergessen habe:

Cucnik ist Urbanist, wenn er nicht verliebt ist
Debeljak ist Urbanist, wenn er nicht archaisch ist
Mozetic ist Urbanist, wenn er nicht Eskapist ist
Podlogar ist Urbanist, wenn er nicht Moralist ist
Semolic ist Urbanist, wenn er nicht zu verloren ist
Salamun ist Urbanist, wenn er nicht Hochstapler ist Skranjec ist Urbanist, wenn er nicht zu faul ist
Taja Kramberger ist Urbanistin, wenn sie nicht Wissenschaftlerin ist und Zupan ist Urbanist, wenn er einfach nicht zu sentimental ist.













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