Flitzer stört das Island-Albanien-Spiel

Flitzer stört das Island-Albanien-Spiel
Einar már guðmundssonnÓv021111
Einar Már Gudmundsson
Bericht über ein unterbrochenes Fußballspiel von Einar Már Gudmundsson.
Im Sommer 1990 trugen Albanien und Island ein Fußballspiel gegeneinander aus. Es war ein denkwürdiger Augenblick. Es war ein Qualifikationsspiel für die Europameisterschaft und eines der ersten Anzeichen, daß Albanien beabsichtigte, zur Völkergemeinschaft in Arbeit und Spiel zurückzukehren. Das Land war über Jahrzehnte isoliert gewesen, und hatte selten Besucher, außer einer Handvoll Bewunderer seines Diktators, Enver Hoxha.

Nichts wird erzählt über die albanische Nationalmannschaft bis zu ihrer Ankunft am Flughafen Heathrow in London. Sie machten dort eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Island und man kann erwarten, daß die Spieler es etwas sehr Neues fanden, sich jenseits der Grenzen ihres Landes vorzuwagen.
Es war ein sonniger Sonntagnachmittag im Juni. Keine Nachrichten erreichten Island bis zum Abend, als berichtet wurde, daß die albanische Fußballmannschaft von Scotland Yard in Gewahrsam genommen worden war. Die Spieler wurden verdächtigt, Ladungen zollfreier Waren gestohlen zu haben.
Während der Befragung bezogen sich die Albaner auf die Duty-free-Schilder, die überall im Terminal aufgehängt worden waren, dazu sei es Sonntag. und viele der Waren, zum Beispiel Bier, seien in ihrem Lande zu dieser Zeit gratis gewesen. So fern sie wüßten, sei dies in anderen Ländern ebenfalls Brauch.

Aber obwohl die Albaner dem Griff von Scotland Yard entkommen waren, waren ihre Schwierigkeiten mit den adleräugigen Behörden bei weitem nicht vorbei. Bei der Ankunft des albanischen Teams in Island wurde ihr Gepäck intensiv durchsucht und sie wurden bis zum Termin des Fußballspiels quasi unter Hausarrest gehalten. So nahm der schüchterne Versuch der Albaner, ihre Isolation dem Rest der Welt gegenüber zu durchbrechen, eine seltsame Form an. Wie auch immer, das Fußballspiel begann. Die Mannschaften betraten das Spielfeld und stellten sich auf, um ihre Nationalhymnen anzuhören. Doch kaum hatte die stadioneigene Blaskapelle angefangen ein paar Takte zu spielen, kam ein nackter männlicher Isländer von der Zuschauertribüne gelaufen und begann vor der albanischen Mannschaft hin und her zu springen.

Sofort tauchten sechs stämmige Polizisten am Ort des Geschehens auf. Sie stürzten sich auf den nackten Mann, warfen ihn nach Rugby-Manier zu Boden und türmten sich über ihm zu einem Haufen. Aber der Nackte war glitschig und entwand sich ihren Griffen. Er rannte an den Albanern vorbei und schwenkte seine Genitalien vor ihnen. In diesem Moment gelang es der Polizei, ihn zu überwältigen. Schließlich sah man, wie sie ihn wegtrugen.
Aber dann brach Chaos aus. Die Blaskapelle hatte aufgehört zu spielen, und einer der Platzwarte des Stadions hatte das Mikrophon angeschaltet und rezitierte ein spontanes Gedicht, um das Ereignis zu feiern.

Ich habe mich oft gewundert, wie es gewesen wäre, wenn ein albanischer Autor in der albanischen Hauptstadt Tirana gesessen hätte, ein oder zwei Jahre vor dem Spiel, und sich alles so vorgestellt und beschrieben hätte, was dann wirklich passiert war.

Er hätte alle Regeln, die im sozialistischen Realismus galten und dem albanischen Schriftstellerverband aufoktroyiert waren, gebrochen, weil die Realität oft die Einbildung übertrifft, und nichts so poetisch ist, das die Wirklichkeit keinen Platz darin hat. Dieser albanische Schriftsteller ist mittlerweile sehr real geworden. Ich stelle ihn mir vor und seine Position beweist zweierlei: erstens, wie lächerlich es ist, geistige Aktivität Regeln zu unterwerfen, oder vielmehr sozialen Zielen, und zweitens, wie unrealistisch es ist, sich vorzunehmen, realistisch zu sein, besonders wenn eine vorbestimmte Definition von Realität als Maßstab für Wahrheit gebraucht wird.

Die Wirklichkeit erwischt den Realismus immer im unerwarteten Moment.






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