Glückseligkeit

Ein katalanischer Don Corleone
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Edicions 62: La felicitat
Lluís-Anton Baulenas stellt seinen Roman La felicitat vor dem Hintergrund des Durchbruchs der Via Layetana, einer der Hauptverkehrsadern Barcelonas, vor.
In einem großen Glasbassin befinden sich eine junge Frau und eine Robbe. Ihre harmonischen Bewegungen im Wasser erinnern an einen Tanz und die Wasserspritzer mischen sich mit dem begeisterten Applaus des Publikums. Wenn das Mädchen nach einer Weile aus dem Wasser kommt, ist ihre Haut ganz bleich und sie zittert vor Kälte. Dieser lyrische und durch das Varietémilieu auch leicht pathetische Auftritt findet im Januar 1909 in Barcelona, auf dem Paralello, statt und ist die brillante Eröffnungsszene des neuen Romans La felicitat von Lluís-Anton Baulenas (Barcelona, 1958), der im Jahr 2000 den katalanischen Literaturpreis Prudencia Bertrana gewann. Der Paralello zum Jahrhundertwechsel in Barcelona, mit vollbesuchten Cafés und Varietétheater, bildet einen der drei Eckpunkte des Stadtgebiets, in dem sich die Ereignisse abspielen. Die anderen beiden sind das aufkommende Eixample, die Stadterweiterung, in der das reiche Bürgertum seinen Wohnsitz hat und vor allem das Barri Vell, die Altstadt, die von oben bis unten von Staub und Trümmern durchzogen ist: das Ergebnis einer traumatischen Stadtreform, des Durchbruchs der Via Layetana.

"Eines Tages bin ich auf den Bau der Via Layetana, oder Gran Via, wie sie zunächst genannt wurde, gestoßen, und das Thema hat mich gleich interessiert", erzählt Lluís-Anton Baulenas. "Ich habe dann angefangen Informationen zu sammeln und was mich am meisten fasziniert hat, war, dass da ein belebter, ein sehr belebter Stadtteil einfach von einem Tag zum anderen abgerissen wurde." Das reiche Bürgertum Barcelonas hatte sich im Eixample des Architekten Cerdà niedergelassen, wo sie unter sich und vom Rest der Stadt distanziert waren. Aber dann fühlten sie sich plötzlich eingeschlossen und verlangten nach einer direkten Verbindung zum Meer und dem Hafen und irgendein Stadtplaner hat den Stift angesetzt und eine Linie mitten durch die Altstadt gezogen. "Damit begann eine brutale Spekulation mit Grund und Boden und politischen Interessen", erklärt Baulenas, der sich selbst als ein Erzähler einfacher Geschichten von kleinen Leuten in besonderen Situationen, sieht. So entsprang den gesammelten Daten die Idee für einen Roman, denn Baulenas merkte schon bald, dass diese städtebauliche Reform den idealen Hintergrund für eine Geschichte über die ganz normalen Menschen lieferte. "Man kann eine Parallele zur Gegenwart herstellen", sagt er, "mit der Rolle der Stadtverwaltung, dem Preis, den der Fortschritt fordert, usw., wenn man beispielsweise an die aktuelle Situation des Rotlichtviertels Raval denkt oder an Poble Nou vor den Olympischen Spielen. Das sind heruntergekommene Stadtviertel, die man baulich verbessern will und dadurch relativiert sich das Trauma, dass diese Bauarbeiten hervorrufen. In dem Projekt von 1907 verlief die neue Straßenführung durch drei Stadtviertel, sehr lebendige und dichtbesiedelte Viertel mit zahlreichen kleinen Geschäften und traditionellen Betrieben, kulturellen Vereinigungen und sogar verarmten Adligen, die dort Unterschlupf gefunden hatten. Die Stadtreform ist eine Entscheidung, die auch gegen allenWiderstand in die Tat umgesetzt wird."

Das Projekt zum Durchbruch der Via Layetana wurde in der Rekordzeit von zwei Jahren durchgeführt. "1907 kam man zu einer Einigung mit der Banco Hispano Colonial, die die Enteignungen finanzierte und dann ging alles sehr schnell. Wenn man anfängt, sich mit dem Thema zu beschäftigen, merkt man, dass außer den sentimentalen oder kulturellen Aspekten, vor allem handfeste soziale Probleme entstanden. Die Bewohner mussten von einem Tag zum anderen ihre Wohnungen räumen, weil die Abrissarbeiten begannen. Ich habe in den Archiven sogar eine Anweisung der Stadtverwaltung gefunden, die den Abriss eines Gebäudes genehmigte, wenn die Bewohner es nach der soundsovielten Auforderung noch nicht geräumt hatten."

Die Hauptpersonen des Romans La felicitat sind auf unterschiedliche Weise alle mit dieser Zerstörung verbunden. Da ist die Künstlerin, Nonnita Serrallac, die im Palast der Soriano-Brüder auf dem Paralello auftritt und in einem von der Stadtreform betroffenen Gebäude lebt und überlebt. Sie gewährt ihren Arbeitskollegen Unterschlupf: Der Dorftölpel, der in sie verliebt ist, Tomàs, der nicht ganz da ist und sein Papagei Trinitat bilden eine außergewöhnliche tragikkomische Gruppe. Und jede Nacht, wenn sie nach Hause kommen, erleben sie dasselbe grausige Schauspiel, ohne Licht, nur Zerstörung, Staub, Eisenstangen und Plünderung. Und Tote. Das ist eine der Entdeckungen, die Baulenas dem Leser schildert: Die junge Frau spricht zu ihren Toten. "Ich wollte schon immer ein Buch schreiben, in dem die Toten vorkommen und hier kam mir dieses Mittel sehr gelegen, weil ich so nicht nur die Beziehung des Mädchens zu ihren toten Angehörigen und Freunden beschreiben kann, sondern die Toten selbst ihre persönlichen Erfahrungen mit einbringen, als würden sie ein Teil der Geschichte sein und dadurch entsteht ein Bezug zwischen Realität und Tod. Eigentlich handelt es sich um sehr lebendige Tote." Die Toten tauchen dann und wann auf und beschreiben, wie dieses Viertel einmal aussah: die tote Freundin aus der Kindheit oder der Barbier, der seinen Kunden zum Rasieren ein Holzei in den Mund steckte.

Auf der anderen Seite der Waagschale finden wir Demi Gambús, einen reichen jungen Mann, "Dieb, in vierter Generation", der mit allen legalen und illegalen Mitteln Erfolg in der Stadt sucht. Die Familie Gambús kommt vom Land und wird von der Matriarchin, einer mächtigen Frau, die geschickt alle Fäden der Korruption in der Hand hält, angeführt. "Ich bin ein begeisterter Fan des Paten und hatte Lust, einen katalanischen Don Corleone zu erschaffen", erinnert sich Baulenas. "Daher auch das ursprüngliche Leben im Dorf und der Umzug in die Stadt, um den Machtbereich zu erweitern. Wenn man das Barcelona jener Zeit beschreiben will, so wie es Eduardo Mendoza in "Die Stadt der Wunder" tat, ist es unvermeidlich, von dem ständigen Kommen und Gehen der Leute zu berichten, von dem traurigen Schicksal vieler Menschen; aber ich wollte auch von denen erzählen, die schon bei ihrer Ankunft reich waren. Außerdem hatte ich beim Schreiben das Gefühl, das ich mich treiben ließ, dass ihre Macht immer weiter wuchs bis ins Absurde." In ihrem Größenwahn hatte das einflussreiche Bürgertum das ganze Drama heraufbeschworen und Demi Gambùs war da keine Ausnahme: "Wachstum und Baugewerbe haben auch viele Traumtänzer angelockt. Es ist die Arroganz des reichen Bürgertums Anfang letzten Jahrhunderts, dass einen Architekten wie Gaudi, in jener Epoche für einen Verrückten gehalten, mit Aufträgen übersät, so pintoreske Gebäude wie den Palau de la Música entstehen lässt oder beispielsweise beschließt, beim Durchbruch der Via Layetana mit den U-Bahntunneln zu beginnen, obwohl es noch gar kein Projekt dafür gab, einfach nur, weil man davon ausging, dass Barcelona eines Tages eine U-Bahn haben würde."

Die Hauptfigur des Romans, ein Wucherer und Halsabschneider, ist genau in solche Geschäfte verwickelt. Leider steht er nicht fest genug mit beiden Beinen auf dem Boden. Da ist auch noch jene verhängnisvolle, neun Jahre zurückliegende Nacht, die ihn auf dramatische Weise an das junge Mädchen vom Paralello bindet. Denn er ist auch einer der Zuschauer der Varieténummer mit dem Mädchen und der Robbe in dem Bassin, aber würden wir hier die Handlung weitererzählen, hätten wir bald alle Verflechtungen des Romans aufgedeckt, etwas, was man nie tun sollte. Denn La felicitat ist nicht nur eine interessante Beschreibung jener Zeitepoche sondern vor allem Literatur und keiner bestimmten Gattung zuzuordnen. Baulenas sieht es nicht gern, wenn man von seinem Buch als historischem Roman spricht: "Das ist mir sehr wichtig. Ich möchte nicht mit Autoren historischer Werke verglichen werden. Ich schreibe keine historischen Romane: Mich interessieren Handlung, Personen und Situationen; das steht im Vordergrund. Danach erfolgt die Situierung in einem bestimmten historischen Moment, aber das bildet nur den Hintergrund der Handlung. Das ist es, was ich oft an historischen Romanen auszusetzen habe: Es fehlt die literarische Tiefe. Außerdem bin ich mehr ein Leser niederer, oft belächelter Genres wie Kriminalromanen: Sie wecken meine literarische Intuition." Wer weiß, ob diese Prinzipien etwas damit zu tun haben, dass der Roman genau am 25. Juli 1909, nur Stunden vor Beginn des Aufstandes der Anarchisten endet. "Zu Beginn", gibt Baulenas zu, "hatte ich vor, die Handlung während jener Tragischen Woche spielen zu lassen, aber dann habe ich gemerkt, dass das nicht notwendig war und diese Revolte noch nicht einmal erwähnt. Es ist ein historisches Ereignis, dessen Beginn sich gerade erst abzeichnet und außerdem hätte dieses Szenarium alles andere verdeckt und in den Hintergrund gestellt, deshalb ist auch die gesamte Stadtreform jener Tage ein ziemlich unbekanntes Thema, das Erstaunen hervorruft."

Ein glücklicher Zufall will, dass die Veröffentlichung von La felicitat zeitlich mit einer Ausstellung über den katalanischen Maler Ramon Casas im Museum für Moderne Kunst in Barcelona zusammen fällt. So ergänzen sich Literatur und Malerei gegenseitig und die Bilder Ramon Casas spiegeln perfekt die Ereignisse jener Zeit wider: den niedergeschlagenen sozialen Aufstand, das reiche Bürgertum Barcelonas - vornehm und tyrannisch, die jungen Reichen, die Strichnynpillen schluckten, die Mädchen vom Kabarett - bleich und zugleich verhängnisvoll. Und das Glück: Sowohl für die, die es gepachtet haben und für ein Gewohnheitsrecht halten, als auch für jene, die es verzweifelt suchen, obwohl sie nicht genau wissen, wie es eigentlich aussieht.










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