In dieser Ausgabe
WEITERE BELLETRISTIK: Siamesisch
Stig Sæterbakken - zwischen Gut und Böse
Stig Sæterbakken. Foto: Tom Andreas Nærland
"Dieses Buch ist ein Kind der Liebe", schrieb der norwegische Autor Stig Sæterbakken (geb. 1966) im Nachwort zu seiner Neuübersetzung von Edgar Allan Poe (Mannen i mengden og andre noveller, Bokvennen, 2000). "Er - Poe - scheint am Beginn des literarischen Universums zu stehen und immer neue Leser, immer neue leidenschaftliche Literaturliebhaber und, nicht zuletzt, neue Autoren einzufangen." Stig Sæterbakken veröffentlichte als achtzehnjähriges Wunderkind sein erstes Buch, die Lyriksammlung Flytende paraplyer (Fliegende Regenschirme, Cappelen, 1984) und gehört einwandfrei zu denen, die Poe in seine literarischen Gefilde gezogen hat. Seit seinem Debüt hat Sæterbakken eine weitere Lyriksammlung, zwei Essaybände, eine Novellensammlung, fünf Romane und eine Handvoll Übersetzungen von vor allem slowakischer Poesie herausgebracht. Der Einfluß Poes und der modernen Literatur, die, den Blick in den Abgrund des Wahnsinns gerichtet am Rand der abendländischen Vernunft schwankt, ist greifbar. In seinem ersten Roman, Incubus, 1991, begegnet uns ein Mann, der kämpft, um zu akzeptieren, daß sein Körper und dessen physische Ausdrucksformen ein Teil seiner selbst sind. "Es interessiert mich, was ich mit der Sprache machen kann", sagte Sæterbakken in einem Interview zu diesem Buch, "um körperliche, physische Zustände zu beschreiben. Ich glaube, bei Incubus ein Stück weit auf diesem Buch gelangt zu sein, und ich hoffe, daß dieses Buch als Ausgangspunkt für mein weiteres schriftstellerisches Werk dienen kann."
Heute, mehr als ein Jahrzehnt später, hat Stig Sæterbakken sich als einer der bedeutendsten norwegischen Interpreten für den Bereich Körperlichkeiten etabliert. Wie bei Poe nimmt der innere Zustand von Angst und Entsetzen bei ihm äußerst konkrete Ausdrücke an. Aber wo Poe Wiedergänger sieht und die Herzen der Toten in der Wand schlagen hört, läßt Sæterbakken die Angst in Form von Krankheiten oder abstoßenden körperlichen Phänomenen Gestalt annehmen. Nach Incubus kam das breit angelegte und von der Kritik wenig geliebte Det nye testamentet (Das neue Testament), 1993, wo es um den Fotografen und Pornografen Lukas geht, der von Hitler besessen ist und unbedingt Hitlers Tagebücher finden will. "Das Böse ist vielleicht das Menschlichste von allem", behauptete Sæterbakken damals und wollte damit den Nachkriegsmythos vom Bösen Nazi korrigieren. Der Roman, so deutete der Autor an, könne als Korrektiv zur schwarzweißen Geschichtsschreibung dienen, die Zerrbilder produziert, indem sie die Vortrefflichkeit ihrer eigenen Zeit betont. "Wir können das Böse nicht sehen. An dem Tag, an dem es uns gelingt, werden wir mit Blut an den Händen dastehen." Und mit blutigen Händen hat Stig Sæterbakken seine ebenso umstrittene wie konsequente Erforschung von Körper, Text und Bösem fortgesetzt.
Der Roman Siamesisk (Siamesisch, 1997) und die beiden darauf folgenden Bücher Selvbeherskelse (Selbstbeherrschung, 1998) und Sauermugg (1999) bilden gemeinsam die sogenannte S-Trilogie; Sæterbakkens bisher ehrgeizigstes und außergewöhnlichstes literarisches Projekt. Die Trilogie wird durch eine deutlich herausgemeißelte Thematik verbunden und kann problemlos als ein einziger monumentaler Monolog über männliche Identitätsproblematik gelesen werden. Und als abstoßender Abstieg in die Hölle des menschlichen Fleisches.
"Dieser Stuhl ist mein Thron, von hier aus wird alles gelenkt, hier bin ich Herrscher in meinem eigenen Reich, in der Monarchie meiner Gedanken ..." So drückt sich der sterbende Edwin in Siamesisch während eines seiner zynischen Anfälle von Selbstbehauptung aus. Von der Mitte abwärts gelähmt sitzt er eingesperrt in seinem Badezimmer und versucht, sein Bewußtsein von seinem Körper zu befreien. Das Experiment macht recht gute Fortschritte. Fast alle seine körperlichen Funktionen sind inzwischen zum Erlöschen gekommen, seine Glieder sind verrottet und sein Verdauungssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch. "Ich bin wie Diogenes, der in einer Tonne hauste", stellt Edwin fest. "Dieser Körper ist meine Tonne, er ist lang genug und geräumig genug, er hat eine angenehme Position gefunden, in der er sitzt, und so sitzt er nun." Und an einer anderen Stelle: "Dieser Körper ist eine Kloake, mehr ist davon nicht übrig."
Um sich die Zeit zu vertreiben, verbringt Edwin seine Tage mit Kaugummikauen. Mehrere Päckchen pro Tag, in pingponggroßen Klumpen. Dieses frenetische Kauen wird zu einem sprechenden Symbol für die menschliche Verdauung - die widerliche Wortkackerei - die seinen Kopf füllt, und die sich bei passender Gelegenheit gegen seine Frau richtet. Mit nietzscheanischem Übermut benutzt dieser Badezimmermann, dieses bizarre Pendant zu Dostojewskis Kellermenschen, den kartesischen Dualismus, um abstoßende Übermenschenbehauptungen aufzustellen und seine neurotischen Schikanen, unter denen seine Frau leidet, zu rechtfertigen. Wenn sie nicht erreichbar ist, kehrt er seine Verachtung gegen die Menschheit an sich: "Ich verachte sie .... Auto, Boot, Haus, Arbeit, zwei Arme, zwei Beine, glückliche Kinder, sie wissen nichts über das Leben, sie wissen nicht, wozu ein einfacher Gedanke sich entwickeln kann, sie wissen nichts über das Denken, sie wissen nicht, was es bedeutet, Tag für Tag in einem Sessel zu sitzen, das Gesicht eines halbtoten Kopfes und eines viel zu großen Kopfes zu tragen."
In seiner Struktur erinnert Siamesisch vielleicht vor allem an August Strindbergs Ehedramen. Wie bei Strindberg produziert das Gefängnis der Zweisamkeit Sæterbakkens menschliches Ungeheuer, das von seinem weiblichen Gegenstück, der Gattin, gehütet und gepflegt und gequält wird. Während Edwin brüllend in seinem Schaukelstuhl im Badezimmer sitzt, ist seine Frau in der Küche beschäftigt, sie kocht Kaffee, räumt auf und widmet sich den kleinen Dingen des Alltags. "So sitzt er da", sagt sie, "ob es nun Tag oder Nacht ist, und denkt, das ist das einzige, was er macht, er ist wie eine große Spinne, die alles weiterspinnt, er scheint alle dieses Jahre benutzt zu haben, um dort drinnen ein großes, feinmaschiges Netz anzulegen, ich muß immer genau aufpassen, wohin ich trete, er hat nie aufgehört, an seinem Faden zu spinnen, ich habe nicht gemerkt, worin ich mich verwickelt habe, es scheint nie ein Ende zu nehmen."
Symbiotisch leben die Eheleute ihre Tage wie siamesische Zwillinge; beide sind gleichermaßen voneinander abhängig, weder er noch sie kann die Nabelschnur kappen. Erniedrigung und Ekel ersetzen die Kommunikation, und im Hintergrund steht immer das unendliche Bedürfnis, in einem Zusammenhang zu existieren. Ein Wunsch, der von den rigiden Geschlechterrollen unmöglich gemacht wird, die Mann und Frau aufgezwungen werden.
Im zweiten Teil der Trilogie - Selbstbeherrschung - ist die Zweisamkeit der Einsamkeit gewichen. Die Unfähigkeit zur Kommunikation, die sich in Siamesisch in einem hysterischen Beckett'schen Wortstrom manifestiert, nimmt hier einen anderen Ausdruck an. Ein Mann mittleren Alters, Andreas Feldt, trifft seine erwachsene Tochter. Sie reden über Gott und die Welt, dringen aber nicht wirklich zueinander durch. Plötzlich behauptet Andreas, aus einem unbegreiflichen Impuls heraus, er wolle sich scheiden lassen. Seine Tochter ist zutiefst geschockt, bekommt ihre Gefühle aber rasch in den Griff. Das Gespräch geht weiter, als sei nichts geschehen. Indem er alles auf die Spitze treibt, fordert Andreas seine Existenz heraus, und als die Reaktion trotzdem ausbleibt, verliert er den Boden unter den Füßen. "Ich werde niemals wieder Freude erleben. Nein, das war kein Gedanke, das war eine Gewißheit ... eine überwältigende, durchdringende Gewißheit, die in mir aufstieg wie eine lautlose Flut." Hier ist Transparenz das Schlüsselwort. Sæterbakken gestaltet eine Art gegenseitige Durchsichtigkeit, die sich dann einstellt, wenn alle Beziehungen ihren Wert eingebüßt haben. Wie der Titel schon andeutet, so spielt Selbstbeherrschung eine entscheidende Rolle. Äußere oder innere Kontrollinstanzen blockieren die Gefühlsflut in dem kollektiven Blutsystem, das die Romanfiguren so eng miteinander verbindet - einem System, das immer wieder durch aufgestaute Unzufriedenheit über die gescheiterten Kommunikationsversuche mit dem Zusammenbruch bedroht ist. Andreas Feldt bleiben nur zwei Möglichkeiten: sich mit dem Schmerz zu identifizieren oder sich mit der Unsichtbarkeit abzufinden.
In Sauermugg, dem letzten Teil der Trilogie, ist abermals die Ehehölle losgebrochen. Der Mann, der hier den Monolog hält, hat seine Gefühle in allerlei Formen von neurotischen Aktivitäten übergeleitet. Übertragungen, regressive Aktionen ("In meiner Hölle erlebe ich die Kindheit noch einmal"), Projektionen, plötzliche Ausbrüche von Aggression. Die zahllosen und abstoßenden Krankheiten seiner Frau sind zu einer Art Maßstab für die zunehmende Verwesung der Beziehung geworden, während ihre von Schuldgefühlen beladene Anwesenheit zugleich das einzige ist, was ihn daran hindert, sich seiner Zwangsneurose vollends anheimzugeben. Und wenn die verzerrte Psyche am Ende alle Fluchtwege verworfen hat, bleibt nur der Tod - der Traum vom erlösenden, rächenden Selbstmord, oder schlimmer noch, der Traum vom barmherzigen Mord. "Eheleute müßten die Möglichkeit haben, miteinander zum Arzt zu gehen, wenn es keine Rettung mehr gibt, es müßte so sein wie beim Tierarzt. Es hat keinen Sinn, Jahr für Jahr ein jammerndes Weibsbild wie einen Klotz am Bein zu haben, wenn es doch so einfach wäre, ihre eine Spritze zu geben." Wie in den anderen beiden Romanen endet die Darstellung in einer Sackgasse. Das wirklich Entsetzliche passiert nie. Wir erleben beim Lesen keinen Höhepunkt, Wendepunkt oder Erlösung, wir bleiben am Rand des Abgrundes zurück, mit dem schwindelerregenden Gefühl, durch eine endlose Vorhölle gewandert zu sein.
Diese Vorhölle, die so sehr an den Ort erinnert, an dem die Personen von Sartres "Geschlossene Gesellschaft" sich befinden, ist der Ort auf der Landkarte, den Stig Sæterbakken in seine literarischen Gefilde eingepaßt hat. In einem konturenlosen Niemandsland wandeln seine Romanfiguren einher wie lebende Tote. Sie sind immer ein wenig außen vor, immer ein bißchen handlungsunfähig. Sie leiden darunter, daß sie keine Kontrolle über ihr Dasein haben, und alle scheinen sich nach ein und demselben unsichtbaren Regelwerk zu verhalten. Eingesperrt in ihre dicken Fleischlager, können sie niemals wirklich den Platz erreichen, wo das Leben sich entfaltet, und diese zerstörerische Unfähigkeit, sich im eigenen Körper zu Hause zu fühlen, macht sie am Ende grenzenlos. Das einzig legitime Körpergefühl, das ihnen noch bleibt, ist die ekelerregende Grenzüberschreitung; ein Gefühl, das wie die Schnecke auf der Rasierklinge zwischen Sicherheit und Lebensgefahr balanciert. Ein Gefühl, das, was nicht sonderlich überrascht, auch das Frauenbild dieser Männer kennzeichnet.
Es ist komisch und überaus abstoßend zugleich, wie Stig Sæterbakken Geschlechterrollen und die abendländische Ideentradition - die "Monarchie der Gedanken" - thematisiert, die Körper und Seele, Gefühl und Vernunft als wesensmäßig unterschiedliche Substanzen betrachtet. Grob vereinfacht begegnen uns in der S-Trilogie und zu einem gewissen Grad auch in den früheren Romanen Männer, die Monologe über ihre in existentiellem Sinn mißglückte Leben halten. Das andere Geschlecht existiert nur als ständige Quelle für Haß, Frustration oder Ekel. Die Stimmen, die wir hören, stammen in Selbstbeherrschung von einem Vater, in Sauermugg von einem Sohn und in Siamesisch von einem Mann, der nach einer Golgothawanderung im grenzüberschreitenden Wahnsinn endlich seinen fleischlichen Körper verleugnen kann. Übrig sind nur noch Gedanken, Geist und, weit fort am Horizont, die Frau, der in der Ordnung der Geschlechter die Rolle des Körpers zugewiesen worden ist. In der christlich gefärbten Mythologie hat der Mann die Wahl zwischen drei Stereotypen - Vater, Sohn und Heiliger Geist -, während die Frau mit derselben klassischen Schablone in die physisch und sexuell geladene Position Mutter/Hure plaziert wird. Aber in Sæterbakkens Universum haben die Geschlechterrollen Schiffbruch erlitten. Während die Ehefrauen frigide und abstoßend sind, richtet der sexuelle Blick sich auf eine pornografische Ikone wie die mütterliche Kellnerin.
In gewisser Hinsicht können wir sagen, daß Stig Sæterbakken die - oftmals feministische Prosa - vervollständigt, die die Frau als Körper und Objekt kritisiert und untersucht. Hier ist es der Mann als Gedanke und Subjekt - und als das Problem, das entsteht, wenn jemand zu einer denkenden Vernunft reduziert wird - der im Mittelpunkt steht. "Jetzt hängt er nur da", sagt Edwin in Siamesisch über sein verfaulendes Glied, "wie eine Trophäe, durch die Tülle ist ein Plastikschlauch gebohrt worden, mein letzter Schutz vor dem, was mich sonst sicher schon längst verzehrt hätte, es ist wie eine an einem totgeborenen Kind befestigte Nabelschnur ..."
Die Essaysammlungen
Als eleganten Rahmen um die S-Trilogie können wir Sæterbakkens zwei Essaysammlungen lesen. Während es sich bei der ersten - Estetisk salighet, (Ästhetische Seligkeit), 1994 - um eine Sammlung nur lose miteinander verbundener Texte über Autoren wie Lawrence Sterne, Octave Mirbeau, Witold Gombrowicz und Anthony Burgess handelt, ist das neue Buch, Det onde øye (Das böse Auge), 2001, ein Versuch, Ethik, Ästhetik und Literatur zu einer einheitlichen Poetik zu verweben. Galt im ersten Buch Sæterbakkens Interesse dem Bizarren, Abweichenden - abweichend insofern, als es zu voluminös, zu prall, zu ungehemmt ist, um unter die Kategorie gute Literatur zu fallen - so ist die neue Sammlung ein Versuch, die Aufgabe der Literatur zu definieren.
Sæterbakken geht von dem aus, was als "Problematik des Bösen" bezeichnet wird und besteht darauf, die Literatur als Freistätte behalten zu dürfen, als Ort, in der die gängigen moralischen Gebote der Gesellschaft nicht mehr gelten. Literatur ist, so Sæterbakken, ein Raum jenseits von Gut und Böse, wo die äußersten Bereiche der menschlichen Erfahrung erforscht werden können. Die Poetik, die hier Form annimmt, ist ein Plaidoyer für ein freiheitliches Schreiben, eine Art literarischer Ästhetik des unzensierten Textes, deren Aufgabe es ist, die kritischen Momente zu durchdringen. Es ist zudem eine Poetik, die eine scharfe Attacke gegen das reitet, was wir als mitbürgerliche Literatur bezeichnen können - die Literatur, die als Kunst der Andeutung erscheint, als euphemisierender Text, als flüsternde Literatur, die statt des Expliziten das Verdeckte wählt. Während wir als gute MitbürgerInnen uns offenbar dem Bösen nur stellen können, indem wir uns davon distanzieren, hat der Autor eine ganz andere Möglichkeit: "Literatur ist der Ort, an dem wir frei über das alles sprechen können." An diesem Punkt kann sich bei Sæterbakken ein erstaunlich starker Einfluß von Georges Batailles Essaysammlung Die Literatur und das Böse bemerkbar machen, deren Grundthese eben besagt, daß Literatur kindlich frei sein muß, was bedeutet, böse. Aber bei genauerem Hinsehen erweisen diese Parallelen sich als rein äußerlich. Der Ausgangspunkt ist derselbe, aber während Bataille behauptet, das Böse trete in Form von Verstößen gegen gesellschaftliche Tabus auf, so schreibt Sæterbakken über Übertretungen auf eher individueller Ebene; über Verstöße gegen Konventionen und gesellschaftliche Verpflichtungen. Wo Bataille vom Guten als dem Nützlichen und Bewahrenden spricht, scheint Sæterbakken es für eine notwendige Folge jeglichen gesellschaftlichen Kontakts zu halten. Während Bataille von Exzessen und dem intensivierten Lebensgefühl schreibt, die das Verbrechen schenkt, schreibt Sæterbakken über unheilbare Einsamkeit als Bedingung für Kreativität. Während Bataille begeistert über Kommunikation als höchsten Genuß spricht - als das, was uns zu Menschen macht - und während er den literarischen Schöpfungsprozeß als eine Freistätte sieht,
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