NEUE WALISISCHE BELLETRISTIK

Martha, Jac a Sianco: nicht singend - sterbend
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Y Lolfa: Martha, Jac a Sianco
Ein Essay von Diarmuid Johnson

Aus dem Englischen von Peter Busse

Bestimmte Ansichten über die keltischen Länder leiten sich aus Literatur ab, die zur Zeit ihrer Abfassung ein Versuch war, die Reste mittelalterlichen Lebens von einem modernen Blickwinkel aus zu beschreiben. Ein Großteil dieser Literatur wurde im langen neunzehnten Jahrhundert verfasst, beginnend mit James McPhersons Ossian (1765) und mit Yeats' The Celtic Twilight (1893) den Höhepunkt erreichend, aber nicht damit endend. Die Bücher betonen unter anderem die vorindustrielle, stammeszugehörige Natur eines Volkes, so wie es andere Bücher aus dieser Zeit tun, zum Beispiel Matthew Arnolds Essay on the Study of Celtic Literature (1867), oder George Burrows' Wild Wales (1862).

Einige der Faktoren, die in der Zeit dieser Autoren zur Herausbildung einer nachmittelalterlichen Kultur, zumindest in einigen Gegenden, beigetragen hatten, waren einerseits Aufklärung, Vernunft und Wissenschaft, und andererseits Industrie und Technik. Karl Popper analysiert in seinem Werk The Open Society and Its Enemies (Volume 1 Plato) (1945) den Wandel und 'versucht zu zeigen, dass diese Zivilisation [die sich an Menschlichkeit und Verstand richtet, an Gleichheit und Freiheit], sich noch nicht vollständig von ihrem Geburtsschock erholt hat - der Übergang von der Stammes - oder 'der geschlossenen Gesellschaft' mit ihrer Unterwerfung unter magische Kräfte, zur 'offenen Gesellschaft', die die kritischen Kräfte des Menschen freisetzt'.

Ein Teil des Übergangsschocks von - um Poppers Terminologie zu übernehmen - geschlossenen zu offenen Gesellschaften scheint die Sehnsucht nach einer kürzlich vergangenen aber nicht wieder herstellbaren - und vielleicht auch gar nicht zurückzuwünschenden - Vergangenheit. So schrieb der junge Yeats: Die Wälder Arkadiens sind tot; und vergangen ist ihre antike Freude, an der alten Welt genährt von Träumen, graue Wahrheit ist nun ihr bemaltes Spielzeug...' (The Song of the Happy Shepherd). Wie lassen sich die zwei Erfahrungen nun vergleichen: den spätmittelalterlichen "Kelten" aus dem Lehnstuhl in einem Nach-Aufklärungs-Studierzimmer zu betrachten, und die Erfahrung, in einer keltischsprachigen ländlichen Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhundert zu leben - sei sie nun offen oder geschlossen? Der vorliegenden Artikel untersucht diese Frage kurz im Kontext eines jüngst erschienenen walisischsprachigen Romans, Martha Jac a Sianco (Martha, Jac und Sianco), von Caryl Lewis (Y Lolfa, 2005), den man gut mit anderen Beispielen aus dem Werk des irischen Autoren Máirtín Ó Cadhain und des Bretonen Jakez Riou vergleichen kann.

Martha, Jac a Sianco ist in seinem unmittelbaren regionalen Kontext eine Pionierleistung. Während sowohl Nord- als auch Südwales im 20. Jahrhundert ihre Prosahelden hatten, wurde die literarische Tradition in Westwales durch eine reiche Dichterschule vertreten. Es haben zwar durchaus Prosawerke aus Ceredigion das Licht der Welt erblickt, aber sie hatten generell eher eine sozialgeschichtliche Tendenz. Daher ist Caryl Lewis' Buch in einem regionalen Kontext ein seltener Ausflug in den Realismus. Die Autorin entledigt sich in ihrem Buch ebenfalls einer Menge Bombasts, den das literarische Walisisch in der Vergangenheit erzeugt hat, und sie schmiedet ein eigenes Idiom aus dem Dialekt der Figuren über die sie schreibt, und bewahrt so deren Stimme.

Angesiedelt in Ceredigion in Westwales ist Martha, Jac a Sianco eine Studie über den Zusammenbruch der Familie Craig Ddu. Eine einst eng verwobene einsprachige Bauerngemeinschaft ist durch die fortschreitende Modernisierung erstickt worden, und lässt die überlebenden Mitglieder der Gemeinschaft desorientiert, isoliert und verwirrt zurück.

Im Buch haben eine Schwester und zwei Brüder zusammen einen Bauernhof geerbt. Dort leben sie, nun im mittleren Alter, miteinander verbunden durch Bande der gegenseitigen Abhängigkeit, die nicht sie selbst geknüpft haben, sondern ihre verstorbene Mutter. Martha, die Älteste, weist die Avancen eines Verehrers zurück, um in ihrem Heim bleiben zu können; eine Tatsche, die von ihrem Bruder Jac mit Missfallen aufgenommen wird, der seines Zeichens einen englischsprachigen Partner in die Familie einführt, nur um sich einen beträchtlichen finanziellen Verlust aufzubürden, in dem er ihre Zuneigung fehlinterpretiert. Sianco, der jüngste der drei, gerade fünfzig Jahre alt, ist ein Einfaltspinsel. Das Buch dreht sich um die Spannungen zwischen den Figuren, als sie versuchen, die Farm am Laufen zu halten, während die Lichter ihrer individuellen und gemeinsamen Leben mehr und mehr erlöschen.

Die Ankunft des unvermeidlichen Prozesses der Modernisierung des Lebens in Westwales wird in Ar Gefn ei Geffyl (One Man and his Horse [Auf dem Rücken seines Pferdes]) beschrieben, einem Buch von Richard Phillips das 1969 bei Cymdeithas Lyfrau Ceredigion erschien. In einem Kapitel mit dem Titel Tri Atgof (Drei Erinnerungen), schreibt Phillips wie folgt über das Jahr 1930:

'Das war das Jahr der großen Verzweiflung, als alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft für die Landwirtschaft im Morgendunst verschwanden. Das war die traurige Zeit der Arbeitslosigkeit und der Mindestpreise für landwirtschaftliche Produkte. Eine Zeit in der ehrliche Männer bis zur Pleite zerrieben wurden. Eine Zeit, als Bauern den Ackerboden für Kaninchen und Hasen im Stich ließen, als die Zahl der Schafe wuchs und der Zaun der Berge immer näher an die tief liegenden menschlichen Siedlungen heranrückte... So erschienen unmissverständliche Anzeichen, dass die alte ländliche Gemeinschaft verfiel und dass die globale Wirtschaft Haushalt, Farm und Land unterminierte'.

Diese Beobachtungen sind zentral für die Beurteilung des Kontextes von Martha, Jac a Sianco. Obwohl ihre Namen fiktiv sind, sind Martha, Jac and Sianco Charaktere, die sehr typisch sind und eine Generation repräsentieren, die in Westwales während der schwierigen Jahre geboren wurde, die auf die Epoche folgten, die oben von Richard Phillips geschildert wurde.

Die Reaktion auf diese und ähnliche Ereignisse und auf ihre Folgen, war ein gängiges Thema in der Dichtung aus Westwales in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von diesen sind am bekanntesten die Zeilen von Dic Jones, die die Sehnsucht nach der Welt vor den Dreißiger Jahren repräsentieren. In einem langen Gedicht mit dem Titel Cynhaeaf (Ernte), auch der Titel eines Gedichtbands, der 1969 erschien (John Penry Press, Swansea), im selben Jahr wie Phillips' Ar Gefn ei Geffyl, schreibt Jones: 'Der alte Schauer, die Aufregung, die süße Musik, das scharfe wogende Rauschen (des reifen Korns), die geliebten goldenen gemahlenen Haufen: all das ist vergessen'.

Jones' Dichter- und Farmerkollege Alun Cilie, schriebt in ähnlicher Stimmung: Heute ist aller Zauber verschwunden, genau wie die hübschen Höfe, die Wärme des einstigen Willkommens haben sich über die Grenze zurückgezogen. keine Feuer brennt spät noch im Herd... ein Volk ist zum Schweigen gebracht worden' (Cerddi, Alun Cilie, John Penry Press, Swansea 1964).

In einem deutlich weniger romantischen Stück Dichtung schreibt ein dritter Dichter aus Ceredigion, John Roderick Rees, in einem Gedicht mit dem Titel Ffynhonnau (Quellen) (Cymdeithas Lyfrau Ceredigion, 1964): 'Der Horizont des Heidelandes wurde zerrissen obwohl keine Bombe fiel... und die Fremden kamen, wie Tröpfchen aus dem Wasserhahn, trübten das alte Sprudeln in den heimischen Brunnen. Die ererbten Bande der Nachbarschaft haben sich gelockert...'

Die oben zitierten Passagen liefern den Kontext für die folgende Leseprobe aus Martha, Jac a Sianco. Der erste Ausschnitt illustriert den Konflikt zwischen Martha and Judy, Jacs englischer Freundin. Judy meldet sich zu Wort und spricht Englisch (kursiver Text) im walisischen Text:
'Jack's been so kind to me.' [Jack war so freundlich zu mir]
Martha hob die Augenbrauen.
'He said I could keep my horses here if I liked. He's so sweet. That's where we met, you see. I was buying feed at the...' [Er sagte ich könne meine Pferde hier halten, wenn ich wolle. Er ist so süß. Da haben wir uns nämlich getroffen. Ich hatte Futter gekauft beim...]
'We don't like horses,' [Wir mögen keine Pferde] sagte Martha. 'They contribute nothing to the farm.' [Sie tragen nichts zur Bauernwirtschaft bei.]
'Genauso wie du, Martha,' stichelte Jack.
Martha hörte auf zu essen.

Der zweite Auszug beschreibt die veränderte Atmosphäre während einer Beerdigung. Es ist die Doppelbeerdigung von Jac, Opfer einer Vergiftung durch seinen geistig beschränkten Bruder Sianco, der ebenfalls seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Martha sitzt alleine da nach dem Beerdigungsgottesdienst: 'Ruhig machte sie etwas Tee und dachte wie anders der Nachmittagstee gewesen war, als Papa beerdigt worden war. Der Hof war voller Autos und das Haus voller Menschen die wie eine Halskette aus Krähen über dem Kadaver der Erinnerungen kreisten. Mami hatte das beste Geschirr hervorgeholt, und Kuchen kamen von überall her, allein der Bäcker hatte sechs Gratislaibe geschickt. Bei Mamis Beerdigung war es ruhiger gewesen. Da hatte sich die Zahl der Nachbarn und Freunde schon merklich ausgedünnt'.

Siancos und Jacs Tod in Caryl Lewis' Martha, Jac a Sianco ist ein Beispiel für die Befreiung durch Selbstmord aus einem verarmten und funktionsgestörten Landleben, wie es in der modernen Prosatradition anderer Sprachen als Walisisch gefunden werden kann, zum Beispiel im Irischen und Bretonischen. Das folgende Beispiel ist aus der Erzählung Eur Barr Avel von Jakez Riou aus der Bretagne.

'Auf dem Land wird man unterschiedliche Klassen von Menschen finden. Landbesitzer von großem Reichtum, die niemals wollen. Familienoberhäupter die ein ausreichendes Auskommen haben, ohne übertriebene Mühsal. Und Landarbeiter, die so arm sind wie Kirchenmäuse, zu abgerissen, um jemals eine Hoffnung bewahren zu können, zu gewöhnt an die Armut, um sie jemals in Frage zu stellen, und immer guten Mutes angesichts ihrer harten Arbeit. Zu der einen oder anderen Gelegenheit befand sich Yann ar Herneis kurz davor, aus der dritten in die zweite Klasse überzuwechseln. Aber ärmliches Vieh, Krankheit, Regen, Dürre oder Frost hatten ihn daran gehindert sich zu verbessern. Und heute, da sein Karren ein neues Rad hätten haben müssen, und die Heide von oben nach unten hätte gepflügt werden müssen, ging er zum Markt in Chateaulin, um sein Fohlen zu verkaufen.'

Yann geht zum Markt und verkauft sein Fohlen. Auf dem Heimweg nimmt er das Geld aus der Tasche, um es zu zählen, aber ein Windstoß weht die Banknoten in den Fluss. An diesem Abend sieht Yann keinen Ausweg mehr und er füllt seine Lungen mit dem Frühlingsduft und erhängt sich'.

Eine ähnliche Geschichte ist Máirtín Ó Cadhains 'Ag Dul ar Aghaidh' (An Braon Broghach, An Gúm, 1948) übersetzt von Eoghan Ó Tuairisc als 'Going On' in The Road to Brightcity (Poolbeg Press, 1981). Ó Cadhains Text beginnt indem er die Armut beschreibt:

'Nur ihre Selbstverleugnung, die über ihren Hunger siegte, hielt sie davon ab, eine Mundvoll von der schwarzen verbrannten Kruste für sich selbst abzubeißen. Und es waren nicht die Augen des Sechsjährigen, starr und verängstigt, die sie zurückhielten, sondern die dürre Hand die das Kind zwischen Kruste und Mund hielt, um ein Leben zu ergreifen, das ihm entglitt bevor er die Chance hatte, es in den Griff zu bekommen.' Am Ende der Erzählung rennt das Kind zu seiner Mutter und ruft: Dadda...Draußen im Kuhstall. Die Halfter, sie sind um seinen Hals. Er baumelt am Balken, die Augen sind nach oben verdreht'.

Für einige Autoren bestimmter früherer Epochen war keltische Tradition etwas weitaus unkonkreteres und zählbares als im industrialisierten England oder im kaiserlichen Frankreich. Von innen gesehen zeigt die Tradition allerdings manchmal ein dunkles Antlitz. Am oben diskutierten Beispiel des Werks von Ó Cadhain, Riou and Lewis ließe sich ableiten, dass eine keltische Sprache zu sprechen an einigen kritischen Augenblicken des Zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, in einer Gesellschaft zu leben, deren isolierte Mitglieder, nicht wissend, wie es weitergehen sollte, wie sie leben sollten, im Tod eine sinnvolle Lösung fanden. Die Figuren in Ó Cadhains, Rious und Lewis' Werk sind von Entwicklungen jenseits ihrer Kontrolle erfasst worden. Ein Gesellschaft versagt darin, sich den Umständen anzupassen, oder ihr wird die Möglichkeit versagt, dies zu tun, und wird so überflüssig gemacht.

Die Tatsache, dass Ó Cadhain, Riou und Lewis in Sprachen geschrieben haben, die der gleichen Sprachfamilie - der keltischen - entstammen, ist einfach Zufall. Beispiele für die nach-agrarische Depression können auch anderswo in Europa gefunden werden. Ebenso zufällig ist die Tatsache, dass im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert einige abergläubische Völker an feuchten Orten auch keltische Sprachen gesprochen haben. Die östlichen Ränder Europas sind ebenso Quellen kraftvoller Legenden und Mythen gewesen wie die Legenden und Mythen seiner westlichen Randgebiete. Wenn man liest, muss man allerdings annehmen dass man auch zu anderen Schlüssen kommen könnte.

Einer dieser Schlüsse ist, dass Berichte des neunzehnten Jahrhunderts über die Reste des vormodernen "keltischen" Lebensstils und Berichte des zwanzigsten Jahrhunderts über eine landwirtschaftliche Depression in keltischsprachigen Gebieten darin unterscheiden, dass die ersteren größtenteils romantisch sind, während die letzteren trostlos und ernüchternd sind. Die zwei Blickwinkel unterscheiden sich auch darin, dass einer Folge aus der Distanz von. der andere aus der Nähe zu dem Objekt der Aufmerksamkeit des Autors ist. Einer beschreibt ein singendes Volk, der andere ein sterbendes Volk.

Allerdings will der Autor hier bei weitem nicht behaupten, die eine oder die andere der oben diskutierten Schulen würde das Leben im keltischsprachigen Irland, Wales oder der Bretagne besser abbilden. Der Punkt der sich herauskristallisiert ist der, dass Literatur in den modernen keltischen Sprachen ein essenzielles Gegengewicht gegen Ansichten darstellt, die sich aus anderen Zeiten und anderen Kontexten ableiten.

Oben werden zwei Gesichtspunkte zitiert, die zeigen, dass Martha, Jac a Sianco eine Pionierleistung ist. Ein dritter könnte hinzugefügt werden. Seine Bedeutung kann am besten beurteilt werden durch Wissen über die walisische Literatur im Allgemeinen. Diese Literatur ist oft Vehikel für Ideologien gewesen, sei es politisch, kulturell und religiös, oder eine Reaktion auf solche Ideologien. In diesem Kontext scheint es fair, sich an Yn Ól i Leifior von Islwyn Ffowc Ellis, My People von Caradog Evans, Seren Wen ar Gefndir Gwyn von Robin Llywelyn, Blodeuwedd von Saunders Lewis oder an Gwreiddiau von Gwenallt Jones zu erinnern. Anders als diese verdientermaßen kanonische walisische Bücher ist so sehr mit den Menschen beschäftigt, und mit Zeit und Raum in die sie sich selbst eingesperrt finden, wie mit Ideologie und den Argumenten die rund um die Ideologie herum wachsen. Als solches befindet sich da Buch in einem modernen walisischen Kontext in bester Gesellschaft mit z.B. Y Tri Llais von Emyr Humphries, Dirgel Ddyn von Mihangel Morgan, Un Nos Ola Leuad von Caradog Pritchard, oder den Gedichten von Gwyn Thomas.

Wie sehr rufen diese Verse aus Gwyn Thomas' Ystafelloedd (Rooms) (Y Weledigaeth Haearn, Gwasg Gee, 1965 p. 35) die Erinnerung an Marthas Schicksal am Tag der Beerdigung wach: 'A gadawyd ni mewn ty gwag, caëedig, tywyll i chwilio trwy ddrws a drws am y porth' (Und wir wurden zurückgelassen in einem dunklen, leeren, geschlossen Haus, durch Tür um Tür nach einem Ausgang zu suchen).









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