PROSA: Unschuldige Jungfrauen

Unschuldige Jungfrauen
Please_leave8
(c) Tomoko Takahashi Harvey 2006
Eine Kurzgeschichte von Pauls Bankovskis
Ich hatte für eine ganz kurze Zeit ein Mädchen. Man könnte fast sagen, ich hätte sie gar nicht gehabt. Ich meine, sie gehörte mir nicht. Und ich gehörte ihr nicht. Wir hatten ja niemals Liebe gemacht. Uns nur ein wenig geküsst. Wir gingen ins Kino, schauten einen Film mit Jonny Depp an, aßen danach ein paar Mal Pizza. Na ja. Und dann verschwand sie. Sie verschwand einfach.
Sie hieß Daiga, ihr Name stand auf der Nadel, die an der Borte ihres Arbeitskittels steckte. Sie arbeitete in einem Supermarkt als Kassiererin. Sie war mir gleich aufgefallen. Kassiererinnen können unterschiedlich sein - höflich oder unhöfflich, müde oder mit verstopfter Nase - unterschiedlich eben. Daiga war still und schüchtern. Mit zu stark blondiertem Haar und rötlichen Ringen unter den Augen. Wegen dieser Ringe taufte ich sie gleich Waschbär.
Später, wenn ich zum Laden fuhr, überlegte ich immer, ob dort mein Waschbärchen sein würde oder nicht. Und wenn es dort war, sah ich das als ein gutes Zeichen. Es hieß, dass mir eine Arbeit gelingen würde oder es einfach ein schöner Tag werden würde.
Und so irgendwie lernten wir uns dann kennen. Schon bei nächstem Mal merkte ich, dass auch sie mich bemerkt hatte. Und lächelte. Sie lächelte nicht einfach so und sagte dieses typische Verkäufers "Guten Tag" oder "Guten Abend", sondern lächelte genau mich an. Und wurde schüchtern. Dann sagte sie mir, dass sie sich sogar meinen Namen gemerkt hatte - sie hatte ihn beim ersten Mal auf der Bankkarte gesehen und gleich im Gedächtnis behalten.
Daiga kam vom Land, ihre Eltern lebten noch immer irgendwo bei Madona. Sie war nach Riga zum Studium gekommen, hatte jedoch angefangen zu arbeiten. In der Stadt konnte man ja nie genug Geld haben. Nein, die Eltern wussten nicht, dass sie arbeitete. Und dass für ihr Studium so gut wie keine Zeit blieb. Es würde schon irgendwie werden, sagte sie.
Im Supermarkt war sie auf Probe angestellt worden. Ich wollte sie warnen, dass die Supermärkte genau von solchen Häschen wie sie lebten. Stellten auf Probe ein, beuteten aus, zahlten fast gar nichts, und dann warfen einen einfach raus und nahmen die nächste. Aber ich sagte ihr das nicht. Wollte sie nicht verletzen. Ihr alle Hoffnungen und Illusionen zerstören.
Aber eigentlich möchte ich gar nicht über sie erzählen, sondern über die unschuldigen Jungfrauen. Ich möchte das erzählen, was mir Daiga erzählt hat.

- Hast du von den Jungfrauen gehört? - fragte sie mich eines Tages. Wir waren in meinem Auto unterwegs, ich hatte sie abgeholt, und diese Frage hing bestimmt mit etwas zusammen, das gerade im Radio kam. Ich weiß nicht, was dort lief, weil ich nicht zuhörte. Ich hatte an sie gedacht. Aber Daiga hatte offensichtlich zugehört, und deswegen fragte sie jetzt.
- Von welchen Jungfrauen?
- Von den eingemauerten, - sagte sie. Und sie begann zu erzählen.
- Die Mädels reden die ganze Zeit davon, - "Mädels" nannte sie alle anderen Verkäuferinnen, egal, ob alt oder jung. - Von den eingemauerten Jungfrauen. Dass Bauarbeiter im Fundament oder in der Wand jedes Ladens eine unschuldige Jungfrau einmauern.
Es gibt ja verschiedene Gerüchte - zum Beispiel, dass man es am Anfang noch mit Huren versucht hat oder sogar mit Obdachlosen, die man am Bahnhof gefangen hatte. Aber das hat nicht so richtig funktioniert. Mehrere örtliche Geschäftsketten wären genau aus diesem Grund schnell pleitegegangen.
Wenn man niemand eingemauert hat, kann man auch nichts bauen. Diejenigen, die am Anfang noch gesagt hatten, dass sie niemand einmauern werden, schafften es nicht einmal, die Baugrube auszuheben. Kamen nicht auf den Markt. Darum gibt es zum Beispiel in Lettland keine H&M-Läden. Und keine IKEA. Darum gab es auch so ein Heckmeck mit dem Abschluss der Bauarbeiten bei Stockmann. Angeblich war dort irgendein Lüftungsrohr auf dem Dach zu hoch und entspreche nicht dem eingereichten Projekt oder so etwas. Alles Quatsch. Man brauchte eine Jungfrau. Und als man die eingemauert hatte, ging auch das Geschäft weiter.
Oder der große Supermarkt Centrs in der Altstadt. Alles war in bester Ordnung, der Laden stand offen, die Leute kauften ein. Es war ohne Jungfrau abgegangen. Und dann plötzlich - ´ne Explosion. Man hat dort schon irgendeinen Armen verhaftet und in den Knast geworfen; hat versucht, ihm die Sache anzuhängen. Das war aber nur ein Scheinmanöver. Erst dann haben sie es kapiert - wer sind doch gleich die Eigentümer dieser Kette, Norweger, oder? Die kapieren solche Sachen eben nicht so leicht. Packen, einmauern, und gut. Die Litauer sind da viel gewandter. Darum haben sie heute auch an jeder Ecke ihre Läden.
Jetzt weiss keiner, was nun mit diesem Supermarkt weiter passieren soll. Die haben sogar angefangen, noch ein Nebengebäude zu bauen, fast doppelt so groß wie das alte. Die Mädels meinen, ohne eine weitere Jungfrau wird es nicht gehen. Wer weiß, ob es die eine, die schon eingemauert wurde, das alles allein schafft.
So erzählte Daiga.
Ich fuhr sie nach Hause. Sie bot mir Tee an, wir küssten uns ein wenig. Ganz ungeschickt. Als ich versuchte, meine Hand unter ihre Strickjacke zu stecken, zog sich Daiga zurück und sagte, ich solle das sein lassen.
- Ich möchte nicht, dass du das falsch verstehst, - sagte sie. - Aber ich möchte mich noch bis zur Hochzeit aufheben.
- Bis zur Hochzeit? Willst du heiraten? Hast du `nen anderen? Warum hast du das nicht gleich gesagt?
- Jetzt doch nicht, - sie schaute zur Seite. - Aber wenn ich den richtigen treffe.
- Ach so.
- Vielleicht dich? - Das Waschbärchen lächelte.
- Vielleicht, - sagte ich, obwohl ich sie ganz bestimmt nicht heiraten wollte. Ich wollte doch nicht so eine blöde Supermarktkassiererin heiraten, auch wenn sie niedlich war und Ringe unter den Augen hatte wie ein Waschbär. Um so etwas zu glauben, muss man wohl nicht nur naiv, sondern auch ein wenig sonderlich sein, oder?

*****

Nach diesem Abend habe ich Daiga nicht mehr getroffen. Am Anfang hatte ich noch gehofft, sie in dem Laden zu treffen, doch tauchte sie dort nicht mehr auf. Ich fragte die anderen Verkäuferinnen. Die sagten, dass sich Daiga nach dem Ablauf der Probezeit entschiedenen hatte, nicht weiterzumachen.
Der Bau des Supermarktes in der Altstadt läuft auf Hochtouren weiter. In der Zeitung las ich, dass es in Riga Platz für mindestens vier weitere Einkaufszentren gebe. Also wird man noch vier Jungfrauen brauchen. Mindestens. Es fiel mir schwer, daran zu glauben. Aber Daiga war verschwunden. Und sie war doch Jungfrau.
Ich versuchte, irgendwas über die in den Wänden der Supermärkte eingemauerten Jungfrauen zu erfahren, aber nichts - alle stellten sich unwissend. Sogar die Polizei. Ich rief die Vertretungen der Handelsketten an, suchte ein paar Mal ihre Büros auf, aber schließlich gab ich es auf - ich mag es nicht, wenn man mich anstarrt wie einen Verrückten.
In der Bibliothek fand ich viele Sagen und Legenden und las sie durch. Über die Jungfrauen, die in den Wänden von Kirchen und Burgen eingemauert wurden. Und versuchte mir vorzustellen - na, wie sie diese Mädchen dort einmauern? Werden sie erst getötet? Oder vielleicht lebendig in eine kleine Kammer reingestoßen und mit ein wenig Essen und Wasser zurückgelassen? Und überhaupt - wie ist es, wenn du so eingemauert wirst? Wie fühlst du dich? Was denkst du? Was ist dann dein allerletzter Wunsch?

*****

Ich schob mich mit meinem Einkaufswagen durch das Labyrinth der Supermarktregale und bemerkte dabei an den Decken Vögel. Im Laden erklang der Jubel von Brainstorm, und dann hörte ich noch etwas anderes - Pfeifen, Zwitschern, Gurren. Mal war es ein Spatz, dann wieder eine Taube oder ein Star. Der Vogel flog über die Cornflakes-Regale und Tiefkühlvitrinen hinweg zur Decke hinauf und tauchte dann ab in das Gewirr von Lüftungsröhren und Elektrokabeln.
Ich habe noch nie Vögel zur Ladentür hereinstürzend sehen. Offene Fenster gibt es hier auch keine. Und dann kam mir ein ganz dummer Gedanke: Was ist, wenn das gar keine Vögel sind?











© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL