Arantxa Urretabizkaia

Das Rote Heft
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Übersetzt aus dem Baskischen von Petra Elser.

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L. markiert auf dem Stadtplan von Caracas den Wohnort der Kinder mit einem kleinen roten Kreuz. Das Stadtviertel liegt im Süden, im Südosten genauer gesagt, auch wenn es ihr auf dem Weg, den sie bis zum Hotel zurücklegen musste, anders erschien.

Es ist schon spät, Zeit zum Abendessen, doch sie verspürt keinen Hunger. Ihre Hose hat sie ausgezogen und trägt nur noch ein Unterhemd. Sie riecht unter ihren Achseln und zieht sich das Hemd über den Kopf. Im Schrank hängen bisher nur Bluse und Rock vom vorherigen Tag, sonst nichts. Sie zweifelt noch einmal kurz, ob sie ins Bad gehen soll, aber schließlich legt sie sich aufs Bett, nachdem sie sich vergewissert hat, dass der Riegel an der Zimmertür auch vorgeschoben ist. Als sie das Heft von dem kleinen Nachttisch neben dem Bett nimmt und auf ihren nackten Bauch legt bemerkt sie, dass ihre Haut feucht ist. Sie nimmt es wieder herunter und lässt es auf dem Laken liegen.

Gerne würde Sie etwas schreiben, weiß aber nicht was, außer dass die Kinder dem Vater einen Kuss gegeben haben und sie die Adresse herausgefunden hatte. Das erscheint ihr jedoch keine ausreichende Rechtfertigung. Einen Augenblick lang kommt ihr der Gedanke, bei der Adresse, an die sie den ersten Brief geschickt hatte, um Hilfe zu suchen. Bitte, ich bin alleine und weit weg von Zuhause oder etwas in dieser Art. Aber der Gedanke entwickelt sich nicht weiter. Er bleibt dort zurück, in der ewig siedenden schwülen Luft von Caracas. Sie war schon immer recht redselig gewesen, oder zumindest hatten sie ihr das von klein auf gesagt. Und wahrscheinlich hatten sie Recht, denn ihr stärkstes Bedürfnis in diesem Moment war, mit jemandem zu reden.
Sie nimmt das Heft und beginnt erneut zu lesen.

"Wir heirateten in dem Jahr, in dem Franco starb, eine Woche danach, um genau zu sein. Euer Vater wollte mit mir zusammenleben, eine neue Familie gründen, und eure Großmutter diente ihm dabei als Vorwand für die Hochzeit. Die Ärmste würde doch bestimmt nicht verstehen, warum wir nicht heiraten wollten und warum mich das denn stören würde, wenn man dadurch, wie bei so vielem anderen auch, dem Staat klein beigibt. Eine Hochzeit wäre doch auch nichts anderes als das Ausfüllen eines Passantrags... Naja, ihr wisst schon wie überzeugend euer Vater sein kann, besonders dann wenn er lügt."

"Also, Franco war tot und eine Woche später heirateten wir, fast ohne jegliche Zeremonie. Ich war achtundzwanzig Jahre alt und euer Vater dreißig. Wir zogen zusammen in ein Stadtviertel von Donostia, in die Wohnung, die ich damals gemietet hatte. Euer Vater war Mechaniker, ich Lehrerin. Und schon lange waren wir beide in demselben Kampf aktiv, gegen die Diktatur, für die Freiheit unseres Volkes."

"Glückliche Jahre waren das, vollkommen glückliche, und vielleicht hat mich dieses übermäßige Glück betrunken gemacht. Ich hatte es eilig, war gierig nach dem Leben, so als wäre jeder Tag der Letzte. Heute scheint es mir, dass ich statt in Eile eher auf der Flucht gewesen bin, dass ich Angst hatte vor der Normalität. Aber das kommt mir jetzt in den Sinn, jetzt, wo ich mich so sehr nach einem normalen Leben sehne."

"Es war so, dass wir heirateten und gleichzeitig entschieden, dass es noch zu früh sei, Kinder zu bekommen, dass uns diese Monate die Möglichkeit boten, den Lauf der Geschichte zu verändern und dass das für uns Vorrang hatte. Glaubt mir, unsere Gründe waren gewichtig, durchdacht und ausdiskutiert. Sie entstanden nicht einfach so aus Leichtfertigkeit."

"Doch ein Jahr nach unserer Hochzeit wurde ich schwanger. Eines Morgens, als ich gerade zur Arbeit gehen wollte, wurde mir übel. Es vergingen noch etwa zwei Wochen, bis ich den Grund meines Unwohlseins sicher wusste, aber an diesem Morgen auf der Toilette, als mein Körper sein Innerstes nach Außen kehrte, vermutete ich bereits, dass ich schwanger war. Du warst das, Miren, oder der Samen, aus dem du wachsen solltest."

"So lange, bis der Arzt meinen Verdacht nicht bestätigte, erwähnte ich eurem Vater gegenüber nichts. Ich glaubte, er möge keine Überraschungen, er würde mir die Verantwortung für das Geschehene geben und die Neuigkeit nicht gerade gut aufnehmen. Zu dieser Zeit plante euer Vater alles im Voraus. Durch dieses Plänemachen versuchte er, den uns umgebenden Wahnsinn unter Kontrolle zu bringen. Und auch wenn die meisten dieser Vorhaben scheiterten, konnte von klein beigeben keine Rede sein. Kaum war ein Projekt gescheitert, entwickelte er schon ein neues, ohne aufzugeben."

"Ich erinnere mich noch, wann und wie ich ihm sagte, dass ich schwanger war. Wir warteten vor dem Eingang des Rathauses von Donostia auf den Beginn einer Sitzung. Der kalte Wind, den der Winter gebracht hatte, trieb uns schutzsuchend unter die Arkaden. Dort, mit klappernden Zähnen, sagte er mir, dass ich gar nicht gut aussähe. Da platzte das Warum aus mir heraus. Mit der rechten Hand umklammerte ich in der Hosentasche das Papier mit dem Testergebnis. Euer Vater umarmte mich, kaum dass er meine Worte gehört hatte. Wir kümmern uns gemeinsam darum, sagte er und legte mir unter dem Mantel seine Hand um die Hüften. Und auch seine Mutter würde uns helfen. Wenn die alten Volksweisheiten zutreffen, meinte er noch, dann bekommen wir ein Mädchen, deswegen siehst du so schlecht aus, Liebstes."
"Schließlich wurde die Tür geöffnet und die Sitzung begann. Bald sind wir eine wirkliche Familie sagte er mir an diesem Abend auf dem Nachhauseweg.

Die Tage und Wochen vergingen, mein Bauch wurde langsam dicker, aber im Grunde veränderte sich an unserem Leben nichts. Arbeiten, Versammlungen, Schlafen, wieder Arbeiten, Versammlungen, Schlafen und ab und zu, selten, ein Essen mit Freunden."

"Abgesehen von diesen ersten Wochen hast du, Miren, mir während der gesamten Zeit der Schwangerschaft nicht viel Mühe gemacht. Jetzt, wo noch niemand merkte dass ich schwanger war, wenn ich es nicht selbst sagte, war die morgendliche Übelkeit verschwunden und du nahmst von nun an ganz friedlich von meinem Körper Besitz: du verfügtest über meine Brust, meine Hüften, meinen Bauch und selbst über mein Gesicht. Wie von selbst, ganz von selbst, entwickeltest du dich, es gäbe keinen besseren Ausdruck dafür. Ähnlich wie die Buchen vor dem Fenster, die zum Wachsen nichts weiter brauchen als Zeit."

"In jenen Monaten lebten wir also weiter in unserem üblichen Rhythmus, vielleicht sogar mit mehr Energie als je zuvor. Wir waren zwei, das war mir von Anfang an klar, aber wir standen einander zur Seite. Manchmal, mitten in einer Versammlung oder in der Schule, spürte ich einen Tritt, immer nach oben. Aber normalerweise bewegtest du dich erst, wenn ich mich hingelegt hatte, so als wolltest du mich nicht weiter stören... Da warst du, Miren, ganz gemütlich in mir drin und manchmal vergaß ich sogar, dass ich schwanger war."
"Es war der Sommer des Freiheitsmarsches und an jenem letzten Tag des Marsches waren es noch zwei Wochen bis zu deinem Geburtstermin. Ich weiß nicht mehr genau wie die Situation war, als die Polizei auf die Demonstration losging, aber wie in einem Schwarzweißfilm sehe ich noch die Leute laufen, umgeben vom düsteren Rauch der Gasgranaten, auf der Flucht in alle möglichen Richtungen. Ich rannte hangabwärts, alleine, einen mir unbekannten kargen Hügel hinunter. Mit den Händen und Armen hielt ich meinen Bauch, aber ohne Angst, ja, damals ohne eine Spur von Angst. Als der Rauch abnahm, traf ich euren Vater und bis heute habe ich diese Umarmung nicht vergessen. Du begannst, mich zu treten und ich führte die Hand eures Vaters an meinen Bauch. Wir waren zu dritt."

"Ein Mann, zwei Frauen, sagte der Arzt, als du meinen Bauch verließt, groß und kräftig, mehr als dreieinhalb Kilo schwer, ohne ein einziges Haar auf dem Kopf. Bereits vom ersten Moment an weintest du ganz stilvoll. Von Anfang an blaue Augen und wenig später kastanienbraune Haare.

L. schließt das Notizbuch, als hätte sie ihre Neugier gestillt. Ich begebe mich in deine Hände, hatte die Mutter der Kinder zu ihr gesagt und auch, dass es ihre Entscheidung sei, ob sie das Heft lesen wolle oder nicht.
Bevor sie einschläft denkt sie noch, dass der Mutter, da so viele Jahre vergangen waren seit sie die Kinder verloren hatte, vielleicht das richtige Maß abhanden gekommen war. Es war zu viel Liebe, die aus dem Heft hervorbrach, eine zwanghafte Liebe. Aber dann hält sie an dem Gedanken nicht weiter fest. Sofort sagt sie sich, dass sie nicht Richterin sei, sondern Anwältin, die Anwältin der Mutter.

Eine klare Person, erinnert sie sich, und gleich darauf hört sie eine angenehme Männerstimme sagen, was das denn sei, ganz alleine Urlaub zu machen, wer weiß in welch einen Schlammassel sie da hineingerate.

Sie sagte ihm nicht, wohin sie fuhr und mit welchem Ziel, klar, aber hinter der spürbaren Ironie bemerkte sie eine gewisse Ruhe, so als ob der Mann auf sie aufpassen würde. Sie konnte sich irgendwie vorstellen wie sie ihm eine Nachricht schickte, zum Beispiel: Bin in Caracas und in Gefahr. Und der Mann käme ihr zu Hilfe, so ähnlich wie Supermann.

Das Erwachen am nächsten Morgen ist nicht sehr angenehm, auch wenn sie, schon bevor sie die Augen öffnet, weiß wo sie ist und warum. Der Eindruck eines Albtraums, an den sie sich nicht erinnern kann, vergeht auch dann nicht, als sie die Planung für diesen Tag noch einmal durchgeht. Also zieht sie das an, was sie bereits im Flugzeug getragen hatte und nimmt, ohne gefrühstückt zu haben, das Auto, mit dem gefalteten Stadtplan auf dem Beifahrersitz.

Es ist halb elf morgens, als sie vor dem Haus steht, in dem die Kinder wohnen. Mit einer schwarzen Mappe in der Hand betritt sie den Hauseingang. Ein Pförtner ist nicht zu sehen. Ohne jemandem zu begegnen nimmt sie den Aufzug und fährt in den achten Stock. Die Nummer des Stockwerks hatte sie auf dem Briefkasten gelesen. Achter Stock, B. Als sie sich im Spiegel sieht kommt ihr der Gedanke, dass sie vielleicht ihr Aussehen etwas verändern sollte und kurzentschlossen nimmt sie ein schwarzes Gummi aus der Tasche. Im siebten Stock hat sie ihr Haar straff in den Nacken gebunden.

Kaum dass sie den Aufzug verlässt, sieht sie, dass die Wohnung B auf der rechten Seite liegt und nach zwei Schritten in diese Richtung hört sie den Hund der Kinder bellen. Die Tür der Wohnung B ist geöffnet und dort, wo sich normalerweise ein hölzerner Türflügel befindet, ist ein massives Eisengitter angebracht. Von dort kommt das Gebell des rattenähnlichen Hundes. Vielleicht ist die Wohnung leer, denkt sie, aber da sieht sie auf der anderen Seite des Gitters die Frau, die am ersten Tag den alten Transporter gefahren hatte, mit einem kleinen Kind auf dem Arm.
Die Haare der Frau sind zerzaust. Das Tuch, das sie zusammengehalten hatte, hat sich gelöst und ist ihr halb auf den Rücken gerutscht.

Sie erschrickt, als sie L. vor der Türe stehen sieht. Sie käme von der Stadtverwaltung, sagt L. zu ihr und wolle ein paar Fragen stellen. Die Frau antwortet, L. solle am Nachmittag wiederkommen, ihr Mann sei auf der Arbeit und sie selbst könne nichts beantworten. Am Nachmittag solle sie wiederkommen. Der Hund hat aufgehört zu bellen und das kleine Kind will auf den Boden, aber die Frau lässt es nicht los. Kommen Sie am Nachmittag wieder, sagt sie noch einmal und obwohl L. der Frau nicht die Wahrheit gesagt hat, bewegt sie ihre Lippen zu einem irgendwie glaubwürdigen Lächeln. Nach dieser Geste erklärt sie ihr, dass es einfache Fragen seien, dass sie eine Umfrage mache, um die Bedürfnisse der Bewohner des Stadtviertels genauer kennen zu lernen. Die Frau weicht nicht aus, aber bevor sie die erste Frage beantwortet, schließt sie ihre an sich schon kleinen Augen, bis in ihrem Gesicht nur noch zwei schwarze Kerben zu erkennen sind. Sie habe drei Kinder, antwortet sie. Das Älteste sei dreizehn, das Mittlere zehn und das Kleine werde bald zwei, und ja, sie sei in Caracas geboren und ihre Kinder auch. Als sie nach dem Mann gefragt wird, erschrickt die Frau erneut und wiederholt den vorher schon mehrmals gesagten Satz, es sei besser sie würde mit ihrem Mann sprechen. Danach greift sie mit der Hand nach dem offenstehenden Türflügel und bittet um Entschuldigung, sie müsse die Türe schließen.

L. bleibt nicht einmal Zeit ihr zu danken und sie ruft noch, dass sie am Nachmittag wiederkäme. Ohne auf den Aufzug zu warten, läuft sie die Treppe herunter, angesteckt von der Angst der Frau. Glücklicherweise hatte diese keinen Ausweis der Stadtverwaltung sehen wollen. Als sie wieder im Auto sitzt beruhigt sie sich und auf dem Weg zum Hotel denkt sie, vielleicht hat die Mutter Recht, vielleicht wurden ihr die Kinder wirklich weggenommen. L. erschrickt über den Zweifel, der durch diesen Gedanken offenbar wird. Erschrickt erst, und schämt sich dann. Und diese Scham hält über viele Stunden an, bleibt verhaftet in ihren Gedanken. Sie ist auch noch da, als sie sich auf den Weg zur Schule macht, nachdem sie in dem kleinen Restaurant gegenüber etwas Reis gegessen hat. Es ist nicht wenig, was sie erreicht hat, aber sie hat es nicht gut vorbereitet und ist ein zu großes Risiko eingegangen.
















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