In dieser Ausgabe
Ramon Saizarbitoria
Rossettis Besessenheit
Das Manuskript steckte ich wieder in den Umschlag, in dem es gekommen war und blieb hinter dem Fenster, den Blick auf das unter der Last des schwarzen Himmels grau anmutende, mit weißen Schaumkronen versehene Meer, gerichtet. Das Schauspiel allein hätte schon ausgereicht, um die Feuchtigkeit in allen Knochen zu spüren, aber darüber hinaus war eine feuchte Kälte in die Wände des Hauses gekrochen, da es leer gestanden hatte. Als sei dies nicht genug, war ich außerstande, die Heizung in Gang zu setzen, so oft ich es auch versuchte. Wie dem auch sei, der Grund für mein Unwohlsein, das mich an jenem ungemütlichen Herbstmorgen frösteln ließ, war der Gedanke, dass ich Victoria nicht mehr sehen würde.
"Mal sehen, wo wir uns das nächste Mal treffen", hatte sie gesagt. Und nach einer kurzen Pause, wenn wir uns treffen, natürlich", hinzugefügt, bevor sie wegging. Für jemanden, der diesen Satz verstehen will, ist die Bedeutung sonnenklar. Besonders, wenn man bedenkt, dass ich es war, der kurz zuvor gesagt hatte, "mal sehen, wann wir uns wieder sehen", und sie anstelle von wann du willst", oder ruf´ mich doch morgen an", oder in den nächsten Tagen, was sie zumindest hätte sagen können, einfach mal sehen, wo wir uns das nächste Mal treffen, wenn wir uns treffen", erwidert hatte. Allerdings mit honigsüßer Stimme, was jedoch gar nichts heißen will, denn Victoria ist nicht fähig, unfreundlich zu reden, außer wenn sie sagt, dass Rossetti für sie ein mieser Typ ist.
Also war klar, dass dies ein Versuch war, einer festen Verabredung auszuweichen - genauer gesagt, dass sie die Gelegenheit uns zu sehen bestenfalls dem Schicksal überließ. Als sie sagte, mal sehen, wo wir uns das nächste Mal treffen, gab ich deshalb nicht zur Antwort 'gleich morgen, wo immer du möchtest, wenn es für dich o.k. ist, obwohl ich es gern getan hätte. Und ich vermied es, weil ich sie nicht bedrängen wollte.
Ich weiß, dass wir irgendwann einmal in der Zukunft, wenn sich die Gelegenheit zu einem Treffen ergeben sollte, einen Kaffee oder ein Bier zusammen trinken könnten. Wenn ich recht überlege, ist folgendes am Schlimmsten: Victoria nimmt mich nicht so ernst, als dass sie sich über mich ärgern oder sich meinetwegen aufregen würde.
Auch wenn das Pech seinen Teil dazu beitrug, ist es hauptsächlich meine Schuld, dass unsere Beziehung in die Brüche ging. Nun, wo es zu spät ist und ich weiß, dass ich sie für immer verloren habe, sehe ich noch klarer, dass ich sie von Herzen liebte. Und ich bin mir sicher, dass ich ihr auch etwas bedeutete. Jetzt ist es für mich offensichtlich, dass ich ihr meine Gefühle einfach hätte offenbaren sollen:
"Ich liebe dich, glaube ich, Victoria", mit genau diesen Worten. Und sie hätte mir ganz sicher zu verstehen gegeben, dass ich ihr auch etwas bedeute.
Ich weiß nicht genau, auf welche Art. Vielleicht hätte sie geantwortet "ich habe dich auch ziemlich gern", mit dieser Floskel, die Frauen oft verwenden, um zu sagen, dass wir ihnen nicht vollkommen gleichgültig sind. Wir hätten uns für einen anderen Tag verabredet, und dann hätte die Landschaft, die ich jetzt aus dem Fenster sehe - der unter der Last der schwarzen Wolken beinahe einstürzende Himmel und das schiefergraue Meer, das seine schäumende Wut dagegen schleudert keine Macht, meine Stimmung zu verdüstern. Wir hätten uns irgendwo zum Abendessen verabredet, wahrscheinlich im 'Urepel', dem Restaurant am Fluss.
Jetzt, nachdem alles gelaufen ist, ist es natürlich ein Leichtes zu sagen, dass alle möglichen Aktionen besser gewesen wären als das, was ich tat. Als ich mit Victoria zusammen war, hatte ich jedoch solche Angst, sie könne mir alles, was ich tat oder sagte, übel nehmen, da es sie enttäuschte, dass ich eine verführerische und mächtige Floskel für notwendig hielt, die tiefen Eindruck bei ihr schinden sollte; eben etwas Stärkeres und Originelleres als ich glaube, ich liebe dich", oder ähnliches.
Als wir durch London spazierten, war ich mehrfach von selbst stehen geblieben und hatte das Gespräch unterbrochen. Beinahe hätte ich gesagt ich glaube, ich liebe dich, Victoria", aber ich fürchtete, sie würde sich nach diesem Geständnis von mir abwenden oder sie sei beleidigt, weil ich ihre zweifelsohne aufmerksame Haltung mir gegenüber missverstanden hatte. Denn den Frauen ist folgende Neigung von uns Männern sehr unangenehm: Wenn sie eine Beziehung, die wir gerne vertiefen würden, nur auf freundschaftlicher Ebene pflegen möchten, dann fühlen sie sich verraten, da sie annehmen, wir wüssten ihren Respekt und ihre Aufmerksamkeit uns gegenüber nicht richtig zu deuten. Und im Normalfall erreichen wir nichts, außer, die freundschaftliche Beziehung, die wir vertiefen wollten, aufs Spiel zu setzen.
Wegen unserer neu beginnenden, noch immer losen und oberflächlichen Beziehung wollte ich ihr meine Gefühle nicht ohne weiteres preisgeben, auch wenn mir jetzt klar ist, dass sie mich schlimmstenfalls nicht ernst genommen hätte, wenn ich ihr so etwas wie ich glaube, ich liebe dich", gesagt hätte. Oder ich hätte wie so oft eine humorvolle Antwort einstecken müssen: deine Fantasie geht mit dir durch, beispielsweise; oder auch du weißt doch nicht mal, wer ich bin, du kennst mich nicht; oder etwas Philosophischeres wie
du liebst mich nicht, du willst mich nur lieben..
Jeder Lösungsweg wäre besser gewesen als jener, den ich schließlich einschlug. Das ist jetzt angesichts der Folgen klar. Auch wenn mich nicht rechtfertigen will, muss ich doch sagen, dass es mir nicht an Gründen mangelte, das zu tun, was ich tat. Einerseits schien es mir passender, meine Gedanken schriftlich darzulegen, anstatt sie mündlich auszudrücken. Denn für jemanden, der ein bisschen etwas vom Schreiben versteht, ist es einfacher, mit Stift und Papier umzugehen. Erst einmal, weil man zumindest drum herum kommt, die Dinge von Angesicht zu Angesicht besprechen zu müssen. Doch vor allem, weil es ein Vorwand sein kann, seine wirkliche Absicht hinter einer literarischen Aktivität zu verstecken. Das heißt, von etwas geschriebenem kann man immer behaupten, es sei eine Erfindung auf dem Papier, reine Literatur. So scheint es mir Ausnahmen bestätigen die Regel , dass Schriftsteller für gewöhnlich Feiglinge sind.
In meinem Fall erschien es mir noch mehr gerechtfertigt, den schriftlichen Weg zu wählen, um Victoria den Hof zu machen, wenn man bedenkt, welch umwerfenden Erfolg ich bei Eugenia ein paar Jahre zuvor unter ähnlichen Umständen mit nur vier kurzen Zeilen erzielt hatte. Vor dem Hintergrund dieses unheimlichen Erfolges wirklich, damals schien es mir nicht übertrieben, das Wort Erfolg zu verwenden dachte ich, es sei logisch, dass jener Text, der bei Eugenia gewirkt hatte, bei Victoria zum gleichen Ergebnis führen könnte, wenn man bedenkt, dass beide ähnliche Eigenschaften aufwiesen. Sie stammten aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht, waren beide intelligent und gebildet und darüber hinaus Literaturliebhaberinnen.
Kurz gesagt, das Problem war folgendes: Der Text, den ich bei Eugenia verwendet hatte, war schon fast gänzlich aus meiner Erinnerung verschwunden und genau aus diesem Grund eben, weil ich ihn vergessen hatte , ließ er mir keine Ruhe. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ihn Victoria zu schicken keinen ähnlichen Text, derselbe Text musste es sein, Wort für Wort und ich versuchte, ihn auf Biegen und Brechen wiederzubekommen. Kurz gesagt, dies ist, was mir passiert war.
Ich glaube, in gewisser Weise kann so etwas jedem passieren. Will sagen, etwas zu vergessen und außerdem scheint es normal zu sein, wenn man das Gefühl hat, es läge einem auf der Zunge und sich darauf zu versteifen, es wieder ins Gedächtnis zu holen. Ich zumindest habe mich daran gewöhnt, dass ich mich häufig in einer solchen Situation befinde. Das noch häufiger, seit ich angefangen habe, den Computer zu benutzen was spät erfolgte. Daher kommen mir Texte schnell abhanden, wenn ich im Menü ausschneiden, kopieren oder ähnliche Funktionen anklicke. Und oft passiert es mir dabei, dass mir das Gelöschte, was auch immer es ist eine einfache Zeile, ein einziges und simples Wort, ein Briefkopf, Lieber Freund, nur ein paar Worte" und ähnliches unersetzlich scheint, als sei es das Ergebnis allerhöchster Inspiration.
Ich weiß sicher, dass diese Worte sowie die Gewandtheit, sie akribisch miteinander zu verbinden, die einzigen sind, die meine Wünsche erfüllen. Solange ich mich nicht an sie erinnere, kann ich nichts sagen, nichts schreiben. Und dann erfasst mich die Besessenheit, dass ich den Text koste es was es wolle wieder finden muss. Dann verbringe ich Stunden und Tage voll vergeblicher Mühen vor dem Computer. Und ich rufe alle Freunde an, die angeblich etwas von Informatik verstehen, weil ich glaube, dass ich unfähig bin, beziehungsweise dass mich das unsichere Ergebnis meiner Verausgabung schrecklich fordern würde, da es ja auch wieder originalgetreu und detailliert sein müsste, wenn ich den gelöschten Text ob Wort, Zeile oder Absatz neu schreibe.
Natürlich ist im Fall der an Eugenia geschriebenen und bei Victoria wieder verwendbaren Notiz die Sehnsucht nach dem verlorenen Wort noch eher gerechtfertigt. Einerseits hatte ich wie gesagt die Wirkung auf Eugenia noch im Kopf, denn ihre Haltung mir gegenüber veränderte sich vollkommen, nachdem sie meine Zeilen erhalten hatte: Sie wurde leidenschaftlich. Das verstärkte selbstverständlich meinen Drang, den Text wieder zu bekommen und andererseits, da es sich um einen handgeschriebenen Text handelte, konnte ich meine Besessenheit nicht im Ritual ausleben, ihn vor dem Computer sitzend wieder auf den Bildschirm zu holen.
Gemäß Sedano einem Freund und gleichermaßen Kollege von mir, der von Beruf Psychoanalytiker ist - handelt es sich bei der Zwangsneurose das ist seine auch für meinen Fall gern verwendete förmliche Bezeichnung jener Diagnose zwar nicht um einen Charakterzug, mit dem wir von Geburt an ausgestattet sind - ich spreche lieber von Charakterzug als von Krankheit , sondern um etwas, das wie es heißt schon in den frühen Lebensjahren des Menschen in Erscheinung tritt. Er wird wohl Recht haben, aber ich glaube nicht, dass ich wie der Rattenmann" oder wie alle übrigen, mit schmutzigen Phantasien behafteten Patienten Freuds, eines von diesen widerwärtigen Kindern war, die mit vier Jahren einen Steifen bekommen. Doch ich weiß sehr gut, wovon ich spreche - jedenfalls ist Zwanghaftigkeit keine seelische Neigung, die im Lauf der Jahre heilt.
In der Jugend braucht man nicht alle Gedanken, Erfindungen oder seltsamen Einfälle argwöhnisch für sich zu behalten, als handele es sich um einen Schatz. Ganz im Gegenteil: Ideen und Pläne kann man unbesorgt teilen. Vielleicht, weil man einfallsreicher ist und auch, weil man die Zukunft noch vor sich hat sprich, da das Vertrauen in das eigene schöpferische Können ungebrochen ist, weiß man, dass man nach dem Verlust einer guten Idee problemlos tausend bessere haben wird. Zumindest tauchen so viele Gedichte im Kopf oder gar im Herzen auf, wie man möchte jetzt könnte ich nicht behaupten, dass ich weiß, woher die Gedichte kommen. Auf jeden Fall sind es in der Jugend mehr als genug, um allen Mädchen, die uns gefallen, Liebesbriefe schicken zu können.
Außerdem scheut man sich in der Jugend weniger, etwas aus einer Anthologie zu kopieren und alle möglichen Dinge als wertvoll zu erachten. Wie dem auch sei, in der Jugend ist es unwahrscheinlicher, sich wegen eines verloren gegangenen Textes verrückt zu machen, denn man kann im Handumdrehen einen neuen verfassen. Man kann auch einen liebgewonnen Vers wie ein Fenster habe ich zum Meer geöffnet, abschreiben und aus die Maus. Hauptsache, man verliert nicht die Nerven. Und das hätte auch Rossetti machen sollen, doch der arme Kerl versteifte sich darauf, seine Gedichte wieder zu bekommen, weil sie ihm brillant und unübertrefflich erschienen. Und etwas Ähnliches ist auch mir passiert.
Victoria konnte diese kleinliche Haltung der Schöpfer jene Neigung, ihr Werk über den grünen Klee zu loben nicht verstehen und ich erinnere mich, dass sie einmal sagte denen wäre es lieber, wenn eine gotische Kathedrale abgerissen wird, als dass sie eine Zeile aus ihrem Werk streichen." Und ihre normalerweise honigsüße Stimme klang härter, wenn sie sagte, dass Rossetti ein mieser Typ sei und es hatte für mich wirklich nicht den Anschein, als redete sie im Spaß.
Ich war nicht immer so. Meine Werke - soweit ich von Werken reden kann, denn von Auftragsarbeiten abgesehen habe ich außer Lebwohl Trauer nichts veröffentlicht, einem Roman aus der Jugend, dessen Titel den Einfluss von Gefühlen nicht verbirgt also meine literarischen Aktivitäten haben mich, wie ich meine, nicht unablässig eingenommen. Ich schreibe nicht, wie viele andere, ständig irgendwelche kleinen Einfälle hier und da auf Papierschnipsel - im Glauben, sie seien genial.
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