In dieser Ausgabe
UMGANGSDICHTUNG IN LJUBLJANA
Taja Kramberger
Taja Kramberger wurde 1970 in Laibach geboren. Sie promovierte aus historischer Anthropologie an der Fakultät für humanistische Studien an der Universität Univerza na Primorskem in Koper, wo sie derzeit auch tätig ist. Es folgten postgraduelle Fellowships in Paris und Budapest. Des Weiteren ist Kramberger Chefradakteurin des mehrsprachigen Monitor ZSA (Monitor HSA - Zeitschrift für historische, soziale und andere Anthropologien). Ihre Gedichtbände sind Marcipan (1997), Spregovori morje (1999), Gegenströmung/Protitok (2002, auf Deutsch erschienen), Zametni indigo (2004) und Mobilizations (2004, mehrsprachig).
Samtenes Indigo
© Aus dem Slowenischen von Maja Haderlap (2002)
Erste Publikation ins Deutsche: Protitok/Gegenströmung, Edition Thanhäuser, RanitzDruck Nr. 10, Ottensheim, Österreich, Frühjahr 2002.
I.
Menschen, die mich lieben wollen -
nach dem Vortrag: die einen träumerisch verborgen, die andern ausgelassen, halb in Ekstase und die dritten schwerer als die Geschichte, wartend auf den ersten möglichen Ausgang, mit einem Abstoß
sanft wie Versunkenheit.
Menschen, die mich lieben wollen,
als wäre das Lesen von Gedichten
Präludium zu irgendeiner Landschaft, die
sie vermissen. Ein unscheinbares Aufblitzen
in jenem Augenwinkel, wo sich
Durst und Trinken einschreiben, das
niemals endet.
II.
Das leere Fußballfeld in
Wilhering: ein beschriebenes Blatt aus der alten
Sportchronik, die Spuren der Aktivität sind
erkennbar an den abgewetzten Sandstellen,
also dort, wo die Wünsche nach einem Goal
am intensivsten waren. Einziger Wunsch:
das zärtliche Fallen ins Netz des Anderen.
III.
Ich gehe auf dem alten Feldweg spazieren, an dem sich im Nu ein Schwarm Sportschüler niederläßt, und schon saust ein Turnschuhgeflatter
an schattigen Pfützen vorbei.
Ich spaziere auf dem alten Schulweg
an der Donau:
gehe eine Zeit lang mit dem Strom,
eine Zeit lang gegen den Strom,
den Weg, den Miha gut kennt,
den Weg, den ich mit Braco täglich
an einem anderen Fluß wiederhole,
an der Ljubljanica.
IV.
Und Menschen, die mich lieben wollen,
sofort, nach dem Vortrag, die einen aus Liebe geformt, andere aus Abneigungstüchern genäht und dritte, die nur sind, gehen mit mir diesen Weg, obwohl sich unsere Blicke nur am Umkehrpunkt begegnen, durch den man, wie durch eine Weltraumluke, eine imaginäre Landschaft sehen kann,
in der mein Körper für immer
in samtenes Indigo geprägt ist.
Taja Kramberger im Interview
Brane Mozetic: Glauben Sie an die Rolle des Dichters in der Welt? Und was halten Sie von der Frage, ob die Poesie die Welt verändern kann?
Taja Kramberger: Natürlich glaube ich daran, so wie ich an die Rolle eines jeden anständig arbeitenden Menschen glaube. Zuallererst würde ich aber gerne einige Ungereimtheiten klarstellen und mit Verallgemeinerungen aufräumen, die meiner Meinung nach beim Versuch der Darstellung konziser Gedanken nie eine glückliche Wahl sind. Vielleicht muss ich für den Anfang klarstellen, was der Begriff des Dichters bzw. der Dichterin in mir hervorruft und erst dann über seine oder ihre Rolle nachdenken. Nun, in meiner Vorstellungswelt gibt es prinzipiell weder Dichter noch Dichterin, nur partikuläre Personen mit partikulären Lebensaufgaben und -investitionen. Einzelne Dichter und Dichterinnen mit eigenem Erkenntnispotential leben in den unterschiedlichsten Umgebungen, die, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, die Vorraussetzungen der Möglichkeiten zur Realisierung dieser Potenziale bestimmen. Die Dichterinnen und Dichter schlagen sich somit, jeder auf seine Art, aus dem Bereich der Möglichkeiten in den Bereich der Autonomie und Souveränität durch; hier kann ich sofort hinzufügen, dass in Slowenien - als spezifischer Teil der Welt - sowohl die Vorraussetzungen der Möglichkeiten, als auch das "An-die-Öffentlichkeit-Treten" streng geschlechterspezifisch segregativ und klientelartig markiert sind, was den erwähnten Prozess zusätzlich erschwert. Niemandem ist irgendetwas gegeben, nur den opportunistischen, regimeorientierten "Dichtern". Diese sind in Slowenien (und nicht nur hier) meist mediokre Männer, die sich ohne große Anstrengung und ohne jegliches Fünkchen Kritikvermögen in die pseudourbane Volkstümlichkeit der slowenischen Nationalfolklore eingliedern, mit der sie sich mühelos identifizieren. Für begabte und sensible Menschen jedoch ist dieser Prozess eine harte Probe und ein extrem anstrengender täglicher Existenzkampf.
Die Umgebung der konjunkturellen und populistischen Dichter, die mit literarischen Atlanten und Genealogien unterm Arm herumlaufen, und der Dichterinnen, die bereit sind, einer solchen, andere ausschließenden Bruderschaft für kleine Vorteile zu dienen, will heißen, die Umgebung, in der Viehhandel, Unfreundlichkeit, Intrige, unreflektierte Aberration der Geschlechter, Streberei, Fehlen von Intelligenz, Liebe und Menschlichkeit vorherrschen, wo sozialer Darwinismus und Rivalität - für mich zwei unglaublich abstoßende Arten der Sozialisierung - eine bedeutende Rolle spielen, zieht mich nicht an und interessiert mich rein künstlerisch nicht (geschichtlich hingegen geht es um interessante Phänomene, die durchaus eines vertiefenden Studiums wert sind). Hierbei muss ich an eines von Tranströms Gedichten aus dem Buch Sanningsbarriären denken, in dem der Dichter eine solche unglückliche Vereinigung von Menschen, in der er durch Zufall landet, Rangierbahnhof nennt.
Zum Glück gibt es, selbst wenn es noch so wenige sind und sie vom bunten Treiben jeglichen Ratings weit entfernt sind, starke, ich nenne sie transformative Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die bei jeder Gelegenheit ihre eigenen, anspruchsvollen Kriterien für die Erkenntniswerte ihrer eigenen und damit auch anderer Poesie in spezifischer Umgebung hervorheben. Sie kümmern sich nicht um Trends oder folgen dem undurchsichtigen Geist des Informationsterrors, den Theodor W. Adorno, als er vom kapitalistischen und technokratischen Hochgefühl im nationalsozialistischen Deutschland sprach, als unmenschlich bezeichnete. Dieser Informationsterror, dessen Kennzeichen das Bescheidwissen ist, befindet sich, so scheint es, wieder auf dem Vormarsch. Grundlegende künstlerische (und andere) Erkenntnisse erklären plötzlich ephemere Ratings und Klassifikationen für zufällig und ungültig. Eigentlich interessieren mich nur diese transformativen Poeten, die meist versteckte, elementare Stimmen aus dem Hintergrund sind, bemerkt man sie doch immer erst dann, wenn sich der Glanz des reich verzierten Prunks erlischt und sich die Gischt der populistischen Poesie legt. Diese Dichterinnen und Dichter sind ungleichmäßig glaubwürdiger und stärker als die medial einflussreiche vanity fair, können tiefere imaginäre Gedankenflüsse, einschneidende Lebenserfahrungen reflektieren und zu den höchsten ethischen und existenziellen Erkenntnissen gelangen. Sie haben den Willen und den Mut gegen den Strom zu schwimmen. Kurz, erst solche Dichter und Dichterinnen sind in meinem Wertesystem ihres Dichternamens wert. Sie greifen mit jedem beliebigen Vers in das gesellschaftliche Imaginarium ein und transformieren dieses in eine reflektierte Gestalt. Durch diese Reflexion schrumpfen die Deformationen in einem spezifischen kollektiven Imaginarium und wegen der trotzigen Ausdauer dieser Dichter und Dichterinnen wird das Leben vieler Menschen, die sich dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst sind, erträglicher, freier, menschenwürdiger. Gerade in dieser Tätigkeit und in dieser Ausdauer sehe ich die grundlegende Rolle der Dichterin und des Dichters in der Welt. Beide transformieren nämlich mit ihrem Eingriff in die tiefen mentalen Strukturen einer Gemeinschaft, die sich dessen bewusst ist oder auch nicht, ihre Auffassung der Realität langsam in Richtung einer größeren Offenheit, Verantwortung, geringerer Verbohrtheit und weniger Reaktionärem. Die Poesie ist ein Teil des weitläufigeren Eingliederns fundamentaler Erkenntnisse, also ein Teil der Weltveränderung, egal ob die "Welt" dies wahrnimmt oder auch nicht. Die "Welt" hatte doch auch bis zum Bau der Atombombe nicht erkannt, dass die Relativitätstheorie sie verändert hat.
Im Übrigen übernehmen der Dichter und die Dichterin nicht nur eine, sondern mehrere Rollen in der Welt. Auf keinen Fall ist es jene in die sie ununterbrochen von verschiedenen Hütern besonderer Ästhetik und Moral gedrängt werden. Diese Ästhetik und Moral versuchen die Lehrer verschiedener Nationalliteraturen seit Generationen unglücklicher Schüler zu naturalisieren. Diese Art der Affirmation und des Nichtreflektierens der laufenden Kanonisierung ist für mich, als Dichterin, überhaupt nicht interessant, sie spricht mich nicht an und motiviert mich nicht, wenngleich sie eine unglaubliche kulturelle Wirkung besitzt. Wenn ich meinen Blick nur ein wenig schweifen lasse und als Historikerin spreche, können derartiger sozialer Erfolg und literarische Indoktrinierung durch das Schulsystem durchaus als Forschungsgebiet interessant sein, bilden sie doch ein verschachteltes Phänomen literarischer Rezeption und eine Transponierung des gesunden Menschenverstandes. Dieses Phänomen gestaltet die repräsentative Realität, in der auch ich lebe, entscheidend. Durch die Analyse solcher und ähnlicher soziokultureller Phänomene kann ich besser verstehen, warum z.B. meine poetische Sprache einer Struktur des Imaginariums, in der ich einen Teil meines Lebens verbracht habe, fremd ist, einer anderen, mit der ich gerade eben in Kontakt getreten bin, aber überraschend nahe steht.
B.M.: Wie fühlen sie sich als Dichterin in einer Welt der Dichter, unter denen auch Mörder sind, wie z.B. Radovan Karadzic? Oder gab es sie nicht auch schon in der Geschichte, nicht zuletzt haben doch die griechischen Dichter kriegerische Heldentaten besungen, die auf der Gegenseite als Mord und Totschlag gesehen wurden?
T.K.: Dass nicht alle, die sich selbst Dichter nennen, oder die ihre Umgebung für Dichter hält, dies auch wirklich sind, habe ich bereits in meiner ersten Antwort ausgeführt. Es sind doch auch nicht alle, die sich für Napoleon oder Christus halten, also für Führer und Gurus. In Umgebungen, in denen monistische Ideologien vorherrschen, verkündet die Elite der Gesellschaft gerne ihre machtgeilen Emporkömmlinge als Dichter (oder Literaten) und errichtet sich damit für das eigene Regime gleich zwei Bastionen auf einen Streich: Erstens beeinflusst es durch die naive, scheinbar unpolitische Figur des "Literaten" die Vorstellung des Volkes, zweitens kann die Elite diesen Einfluss relativ leicht lenken.
Worte können innerhalb der Vorstellung einer Gesellschaft, in deren Sprache sie geschrieben sind, eine enorme suggestive Kraft haben. Entscheidend ist, was für eine literarische bzw. imaginierte Landschaft die Dichter oder Dichterinnen mit ihrer Sprache aufbauen (eine verschlossene, repressive, symbolisch gewalttätige, mit rigiden Grenzen, eine ausschließende o.ä., oder aber eine offene, das Gefühl der Freiheit vermittelnde, symbolisch nicht gewalttätige, mit durchlässigen und veränderbaren Grenzen, fähig, ohne gönnerhafte Gesten andere und andersartige zu integrieren usw.). Entscheidend ist auch, welche Texte ausgewählt werden, die dann in die breite gesellschaftliche Dissemination entlassen werden. Erschreckend wird es dann, wenn ununterbrochen nur eine dichterische Richtung favorisiert wird, z.B. jene, die mit symbolischer Gewalt eine ausschließende und mythische oder mystifizierende Landschaft errichtet und diese dann über das Bildungssystem zur verinnerlichten mentalen Landschaft der gesamten Gesellschaft wird (natürlich mit Ausnahmen, die normalerweise als häretisch oder dissidentisch proklamiert werden). Unter gewissen Umständen (die ein Gemisch aus Reaktionärem, Oppressionen, Totalitarismus, Polizeistaat u.ä. sind) kann deshalb manchmal ein schreckliches Abrutschen in der Perzeption der Realität geschehen und eine genau bestimmte imaginierte Realität einer spezifischen Gemeinschaft ersetzt die tatsächliche polyvalente gesellschaftliche Realität. Die Menschen können nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, weil diese gänzlich die Macht übernimmt. (Das Dritte Reich ist ein gutes Beispiel, aber auch Berlusconis Italien ist, nicht als einziges Land, nicht weit weg von diesem Wahnsinn). Vor allem ist ein solches Dispositiv in diesen geschlossenen und selbstzufriedenen Gesellschaften (wenigstens in ihren Autopräsentationen in denen dieses Zerrbild als höchstes Ideal figuriert) durchwegs latent zugegen, in denen für Reflexionen kein Platz ist, wo es keine kritische Öffentlichkeit gibt und kein tägliches Vor-Augen-Führen der Standpunkte, das die Extreme und Phantasmen dämpft. Ich fürchte, dass dieses Dispositiv in Mitteleuropa sehr häufig ist. Die slowenische Gesellschaft hat es schon, nur dass man von ihren inneren Repressionen und Verdrängungen außerhalb des Landes nur wenig weiß, weil es klein und für die europäische politische Perzeption relativ unbedeutend ist.
Das allerdings, so glaube ich, zu Unrecht, können sich doch auch aus einer solchen unbedeutenden Quelle im gesamten Gewebe, das selbst nicht gegen Totalitarismus immun ist, Metastasen ausbreiten. Alle Repressionen in Slowenien geschehen leise und unbemerkt. Ihre Träger erledigen und überdecken sie mit einer ganz normalen, alltäglichen Geste der Unbedeutsamkeit oder mit einem Lächeln, verschweigen sie, oder beschönigen sie und bemächtigen sich sogar vor den Augen des Volkes und des Auslands der gesellschaftlichen und symbolischen Positionen jener, die sie entfernt haben. Und niemand wird für irgendetwas zur Verantwortung gezogen.
Was Radovan Karadzic betrifft, folgendes: Personen seines Schlages die bestimmte Ereignisse und Gewalt suggerieren und antizipieren, sind im mittel- und südeuropäischen Raum nichts Neues: Militante, blutrünstige, chauvinistische, und revanchistische "Poesie" haben, z.B. in Slowenien Jovan Vesel Kosevski und sogar Simon Jenko geschrieben. Deren Zeitgenosse, der montenegrinische Dichter Petar Petrovic Njegos "besang" den Genozid an den Muslimen. Wenn man diese "Dichter" mit dem Gedicht Krst pri Savici (Die Taufe an der Savica) von France Preseren, einem zentralen slowenischen Dichter der ersten Hälfte des 19. Jh., vergleicht, ist der Unterschied immens. Das Erkenntnisniveau von Preserens dichterischer Sprache ist ein völlig anderes. Es ist elaborierter, reflektierter, seine imaginierte Landschaft ist vollkommen anders konzipiert. In dieser Landschaft gibt es keine mythische Gewalt, und obwohl Preseren mythische Elemente in seine Sprache legt, gibt es keine spontane Reproduktion von Vorurteilen, keine Hetze. Aus dieser Sicht ist er Homer recht nahe. Bei Homer gibt es keine "andere" Seite , weil die gesellschaftliche und damit ihre imaginäre Struktur völlig anders ist als die heutige (besser: die heutigen). Den epischen trojanischen Krieg entschied man am Olymp und nicht auf dem Schlachtfeld. Es gab kein "unser" oder "euer". Es wurden nur göttliche Arglist und Intrigen ausgeführt. Die Involvierten hatten keine Missionen, sie verwirklichten nur das Schicksal. Bei Njegos, dem weltlichen und geistlichen Herrscher, hatten "Unsere" eine gottgegebene Mission: Die Ungläubigen auszulöschen, obwohl die "Eingetürkten" die gleiche Sprache wie die gläubigen "Unseren" sprachen. Völlig klar, dass Leute, die ihre Identifikation in der Gruppe mit Hilfe von Njegos, Karadzic, Vuk Draskovic und Dobrica Cosic aufbauen, in ihrer Identität keinen Danilo Kis haben.
Kurz, das Verbinden nationalistischer literarischer Produkte aus der zweiten Hälfte des 19.Jh. (dieses Jahrhundert ist in "unserer Gegend" noch längst nicht vorbei) mit, z.B., Homers Literatur ist für mich äußerst dubios (und, ganz nebenbei, eine übliche Referenz für die Produktion heroischer Geschichte um jeden Preis). Homer zählt zu einer Zivilisation, die völlig andere Werte als die heutige oder vergangene (andere) europäische hatte, eine völlig andere Gesellschaftsstruktur. Diese Zivilisation wird von europäischen Nationalismen annektiert und als Wiege der europäischen Zivilisation genannt. Doch der Abstand zwischen den beiden lässt sich nicht beseitigen. Diskurse über das heutige Morden und Homers Erzählungen lassen sich nicht gleichsetzen. Das wäre ein unzulässiger Anachronismus. Ich halte folgendes für besonders wichtig: Die Zeit und der Ort des vorklassischen Griechenlands gehören in einen komplett anderen historischen Kontext und in eine weit entfernte historische Periode. "Poeten" vom Schlag Karadzics drohen ihren Mitmenschen zwei Jahrhunderte nach der Verkündung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, welche die Grundlage moderner gesellschaftlicher Ordnung ist, wegen ethnischer, religiöser, sexueller und kultureller Andersartigkeit und verfolgen sie. Mich trifft und beunruhigt dies natürlich sehr, das sollte es aber alle Menschen. Ich vermisse die öffentliche und bestimmte Intervention jener, deren Aufgabe nicht in der Verbreitung der Behauptung liegt, Radovan Karadzic oder sie selbst seien Dichter, sondern in der Suche nach ethnischen und erkennbaren Kriterien der Poesie und in der Erhaltung bzw. der Wiederherstellung eines autonomen Platzes für die Poesie in der Gesellschaft und natürlich auch die Integration einer starken, transformativen Poesie in die Transmission des Wissens anstatt in die Transmission der Vorurteile und Stereotype. Karadzic und so mancher anderer, der mit Hilfe der Reproduktion solcher Stereotype zu Verbrechen animiert hat, hat mit Poesie nicht mehr zu tun als die Masse der heutigen Konsum- und Konjunkturschreiberlinge, die von Verlagen regelmäßig wegen des Klientels und den Verdienstmöglichkeiten veröffentlicht werden. Wie fühle ich mich nun in Gesellschaft von "Dichtern" die keine sind? Deplaziert. Ohnehin verkehre ich kaum mit solchen Beispielen.
B.M.: Die slowenische Poesie hat in der ersten Zeit seit der Autonomie einige Rückschläge erlitten. Durch die Herrschaft des Kapitals wurde ein Gedichtband zu etwas Marginalem, die Leute greifen nicht mehr danach, geschweige, sie würden sich die Poesie zu Herzen nehmen. Gleichzeitig hat die Poesie ihre Stellung als konstituives Element des slowenischen Volkes verloren. Gerade an das vergangene Jahr werden wir uns als das Jahr der Spaltung innerhalb der Autorenreihen erinnern: eine Spaltung auf traditionalistische, moderne und zeitgenössische Schriftsteller.
T.K.: Der "Herrschaft des Kapitals" wird zu viel zugeschrieben. Wenn man ganz einfach nicht an die Omnipotenz d
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