Josefine Ottesen

Auf der äußersten Insel
Roland2
Roland Hoffman
Lesen Sie einen Auszug aus dem ersten Kapitel von Auf der äußersten Insel von Josefine Ottesen. Übersetzung von Roland Hoffmann.





[...]

Ragni mochte sie nicht. Sie war eine Zauberin, die mit den Unterirdischen vertraut war, und nach Überzeugung des Skalden waren es nicht die Guten, mit denen sie am meisten Umgang pflegte, doch Grathe hatte es so bestimmt, dass gerade sie dafür sorgen sollte, das Schicksal seines Sohnes zu stärken.
Ragni hatte vorgeschlagen, dass Ansur selbst mitritt, doch Grathe wollte nicht, dass jemand erfahren sollte, dass Gemüt und Gesundheit seines Sohns nicht sehr stark waren.
Ragni zuckte verärgert mit den Schultern. Als ob es nicht alle wussten! Ansur war schwächlich und leicht zu erschrecken. Er hatte viel zu viel Zeit bei den Frauen verbracht. Es blieb zu hoffen, dass sich Grathe noch viele Jahre hielt, denn vorläufig gab es keine Anzeichen dafür, dass Ansur die Stärke geerbt hatte, die sowohl Grathe als auch sein Vater gehabt hatten.
Ragni zog die Zügel an und stemmte sich in den Steigbügeln entgegen, um das Pferd den steilen Hügel hinunter zu unterstützen. Ihm konnte es ja egal sein, denn er führte bloß den Befehl des Königs aus und war ansonsten sehr zufrieden mit dem Einfluss, den er hatte. Heute tat er, worum ihn sein König bat, und morgen tat der König wohl wie so viele Male zuvor das, was Ragni ihm riet.

Die Priesterin watschelte ihnen entgegen, als sie auf die Hütte zutrabten.
"Welche Ehre! Die Männer des Königs selbst! Was kann ich für euch tun?"
Ihr Geruch ließ Ragni einen Moment die Luft anhalten, ehe er vom Pferd sprang.
"König Grathe schickt dir seine Grüße und bittet dich, ihm zu Diensten zu stehen."
Die Priesterin blinzelte mit ihren kleinen schwarzen Augen. "Was bietet er mir dafür?"
Die Zauberin war bekannt für ihre große Liebe zu Silber, und Ragni hatte reichlich dabei, doch es war ihm zuwider, sie zu bezahlen, weil sie so abscheulich war.
"Was willst du haben?"
"Das kommt darauf an, was unser hoher König von mir wünscht."
Ragni hatte versprochen, die Sache für sich zu behalten, und entfernte sich deshalb ein bisschen von seinen Gefolgsmännern. Die Priesterin folgte ihm. Es erforderte vom Skalden große Selbstbeherrschung, der alten Hexe so nahe zu sein, doch er wollte nicht, dass seine Gefolgsmänner hören konnten, was er sagte.
"Es geht um seinen Sohn, den jungen Ansur. Ich habe seinen Lebensfaden dabei. Der König hätte gerne, dass er etwas härter und etwas ebenmäßiger gesponnen wird."
Vorsichtig zog Ragni einen schmuddeligen, rauen Wollfaden aus seinem Reithandschuh. Die Priesterin streckte die Hand danach aus, doch der Skalde zog ihn ihr weg.
"Wir haben uns noch nicht auf den Preis geeinigt!"
Enttäuscht zog das alte Weib den Kopf zwischen die Schultern.
"Es ist schwer, den Preis zu nennen, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll."
"Es braucht ziemlich viel, um aus ihm einen Thronerben zu machen", sagte Ragni trocken.
Prüfend betrachtete die Priesterin die vier Gefolgsmänner, die abgesattelt und die Pferde zum Schutz unter ein Halbdach gezogen hatten, das für Brennholz gebaut worden war.
"Wo ist er?", flüsterte sie. "Es ist wohl kaum einer von denen da." Sie kicherte und deutete mit einem knorrigen Finger auf die Gefolgsmänner. "Die sehen nicht so aus, als ob es ihnen an Stärke fehlen würde."
Ragni hatte noch nie so lange, schwarze Nägel gesehen. Die Hand sah aus wie eine Vogelklaue.
"Er ist nicht dabei. Grathe möchte, dass es im Geheimen erledigt wird."
"Wie meint er denn, dass ich jemanden beschwören soll, der nicht hier ist? Was hat er sich da gedacht!", fauchte sie.
"Du bist doch die Priesterin! Du bist im ganzen Flachmeer dafür bekannt, sowohl in der Unter- als auch der Oberwelt reisen zu können. Man sagt, dass du wie kein zweiter beschwören, Zauberformeln sprechen und Zaubertränke kochen kannst."
Die Alte lächelte geschmeichelt und flüsterte: "Acht Maß vom schwersten Silber."
Ragni trat einen Schritt zurück. "Sag mal, glaubst du, du sollst das ganze Flachmeer beschwören?"
Die Priesterin starrte ihn einen Moment böse an. "Warum fragt Grathe nicht einfach den Himmelskrieger Kauna. Lass Isar Gode zu Kauna um Hilfe beten und hör auf, meine Zeit zu verschwenden.
Sie drehte sich um und watschelte hinunter zu ihrer Hütte. Ragni lief ihr nach, obwohl er fluchte, dass er sich dazu herablassen sollte, dem stinkenden Weib zu folgen.
"Gut, sechs Maß und der hier! Er zog einen gewundenen Bronzering aus seinem Umhang. Er war poliert, dass er glänzte, und er sah die Spiegelung im Blick des alten Weibes.
Sie willigte ein und zog ihn mit durch den kleinen Vorraum in die Hütte hinein.
Es dauerte ein bisschen, bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnten, doch die Nase reagierte sofort. Er hatte sich nicht vorgestellt, dass es irgendwo so unappetitlich riechen könnte. Der Rauch von der Feuerstelle wurde vom Regen nach unten gedrückt und ließ seine Augen tränen, doch wie er sich nach und nach an das schwache Licht gewöhnte, konnte er einen alten Mann sehen, der am Herd saß. Die Priesterin murmelte irgendetwas und er erhob sich und hinkte schnell aus dem Haus. Ein magerer räudiger Hund folgte ihm.
"Na, dann gib mir den Lebensfaden!
Sie untersuchte ihn genau und murmelte vor sich hin: "Das sieht nicht gut aus! Die Unterirdischen halten ihn fest und wollen ihn nicht gehen lassen. Er braucht Kraft und Stärke. Sie lächelte dem Skalden zahnlos zu: Aber ich kann etwas tun, das kann ich.
Kurz darauf kamen drei Mädchen herein. Sie verbeugten sich schüchtern vor Ragni und erhielten den Auftrag, Kräuter zu kochen und im Herd Feuer zu machen, so dass die Flammen bis zum Rauchloch reichten. Die Priesterin kommandierte sie herum, während sie gleichzeitig Ragni schmeichelte.
"Hübsche Mädel, nicht wahr? Eine von ihnen wird meine Nachfolgerin. Ich glaube, sie hier wird es werden.
Sie packte die größte der jungen Frauen und zog sie zu Ragni hin. Das Mädchen war schlank und hochbusig, und sah durch lange dunkle Wimpern schräg zu Ragni hoch.
"Sieh ihn dir gut an, Hagal, Ragni der Skalde ist einer, zum dem der König das größte Vertrauen hat. Er verdient Beachtung.
Dann kniff die Alte sie in die Wange und schubste sie hinüber zu den anderen.
Allmählich wurde es sehr warm, und die Mädchen legten ihre Gewänder ab. In dem flackernden Licht vom Herd begannen sie, einander die Körper mit gefärbtem Fett zu bemalen, und Ragni spürte, wie sich seine Manneskraft zu rühren begann. Dann zog auch die Priesterin ihre Röcke aus. Ragni sah weg. Der Anblick des Körpers der alten Frau ließ Ekel in ihm hochsteigen.
"Vielleicht ist es am Besten, wenn ich draußen warte.
Die alte Hexe nickte bloß, während sie Riemen stramm um Arme und Oberkörper band. Die Lederschnüre schnitten ihr in die schlaffe Haut und ließen sie wie ein Bündel Lumpen aussehen.
Als Ragni hinaus gelangt war, atmete er tief durch. Es war trotz allem besser, hier draußen im Regen zu stehen, als drinnen in der schmutzigen Hütte zu sein.
Einen Augenblick später kam der alte Mann zusammen mit einem jungen Burschen zurück. Er war groß und gut gebaut, und sein Haar war feuerrot. Ragni schätzte ihn auf vierzehn-fünfzehn Sommer, auch wenn er so groß war, dass man ihn gut für älter halten konnte, doch er war immer noch vollkommen glatt ums Kinn. Der junge Mann wich Ragnis Blick aus, doch dem Skalden gelang es, flüchtig ein Paar harte graugrüne Augen zu sehen.
"Ich gehe nicht hinein. Ich hasse diesen Gestank." Die Stimme des Jungen war leise und angespannt.
"Das hast du nicht zu bestimmen, Odd! Du gehörst der Priesterin, und sie will es so haben. Der ältere Mann schubste den jungen Mann sanft durch die Tür, und Ragni sah sie in der Dunkelheit der Hütte verschwinden.

Sobald Odd durch die Tür gekommen war, wurde sie hinter ihm geschlossen, und der Gestank der vielen Kräuter, die auf der Feuerstelle kochten, vermischt mit dem Mief nach Dreck ließen ihn schwindlig werden.
"Runter mit den Kleidern, Odd", kommandierte die Priesterin. Sie hatte jetzt alle Riemen gebunden und hielt die magische Knochenrassel in der Hand. Sie war nackt bis auf einen großen Federschmuck auf dem Kopf. Er war aus Federn von all den Seevögeln gemacht, die sich an der Küste aufhielten, und sie sah, falls möglich, noch besorgniserregender aus als sonst. Hätte er den Mut gehabt, nein zu sagen, hätte er es getan, doch wie die meisten anderen fürchtete er ihre Zauberkräfte.
Widerwillig zog er sein Gewand und seine Lederhose aus. Er zwang seinen Blick zu Boden, denn obwohl er besorgt darüber war, was passieren würde, fiel es ihm schwer, seine Augen von den nackten jungen Frauen zu lassen. Sie strichen in dem kleinen stickigen Raum dicht an ihm vorbei, während sie damit beschäftigt waren, zu tun, was ihnen die Priesterin befohlen hatte.
Moa, gib ihm das hier, quäkte sie, und das kleinste der Mädchen reichte ihm einen Becher mit einer unbestimmbaren, übelriechenden Flüssigkeit. Er drehte das Gesicht weg, doch Moa flüsterte ängstlich: Trink jetzt, Odd, sonst verwandelt sie dich in ein Schwein.
Sie stand ganz dicht bei ihm, und für einen Moment verdrängte ihr frischer Duft den üblen Gestank in der Hütte. Als sie den Arm mit dem Becher hob, verwirrte ihn die Wärme von ihrer Haut ihn so sehr, dass er den Inhalt in einem einzigen Zug trank.
Es schmeckte gallig und faulig, und er musste sich fast erbrechen, doch bald darauf begann sich alles um ihn herum zu drehen, und er fiel schwer zu Boden.
Obwohl er seine Gliedmaßen bewegen wollte, konnte er es nicht. Er war wie gelähmt. Das Herz hämmerte hart in Panik, während ihn die Mädchen auf ein Lager aus Stroh schleppten. Wie pappige Grütze gingen ihm Gedanken durchs Gehirn. Sollte er jetzt Berkana geopfert werden? Doch die Opferungen fanden üblicherweise auf der Vogelinsel, die vor der Küste lag, statt, und nicht hier in der Hütte!
Die drei jungen Frauen begannen eintönig auf großen flachen Handtrommeln zu trommeln. Die Priesterin sang heiser und schnarrend, und Odd spürte, dass er hoch gehoben und durch einen langen dunklen Gang nach unten geschleudert wurde. Die Angst nagte an ihm, als ihm klar wurde, dass die Priesterin ihn auf die Reise zu den Unterirdischen mitgeschleppt hatte!
Am Ende des Gangs wartete sie auf ihn und zog ihn mit ins Freie. Alles wirkte grau und verzerrt, und um ihn herum wirbelten eigenartige Wesen vorbei, leicht und schnell wie Schatten. Im selben Moment schlossen sich ihre Arme um seinen Brustkorb, und sie sprang auf seinen Rücken. Das Gewicht der Zauberin und das klebrige Gefühl ihres nackten Körpers gegen seine Rückenwirbel ließen ihn glauben, dass er sterben müsste.
Während Odd und die Priesterin in Trance waren, trommelten und tanzten die jungen Mädchen in der Hütte von einer Seite zur anderen, während sie dem stöhnenden Gesang der Priesterin und dem Rhythmus der Knochenrassel folgten. Ihr Körper war, wie Odds, immer noch in der Hütte anwesend, auch wenn sie sowohl ihre eigene als auch Odds Seele auf eine Wanderung in eine andere Welt geschickt hatte. Der große Federschmuck wurde mit schnellen Rucken vor und zurück geworfen, und der Körper krümmte sich, als hätte sie große Schmerzen. Wäre sie nicht mit den vielen Riemen gebunden gewesen, wäre in der kleinen Hütte alles umgeworfen und zerstört worden. Odd lag still da und starrte vor sich hin. Die Seele war aus seinem Körper gezerrt und das Gemüt durch den starken Trank geschlossen worden.
Der Trommelrhythmus stieg immer weiter zu einem wilden Getöse an, bis er plötzlich jäh abbrach. In der nachfolgenden Stille war nur das atemlose Luftholen der Mädchen und das Stöhnen der Priesterin zu hören.










© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL