Bewahrer der europäischen Dimension

Frederik Rreshpja
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Frederik Rreshpja. Foto: Admirina Peçi
1940-2006

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Frederik Rreshpja wurde 1940 im nordalbanischen Kulturzentrum Shkodra geboren. Er schrieb Lyrik, Prosa und Essays. Langjähriger politischer Häftling. Danach Verleger und dann Bohémien. Frederik Rreshpja starb am 17.2.2006.



Schicksal

Um mein Schicksal gräme ich mich selber
Niemand soll sich um mein Schicksal grämen,
Der Gott des Verlustes folgt meiner Spur
Mit Marmorsplittern aus sinnlosen Kriegen.

Ich bin ein alter Heide
Fühle mich nicht wohl ohne dieses Unheil
Jeder Mensch hat ein Wort auf das er seinen Kopf bettet
Ich berge mich in meinem Schmerz.

Was sollte ich mehr mögen als den Kampf,
Dieses närrische Schicksal folgt mir nach.
Wenig habe ich verdient im Leben,
Gewaltig waren meine Verluste.

Mein Schicksal soll niemanden betrüben,
Denn mein Schicksal betrübt mich selbst;
Der zersplitterte Marmor des Gottes des Verlustes -
Das wird mein ganzer Ruhm sein!



Meer

Der Mond zieht durch Nebelschwaden
Wie der Kahn meines Schmerzes.
Mein Traum von blauen Inseln
Durch Schmerz, durch Mond hindurch!

Ich meißelte meinen Kummer ins Meeresufer.
Wellen kommen und werden zu Tränen
Wie die Tränen der Mythen an meinem Standbild
Und kein Tod spült mich fort.

Der Untergang wie ein Mörder messerbewehrt
Durch Schmerz, durch Mond hindurch.
Mein ganzes Leben - wie diese Wasser unter Messern,
Und kein Tod spült mich fort.



Kleiner Vogel

Jetzt wirst du am Himmel fliegen.
Doch noch ruht dein Flug in meinen Händen.
Vergiß meine Hände nicht!
In solchem Menschen-Nest wirst du dich
emptyemptynie mehr bergen.

Los, der Himmel erwartet dich!
Ich habe vieles gehabt und habe es mir
emptyemptyaus den Händen gleiten lassen.
Ich habe viel geliebt und manche Liebe ist mir
emptyemptyaus der Hand geglitten ...

Ach, nun ist auch die letzte Freude davongeflogen.
Ihr Schatten wurde Mond und fiel ins Meer.



Mondregen

Wie ein Harlekin, der losgeht
Den vergessenen Garten der Kindheit zu durchstreifen
Tritt der bekümmerte Mond in den Wolken
Auf die Zweige der Regengüsse.

Der einsame See am Ufer der Nacht
Wird unruhig auf den Armen des Windes
Und in der Tiefe gießt die Sirene der blauen Woge
Tränen aufs schlaftrunkene Antlitz der Legende.

Sterne auf dem Asphalt wie gebrochener Untergang
Und Pappeln wie schwarze Mönche.
Hinter Bäumen versteckt lauscht irgendwo
der alte Totschläger: die Trauer.

Mag sein, daß mich das Messer der Trauer
irgendwo zu Boden strecken wird.
Versteckt hinter gebrochenem Untergang
Versteckt unter Fluten von Mondregen ...



Mein Herz!

In keiner Hand der Welt finde ich Schlaf.
Ich hatte mich daran gewöhnt: mein Kopf in deinen Händen.
Du hast gewußt daß an mir etwas Meerhaftes ist;
Von Ufer zu Ufer und ich finde keinen Schlaf.

Hinlegen möchte ich mich und sterben.
Doch du kommst ziehst mich aus dem Schlick:
Ganze Berge trennen uns nicht
Wie sollen uns zwei Handvoll Erde trennen?

Ich war daran gewohnt: mein Kopf in deinen Händen;
Jetzt finden auch die Ufer keinen Schlaf mehr.



Shiroka im Winter

Keine Vögel mehr. Die Flüge gestrichen.
Von Regen durchtränkt alles ringsum.

Das Ufer sinniert zu Füßen der Wasserfluten
Es träumt vom vergangenen Sommer.
Im Sand des Vergessens sammle ich
Die Keramik deines Bildnisses.

Wie kurz war dieser Sommer, mein Gott!
Eine Handvoll Sand und eine Handvoll Himmel.
Im ganzen Kalender des Sommers nur ein Samstag
Am ganzen Samstag nur ein Kuß.



Bleib heute bei mir

Auf dem Fluß malt der Mond
Eine Brücke zu Sternträumen;
Die graue Wolke gleicht vergessenem Sehnen
Und legt den Kopf auf die Hände der Wälder.

Du kamst auf dem Weg des Mondes
Selbst die Schwelle der Pforte
Läßt Knospen aufsprießen.

Bleib heute bei mir
Bis die Rosen toter Bäume blühen!



Prélude

Abendluft, hüll mich ein
Mir schlägt die Stunde, wieder zu sterben.

Wenn meine Augen sich schließen, wird es kein Meer geben
Für die Kähne der Tränen.

Ich gehe fort, eingesperrte Regenschauer hinter mir.
Doch ich komme wieder. Zu jeder Jahreszeit, um zu lieben.
Die Trübsal der Welt bin ich gewesen.
Abendluft, hüll mich ein
Mir schlägt die Stunde, wieder zu sterben.



Torso

Nur heraus aus dem Reich des Steines!
So lange schon klopfe ich an Marmor,
Eintausend Jahre und zweitausend Jahre.

Wir haben einander geküßt in alten Iliaden
Als die Homere die Leier schlugen.

Du Mond des Regens,
Mach eine Ilias für mich
Wenn auch das letzte Troja fällt!

Eingeschlossen in Stein bist du, mein Herz
Eintausend Jahre und zweitausend Jahre.



Falsche Propheten

Und wir waren doch schrecklich verfolgt.
Und biblische Gestalten sind wir, haben einen
emptyemptyemptyemptadellosen Lebenslauf.

Ihr Armseligen die ihr jedem Gekreuzigten glaubtet!

Wir allein können euch ins Paradies bringen.
Und wenn ihr's uns glaubt, dann können wir auch
emptyemptyemptyempMaßnahmen ergreifen.

Verdammte Ignoranten!
Amen!



Wenn die Monde sterben

Das kleine Gespenst der Märchen
Streut Sterne auf den Strand der Schatten;
Durchs Fenster des Laubs sah ich
Den Mond, erloschen im Regen.

Sterben die Monde, sterben die Sterne
Dann bin ich wie einst ein mitleidvolles Kind.
Kann sein daß ich weine, einsam
Überm Licht der Mondhände.

Kann sein daß ich auch um die Vögel weine
Anklopfe an die Ruinen ihrer Nester
Danach erkläre ich den Vögeln
Daß auch ich nestlos bin in dieser Welt.



Schmerz

Sehnsucht rankt durch Wurzeln, wird eine Blume.
Du Kirschbaum, von meiner Mutter gepflanzt
Dein Bruder bin ich!
Ihre Hände haben uns beide gerüttelt!
Wachse, wachse mein Sohn!
Wachse, wachse du Kirschbaum!

Meine Mutter, von Schulklasse zu Schulklasse:
Sohn, die Götter haben sich geärgert.
Wie gut war es als ihr klein wart
Und mitsammen zur Mutter Gottes gebetet habt.

Der Wind rüttelt den Kummer der Blumen
Und wiegt vielleicht Mutters in die Luft
emptyemptygetuschten Hände.
Wachse, wachse, Kirschbaum!
Ich werde nicht mehr blühen ...



Die Söhne des Meeres

Die Meersterne in blauen Gräbern
Eingehüllt von der Nacht der Wasser ...

Jetzt bin ich der Sohn der Luft
Wie am ersten Tag der Welt,
Verdammt wie in der Bibel.

Jetzt bin ich der Sohn des Mondes.
Alle anderen Inseln sind falsch.
Nein, es gibt kein Ithaka auf der Welt.

Nie wieder werde ich zurückkehren
Denn ich traue keinem Ufer mehr!



Die Zigeuner kommen

Die Zigeuner kommen mit Trommeln und Mond
Sie weinen und sie heulen.
Schnell schnell schlagen sie die Zelte auf
Rings um meine Seele aus Wasser.

Ich war jung und ich war schön,
Ich war feurig im Lieben.
Vieles habe ich nun vergessen
Von Mond und Magie ...

Die Zigeuner mit Trommeln, sie heulen
Um Schmerzen ferner Wüsten.
Wach sitze ich am Flußufer,
Liebesverflucht und mondverflucht.

Der Chor der Rosen vergießt Tränen
Um Trommeln und den Mond, trübselig.
Wie jung war ich einstens und wie schön,
Einst in einem März, der lang schon verging.



Laß mich mit der gehen

Durchs Tal ziehen Zigeuner, über ihre Schultern
Baumeln Trommeln als wären es Leichen
Wenn die Geister der Einöde
Nicht mehr erwachen werden.

Aus dem Nest des Regens flog
Das Wolkenlied, Totenklage durch und durch.

Lass mich mit dir gehen!
Dies ist mein letztes Abenddämmern.
Ich komme zu dir zum Sterben, verstanden?

Sterben muß ich und dann
Mein Blut über Rosen sprenkeln
Unter einem Jerusalem-Mond.




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