Senyoria

Meine Hauptfigur war schwer zu verkraften ...
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Proa: Senyoria
Jaume Cabré gibt zu, dass es ihm schwer fiel, die von ihm selbst geschaffene Hauptfigur des Romans zu verkraften. Dazu war es nötig, ihn mit "menschlichen Zügen" zu versehen. 'Sa Senyoria' heißt Rafel Massó, ist der höchste Vertreter der zivilen Regierung im Barcelona in 1799 und wird in ein Verbrechen verwickelt.

Jaume Cabré spricht mit Tito Ros

Tito Ros: Warum haben Sie einen Roman geschrieben, der 1799 spielt?

Jaume Cabré: Das hatte ich gar nicht vor, der Roman hat mich dahin gebracht ... Dieses Buch entstand aus einem Impuls heraus, als ich auf ein Zeitungsfoto stieß, auf dem ein Richter zu sehen war, der in Lerida ins Gefängnis eingewiesen wurde. Das war 1985 oder 1986, als zum ersten Mal zwei Richter wegen Pflichtverletzung vor Gericht kamen. Es handelte sich um Richter, die noch aus der Franco-Zeit stammten. Das Foto hatte eine große Anziehungskraft auf mich, nicht nur wegen der zahlreichen Geschichten, die sich ableiten ließen, wie zum Beispiel über jemanden, der immer über andere geurteilt hat und jetzt in eine Zelle gesperrt wird, in der er auf jemanden trifft, der von ihm verurteilt worden war. Nein, was mich wirklich interessierte, war der Gedanke, dass dieser Jemand ein seelisches Drama durchlebt. Denn ein Richter hat ein hohes gesellschaftliches Ansehen und einen bestimmten Status. Sich plötzlich auf der anderen Seite des Zaunes wieder zu finden, hinter dem er immer seine Urteile gefällt hatte, muss tatsächlich ungeheuerlich für ihn sein. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen, einen Richter zur Hauptperson zu machen, der ein Verbrechen begangen und furchtbare Angst davor hat, entdeckt zu werden.

TR: Aber die Geschichte spielt vor zwei Jahrhunderten ...

JC: Ich habe monatelang an der Figur eines Richters von 1986 gearbeitet und eines Tages beschrieb ich sein Büro bei sich zu Hause, einer alten Juristenfamilie, und das Porträt, das dort an der Wand hing. Es zeigte einen Herren mit Perücke, den Ururgroßvater. Ich habe diese Person so minuziös beschrieben, dass ich mich in das Porträt verliebte. Diese Figur gefiel mir einfach zu gut, als dass ich sie wieder aufgeben konnte. Also entschied ich mich für den Richter auf dem Bild und ließ den anderen zurück. Ich ging in das Barcelona von 1799. In dem Roman geht es um Gewinnsucht, Leidenschaften und den Missbrauch von Macht, alles aktuelle Themen, und deshalb ist "Senyoria" ein zeitgemäßes Buch.

TR: Und warum gerade 1799? Weil ein Jahrhundert zu Ende ging? Oder weil der Sturm auf die Bastille noch nicht lang zurück lag?

JC: Ich bin einfach zufällig in dieser Epoche gelandet. Es war das Ende des Ancien Régime und das Aufkommen neuer politischer und sozialer Strukturen. Nach einer bürgerlichen Revolution wie der französischen, ging es bei Künstlern und Intellektuellen darum, ein neues Wertesystem zu finden.

TR: In ihrem Roman wurden die revolutionären Strömungen, die ja aus Frankreich kamen, hier ganz anders erlebt. Es scheint, dass das Bürgertum in Barcelona nicht so sehr eine Revolution anstrebte als vielmehr mit dem Adel auf gleichem Fuß zu stehen.

JC: Ja, sie wollten die gleichen Privilegien wie der Adel. In Katalonien nahmen die reichen Bürgerfamilien und die Aristokratie immer eine abwartende Haltung ein, je nach dem, was nach der Revolution in Frankreich wohl passieren könnte.

TR: In Katalonien kam noch eine Besonderheit hinzu, denn die höchsten gesellschaftlichen Schichten hatten sich Spanien zugewandt ...

JC: Wir dürfen nicht vergessen, dass die adligen Anhänger der Habsburger entweder im Exil oder hingerichtet waren. Es war eine Zeit brutaler Unterdrückung. Danach kam ein anderer, mit großen Privilegien ausgestatteter Typ von Aristokratie. 1779 hat man hier bereits zwei Generationen dieser Aristokratie erlebt und der alte Adel, der irgendwie überlebt hatte, war ruiniert oder lebte in Wien. Logischerweise war die jetzt herrschende Adelsklasse bourbonisch gesinnt. Katalonien war erobertes Gebiet und der mächtigste Regierungsvertreter war ein Militär, der Generalkapitän. Und das höchste zivile Regierungsamt nahm der Präsident des oberstenGerichtshofs ein, und das ist die Hauptfigur meines Romans.

TR: Ihre Figur ist angsteinflößend. Dieser Richter dreht sich die Gesetze so zurecht, wie es ihm gerade passt und das ist eine klare Kritik an ...

JC: Eine klare Kritik an unkontrollierter Macht. Absolute Macht wird letztendlich immer missbraucht. Interessant sind die beiden Seiten dieser Romanfigur, bei der es sich zu Beginn um einen sehr selbstsicheren Mann handelt, bei dem man aber mit der Zeit immer mehr Schwachpunkte findet.

TR: So unangenehm diese Figur auch ist, mit der Zeit beginnt man Sympathie für sie zu empfinden. War das von Ihnen bezweckt?

JC: Je besser man jemanden kennt, um so leichter versteht man ihn, das ist logisch. Man teilt vielleicht nicht die gleichen Auffassungen, aber man kann sie nachvollziehen. Der Leser kann tatsächlich etwas Mitleid mit dieser Figur empfinden, obwohl er diesen Mann für einen abscheulichen Zeitgenossen hält. Es ist mir persönlich auch nicht leicht gefallen mit einer Romanfigur zusammen zu leben, die so ganz andere Auffassungen vom Leben hat als ich. Aus diesem Grund habe ich ihm ein paar menschliche Züge gegeben, zum Beispiel sein Interesse an der Astronomie. Das macht ihn fortschrittlich für seine Zeit und er führt sogar ein Gespräch mit dem Erzbischoff Felix Amat, der ja tatsächlich zu jener Zeit gelebt hat. Auf diese Weise konnte ich der Figur gegenüber mehr Sympathie empfinden, denn ich interessiere mich ja auch für Astronomie.

TR: Außerdem rechtfertigen Sie einige der Handlungen ihrer Romanfigur, indem sie ihre Lebensumstände absolut langweilig darstellen, wie zum Beispiel die Beziehung, die der Richter zu seiner Frau Marianna hat ...

JC: Kann sein, aber ich glaube es gibt andere Personen, die auch die Sympathie des Lesers wecken, weil sie so mitleidserregend sind, wie zum Beispiel eben diese Marianna oder weil sie zum Opfer werden wie Andreu Perramon. Es kommen auch historische Personen vor, wie Ferran Sorts ...

TR: Gab es den wirklich?

JC: Ja, er war ein Musiker, der zeitweise in Sankt Petersburg und Paris lebte und als Franzosenfreund im Exil starb. Aber in dem Roman denke ich mir die Beziehung zwischen ihm und Andreu Perramon einfach nur aus.

TR: Von all den Nebenfiguren, die in ihrem Roman auftauchen, welche sind tatsächlich historisch?

JC: Außer Ferran Sorts und Felix Amat ist da noch der Baron von Maldà, der in meinem Roman in der Gegend der Plaça del Pi wohnte. Sein Haus stand da, wo heute diese Ladenpassage ist. Der Baron von Maldà war Ende des 18. Jahrhunderts ein berühmter Schriftsteller, dessen Werk noch nicht vollständig publiziert wurde und noch dazu schrieb er auf Katalanisch, was damals anfing schwierig zu werden und, je nach dem, sogar gefährlich war ... An dem Tag, an dem der Richter, Rafel Massó, pornografische Bilder in einer Buchhandlung in der Straße Petritxol sucht, lasse ich ihn mit dem Baron von Maldà zusammentreffen. Der Generalkapitän hat auch existiert, wenn er auch erst zwei oder drei Jahre nach der Zeit, in der der Roman spielt, in Barcelona regierte. In diesem Fall lasse ich ihn mitspielen, weil mir sein Name so gut gefallen hat.

TR: Wenn man den Roman liest, kommt es einem komisch vor, dass sich in der Altstadt von Barcelona, die wir so gut kennen und für nicht sehr groß halten, Ende des 18. Jahrhunderts der Hauptteil des gesellschaftlichen Lebens
abspielte.

JC: Man darf nicht vergessen, dass da wo jetzt die Plaza l'Angel ist, früher das Gefängnis war. Die Straße zwischen Sant Jaume und Via Laietana heißt heute Carrer de la Llibreteria. Als ich klein war, hieß sie Baixada de la Pressó (etwa Gefängnisweg).

TR: Auf welches Material haben Sie sich für die Beschreibung Barcelonas Ende des 18. Jahrhunderts gestützt?

JC: Oh, das waren jede Menge unterschiedliche Dokumente. Ich musste sogar Material über die Glocken in Barcelona suchen, denn zu jener Zeit funktionierte alles nach Glockenschlägen. Ich musste lernen, welche Glocke, bei welchem Ereignis, wann und wie oft schlägt. Ich kann noch erwähnen, dass vor dem Palast von Rafel Massó, in der Carrer Ample, wo sich jetzt die Plaça Medinacelli befindet, das Kloster Sant Francesc lag. Die Dinge haben sich verändert, aber die Straßen sind alle noch da.

TR: Bei der Lektüre ihres Buches fällt einem auf, dass man seine eigene Stadt eigentlich gar nicht so gut kennt. Wie oft geht man durch die Carrer Ample, ohne an die alten Paläste zu denken ...

JC: Ich weiß, dass Lehrer an einigen Schulen für ihre Schüler eine Art Lehrpfad anhand meines Romans erarbeitet haben, wie einen Wegweiser, der die unterschiedlichen Szenen durchläuft. Der Ausflug führt zur Carrer Ample, der Kathedrale, zum Glockenturm am Pi, durch die Straße Bòria, die bis zum Pla de Palau führt, wo früher die Hinrichtungen stattfanden. Und dann ist da noch die Gegend um die Ribera, die dem Erdboden gleichgemacht wurde. Übrigens, die Ausgrabungen im Borne sind ein Teil dieses von den Bourbonen völlig zerstörten Barcelonas ... Diese Dinge weiß man, aber es wird nicht darüber gesprochen.

TR: Aber die Glocken läuten nicht mehr, nicht wahr?

JC: Nein. Vielleicht mal an einem besonderen Festgottesdienst aber normalerweise nicht mehr. Die Zeit hängt nicht mehr von den Glocken ab.








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