ESSAY: BUBENPROSA?

Die männliche Kurzgeschichte
Hochzeiten_301
S. Fischer Verlag: Hochzeiten
Ein Essay von Maike Wetzel
Was soll das sein, die männliche Kurzgeschichte? Ein erzählerischer Ballermann? Ich stelle mir vor: Eine kurze Geschichte mit Bart. Sie schreitet sehr entschieden voran, mäht auf ihrem Weg ein oder zwei andere Geschichten nieder, orientiert sich mit einem Blick im Gelände, paart sich mit der bestaussehendsten weiblichen Geschichte und dann ist sie auch schon vorbei - und wir haben den Salat. Natürlich nicht.

Zugegeben, als junge Schriftstellerin betroffener Sorte fällt es schwer, diese Gelegenheit nicht zu nutzen, um den Spieß umzudrehen und im Gegenzug zum vielzitierten "Fräuleinwunder" mal über die "Herrleinliteratur" zu polemisieren. Der Sache dient das nicht, nur der Unterhaltung und dem Stressabbau. Da ich aber Hoffnung auf Fortschritt pflege: Kein Wort mehr über Bubenprosa.

Worum sonst soll's hier gehen? Um die Männlichkeit und kurze Geschichten? "Ein weites Feld, ein weites Feld." So seufzte einst Theodor Fontane und fast würde er als deutscher Dichter selbst in diesen Artikel geknebelt - so breit ist der Hut, unter den ich alle männlichen Kurzgeschichtenautoren stecken soll. Bitte machen Sie sich keine Hoffnungen: Das Experiment wird mir nicht gelingen.

Die männliche Kurzgeschichte ist das unbekannte Tier mit den zwei Köpfen. Der Begriff verzweigt sich wie eine Wünschelrute - schwierig, die beiden Äste zusammen anzugehen. Fangen wir daher der Chronologie halber mit der ältesten Frage der Menschheit an: Wie schreibt es sich mit dem angeblich "starken Geschlecht"? Was macht den sogenannten "kleinen Unterschied"? Wo steckt er in der Literatur?

Um eins gleich klarzustellen: Ich weiß nicht, was eine Geschichte männlich macht. Der Verfasser, flüstert man mir zu. Ja, klar. Aber zu dessen Geschlecht gibt es eben noch ein oder zwei Worte zu verlieren - wie zu dem Thema Geschlecht und Schreiben überhaupt. Auch wenn wir alle drüber stöhnen, die Sache mit dem Y-Chromosom bleibt ein Dauerbrenner. Nicht die Tatsache der Zweigeschlechtlichkeit generell nervt, aber vieles an der Debatte über "Weibliches" und "Männliches", auch in der Literatur, nervt.

Zuerst einmal ist es eine sehr einseitig geführte Diskussion. Geben Sie den Begriff "Frauenliteratur" in einer Internetsuchmaschine ein und vergleichen Sie mit der Zahl der Ergebnisse bei "Männerliteratur": 1:0 für die Frauen, zahlenmäßig, eine trügerische Dominanz. Denn die Bündelung als "Frauenliteratur" zieht immer noch das alte Heim-und-Herd-Klischee nach sich, Rosen oder Herzen auf dem Umschlagbild, eine angenommene Froschperspektive - auch wenn der Begriff mal nicht ausgesprochen herabwürdigend gebraucht wird, suggeriert der Hinweis auf das Geschlecht in jedem Fall, dass dieses maßgeblich bestimmt, was uns die/der Schreibende zu sagen hat.

Die Taufpaten der "Frauenliteratur" kommen aus allen Lagern, aus der Kunst genauso wie aus dem Kommerz, die Palette reicht vom Marktschreier bis zum Schulterklopfer. Selbst diejenigen, die sich als die "Guten", als Literaturboten, sehen, gehören dazu: Die Herausgeber von Anthologien, die Veranstalter von Lesereihen oder Festivals. Regelmäßig erscheinen im Feuilleton Artikel über Schriftstellerinnen, die deren Geschlecht als den sogenannten "Aufhänger" nutzen, den Anlass der Berichterstattung. So als lebten wir noch in den Zeiten Virginia Woolfs, als Frauen nicht die Universitätsbibliothek betreten durften. Ich finde die Bezeichnung "Aufhänger" in diesem Zusammenhang sehr treffend, sie erinnert mich an besinnungslos lynchende Massen.

Die Idee hinter dem Gerede über Frauen- oder Männerliteratur ist überall die Gleiche: Orientierung bieten in einer orientierungslosen Welt. Kategorien erleichtern. Das Kaufen, Leben, Urteilen. An vorderster Front stehen dabei die Buchhändler und die Verlage, die nach bequemen Schubladen suchen, um der Ware Buch neue Kunden zuzuführen. Die Umsätze in Sachen Literatur sind selbstverständlich immer bedroht. Vom Internethandel, vom Boom der literarischen Ramschläden à la Jokers, von den Buchkaufhäusern. Trotzdem kommt mehrmals im Jahr eine Flut druckfrischer Bücher auf den Markt, die Regale in den Läden sind voll, die Titel, die Autoren - Schall und Rauch. Wäre da nicht die Allzweckwaffe Marketing. Doch in deren Genuss kommen immer weniger Bücher, die Werbemittel konzentrieren sich auf einen kleinen Ausschnitt der Verlagsprogramme, auf Titel, die ein großes Publikum versprechen, auf die Superstars. In erster Linie also auf all jene, die ohnehin schon bekannt sind. Die Regalaufschrift "Frauenliteratur" in den Läden, selbst in den Bibliotheken, zielt auf Zahlen. Sie ist eine ökonomische Idee. Wenn jetzt noch der Begriff "Männerliteratur" dazu stoßen sollte, ist das nur logisch. Längerfristig muss auch die andere Hälfte der Menschheit mit ins Boot. Obwohl ein Gerücht in der Branche besagt, dass Frauen lesen, Männer nicht. Doch das ist wieder so ein Sack, der sich leicht zubinden lässt. Ich würde ihn gern versenken.

Das Geschlecht des Autors verrät weder, ob es sich um eine gute oder eine schlechte Geschichte handelt, noch um welche sonstige Art Geschichte es sich handeln könnte. Das Geschlecht des Autors ist für mich also der falsche Sattel für ein widerspenstiges Pferd: Die Kurzgeschichte. Für mich ist sie weit mehr als ein Gesellenstück, weit mehr als die kleine Probe für das große Meisterwerk, den Roman. Ihr geringer Umfang bedeutet nicht zwangsläufig geringere Komplexität, Alice Munros Erzählungen etwa umspannen mehr "Welt" als mancher Roman. Auch Heinrich Böll, der immerhin den Nobelpreis für Literatur kassiert hat, bevorzugt die Form der Kurzgeschichte, sie ist ihm die liebste Prosaform. "Ich glaube, dass sie im eigentlichen Sinn des Wortes modern, das heißt gegenwärtig ist, intensiv, straff. Sie duldet nicht die geringste Nachlässigkeit, und sie bleibt für mich die reizvollste Prosaform, weil sie auch am wenigsten schablonisierbar ist." Wer Kurzgeschichten schreibt, muss mit der Beschränkung umgehen können. Es bleibt nicht viel Platz, um Spannung zu entwickeln, Figuren zu zeichnen, Rätsel zu lösen. Der einzelne Satz, ja jedes Wort in der Kurzgeschichte wiegt schwerer als im weiten Gebäude eines Romans. Böll, der beide Formen gestaltet hat, spielt Roman und Kurzgeschichte nicht gegeneinander aus, er erklärt weder das eine, noch das andere zur einsamen Krone der Literatur. Aber er hat die Mühe beschrieben, die hinter dem scheinbar schnell Geschriebenen steckt: "Ich komme darauf, weil ich jetzt wieder anfange, Kurzgeschichten zu schreiben und merke, wie wahnsinnig schwer das ist. (...) Ich glaube, Kurzgeschichten sind am besten mit Aquarellen zu vergleichen, eine scheinbar rasche, aber mit viel intensiver Arbeit gemachte Ausdrucksform." So einfach aus dem Ärmel schütteln lassen sich nämlich gerade 'die paar Seiten' nicht.

Gut, das ist die nur die eine Seite der Nahrungskette. Auf der anderen stehen die Leser und die wollen - laut Verlagen und Buchhandel - einfach keine kurzen Geschichten. Die Leser wollen angeblich eintauchen in andere Welten, wollen eine Heldin, einen Helden begleiten und nicht nach ein paar Seiten wieder aus der Handlung geworfen werden. Bis vor ein paar Jahren traute sich in Deutschland niemand Kurzgeschichten unbekannter, junger Autoren zu verlegen. Dann kamen Ingo Schulze und Judith Hermann - ihre Erzählungen verkauften sich gut und auf einmal konnten auch andere Schriftsteller ihre Kurzgeschichten bei großen Verlagshäusern unterbringen. Interessanterweise wurden Ingo Schulzes Simple Storys noch als Roman angepriesen, wohingegen heute bei anderen Büchern mit einzelnen Erzählungen oder aber einer längeren, etwa 120 Seiten umfassenden Erzählung oft die Gattungsbezeichnung auf dem Einband weggelassen wird. Ein Fortschritt?

Viele Autoren, die in beiden Gattungen arbeiten, beteuern, sie würden gern ausschließlich Kurzgeschichten schreiben, doch die Verlage und Agenten drängten nach Romanen. Die wunderbare Deborah Eisenberg ist in ihrer gesamten Schriftstellerlaufbahn hartnäckig bei der kurzen Form geblieben. Doch obwohl sie im Geburtsland der short story, in den Vereinigten Staaten, lebt, scheint der Ruf auch in den USA nach dicken Wälzern groß zu sein: "Keine Frage, es gibt eine Menge Druck. Glücklicherweise zwingen mein Verleger und mein Agent mich nicht, einen Roman hervor zu würgen. Doch mit diesem Glück kommt auch das Wissen, dass man nie wirklich ernst genommen werden wird, bis man einen Roman geschrieben hat. Ich bin so pervers, dass ich diese Aussicht tatsächlich interessant finde. Kann ich dieselbe Tiefe, genau so viele verschiedene Tonarten erhalten, wenn ich die Handlung ausdehne? Ich denke, ja, das könnte Spaß machen und dann denke ich: Das ist genau das, was 'sie' von mir verlangen." Auf die provokative Zwischenfrage, ob sie denn nicht "Deborah Eisenbergs großen Durchbruch" schreiben wolle, entgegnet sie: "Es ist einfach zu ärgerlich, zu nervtötend. Ein Teil des Vergnügens am Schreiben ist doch, dass es die 'bad kid'-Beschäftigung par excellence ist. Warum sollte man das aufgeben?" Kurzgeschichten sind widerborstig, sie servieren keine Lösungen und erfordern alle Aufmerksamkeit. Wer sie schreibt, kann mit wenig Lorbeeren rechnen. Als das größte Lob im Feuilleton gilt für eine Autorin oder einen Autor von Kurzgeschichten immer noch, wenn der Rezensent sich gönnerhaft auf den zu erwartenden Roman freut.

Bei allen Abgrenzungsnöten, John Cheever weist daraufhin, was hinter dem Kleinkram - der Frage ob Roman oder Kurzgeschichte, ob Schriftstellerin oder Schriftsteller - wirklich zählt. Er antwortete auf die Frage, warum er Kurzgeschichten schreibe: "So lange wir von Erfahrungen besessen sind, von ihrer unterschiedlichen Intensität und ihrer episodischen Natur, so lange werden wir die Short Story in unserer Literatur haben, und ohne Literatur, würden wir, selbstverständlich, untergehen."










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