Bewahrer der europäischen Dimension

Martin Camaj - Synthese von Gegensätzen
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Martin Camaj 1962
Von Hans-Joachim Lanksch
1.

Gegensätzliches und Widersprüchliches durchzieht wie ein roter Faden das Leben und Schaffen Martin Camajs. Das beginnt bereits bei seinem Geburtsjahr, das überall mit 1925 angegeben ist. "Das ist ein Fehler in meinen Papieren. Ich bin 1927 geboren", sagte Camaj.

Schon früh mußte er weitaus gravierendere Gegensätze verkraften. Er wuchs in einer ablegenen Bergregion Nordalbaniens auf, deren Leben durch archaische Formen bestimmt war. Die geistige Kost in dieser Bergwelt war geprägt von ihrer Schriftlosigkeit. Was gesungen und erzählt wurde, stammte aus mündlichen Überlieferungen. Diese oralen Traditionen waren gekennzeichnet durch Verzicht auf gedächtnisbelastenden Ballast, formelhaft zusammenraffende Wiedergabe sich wiederholender Inhalte und durch bildhafte Darstellung, man dachte und sprach in Bildern.

Um ein wenig die Welt zu veranschaulichen, in der Martin Camaj seine Kindheit verbrachte, sei hier eine Begebenheit berichtet, die er selbst erzählt hat: Die Dorfbewohner glaubten, die Seelen der Verstorbenen als Schatten durch die Luft fliegen zu sehen. - Das Wort 'Schatten' wird uns in Camajs Gedichten des öfteren begegnen. - Der Ortsgeistliche, ein Pater Pepa, hatte im fernen Graz Theologie studiert. Er hatte bereits viele lange Jahre hindurch seinen Dienst unter den Bergbewohnern versehen, als ihn der kleine Camaj fragte, was er denn von der Sache mit den Schatten halte. Der Theologe antwortete: "Inzwischen sehe ich sie schon selber."

Aus dieser Welt kam Martin Camaj in eine für ihn ganz andere und zunächst fremde Welt am italienischen Jesuiten-Gymnasium in Shkodra. Aus der Welt der Bilder kam er in die Welt der Bildung, aus dem kleinen Dorf Temal in das urbane Ambiente von Shkodra, vom Berg in die Ebene. Dazwischen lagen für ihn Welten: Das Leben oben stand im Zeichen der Hirtenkultur, das Leben unten im Zeichen des Handwerks und des Ackerbaus. Martin Camaj charakterisierte später im Gespräch die beiden Bereiche damit, daß man sich in der rauhen Bergwelt in Wolle kleidete, unten im Tal in Leinengewänder. Auf den sensiblen Camaj hat das unterschiedliche Empfinden dessen, was man auf der Haut trug, lebenslang einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Aus den beiden Sphären, in denen Martin Camaj seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat er sich einerseits die Verträumtheit des Hirtenbuben und dessen Fähigkeit bewahrt, hinter der äußeren Erscheinung der Dinge in der kargen Bergwelt eine tiefere und weitere Dimension zu sehen. In gleichem Maß hat er sich - neben gründlicher Bildung, Disziplin und analytischem Denken - die Klarheit im Geistigen bewahrt, die ihm durch jesuitische Spiritualität vermittelt worden war. Beides, träumerische Hellsichtigkeit und geistige Klarheit, läßt sich subsummieren unter dem Begriff der In-spiration und bildet einen Nährboden für den künftigen Dichter Camaj. Dieser Nährboden wurde, um im Bild zu bleiben, gedüngt einerseits mit den Inhalten und Formen des Schatzes mündlicher Überlieferungen, die der kleine Camaj in sich aufgesogen hatte, und andererseits mit der umfassenden literarischen Bildung, die er sich bei den Jesuiten in Shkodra angeeignet hatte und sich auf weiteren Stationen seines Lebensweges noch aneignen sollte.

Martin Camaj floh Ende der vierziger Jahre vor dem neuen Regime. In Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad studierte er romanische, slawische und albanische Sprach- und Literaturwissenschaft - wiederum in einer fremden Welt, noch dazu in einer fremden Sprache. Nach dem Studienabschluß ging er 1956 mit Hilfe seiner ehemaligen italienischen Lehrer nach Italien. In der Metropole Rom absolvierte er ein weiteres Philologiestudium. Hier hatte er zahlreiche Kontakte zu anderen exilierten Autoren und lernte durch sie und als Chefredakteur einer Literaturzeitschrift den Literaturbetrieb von innen und vor allem die europäischen Gegenwartsliteraturen und die Literatur der europäischen Moderne kennen; besonders beeindruckt war er von T. S. Eliot, Juan Ramón Jiménez und Salvatore Quasimodo.

Camaj distanzierte sich von der Bukolik seiner beiden in Jugoslawien erschienenen Erstlingswerke und vollzog in den beiden in Rom publizierten Bänden den Übergang zum freien Vers. Seine wissenschaftliche Laufbahn fand ihre Endstation in der Professur für Albanologie an der Universität in München, wo er seit 1961 Albanisch unterrichtete. Je mehr hier sein literarisches Hauptwerk heranwuchs - in erster Linie fünf Bände Lyrik und drei Bände Prosa - umso wortkarger wurden seine Gedichte.

2.

Die Publikationsgeschichte Camajs in Deutschland ist ein Trauerspiel, das wir hier lieber übergehen wollen.

Martin Camaj ist in Albanien noch ein bekannter Unbekannter. In der Zeit der Diktatur war er de facto verboten.

Camajs Literatur war unpolitisch und war gerade dadurch ein Politikum. Der albanische Diktator Enver Hoxha und seine Schranzen hatten die Literatur ideologisiert als "eine mächtige Waffe in den Händen der Partei zur Erziehung der werktätigen Massen im Geist des Sozialismus und Kommunismus." Die Politisierung der Literatur ging so weit, daß man ihr eine "marxistisch-leninistische Ästhetik" überstülpte, in der es nur "Typisches" gab und nach der das Kollektive alles und das Individuelle nichts galt. Martin Camaj mußte den Herrschenden in Albanien nicht nur dadurch ein Dorn im Auge sein, daß er subjektive Gefühle und individuelle Gedanken artikulierte, sondern auch dadurch, daß man ihn nicht einmal als Vorzeigefeind benutzen konnte. Er schrieb keine antikommunistischen Ergüsse wie viele andere in der Emigration. Camaj sagte von sich: "Ich bin kein Mensch der Politik. Ich bin ein politischer Mensch." So einen schweigt man lieber tot.

Der Name Martin Camaj wurde in Albanien erst nach dem offiziellen Ende der Periode des "Sozialistischen Realismus" allgemein bekannt. Man nahm verwundert zur Kenntnis, daß es fern des Mutterlandes einen bis dato unbekannten Albaner gab, der hochkarätige Literatur schrieb und ein überaus würdiger Träger albanischer Kultur war. Der Name Camaj hatte, zumindest in Nordalbanien, bald Kultstatus. Man trug ihn wie eine Ikone vor sich her, ohne jedoch sein Werk wirklich zu kennen.

Nach der fünfzigjährigen Zäsur des literaturfeindlichen "Sozialistischen Realismus" war Camajs Werk für die albanischen Leser in seinem hohen Grad an Verdichtung und Abstraktion schwer zugänglich. Zu der anspruchsvollen Textur von Camajs Werken, die immer auch Kompositionen von Bildern und Klängen sind, kommen Schwierigkeiten, Camajs Sprache zu ergründen, ein moderat nordalbanisches Idiom, das seit den siebziger Jahren in Albanien aus der Literatur und dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt worden war.

Das Ungewöhnlichste für den albanischen Leser waren wohl zwei Phänomene. Martin Camaj - als Privatperson ein origineller Verächter spießbürgerlicher Konventionen - verabscheute große Worte. So fehlen in seinen Werken drei Elemente, die in Enver Hoxhas Reich und dessen Literatur durchaus kultiviert wurden: Pathetik, vaterländisches Gesülze und die Glorifizierung albanischen Heldentums. Camaj hätte hier sicher dem Wort einer mutigen albanischen Autorin von heute zugestimmt, Elvira Dones: "Albanien braucht keine Schriftsteller, die ihm sagen, wie großartig es ist."
Das zweite ungewohnte Phänomen war, daß ein bedeutender albanischer Autor die albano-zentrische Sichtweise hinter sich ließ. Camajs Literatur behandelte nicht die "Tragödie der Geschichte des albanischen Volkes", wie es als Hauptgegenstand albanischer Literatur zu postulieren Ismail Kadare nicht müde wird. Statt um kollektive albanische Belange zu kreisen, hatte Camajs Literatur persönliches Erleben und universale Themen zum Gegenstand. Hier treffen die Worte eines anderen albanischen Nichtkonformisten zu, Kasëm Trebeshina: "Ich denke, daß Literatur eine Reise zum Unbekannten ist, um die Innenwelt des Menschen zu entdecken."



In der albanischen Literatur war Camaj nicht nur thematisch sondern auch stilistisch ein auf Traditionen aufbauender, Konventionen verwerfender Neuerer. Aus der Schule des Shkodranischen Literaturkreises stammend hat er oberflächlich Archaisierendes und Idyllisierendes rasch überwunden und hat, mit antiker griechischer und lateinischer Literatur, mit Dante ebenso wie mit Montale, Milosz und Alberti vertraut, moderne Lyrik geschrieben. Er hat im Leben wie in der Kunst, was er übrigens nicht voneinander trennte, stets eine Synthese zwischen gegensätzlichen Polen angestrebt: zwischen Archaik und Moderne, zwischen Berg und Tal, Form und Inhalt, zwischen Kunst und Wissenschaft, Lyrik und Prosa, Heimat und Fremde, Nähe und Distanz, Einsamkeit und Gemeinschaft, zwischen männlich und weiblich, zwischen Nord und Süd, warm und kalt, Licht und Dunkel usw. In der Literatur hat er dabei erreicht, wofür er sein Leben lang gekämpft hat: Harmonie.









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