In dieser Ausgabe
HERZSCHMERZ
Aus der Stadt der Puppen
Foto: DM Vyleta
Aus dem irischen Englischen von Ulrike Harnisch und Thoralf Seiffert
Falls Sie einmal nach diesem Pub suchen, so ist er zu finden: Von der Karlsbrücke in die Karlova, vorbei am Foltermuseum und dann links in die Liliova abbiegen. In dieser kurzen Straße werden Sie die erste von drei Kneipen hinter schweren Holzrolläden finden, ein gelbes Gambrinus-Schild darüber. Während meines Aufenthalts befand sich hier das zweite Wohnzimmer eines Haufens saufender, meist britischer IT-Spezialisten und amerikanischer Immobilienhaie, angelockt vom Privatisierungsboom der Stadt, der wieder am Abflauen war, als ich dort ankam.
Der Laden war schon nachmittags gerammelt voll, und ich raffte meine Zeitung zusammen, um für eine schöne Frau Anfang Zwanzig am Tisch Platz zu machen, die über mir aufgetaucht war. Ihre Größe und ihr Knochenbau waren ein unübersehbarer Fingerzeig. Wangenknochen wie diese, hatte mir eine frühere Freundin versichert, haben nur slawische Frauen. Was für Wangenknochen auch immer, sechs Wochen gelegentlicher Beobachtung in den Kneipen und Straßen hatten mich überzeugt, daß die Welt, sollte irgendwo ein Mangel aufkommen, in dieser Stadt auf ein Heer von Dessousmodels und buchbarer Filmheldinnen zurückgreifen konnte. Während sie ihren Mantel auszog, deutete diese eine Spezielle auf meinen Guardian.
"Sie sind Engländer?"
"Nein, Ire."
Sie lächelte eilfertig. "Sorry."
"Macht nichts. Fangen wir noch mal an."
Unter ihrem Mantel trug sie ein rund ausgeschnittenes T-Shirt und einen grauen Rock über schwarzen Strumpfhosen. Mein Blick blieb an einer Stelle über ihrer linken Brust hängen, wo sich ein schuppenförmiger Schimmer zeigte, etwas, das ich für vernarbtes Gewebes hielt; während der nächsten paar Minuten versuchte ich, nicht hinzustarren. Sie rührte ihren Kaffee um, wandte sich zu mir, und wir fingen an, in der lockeren Art zweier Fremder zu reden, die in dieser Menge froh über jeden menschlichen Kontakt waren. Ich erzählte ihr, warum ich in der Stadt war und sie von einem Kellnerinnenjob und Englischstunden in der Berlitz School auf der anderen Seite des Flusses. Dann hielt sie ohne jede Vorwarnung mitten im Satz inne, ließ den Kopf in beide Hände fallen und gähnte ausgiebig.
"Ich bin so müde", sagte sie, abrupt wieder auftauchend und schüttelte den Kopf. "Ich hab schlecht geschlafen. Das Telefon klingelte die ganze Nacht, meine Mitbewohnerin hat Streß mit ihrem Freund." Sie gähnte wieder und fügte schläfrig hinzu: "Aber wenigstens falle ich nicht mehr in Ohnmacht wie früher."
Ich war verblüfft - Telefonanrufe und Ohnmachtsanfälle - wo war da der Zusammenhang? Bevor ich etwas sagen konnte, fuhr sie in distanziertem Ton fort, wie jemand, der sich mit einiger Verwirrung an ein früheres Leben erinnert.
"Als Kind fiel ich immer in Ohnmacht, wenn ich vor etwas erschreckte: Türklingeln oder plötzliches Krachen oder vor jemandem, der hinter mir auftauchte und mich durchkitzelte ... schwupp, machte ich den Abgang. Doch ich war nicht die einzige - bei meiner Mutter und meiner älteren Schwester war es dasselbe." Sie tippte sich mit dem schmalen Zeigefinger gegen den Brustkorb. "Es ist eine Herzkrankheit, eine Schwäche, die für einen Verschluß sorgt, wenn mein Blutdruck zu plötzlich ansteigt ... Das unterbricht die Blutzufuhr zum Gehirn und ich falle ohnmächtig zu Boden." Sie zuckte die Achseln. "Es war Teil meiner Kindheit. Etwas, das mir passierte, uns allen passierte. Eines Tages klingelte bei uns zu Hause das Telefon, ich stand mit meiner Schwester in der Küche, und wir sahen die Augen der anderen in unseren Köpfen rollen, bevor wir umkippten. Meine Mutter war im Nebenzimmer, kam herein und riß auf ihrem Weg in den Flur die Obstschale vom Tisch. Am Abend kam mein Vater nach Hause und fand die drei Frauen seines Lebens auf einem Haufen im Flur. Zwei Monate später nahm er einen Verwaltungsjob in einem slowakischen Braunkohlentagebau an und verschwand." Sie verzog ihr Gesicht zu einer verdrossenen Miene. "Pflegeintensiv, benutzt ihr den Begriff?"
"Ja, benutzen wir."
"Das ist genau das, was wir waren. Drei pflegeintensive Mädchen."
"Drei Frauen", platzte ich heraus, "drei Frauen, die in Ohnmacht fallen ..."
"Ja, drei Frauen. Du kannst in den medizinischen Fachzeitschriften alles über uns lesen, wir waren ziemlich bekannt in der Herz-Kreislauf-Community. Und meine Mutter sieht auch ziemlich gut aus, bei meiner Schwester und mir geht`s grade so."
Ich kann mich nicht erinnern, diesen Punkt weiter diskutiert zu haben, ich ließ ihn einfach so stehen. Inzwischen hatte sie ihren Kaffee ausgetrunken, und ehe ich mich versah, bestellte ich einen neuen und ein zweites Bier.
"Ist das überhaupt erlaubt? Das ganze Koffein ...?" Ich machte eine unbestimmte Handbewegung.
"Nein." Sie berührte die Narbe über ihrer Brust. "Anfang der Neunziger wurde diese neue Technologie entwickelt, meine Mutter und meine Schwester waren unter den ersten, für die sie eingepaßt wurde. Ein elektrisches Gerät, das mit 250 Volt einspringt, wenn deine Herzfrequenz einen bestimmten Schwellenwert unterschreitet.
"Wie eine Starthilfe", meinte ich.
"Ja, wie eine Starthilfe. Ich war erst sechzehn, und sie wußten nicht, ob es zu verantworten war, so ein Gerät bei mir einzusetzen - bei Teenagern hatte man es noch nie angewendet. Meine Ohnmachtsanfälle wurden allerdings häufiger und die Perioden der Bewußtlosigkeit länger und länger. Sie befürchteten, daß ich eines Tages umfallen und nicht mehr aufwachen würde. So bekam ich kurz vor meinem 17. Geburtstag dieses Ding in meine Brust."
Sie langte herüber und griff sich meine Hand. Ihre war kühl und trocken, als hätte sie eben in Puder gefaßt.
"Du kannst es fühlen - hier."
Sie preßte meine Hand auf die Stelle über ihrer linken Brust, unter dem starken Druck gab die vernarbte Haut nach. Sie fuhr mit meinem Zeigefinger auf und nieder, ging unter den Saum ihres T-Shirts. Dort wollte irgend etwas nicht nachgeben; eine schmale Rippe, stärker als eine Arterie, aber von einer synthetischen Härte, verlief von ihrem Schlüsselbein senkrecht abwärts und schien in der Fülle ihrer Brust zu versinken. Während ich diese synthetische Härte unter ihrem warmen Fleisch fühlte, überkam mich ein verrückter Gedanke - so wird man also zu David Cronenberg, sagte ich mir, jeden Moment wird der Kopf von irgend jemand explodieren.
"Ich bin stolz auf meine Narbe", sagte sie, meine Hand entlassend. "Vier oder fünf Teenager haben dieses Implantat bekommen, aber ich war die erste."
Die Wärme ihrer Brust kribbelte in meinen Fingerspitzen. Ich brauchte einen Moment, um mich wieder in den Griff zu bekommen.
"Es muß dein Leben beeinträchtigt haben, da sind bestimmt viele Dinge, die du nicht machen kannst?"
Jetzt fand sie sichtliches Gefallen an meinem Erstaunen: ihr Lächeln wurde breiter.
"Ich habe dieses kleine Handbuch", sagte sie, "mit all den Dingen, die ich nicht machen darf: Radfahren in den Bergen, sprinten, schwimmen ... es ist eine lange Liste, aber egal, bisher hat es mich nie erwischt. Aber meine Mutter. Eines Tages mußten wir uns beeilen, um die Metro in der Mala Strana zu kriegen, wir gingen zwar schnell, rannten aber keineswegs. Ich war meiner Mutter zwei Schritte voraus und erreichte gerade die Treppe, als sie nach mir rief. Ich drehte mich um und sah, wie sie gegen die Wand gelehnt, in die Knie ging. Dann sprang es an. Hast du Blade Runner gesehen?"
"Ja."
"Da ist diese Szene, wo Harrison Ford ..."
"Dekard."
"Als Dekard, ja. In dieser Szene jagt Dekard eine Replikantin, sterbend liegt sie in der regennassen Straße, bis ihr immer langsamer schlagendes Herz stehenbleibt. So war es auch bei meiner Mutter, echt beängstigend. Sie wurde zu Boden gezogen, versuchte sich die Bluse aufzureißen. Ich stand über ihr und versuchte die Leute von ihr fernzuhalten. Sie können sie nicht anfassen, sie ... "
Zum ersten Mal stockte sie. Nach einem Moment verzweifelter Suche gab sie auf und hob flehentlich die Hände.
"Lebt?"
"Ja, lebt, das ist das Wort. Meiner Mutter war es sehr peinlich, aber sie kam wieder zu Kräften und das war die Hauptsache." Sie schwieg einen Moment, und als sie wieder anfing zu sprechen, klang ihre Stimme verändert, ein leichtes Zittern schwang mit. "Aber es gibt eine Sache, da würde ich es drauf ankommen lassen, das würde ich gern erleben ... wenn du richtig heißen Sex hast, löst es den Mechanismus aus und ... für den Mann muß das der Wahnsinn sein." Sie sah mir jetzt direkt in die Augen, und zu meiner Verwirrung war ich Anfang Dreißig nicht der Mann von Welt, für den ich mich gehalten hatte.
"Na ja", sagte sie mit einem schrillen Kichern, "mein Freund läßt nichts unversucht."
Ich senkte den Kopf, um die heftige Welle von Verlegenheit und Enttäuschung in mir abflauen zu lassen, als ich wieder aufsah, stand sie schon und schlang sich ihren Schal um. Ich hörte, wie ich ihr anbot, den Kaffee zu übernehmen und dann hörte ich, wie sie sich bei mir bedankte. Sie wünschte mir Glück und ging - ich verglich es innerlich mit der fließenden Anmut einer bezaubernden Frau - durch die Tische zur Tür.
Fünf Minuten später lief ich in diesen bleigrauen Tag hinaus, mein Kopf schwindelte noch immer von dem, was ich gehört hatte. Den alten Platz hatte ich schon zur Hälfte überquert, als ich plötzlich stehenblieb und mich umblickte. Der Groschen fiel, es dämmerte, ein Licht ging auf ... natürlich dachte ich - diese Stadt der Puppen und Mechanismen, dieser Stadt der Roboter und Golems ... wo sonst würdest du einer elektrischen Frau begegnen? Und während ich da stand und lachte, begann ich die Kälte zu spüren und schlug meinen Mantelkragen bis zu den Ohren hoch. Es war mitten am Nachmittag, der graue Himmel verfing sich an der Turmspitze der Kathedrale. Menschenmengen trieben über den Platz. In drei Monaten würde diese Stadt ein einziges Gedränge deutscher und japanischer Touristen sein, die das Passieren der engen Gassen unmöglich machten. Im Winter hierher zu kommen, war eine meiner besten Ideen gewesen. Und mit einer 360 Grad-Drehung besah ich mir alle diese Frauen, die sich in kurzen Röcken und hochhackigen Schuhen geschmeidig über das Kopfsteinpflaster bewegten und dachte an das, was ich nun wußte - sollte ich tausend Jahre alt werden, niemals wieder würde ich eine zweite Stadt mit einer solchen Kompanie hochgewachsener, wunderschöner Frauen besuchen.
Sechs Wochen später, zurück zu Hause in Mayo, stand ich im unteren Teil meines Gartens und fütterte ein kleines Feuer mit den Seiten eines beträchtlichen Manuskripts. Alles geronnene Inspiration und Unsinn, jede Seite eine hoffnungsloseSchrulle, die Arbeit von zehn Wochen. Und während ich da stand und die Seiten auseinanderklaubte und in die Flammen warf, dachte ich zurück an diese junge Frau in dem Pub. Und was von allem am deutlichsten zurückschwang, war nicht, was sie mir erzählt hatte oder die Fremdheit von dem, was sie mir erzählt hatte. Nein, was von allem am deutlichsten zurückschwang, war der Fakt, daß eines Tages in einer fremden Stadt eine wunderschöne Frau aus der Kälte hereingeschneit kam, aus heiterem Himmel sich zu mir setzte und mir eine Geschichte erzählte. Und als sie damit zu Ende war, nahm sie ihren Mantel und ging. Genauso einfach und genauso anmutig. Das schwang von allem am deutlichsten zurück.
Veröffentlicht in Transcript 21 mit freundlicher Genehmigung des Autoren.
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