LYRIK: Wolf Einauge

Wolf Einauge
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(c) Tomoko Takahashi Harvey 2006
Fünf Gedichte von Juris Kronbergs

Aus dem Lettischen und Schwedischen von Kristaps Grasis

AUS HEITEREM HIMMEL

Am Tag war auch der Mond zu sehen
und das schlaffe Seil, über welches

ein schwarzer Käfer auf dem Blickfeld tanzte,
entlang Wolken aus Nebel

entlang blasigen Fäden von Nichts

Und niemand hatte vom Aquarium im
Kopf erzählt. Langsam, aber zielstrebig füllte es

ein undurchschaubarer, schmutziger Wasservorhang

Schnell verdunkelten sich dann die Wege und Felder und Wälder und der Schnee
die Quellen und Seen und der Schilf und die Hügel und Büsche und der Schnee

Im Aquarium schossen schwarze Käfer hin und her -
Samen des Todes, die ihren Anfang suchten:

das Ende




EIN SELTSAMES EREIGNIS

An dem Tag ging die Sonne verkehrt herum unter
Und die Dunkelheit und die Angst waren im Begriff zu übernehmen

Die Himmelsleiter schaukelte, schwankte
Und er wußte nicht ob er aufwärts oder abwärts kletterte

Er befand sich in einem dunklen und blutigen Tunnel
In einem Raum, der kein Raum war

Atmete er, oder erinnerte er sich an das
Atmen, so wie das Atmen sein müßte

Im Kampf der Allgemeinheit um ihn, war er
selbst nur durch seine Unbeteiligung eingebunden

und daher in um so höherem Grad Teilnehmer im Ereignis

Und das Licht löste sich wie eine Tapete ohne Leim von seiner
zugedachten Wand, aber die Wand war lebendig, mit vielseitigen Einsichten

Und die Dunkelheit stieg und stieg wie Quecksilber
im Thermometer an einem sonnigen Sommermorgen

In der Dunkelheit zeigte sich ihm das Licht
Er war machtlos und strebte danach

Aber die Dunkelheit zwang ihn zurück
Und das Licht weinte verlassen, verzweifelt

Und das Licht weinte mit der Stimme eines Kindes




WIE WOLF EINAUGE SEIN AUGE VERLOR

Eines Morgens erwachte er
und fühlte einen sonderbaren Gestank in der Nase

Neben ihm stand der Tod
und der Tod sagte: - Wir laufen um die Wette!

Er sagte: - Geh weg, du alter Dieb,
solange Ich mich noch zu bewegen vermag,
werde Ich ein Knüppel in deinem Rad sein,
werde Ich dich reisen, deinen Schatten
und alle deine be em we fahrenden Freunde!
Aber der Tod sagte: - Wir laufen um die Wette!

Gut, lass uns gen Westen laufen, sagte er
Wir folgen dem Sonnenuntergang. Wir halten erst wenn der letzte
Sonnenstrahl sich durch das Fleisch der Luft gebohrt hat!

So liefen sie Seite an Seite
Der Tod mit Gestank und Schatten
Der Wolf mit Pelz und Zähnen
scharf wie die Folgen manch eines Wortes

Sie rannten durch Dörfer, durch Städte
und Bauernhöfe, über Wege und Brücken
Langsam ermüdete der Tod merklich,
da er, sogar um die Wette laufend, seine Arbeit verrichtete

Als der Tod verstand, dass der Wolf gewinnen würde
versuchte er verräterisch ihn am Hals zu packen, aber traf ins Auge

So geschah das damals, als der Tod nach seinem Fleisch verlangte
So geschah das damals, als der Tod begann zu nehmen, was dem Tod angehört




WOLF EINAUGE AM ERSTEN TAG

Die Welt Blei, die Sonne Blei, die Wolken Blei
Die Faust Blei drückt die Brust, Blei die Augenlider
Blei schmerzendes Blickfeld

Blei nimmt alle Gedanken, Schwere anstelle der Gedanken
Schwarze Sterne, schwarze Rösser mit schwarzen Decken
in der Himmelshählung, schwarze Strahlen über der Augenwälbung

Wolf Einauge klagt schläft sehnt sich
Nach friedvollen Träumen über Katzen und Engel
erwacht in der Welt der Einaugen

Verfluche nicht das Schicksal verfluche nicht den Tod
verfluche nur das Blei im Herzen

Wünscht sich dass die Tage nicht länger sind
aber plagt sich in der Nacht mit Schlaflosigkeit

und die Luft ist schwer und die Sterne sind erloschen
und alle kommenden Tage

und alle kommenden Tage




AUS DUNKLEM HIMMEL

In der Nacht war auch die Sonne zu sehen
und der Steg auf dem

gar nichts hinter dem Blickfeld tanzte
entlang durchsichtigen Fäden von Nichts

Und jemand erwähnte ein Aquarium
welches im Kopf gewesen war

Das schmutzige Wasser hatte wandernde Nebelschwaden hinterlassen

Langsam erhellten sich die Wege und Felder und Wälder und der Schnee
die Quellen und Seen und der Schilf und die Hügel und Büsche und der Schnee

Mit den Nebelschwaden tanzten schwarze Flecken -
Früchte des Lebens hatten ihr Ende Gefunden:

den Anfang








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