In dieser Ausgabe
Aingeru Epaltza
Rock 'n Roll
Lesen Sie auch Baskische Literatur und die Kunst des Übersetzens.
In dieser Stadt haben die Namen der Gasthäuser dieselbe Eigenschaft wie ihre Straßen und ihre Einwohner: sie verändern sich nur selten: es sei denn, es kommt zu einem Krieg, einer Revolution oder einem ähnlich welterschütternden Ereignis. Auch das Lisboa kannte ich von klein auf unter diesem Namen. Er bestand schon immer aus denselben länglich-dünnen, gewundenen Buchstaben, die in einer seit langem durchgebrannten Neonreklame an unbewegliche, verletzte Schlangen erinnerten.
Falls dieser Ort irgendwann einmal erfolgreich gewesen sein sollte, dann war es gewiss vor meiner Zeit. Als ob die Hauptstadt, die dem Lisboa den Namen verliehen hatte, diesem ein Stück ihres Charakters eingehaucht hätte; jener Melancholie, die niemals enden wollend, dem Gast bis zum Abstieg ins Gesicht schlug, sobald er das Lisboa betrat. Tische, Stühle, die verblichenen Fotos Chiado, Bairro Alto und die beeindruckende Brücke überm Flussbett des Teixo sowie die innen und außen vollgeschissenen Toiletten kurzum, all das flehte nach Renovierung, während die Welt diese Litanei nicht erhören wollte. Auch Antonio verhielt sich mit seiner apathischen Körperhaltung und seinen geistesabwesenden Gedanken wie eine portugiesische Bedienung hinterm Tresen, obgleich er aus der hiesigen Gegend stammte.
Selbst wenn ich ihn "Trauermiene" nannte, hellte sich sein Blick nicht auf. Noch eine andere, nicht unwichtige Gemeinsamkeit mit der Stadt am Atlantik: Wenn es stimmt, dass die Lissabonnerinnen die unattraktivsten Frauen von allen Hauptstädten Europas sind, dann schienen die wenigen weiblichen Stammgäste hier im Lisboa alle dieser Hölle der Hässlichkeit zu entstammen.
Als wir noch jünger waren, wäre es dekadent gewesen, zur Vergrößerung des aus jeder Menge Schlipsträgern und Glatzköpfen bestehenden Kundenstamms des Lisboa beizutragen. Nun, seitdem Kristina mich vor die Tür gesetzt hatte, war es jedoch mein Zufluchtsort, wo ich mich von der aufreibenden Arbeit bei der Zeitung erholte. Warum dieser Ort und kein anderer? Schwer zu sagen. Die Preise dort lagen auf dem im städtischen Gaststättengewerbe üblichen Räuberniveau. Was das wenig heimelige Ambiente anbelangte, so kann man das Lisboa als einen vor sich hindümpelnden Treffpunkt bezeichnen, der in der Regel von einsamen Menschen zwischen 40 und 60 Jahren besucht wurde. Auch die Öffnungszeiten verhalfen dem Lisboa nicht gerade zu einem besonderen Image.
Unter der Woche schloss Antonio stets um ein Uhr nachts, nicht eine Minute später. Die Lage hingegen sprach für sich. Das Lisboa befand sich im Stadtteil Zabalgunea und lag somit nah genug an der Altstadt, so dass ich mein Auto nicht vermissen (besser: benutzen?) musste, um zu meiner neuen Bleibe zu gelangen.
Ein weiterer Vorteil, der bei meiner schon seit vier Monaten andauernden Phase nicht zu verachten war: Ich konnte meine Nasenspitze im übelriechenden, sich im Abgrund meines Unglücks befindlichen Schlamm versenken, ein befreiender Zeitvertreib, dem ich mich bis zur Langeweile hingeben konnte, ohne dass mich dabei jemand störte, denn im Lisboa war es schwierig, Arbeitskollegen oder gar Bekannte anzutreffen.
Auch jener Mittwochnachmittag im August in Antonio "Trauermienes" Gefilden war für mich von großem Vorteil. Seit mehr als zwei Stunden plätscherte ich in der Kloake meines Gehirns herum, während ich, ohne mich auch nur einen Zentimeter zu rühren, auf dem Barhocker saß. Nachdem ich sechs Gin abgekippt und etwa vierzehn Zigaretten geraucht hatte, ereilte mich der Höhepunkt der Nacht, sprich der bewegende Moment, in dem ich schlussfolgerte, dass ich nichts weiter sei als ein verfaulter, auf allen Gebieten gescheiterter Wurm. Wohlbemerkt: ein durstiger verfaulter Wurm.
"He "Trauermiene, das letzte!"
Mein Rufen war vergeblich. Der Wirt hätte sich nur mit Taubheit herausreden können, um mich nicht zu hören. Die Musik war schon abgestellt und es war bereits eine halbe Stunde verstrichen, seitdem der letzte abgestürzte Gast den Heimweg angetreten hatte. In der Bar waren nur noch Antonio und ich, ein jeder von uns Machthaber auf seiner Seite des Tresens. Antonio streckte den rechten Zeigefinger mit Tai-Chi-Geschwindigkeit zur Uhr, die sich über dem Spiegel hinterm Tresen befand. Drei Minuten vor eins.
"Also, so was, du wirst mich doch nicht trocken gehen lassen, oder? Hol´ eins von deinen Giften `raus. Ehrenwort, ich zeig´ dich auch nicht beim Gesundheitsamt an."
Im Lisboa hielten sie sich nicht mit Scheinheiligkeiten auf.
Wenn man einen Gin, Whisky oder Cognac bestellte ohne sich genauer auszudrücken, setzte "Trauermiene" einem das schlechteste vor, was er im Haus hatte, und zwar immer in einem Glas, das irgendwann einmal sauber gewesen war und stets ohne Eiswürfel. Das machte mir nichts aus. Wenn ich ach so armer Kerl mir mal wieder selbst leid tat, mochte ich den Gin so, schlecht und pur, einen Schmerz wie glühendes Metall im Gaumen hinterlassend, wenn er die Kehle hinunterrann. Kristina hasste jene meiner Vorlieben.
Der Wirt nahm mein leeres Glas weg, stemmte den Ellbogen auf den Tresen und wischte mit einem rot-weißen Lappen den feuchten runden Rand, den das Glas hinterlassen hatte, von der Theke ab. "Trauermienes" träge, einen Halbkreis andeutende Bewegung hatte den Anschein, als wolle sie niemals enden. Nicht genug damit, dass der Wirt eine für das Lisboa vollkommen unübliche Reinlichkeitsliebe an den Tag legte, sollte der Besen in dessen Hand mir seine feste Absicht verdeutlichen, meine Bestellung zu ignorieren. In jener Mittwochnacht im vergangenen August wäre es zwischen uns beiden nie zu einer gütlichen Einigung gekommen, hätte nicht die knarrende, weil schlecht geölte Tür das Eintreten einer weiteren Person angekündigt.
Es lag auch an seinem dunklen Leberfleck an der Wange, dass ich ihn nicht sofort erkannte - und daran waren weder die vorher hinuntergekippten Gin noch die Monate, die wir uns nicht gesehen hatten, schuld. Mit zwanzig Kilo weniger auf den Rippen und in einem albern wirkenden, orange-roten Marken-Jogginganzug, kam er mir vor wie der hinkende transgalaktische Held dieser durch und durch pädagogisch wertvollen Filme, die mein Sohn so liebt. Einer feuerroten Flamme gleich, war er in der fahlen Beleuchtung des Lisboa fehl am Platz. Was Trauermiene anbelangt, so unternahm dieser noch einmal die titanische Anstrengung, den Zeigefinger seiner rechten Hand in Richtung der Uhr überm Spiegel hinter dem Tresen zu bewegen: Eins nach eins. Er wusste nicht, dass der Neuankömmling nicht in der Absicht gekommen war, etwas zu trinken. Als habe er den unfreundlichen Empfang des Wirtes nicht bemerkt, steuerte der soeben erschienene Gast direkt auf mich zu.
"Edu, ich brauche dich."
Jenseits der Frontscheibe verschlang die lange blaue Schnauze des Volvo den Asphalt der leeren Straße wie ein hungriger Jugendlicher eine Endlos-Spaghetti. Mein Freund Ximurra brachte mich mit rasender Geschwindigkeit in die schläfrige Stadt. Über das elegante Armaturenbrett gebeugt und fast ohne Platz zwischen dem Lenker und seinem geschrumpften Multikolor-Bauch zu lassen, brachte Ximurra die Räder zum Aufheulen, die Kupplung zum Wiehern und die Gangschaltung zum Krächzen, wobei er jede einzelne hohe Umdrehung mit Schreien und Fluchen begleitete.
"Der Typ am Telefon war dein Bruder, oder? Was für ein beknacktes Arschloch! Was der mir für einen Mist an den Kopf geworfen hat, nur weil ich ihn aus dem Bett geholt hab´ und er nicht gecheckt hat, dass ich in Eile war. Glaub´ bloß nicht, dass der mir sofort gesagt hätte, wo ich dich finden kann. Also, von mir... . Verflucht! Edu, kauf´ dir nie einen scheiß Diesel, echt nicht!"
Die meisten Ampeln nahm Ximurra bei Rot mit und wenn er gezwungenermaßen anhielt, um einen Zusammenprall mit einem anderen Wagen zu verhindern, begann er mit der aus dem Fenster gestreckten Hand gegen die metallene Außenseite des Wagens zu schlagen. Das Licht von draußen zündete einen Sturm kurzlebiger Sternchen über der schon aus früheren Zeiten bekannten Glatze des Gärtners.
"Los, weiter! Fahr´ schon!"
All meine Eingeweide fuhren Achterbahn, als würden sie von einer teuflischen Jahrmarktsattraktion durcheinander gewirbelt, die ein durchgeknallter Ingenieur entworfen hatte. Mit einer verzweifelten Geste bat ich Ximurra anzuhalten, was gar nicht gut ankam.
"Was ist das für ein Quatsch? Willst du mir auf die Nerven gehen, oder was?"
Wir standen mit eingeschalteter Warnblinkanlage mitten auf einer langen Allee wie ein vom Kurs abgekommener Dampfer in einem durch einen Taifun leergefegten Hafen. Ich stürzte hinaus und versuchte mit Hilfe meiner Hand, den Mund zuzuhalten.
"Wenn sie mir eine Strafe aufbrummen, zahlst du. Nun kotz´ schon alles `raus. Wehe dir, wenn du mir das Auto einsaust."
Ich entleerte meinen Magen in einem dieser von der Stadtverwaltung angelegten Gärten, die das Parken verhindern sollen. Ich machte es schnell und sozusagen auch sauber. Als ich wieder zu Ximurra zurückkam, war ich immer noch etwas verwirrt und auch mein Gedankenfluss war noch nicht schneller geworden. Mein Freund konnte vor Wut nicht an sich halten.
"Tolle Hilfe habe ich mir da geholt. Wenn ich Ttipi zu Hause erwischt hätte, wärst du jetzt nicht hier bei mir und würdest mir die Nacht versauen."
Als der Wagen wieder anfuhr, suchte ich einen festen Punkt vor mir, damit mir nicht wieder schwindlig würde. Da es nichts anderes gab, wählte ich den Zipfel eines gelben Lappens, der aus dem Handschuhfach heraushing. Während ich nicht verhindern konnte, dass mir die Augen brannten, setzten wir die Reise fort, deren Ziel und Zweck ich noch nicht kannte.
"Pass auf", befahl Ximurra mir, "wir sind hinter einem alten Lieferwagen her, grün und ziemlich lang."
Ich fragte ihn nicht, warum wir hinter einem alten, grünen und ziemlich langen Lieferwagen her waren, doch dies alles zwang meine Augen, sich vom Zipfel des gelben Lappens abzuwenden. Seitdem wir das Lisboa verlassen hatten, fand ich jenseits der Fensterscheibe dasselbe Schauspiel vor: Die Scheibe war genauso vernebelt wie mein Hirn. Die leeren Straßen, die in Reih und Glied parkenden Autos und der Schein der Straßenlaternen waren wie ein Spuk. Ich kramte ein Taschentuch aus meiner Hosentasche hervor und säuberte damit meine voll gespuckte Brille. Aber meine Sicht wurde dadurch keinen Deut besser.
"Es waren zwei Typen. Sie hatten ihre Karre auf dem Autobahnraststätten-Parkplatz neben unserer geparkt. Der Fahrer hatte eine lange Strubbelmähne und einen Ohrring im linken Ohr. An den anderen Fahrer erinnere ich mich nicht so gut, aber der war wohl mickriger. Frag´ nicht, ob sie jung oder alt waren. Bei dieser Art von Gesocks weißt du nie, wie alt die sind. Sie hatten Messer dabei, aber ich habe ein Schießeisen, viel besser als die."
Ximurra hielt den Lenker in der linken Hand und schob die rechte unter den Sitz. Ohne die Augen von der Straße zu lassen, zeigte er mir die rechte Hand und hielt sie dabei von unten in meine Richtung, so dass man von außen nichts sehen konnte.
"Eine Astra. 7,62 mm. Sieben Schuss. Genauso legal wie dieser Wagen. Jeden Monat nehme ich sie auseinander, putze sie Teil für Teil und poliere auch den Silbergriff mit Watte. Wenn mir irgendein Arschloch blöd kommt: bum! und aus die Maus. Abgedrückt und da liegt er. Was sagst du dazu?"
Ich suchte nach einer geeigneten Antwort, aber mein Kopf war wie ein ausgeschalteter Fernseher.
"Wir sind nicht nur auf der Welt, um einzustecken, sondern auch, um ab und zu mal auszuteilen."
Ximurra hatte seine Hand von neuem unter den Sitz geschoben. Sie kam leer wieder hervor. Eine Weile lang sagte er nichts. Nach längerem Schweigen begannen mir die Augen schwer zu werden.
"Edu, wenn du einpennst prügel´ ich dich raus."
Wir hatten die Stadt noch nicht verlassen. Mir schien, als seien wir unbeabsichtigt in eine fremde Stadt verschlagen worden. Es gab nichts Bekanntes in dieser verschwommen Landschaft, die wir durchquerten. Und noch weniger gab es ein Auto, das den Merkmalen entsprach, die mein Freund beschrieben hatte. Grün, alt und ziemlich lang, wiederholte ich in Gedanken. Ich schaute auf die Digitalanzeige des Armaturenbrettes: 04.08.99 - 01:32 - 17.5 ºC. Es dauerte nicht lange und die Lider wurden mir wieder schwer und schwerer. Ohne gegen diese Kraft anzukämpfen, die mich vereinnahmen wollte, ließ ich meinen Körper im Takt des ratternden Motors wiegen.
"Jetzt reicht's!"
Im ersten Moment dachte ich, Ximurra habe mir einen Schlag auf den Kopf verpasst. Ich brauchte einige Sekunden, bis ich merkte, dass ich, unangeschnallt wie ich war, wegen einer Vollbremsung, rumms! gegen die Windschutzscheibe geknallt war. Wir standen mitten auf einem Zebrastreifen, der sich in der Nähe eines Parks befand. Sowohl vor als auch hinter dem Zebrastreifen war reichlich Platz, ohne dass wir im Halteverbot hätten stehen müssen. Mein Freund wühlte in der Tasche seines Hemdes, das er unter dem Jogginganzug trug und kümmerte sich nicht um meinen schmerzenden Kopf. Er zog ein weißes, gefaltetes Papier hervor.
"Wenn du glaubst, dass ich dich jetzt irgendwohin bring´, wo du `nen halben Liter schwarzen Kaffee abkippen kannst, dann irrst du dich gewaltig. Ich ruf´ Ttipi gleich noch mal an. Aber jetzt werden wir erst den Göttern der Chemie huldigen."
Aus dem Seitenfach des Autos zog Ximurra eine kirschrote Ledermappe hervor, von der Sorte, wie sie zur Aufbewahrung von Autopapieren verwendet werden, und legte sie auf seine Knie. Mit einer flinken und geschickten Bewegung öffnete er sehr konzentriert das weiße Papier, ohne die Falte in der Mitte zu zerreißen, um dann vorsichtig ein weißliches Pulver auf der Mappe zu verteilen: Zuerst eine kurze und dann eine zweite, etwas längere Linie, die er mit Hilfe der Kreditkarte noch länger und schmaler werden ließ.
"Die Genüsse der Hochebene. Zumindest haben sie es mir als so was verkauft. Klaro, sie haben es mit Kreide und Gips gestreckt. Ganz schöne Sauerei. Trotzdem, bei Notfällen wie heute tut es gut. Normalerweise würde ich dafür kassieren, aber heute lad´ ich dich ein. Du hattest doch hier irgendwo einen Schein, `ne? Erinnerst du dich? Je neuer, desto besser."
Unbeholfen glitten meine Hände in die dünne Jacke. Es beruhigte mich etwas, dort die Brieftasche zu finden, denn beim ersten Fühlen glaubte ich, sie sei mir abhanden gekommen. Nach Zahlung der Zeche im Lisboa bestand mein ganzes Vermögen aus nur einem einzigen Schein, der darüber hinaus wie Ximurra vorher ja gefordert hatte noch nicht durch viele Hände und Orte gegangen war. Mein Freund hatte jedenfalls keine große Mühe, daraus ein wohlgeformtes Röhrchen zu basteln. Zuerst beugte Ximurra den Kopf über die Mappe. Als diese auf meine Knie wanderte, war die längere Linie verschwunden.
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