NEUE TSCHECHISCHE BELLETRISTIK

Aüßerungen aus dem Abseits
Portal_801
Alexandra Büchler

Aus dem Englischen von Andrea Salt

Das letzte Jahrzehnt hat zwei Wellen tschechischer Prosa eingeleitet: Zur ersten gehören Autoren, die zur Zeit der so genannten "samtenen" Revolution auf sich aufmerksam machten und die, jeder auf seine Weise, diese Zeit des politischen, sozialen und ökonomischen Wandels sowie der Neuorientierung nach dem Zusammenbruch des alten Wertsystems dokumentierten. Zu ihnen gehört Jáchym Topol, der in Transcript 6, das der tschechischen Literatur gewidmet war, bereits vorgestellt wurde und der vielleicht bekannteste Autor der mittleren Generation ist. Seine frühe Prosa erforscht konsequent die Kehrseite sozialer Veränderungen und folgt dem Schicksal von Kleinkriminellen, Vagabunden, Außenseitern und denjenigen, die in den neuerdings liberalen Zentren Mitteleuropas - Prag und Berlin - im Abseits der Gesellschaft stehen. Der atemlose, fieberhafte Erzählstil seines brillanten Romans Sestra (1994) (Die Schwester, Suhrkamp, 2004), der in England noch nicht die Bekanntheit erlangt hat, die er verdient, oder der Novellen Andel und Výlet k nádrazní hale scheinen der Auffassung zu entspringen, dass das soziale Chaos nicht gebändigt werden kann. In seinen späteren Romanen Nocní práce (2001) (Nachtarbeit, Suhrkamp, 2003) und Koktat dehet (2005) stellt Topol Ereignisse der neueren tschechischen Geschichte - die russische Invasion 1968, die dem Prager Frühling ein jähes Ende setzte - aus der Perspektive von Kindern dar. Der Erzähler von Nocní práce und sein jüngerer Bruder werden aus dem besetzten Prag in einen abgelegenen Teil des Landes in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze geschickt. Sie sind Außenseiter in einem für sie ungewohnten sozialen Umfeld, das von Argwohn und Aberglaube, Mythos und Folklore bestimmt ist. Der Mikrokosmos, in dem sie zu überleben versuchen, ist weit entfernt von den Ereignissen in Prag, bis die russischen Truppen eintreffen und in der letzten albtraumhaften Szene ein Massenexodus einsetzt, der Erinnerungen an frühere Katastrophen wachruft.

Emil Hakl gehört zur zweiten Welle von Autoren, die in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren zu publizieren begannen. Er ist bekannt für seine in Prag spielenden Kurzgeschichten und Romane. Seine weitläufigen, verschlungenen Erzählungen - sein Erzähler sitzt selten still, und die Novelle O rodicích a detech (2000) findet während eines mehrstündigen Spaziergangs durch die Stadt statt - erinnern an den Meister-"Palaverer" der modernen tschechischen Literatur, Bohumil Hrabal. Seine Geschichten und episodischen, handlungslosen Romane, die überwiegend im Hier und Jetzt des Lebens ihrer Erzähler verankert sind, sind durchdrungen von Nostalgie nach einer Zeit, in der ein restriktives Regime paradoxerweise auch Freiheit bot, insbesondere die Freiheit von materiellen Sorgen. Hakls Erzähler hat, da er keiner geregelten Arbeit nachgeht, viel Zeit zur Verfügung, um die Details des täglichen Lebens und die einzigartigen, unvergesslichen Momente zuweilen rauer und überraschender menschlicher Begegnungen zu beobachten.

Petra Hulová gehört zur jüngeren - und überwiegend weiblichen - Generation tschechischer Prosaschriftsteller, deren Erzählungen außerhalb ihres Heimatlands spielen und die einen "neuen Internationalismus" repräsentieren. Hulovás erster Roman, Pamet mojí babicce (2002) (Meiner Großmutter zum Angedenken, Luchterhand, voraussichtlich 2007), der in der Literaturszene für Aufsehen sorgte, erzählt die Geschichte von drei Generationen mongolischer Frauen, während ihr jüngster Roman, Cirkus Les mémoires (2005), in der Vielvölkerstadt New York spielt. Die Protagonisten dieses Romans sind eine tschechische Frau und ein arabischer Mann, und er verwebt die Schicksale von Immigranten aus der Vergangenheit und Gegenwart. Obwohl die hier vorgestellten Autoren verschiedenen Generationen angehören und ihre Arbeiten sehr unterschiedlich sind, stellen alle drei eine Welt im Fluss dar, die erschüttert und erschütternd zugleich ist. Diese Welt wird aus dem Abseits betrachtet - als wären die Autoren durch eine zentrifugale Kraft aus dem Zentrum der Stadt an den Rand gedrängt worden, wo sich das authentische Leben abspielt.







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