UMGANGSDICHTUNG IN LJUBLJANA

Natasa Velikonja
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Photo von Simona Kolar

Natasa Velikonja, geboren 1967, ist Soziologin, Dichterin (drei Gedichtbände: Abonma, 1994; Zeja, 1999; Plevel, 2004), Übersetzerin (Monique Wittig, Lillian Faderman, Teresa de Lauretis, Laura Cottingham, Shari Benstock) und schreibt Essays. Des Weiteren ist sie als Homo-Aktivistin Herausgeberin des lesbischen Magazins Lesbo, und eine der KoordinatorInnen der Lesbischen Bibliothek in Laibach.



Unkraut

Aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger.
II.

würde mir wer sagen, was wahr ist und was nicht. alles zieh ich mir aus dem Kopf. es ist vier Uhr morgens, ich komm mit dem Taxi ins Metelkovo und sofort beginnt der Alarm im ersten Stock zu heulen. weiters: ich hab kein Kleingeld für den Kaffee aus dem Automaten. Na, jetzt find ich eins da in der Lade, aber ich fürchte mich hinunterzugehen, es könnte wieder nicht funktionieren. aber vielleicht entstehen aus solchen Verdriesslichkeiten die schönsten Gedichte. rein gar nichts hilft mir, wenns mir schlecht geht. niente. auch damals nicht, als ich ins Turist flüchtete, auch da kam sie nicht. vielleicht ist es zu früh für tiefe Wurzeln. na, ich trieb sie schon bis zum Mittelpunkt der Erde. ich gedeih sofort, wie Unkraut.

IX.

schon vor drei Jahren sah ich ein, das wird nicht gehen. ich kann nicht in der Wohnung eines andern leben, sofort krieg ich den kurzen Atem. alle tranken sich zu tod, nie gabs irgendwelche grössere Freuden. aber alle lebten sie in grösseren Städten, New Vork, London, Berlin, dort hast du Löcher, soviel du willst. djuna trank zuerst, dann nicht mehr, dann brummelte sie nur noch. crisp lag ganze Tage auf dem Bett. das kannst du in Ljubljana nicht, denn in Ljubljana hast du nur Wohnungen, voll brauner Möbel für die Mittelklasse, ich aber bin eine Wilde.

X.

was tun wir. drehn wie Hunde die Runde. manchmal denk ich mir, dass wer ein Engel ist. nie hab ich Erfolg. die Römer aßen Schmetterlingsflügel. dann gibts noch die Kriegsoption: wir sind jetzt ich und die Welt und das ist die Front und wenns mich zerschmettert, ist mit mir sowieso nicht viel los. ich bin dabei ganz angespannt und konzentriert, nehm es ganz persönlich, eine schwarze, unruhige, ein wenig verwilderte Lesbierin, gross und schlank, ich lüg noch immer ziemlich und bin ein bißchen destruktiv. im Kopf trag ich das Bild vom Dichter Morrison, nackt bis zum Gürtel, mit offenem Haar und Metallschnalle dreht er sich um die Achse. das ist meine Kulturphantasie. dennoch muss ich noch weiter zurück gehen, zu einem fernen Zustand der Begeisterung, ich sitze im Arbeiterbus und fahre zum Mittelschul-Arbeitseinsatz, vorbei an den morgendlichen Pappeln und den frühen Fabrikslichtern.














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