In dieser Ausgabe
Die Jahre der Liebe
Die Jahre der Liebe(c) Tomoko Takahashi Harvey 2006
Aus dem Lettischen von Matthias Knoll
Ursprünglich erschienen in wespennest Nr. 128
Wenn man leise und unbeweglich daliegt, kann man hören, wie vor dem Fenster Kentauren vorüberlaufen. Das hat Emma gesagt, die jetzt gerade ein paar Quartale weiter auf der Schwelle der evangelisch-lutherischen Kirche steht und wartet, daß ich sie heirate. Wie angestrengt ich auch lausche, ich vermag keinen einzigen Kentauren zu hören. Vor dem Fenster rauscht der Wasserfall der Straße. Ich höre den üblichen Stadtlärm - er strömt ins Zimmer, kreist langsam wie der Strudel im Mittelpunkt der Welt und fließt dann zusammen mit Ameisen und Kakerlaken durch die Türritzen ab. Im Bett an der Wand schläft meine Nichte. Während ich hin und her überlege, sehe ich, wie der Schlaf mit kühlen Fingern das Gesicht des Kindes betastet, in den Wimpern erbebt oder wie eine unerwartete Helle rasch darüber hinweghuscht.
Es war gar nicht so leicht, sie zu überreden, die Augen zu schließen. Ich fühle, wie angespannt Emma auf der Steintreppe auf mich wartet, wo Krähen auf den Kirchhofkreuzen hüpfen und von den Tannen Krümel und Nadeln in den schwarzen Schnee rieseln. Und vielleicht kamen wir deshalb auf Kentauren zu sprechen. Die Kleine fragte, ob ich an sie glauben würde, ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Und was ich überhaupt über sie wissen würde. Ich sagte, ein Kentaur ist halb Mensch und halb Pferd. Das Mädchen dachte nach und fügte hinzu, daß sie bestimmt blau seien. Keine Ahnung, wie ein derart junger Mensch so fest von etwas überzeugt sein kann. Aber das Kind wurde stiller und ferner, in den Augen erstarrte blaues und noch blaueres Licht, und dann fielen die Lider zu, der Schlaf pfückte sie wie eine Frucht.
Aber Emma lügt, sie weiß, daß es solche Kentauren gar nicht gibt, ich kann sie nur nicht dazu bringen, es zuzugeben. Bald wird sie begreifen, daß es auch mich nicht gibt und nicht geben wird; wütend und unendlich traurig wird sie die für teures Geld gekaufte exzentrische Blume auf den Stufen zertreten. Aber ich habe solche Frauen wie Emma noch nie gemocht. Der schwarze, uniformartige Mantel zugeknöpft bis zum Hals, eine in Christiania gekaufte, grellbunte Mütze auf dem Kopf, und der Gang, wie ist ihr Gang - schwankend und entschlossen, als würde ihr ein viel zu großes männliches Glied zwischen den Beinen baumeln. Als wäre das Leben ein Fluß, der einen vom Stengel haut. Sie ist der Ansicht, daß früher oder später alles zur Anarchie führt. "Alles läuft darauf hinaus", pflegt sie zu sagen. Auch ein Kentaur ist aus ihrer Sicht reine Anarchie, und es ist ein Wunder, daß sie sich überreden ließ, in der Kirche zu heiraten. Vielleicht deswegen, weil ich irgendwelche Passanten von der Straße als Trauzeugen nehmen wollte. Die Erstbesten! rief sie mit flammendem, dunklem Blick. Diese Idee begeisterte und erregte sie. Aber Kirche bleibt leider Kirche, und Emma wird teuer dafür bezahlen, daß sie ihren Prinzipien untreu geworden ist. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ihre feinen Finger die rote Blume zerpflücken, indem sie den Stengel streifenweise häuten. Es tut mir so leid. Die Uhr bohrt ihre klickenden Tentakel mit jeder Viertelstunde tiefer und tiefer in mich hinein und verursacht Schmerz, aber ich habe solche Frauen wie Emma doch noch nie gemocht.
Mir gefallen große, lebenslustige Frauen mit fröhlichem Sinn. Solche wie meine Schwester Kristine, deren Kind ich gerade hüte, damit es im Schlaf nicht aus dem Bett fällt. Wenn sie in der Küche sitzt und Kartoffeln schält und ihr Haar gleich reiner, gelber Farbe das runde Gesicht umflutet - dann macht sie mit ihren edlen Ellenbogenbewegungen alles legitim. Das vollgepißte Treppenhaus und den nach Keller stinkenden Durchzug, den splittrigen Fußboden, den Geruch gefrorener Kartoffeln, die Nachbarn, die ewig streiten oder vögeln, die Sonnenflecken auf den ausgeblichenen Tapeten, das Kofferradio auf dem Küchentisch und sogar die Schlager - kämen sie Emma zu Ohren, würde sie vor Widerwillen zu giftigen Quecksilberkügelchen zerstäuben. Kristine geht einfach zum Fenster, zieht mit einer ausladenden Bewegung die Vorhänge zurück und lächelt in dem blendenden Strahlenbogen, von dem die Augen schmerzen, die Welt an. Mehr braucht es nicht, damit Emmas Kerzen verbleichen und das einer verschrumpelten Kartoffel ähnliche Gesicht der Großmama sich für einen Augenblick in Liebe entspannt.
Die Tür knarrt, und die alte Frau schlurft herein. Sie ist schon den ganzen Morgen unruhig, denn heute bekommt sie ihre Rente, und an solchen Tagen wacht sie schon gegen fünf Uhr auf, knöpft einen weißen Kragen an ihr Vorkriegskleid und schwimmt, nachdem sie ihren Paß auf das Kissen gelegt hat, wie ein dürres Schiff durch das Dunkel dem Morgen entgegen. Lediglich unendliche Geduld und Zeit vermögen aus Fleisch, Adern und Blut so etwas zu formen. Leise brabbelnd deckt sie das Kind zu und sieht mir ins Gesicht. Auf dem Hals fühle ich ihren Atem, der nach Porst und Rosinen duftet. Dieser Duft entsteht in ihrem Schrank, in dessen unterer Schublade ein Album mit Aufnahmen einer jungen, hochgewachsenen, lebenslustigen und strahlenden Frau herumliegt. Kristine kommt nach ihr. Ich kann dennoch nicht begreifen, wie dieses Fleisch, das faltig herabhängt wie von einer hundertjährigen Schildkröte, einmal fest und heiß gewesen sein konnte wie Emmas Hüfte es ist, wenn wir nachts eng aneinandergepreßt liegen und die Alte uns kontrollieren kommt. Sie beugt sich über das Bett und steht lange und vorwurfsvoll da wie ein runzliger Engel, in der Hand eine Kerze, um die das Dunkel schmilzt und in einem goldenen Loch verschwindet wie schwarze Schokolade. Emma kichert in meine Achsel, ich will sie jetzt gleich, ich begehre sie wie noch nie, aber am Bett steht ein äonenhaftes Wesen mit einer Kerze, murmelt etwas von einem unabgeräumten Küchentisch, einer nicht vor die Tür gelegten Kette und den Mädchen, die jetzt alle Schlampen sind. Emma muß lachen, aber ich will der Rachegöttin sagen, daß es jetzt langt, daß ich diese Gegenwart hasse, die alles Schöne, das einmal zwischen uns gewesen ist, verdirbt und daß ich da nicht mitmachen will. Aber dann dreht sich die alte Erinnye um und gleitet schlurfenden Pantoffels aus dem von duftendem Dunkel getränkten Zimmer.
Auch jetzt schaut sie mir lange ins Gesicht, ich habe die Augen fest geschlossen. Denn ich habe keine Lust, auf ihre Aushorcherei über eine zerbrochene Tasse oder darüber, wo sich meine Schwester nun schon den dritten Tag herumtreibt, zu antworten. Alles Wesentliche haben wir in diesen langen Jahren besprochen, allmählich verschwindet es von der Erdoberfläche, und immer seltener leuchtet in unseren Augen ein Vergegenwärtigen von etwas anderem auf als Brot, das zu kaufen vergessen wurde, oder dem Schmerz, der die Sehnennähte der Knochen nach außen krempelt.
Sie stößt einen tiefen Seufzer aus, als lastete ein Berg in ihrem Nacken, und schleppt sich langsam aus dem Zimmer in die Küche, wo in einer Ecke eine Lagerstatt für sie hergerichtet ist.
Die Welt ist zu sehr mit Leidenschaft gesättigt - sie hat keinen Platz, wo sie sich niederlegen und sterben kann. Nachts knarren und knirschen hinter sämtlichen Wänden die Betten und Matrazen, kurze Schrei wechseln sich mit heißem, raschem Atem ab und die Beichten Betrunkener mit Englisch-Lernkassetten in voller Lautstärke, und diesem Lärm lauscht sie traurig und kühl unter dem weißen Laken, dessen Mitte geflickt ist. Sie beneidet diese Kraft nicht, die vorüberblitzende Autoscheinwerfer und Männerhüften versprühen, überhaupt beneidet sie kaum etwas und denkt sogar an nichts mehr. Nur manchmal glüht der zu Kohle verbrannte Stolz gegen die unverdiente, schamlose Stille noch auf wie beispielsweise dann, wenn sie in das Zimmer kommt, wo sich Schuljungen versammelt haben, Freunde von Kristines Sohn. Die Luft ist aufgeheizt von ihren strotzenden, knabenhaften Körpern und den schmutzigen, zarten Fingern, ihren roten Lippen, dem Gelächter, das einem Aufbrüllen ähnelt, und in erster Linie von diesem unverschämten Schweigen und den Blicken. Dann muß sie fliehen wie ein Stubenmädchen, das sich eines Diebstahls schuldig gemacht hat, und ihren nahen Tod wie ein schmähliches Geheimnis unter dem Kissen verstecken. Kristine kehrt gegen Morgen heim, ihre Kleider vollgesogen mit Rauch und Parfum, und an dieser heißen Schulter kann sich die Alte endlich ausweinen und Beruhigungen zurückweisen mit den Worten: Das kommt mir jetzt alles zugute. Je mehr sich von mir lossagen, desto leichter für mich.
Ich liege da und höre keinen einzigen Kentauren, beginne mich jedoch undeutlich an einen Morgen zu erinnern, als wir mit Großmama in einem atemüberfüllten Autobus zu ihrem Vytautas nach Pasvalys (1) fahren. Rauschend und schwankend rast der Bus durch die vergilbten Weiten Litauens. Meine Schwester und ich sitzen auf ihrem Schoß wie in einer weichen und warmen Schüssel. Der Fahrer raucht hin und wieder, der Raum füllt sich mit bitterem Rauch und wird von fahrigen Windströmungen durchzogen. Die Felder in starrem Frieden, der Himmel wie ein halbzerschlissenes Tischtuch, der Bus bremst krampfhaft vor gelben Häuschen, in deren Tannengärten Truthähne mit roten Hälsen stolzieren, die im eisigen Wind frieren.
Großmama fährt nach Pasvalys, um ihrem Vytautas zu sagen, daß der Fluß ihre einzige Tochter, unsere Mama, genommen hat. Aber Vytautas kommt nicht, und ich muß in ihre großen, von Fältchen umgebenen Augen schauen. Da ist ein eigenartiges Grau. Die Jahre der Liebe, sagt sie. Und nun...
Auf dem Rückweg schneit es über uns.
Jemand läutet an der Tür. Meine Augen öffnen sich, und ich erblicke vor mir die gebogenen Augenbrauen des kleinen Mädchens. Sie kommt nach der alten Erinnye. Meine Mutter kam sicherlich auch nach ihr. Eine unerträgliche Unruhe packt mich. Wie heute morgen, als ich der Alten auf der Schwelle begegnete und ihr, von einer seltsamen, plötzlichen Macht getrieben, zu ihrer und meiner eigenen Überraschung, auf ihre runzeligen Lippen verzweifelt die meinen preßte, als wollte ich zurückgelangen. Dorthin, wo es wunderbar war, dorthin, wohin es keinen Weg mehr gibt. Dorthin, wo sich noch niemand von niemandem losgesagt hat.
Es läutet abermals. Ich warte, daß eilig schlurfende Schritte aus der Küchenecke trappeln, um die Tür zu öffnen. Doch im ganzen Haus herrscht beklemmende Stille. Auf der ganzen Welt gibt es keinen einzigen Kentaur und keine einzige Erinnye. Ich muß selber aufstehen. Ich werfe einen vorsichtigen Blick in die Küche. Dort ist nur so etwas wie ein kleines, geronnenes Bündel unter einem geflickten Laken und eine Stille, daß man jedes Geräusch unterscheiden und als Blume in einen Topf pflanzen kann.
Vor der Tür steht eine nette blonde Briefträgerin, die zusammenfährt, als sie meinen Gesichtsausdruck sieht. Vielen Dank, sage ich, unterschreibe anstelle von Großmama die Rentenliste und ziehe die Briefträgerin ins Zimmer. Meine Großmutter ist heute gestorben, meine Schwester ist eine Hure und kümmert sich nicht um die Kinder, ich gebe Ihnen das ganze Geld, wenn sie nur bei diesem lieben Kindlein bleiben, während ich für eine Minute verschwinde. Ihre Großmutter hat Ihnen doch auch erzählt, daß man Kinder nicht allein lassen darf, weil eine Schwefelhexe sie sonst gegen ein Wechselbalg mit riesigem Kopf und großen Augen austauscht, aber ich muß unbedingt jemanden treffen!
Draußen ist Matschwetter, aber ich weiche dem Schnee nicht aus, mit dem mich die schmutzige Autolawine empfängt, und einmal stolpere ich sogar über einen halbverhungerten Hund, der aufwinselt und mir vorwurfsvoll in die Augen blickt. Es ist jene Stille, die beklommen macht und die Geschöpfe in dieser matschigen, kalten Welt einander näherbringt. Sie ist immer neben einem, einen Schritt weit entfernt. Emma kommt so gut mit ihr zurecht, obwohl ich solche Frauen wie sie nicht mag.
In der Kirche werde ich mißtrauisch angestarrt, beim Altar versucht man, mich aufzuhalten, doch ich gehe weiter, von dunklen Trieben zerrissen wie ein Sarazener und sage, daß ich diese verfluchte Kirche kurz und klein schlage, wenn sie mir nicht sagen, wo das Mädchen geblieben ist, das auf den Stufen gewartet hat.
Der Pfarrer in der Sakristei fragt mit sehr ruhiger Stimme, ob dieses Mädchen eine rote Blume in der Hand gehalten habe. Ich glaube schon, antworte ich, und meine Stimmung hebt sich. Wenn sie es war, dann hat sie vor einer Stunde geheiratet.
Ach Emma, meine Emma. Ich sitze auf einer Bank auf dem Kirchhof und fühle, wie die Feuchtigkeit langsam in meine Unterhosen kriecht. Der Wind treibt winzige Flocken über die Kirche. Ich kann mir ihr Gesicht vorstellen, als sie auf den erstbesten Passanten zugegangen ist, emporblickt und der Schnee auf ihren heißen, verweinten Wangen schmilzt.
Könntest du mich lieben? fragt sie ihn. Und sei es nur für einen Tag?
Ja, Emma, jetzt bin ich ein verlassener Kentaur, dessen Schweif niemals begriffen hat, was die Ohren wollen, und gleichzeitig bin ich stolz auf dich, das alles ist ganz dein Stil, und in der Tat - nur ein sehr dummer Passant würde nicht mit dir vor den Altar treten. Das alles überdenke ich, indem ich verstohlen meine nackte Großmama betrachte, denn die Briefträgerin erwies sich als verständige Frau. Während sie auf mich wartete, hat sie das Fenster geöffnet, damit die Seele hinausgelangt, und Zwei-Lats-Stücke von der letzten Rente auf die Lider der Liegenden gelegt, und nun können wir sie waschen.
Die Alte hat uns alle getäuscht - nur das Gesicht sieht abgenutzt aus wie das Tagebuch des Jahrhunderts, das für den Ofen taugt, die Beine hingegen sind schlank und fest, die Brüste weiß, und der Schoß strahlt wie eine Lilienblüte. Ehrfürchtig betrachte ich ihn wie einen Preis, der mir unverhofft verliehen wurde als das letzte Wunder, wenn die Hände einander schon entglitten sind und alles verloren ist.
Es läutet und läutet an der Tür. Ich komme in der bodenlosen Tiefe des grauen Tages zu mir. Das liebe Kindlein sitzt im Bett, die Augen noch voll von dem blauen Licht des Schlafs, und hält sich an ihrem Teddybären fest. Und von der Tür her erklingt das Schlurfen von Pantoffeln und Gebrabbel. Die Alte behauptet wie immer, daß alle Frauen heutzutage Schlampen sind und ich mich endlich aus den Federn erheben soll, weil so eine nach mir frage.
Auf dem Treppenabsatz steht Emma mit einer geknickten roten Blume in der Hand. Ich lasse sie mich schlagen, verrückt vor Freude und glücklich wie ein Hundeschwanz, und behaupte, daß ich wirklich, ernsthaft, ich SCHWÖRE es, eingeschlafen bin, während ich darauf gewartet habe, daß ein blauer Kentaur vor dem Fenster vorüberläuft.
(1) Pasvalys, lett. Pasvale: litauische Kleinstadt nahe der lettischen Grenze
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