HODENBLICK

Hoden
Körper_401
Verlag Klaus Wagenbach: Körper
von Tiziano Scarpa

Aus dem Italienischen von Olaf Roth

© aus Körper, Tiziano Scarpa, 2004; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2005.

Meine Hoden sind zwei Reserve-Augäpfel.

In die Augenhöhlen gepfercht, würden meine Hoden die Welt so sehen, wie sie ist, sie betrachteten sie ganz objektiv, ohne sie gemeinerweise in Männer und Frauen aufzuteilen. Im Unterschied zu meinen Augen, diesen zwei Sexsüchtigen.

Wenn ich sie anstelle der Hoden einsackte, würden meine Augen Hormone ausscheiden, die mir die Erregung durchs Bewusstsein einträufelten.

Meine in den Hodensack eingeschlossenen Augen erzeugen astrophysikalische Spermien. Sie werden durch die Harnröhre der Teleskope nach draußen ejakuliert, um die Sterne zu befruchten.


Werden meine Hoden von einem Ball getroffen, prallt ein Knie dagegen, knackt sie ein Nussknacker, falle ich vor Schmerz in Ohnmacht. Zwei derart empfindliche Drüsen an einer so exponierten Stelle! Wenn man von einem Mann sagt, er sei ein ganzer Kerl, darf man nicht vergessen, dass ein Kniff an der richtigen Stelle ihn zum Erliegen bringen kann.

Meine Hoden führen das große Wort, sie beeinflussen mein Verhalten, bestimmen meine sexuellen Neigungen, halten mich im Zaum.

Meine Hoden sind die Spießgesellen ihres schwengeligen Gefährten. Erst dopen sie ihn, und dann stehen sie ihm bei seinen Abenteuern bei. Sie stiften ihn dazu an, sich in die schmalsten Spalten, in die verschwurbeltsten Ritzen des Lebens zu zwängen. Seht sie nur, die drei Hanswursten: Der eine bringt sich in die absurdesten Situationen, und die beiden anderen impotenten Spanner hängen sich immer an ihn dran und lachen hinter seinem Rücken. Während er gar nicht merkt, wie er mit seinem Vor und Zurück offene Türen einrennt, prallen sie keckernd gegen die Schwelle.

Lose hängt meine Haut um den halb leeren Beutel, den ich schon so oft geplündert und um seine ganzen Moneten betrogen habe. In meinem Skrotum sind nur zwei Murmeln drin, zwei Glasperlen, von denen sich nicht einmal ein Stamm Rothäute übers Ohr hauen ließe.

Wenn ich nackt durch die Straßen laufe, drehen sich alle nach mir um, denn dieses Schellengeläut tönt so ganz anders als eine Fahrradklingel. Wenn hundert nackte Männer und ich Arm in Arm auf und ab springen, spielen wir ohne Zuhilfenahme der Hände ein prächtiges Konzert aus Kastagnetten, Maracas, Glockenspielen, Marimbas, Röhrenglocken, Xylophonen und Carillons.

Meine Hoden sind zwei Schmetterlingspuppen. Sie enthalten eine Proteinsuppe, in der entkräftete Fasern gerinnen, fragile Fragmente, Nervenrestchen. In meinen Hoden schrumpeln seltsame Fetzen vor sich hin: Fahnen, zusammengeklumpte Segel oder vielleicht Haufen von Laken, Tischtüchern, Bannern, von weiß Gott was - noch habe ich nicht begriffen, wozu sie dienen, und warte darauf, dass sie irgendwann im Wind flattern.

Meine Hoden sind nicht die düstere Brutstätte trivialen Machotums und seiner Attribute, die viele in ihnen vermuten. Meine Hoden können sich zu beträchtlichen poetischen Höhen aufschwingen. Aus den Puppen meiner Hoden werden zwei rosige Schmetterlinge mit fleischigen Flügeln und blutroten Adern entfleuchen. Sie werden über die Frühlingswiesen fliegen und herfallen über wehrlose Blüten, die an den Boden genagelt sind, die Beine in die Luft gestreckt, den Rock wie einen Blütenkranz um sich her ausgebreitet, die Schenkel gespreizt.

Aus meinen Hoden werden zwei Nachtfalter mit braunen Flügeln entschlüpfen; zwei staubige, unscheinbare Flocken, die einen mit ihrem Geschwirr belästigen. Nachts, in der Dunkelheit, werden sie aktiv, gerufen von den sanftesten Lichtstrahlen, dem grellsten Widerschein, um eine Nische aus Lichterglanz zu finden, in der sie eine stumme, tränenreiche Kantilene brummen dürfen. Die Mädchen werden sie aus ihren Zimmern verscheuchen: Sie werden nach einem Pantoffel von schwammiger Konsistenz greifen und versuchen, sie mit dem weichen Absatz an der Wand zu zerquetschen. Die Falter werden fliehen, indem sie zum Mond hinauffliegen, immer höher, angezogen von jener Wange aus Licht, bis ihnen die Flügel gefrieren. Mit einer Eiskruste überzogen, werden sie starr zu Boden stürzen.

Meine Hoden sind der Herd jener Epidemie, die unter dem wissenschaftlichen Namen Tiziano Scarpa bekannt ist. Um für ihre Verbreitung zu sorgen, produzieren meine Hoden jeden Tag Millionen von Spermien. Innerhalb eines Lebens prägen sie Milliarden Mal das Wort ich.



Verlag Klaus Wagenbach finden Sie unter: www.wagenbach.de

Herzlichen Dank an Tiziano Scarpa, Olaf Roth und Verlag Klaus Wagenbach.









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