Leben in einer Vorstadt von Reykjavik

Kristín Marja Baldursdóttir
Kristín marja baldursdóttir
Kristín Marja Baldursdóttir
Kristín Marja Baldursdóttir (geb. 1949) ist die Verfasserin von drei Romanen und einem Band Kurzgeschichten und ist in Island aufgrund ihrer Artikel in der Tageszeitung Morgunblaðið bekannt. Ihr neuester Roman, Das Lachen der Seemöwe, ist auf die Bühne gebracht und verfilmt worden. Der Film war der Gesamtsieger der isländischen Eddapreise 2001 und bricht in seinem Herkunftsland Kassenrekorde. Der Roman ist an den deutschen Krüger Verlag und den PP-Forlag in Dänemark verkauft worden und hat in den Medien hervorragende Rezensionen erhalten.

Abschnitt von Das Lachen der Seemöwe von Kristín Marja Baldursdóttir. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling und Renate Einarsson.

Am Ostermorgen, als Agga mit der Aprilsonne im Nacken auf der alten Steinpier stand und die Flundern im seichten Ufer mit Steinen zu treffen versuchte, bekam sie dieses merkwürdige Prickeln in den Bauch, das die Erwachsenen bekommen, wenn sie verliebt sind oder irgendein fürchterliches Gebräu getrunken haben. Allerdings hatte sie weder das eine noch das andere ausprobiert und deshalb glaubte sie, das Gefühl sei ein Vorzeichen großer Ereignisse, denn genauso ging es Kidda im Keller immer, wenn Orkane oder Vulkanausbrüche im Anzug waren, und außerdem konnte sie plötzlich und unvermittelt Lemurengeruch wittern, was unweigerlich Tod ankündigte. Agga schnupperte, konnte aber nichts anderes riechen als den penetranten Geruch von Seetang.
Gelbe Strahlen erleuchteten die glatte, graue Meeresoberfläche im Hafenbecken, und im Ort herrschte Grabesstille. Nur der Rauch aus den Häusern, die zum Teil halbversteckt in den Lavamulden kauerten, deutete darauf hin, daß manche bereits auf den Beinen waren. Die Uhr am Kirchturm zeigte gut zehn, und bald würden sich die Männer mit Schlägermützen und in abgewetzten Sonntagsanzügen am Hafen einfinden und mit den Händen in den Hosentaschen die alte Leier über mageren Fischfang, Reaktionäre und die verdammten Kommunisten anstimmen.
Die Möwen am Ufer kreischten laut an diesem Auferstehungstag des Gottessohnes, und Aggas Magen rumorte, als hätte sich dort ein Poltergeist angesiedelt. Daß die Übelkeit von dem riesigen Schokoladenosterei herrühren könnte, das sie sich noch vor Sonnenaufgang einverleibt hatte, kam ihr nicht in den Sinn, sie glaubte eher an das Vorzeichen, spürte aber das Bedürfnis, aufzustoßen oder sich über einen Küchenhocker zu legen, um sich von Blähungen und Bauchschmerzen zu befreien. Sie trottete die alte Steinpier wieder zurück, über die Brücke, die über den Bach führte und hielt sich bis nach Hause den Bauch. Unterwegs hörte sie aus einiger Entfernung das Klappern von hochhackigen Schuhen, war aber zu sehr mit ihren Bauchschmerzen beschäftigt, um es zu beachten. Es war ihr so egal, daß sie sich nicht einmal umdrehte, um zu sehen, wer schon so früh am Ostersonntag unterwegs war, und war bereits zuhause am Gartentor angelangt, als ihr bewußt wurde, daß die Frau ihr die ganze Zeit auf den Fersen gewesen war. Da endlich drehte sie sich um.
Als sie in eisblaue Augen blickte, erinnerte sie sich undeutlich an ein Foto und an die Beschreibung einer Frau, von der Kidda und Großmutter gesprochen hatten. Einer Frau, die angeblich eine Figur wie ein Coca-Colaflasche hatte, eine Haut wie Alabaster und Augen wie Diamanten, dunkles Haar und Lippen wie Schneewittchen. Eine Offenbarung, hatten sie gesagt. Die Frau, die dort mit halbgeschlossenen Augen vor ihr stand, das aufgesteckte Haar unter dem Hut verborgen, gertenschlank, langbeinig, und mit halbgeschlossenen Augen, konnte deswegen durchaus eine Offenbarung sein.
Agga hing wie ein Äffchen am Gartentor, die beiden musterten sich gegenseitig und schließlich fragte Agga pfiffig: Bist du die aus Ämärrika?
Ich bin Freyja, sagte die Frau leise aus zierlichem Mund.
Agga schluckte, und die Frau fragte, ob sie das Tor öffnen wolle oder ob sie darüberklettern müßte. Agga öffnete, indem sie sich mit einem Bein abstieß, und die Frau stöckelte mit einem kleinen, kantigen Koffer in der Hand auf ihren hohen Absätzen durchs Tor. Mitten auf den Stufen zum Haus drehte sie sich um und fragte: Ist Júlíana zu Hause?
Die Oma? Die ist da, die Oma, jetzt, antwortete Agga und hatte Schwierigkeiten mit dem Satzbau.
Sie eilte hinter der Frau her und kam gerade noch rechtzeitig, um die erstaunte Miene ihrer Großmutter zu sehen, als sie diese hochgewachsene Frau vor der Tür stehen sah, die Großmutter höflich grüßte und merkwürdig lispelnd fragte, ob sie sich nicht an sie erinnern könnte. Großmutter legte den Kopf schief, lächelte geradezu schüchtern und fragte zurück, ob sie nicht die kleine Nichte sei, die nach Amerika gegangen war? Die Frau, die mehr als einen Kopf größer war als Großmutter und kaum als klein bezeichnet werden konnte, lächelte erleichtert und sagte, genau die wäre sie. Ob sie vielleicht hereinkommen dürfte?
Den Frauen des Hauses war nicht entgangen, daß Besuch gekommen war. Großvaters Schwester Kidda tauchte aus der Kellerwohnung auf und seine Töchter, beide im Nachthemd, kamen oben von der Mansarde herunter. Alle starrten sie die Frau an, bis Großmutter barsch fragte, ob sie nicht ihre Cousine begrüßen wollten. Sie reichten ihr schweigend die Hand und knicksten. Dann standen sie im Korridor und machten Stielaugen, als hätten sie nie zuvor eine elegante Dame gesehen. Großmutter legte wieder den Kopf schief und fragte, ob man ihr nicht einen Schluck Kaffee anbieten könne. Die Frau lächelte dankbar, folgte ihr in die Küche und die anderen liefen im Gänsemarsch hinterher.
Sie scharten sich um die amerikanische Offenbarung herum, die sich in die Ecke setzte und die langen Beine übereinanderschlug. Großmutter setzte den Kessel auf, und indem sie sich wie in einem Selbstgespräch die Geschichte des Mädchens in Erinnerung rief, das Ende des Krieges nach Amerika gegangen, und jetzt nach sieben Jahren Fortsein zu Besuch gekommen war, fragte sie, ob Freyja Durst hätte oder Hunger, ob man im Flugzeug etwas serviert bekäme, oder ob sie vielleicht mit dem Schiff gekommen sei? Ob ihr Mann mitgekommen oder zu Hause geblieben sei, und ist er immer noch Offizier?
Er ist tot, antwortete die Dame ohne zu zögern.
Die Weiblichkeit sah sich betreten an, Kidda zog ihre Pfeife aus der Kittelschürze und Dódó und Ninna kratzten sich unter ihren Nachthemden.
Während die Dame in ihrem Handkoffer nach einem Taschentuch suchte, offenbarte sich sein Inhalt. Die Frauen hielten die Luft an und bekamen glänzende Augen.
Jemine, sagte Agga.
Die Sonne, die über dem Felsenhügel hing, schickte ihre Morgenstrahlen in das Küchenfenster, so daß die Parfümfläschchen und vergoldeten Cremedöschen wie Gold in einer Schatzkiste glänzten. Madame lächelte, als sie die Neugierde der Frauen bemerkte, denen das Schicksal des Offiziers im Augenblick gleichgültig geworden war, und stellte ein Fläschchen und Döschen nach dem anderen auf den Tisch. Duftende Cremes und Parfums, Lippenstifte, diverse Sorten Nagellack, Rouge, Lidschatten, Puder und Puderquasten.
Rita Hayworth benutzt diese Duftnote, sagte sie und zeigte ihnen einen Flacon. Nicht eine Sekunde zweifelten sie an ihren Worten. Dódó, die Schönheit aus Döschen verehrte, schraubte ein Nagellackfläschchen auf und zog sich genußvoll einen feuerroten Streifen über einen Fingernagel. Ninna, Agga, Großmutter und Kidda sahen sich an, grinsten und mokierten sich. Griffen dann nach den Döschen, öffneten eins nach dem anderen und schnupperten und schnüffelten. Sie drückten am Zerstäuber der Parfümflacons, sprühten sich etwas hinters Ohr und in die Achselhöhlen, und der exotische Duft der großen weiten Welt verjagte den Fettmief von gekochtem Hammelfleisch mit Rüben und stellte bessere Zeiten in Aussicht.
Schließlich erinnerten sie sich aber wieder an den Offizier und fragten, was ihm zugestoßen sei. Die Dame blickte zu Boden und sagte, daß er vor zwei Monaten gestorben sei. Er hätte eines schönen Tages, als sie gerade den Eisschrank abtaute, einen Herzschlag bekommen. Weiter kam sie nicht, denn alle riefen im Chor: Hattest du einen Eisschrank!?







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