Bewahrer der europäischen Dimension

Kasëm Trebeshina
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Kasëm Trebeshina, 1991. Foto: Robert Elsie
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Kasëm Trebeshina: Der Esel auf dem Mars
Wieser Verlag 1994
1926-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Kasëm Trebeshina, geb. 8.8.1926 in Berat, Südalbanien; schloß sich 13jährig der Widerstandsbewegung gegen die Okkupation durch das faschistische Italien an, Teilnahme am II. Weltkrieg als kommunistischer Partisan, mehrfach verwundet; durch die Wirren der Zeit nur 9 Jahre Schulbildung, wobei er 1948 in 5 Monaten die Abschlußprüfungen aller vier Gymnasialjahre bewältigte; danach bis 1950 Studium der Theaterwissenschaft in Leningrad; bis 1952 Schauspieler am Albanischen Nationaltheater; erste Inhaftierung 1953, als er in einem Offenen Brief an Enver Hoxha gegen die Würde und Unabhängigkeit der Literatur einforderte. Als er sich 1980 weigerte, an den "Wahlen" teilzunehmen, landete er in der Psychiatrie; zu der Gerichtsverhandlung hatte das Präsidium des Schriftstellerverbandes eine Kommission entsandt, die Trebeshinas Verurteilung und das Verbrennen seiner Bücher beantragte; er wurde zu neun Jahren und zum Verbrennen seines Werkes verurteilt. Der Autor lebt heute mit einer winzigen Rente in einem der vielen häßlichen Hochhäuser Tiranas in einer winzigen Wohnung, in der er ein Werk von über hundert Titeln aufbewahrt, von dem nur ein geringer Teil veröffentlicht ist. Der österreichische Wieser Verlag brachte 1994 eine erste Übersetzung heraus (Der Esel auf dem Mars; albanischer Originaltitel: Odin Mondvalsen, übersetzt von Hans-Joachim Lanksch). Die erste Veröffentlichung von Gedichten Trebeshinas, auch auf Albanisch, brachte 1994 die Nr. 1 der Münchner Literaturzeitschrift Neue Sirene (übersetzt von Hans-Joachim Lanksch).



Erdbeben

Es wankt der Berg.
Ein Fels bricht los,
er rast bergab,
schlägt auf,
stürzt um,
zersplittert selbst.
Des Felsens Wucht erlahmt in einer Höhle,
wo er vergessen ruht.
Ich weiß nichts mehr von stein'gen Brocken,
von der zerborstnen Wut!



Das Schweigen

Gering ist, was das Schweigen zeigt
von unsrer Bitterkeit und Wut,
ein warm gesprochnes Wort besagt
so wenig nur von unsrer Freude Glut.

Doch jedes je gesprochne Wort
hat eine Lücke hinterlassen,
das Schweigen ganz allein spricht klar:
das Schweigen nur kann alle Worte fassen!



An Goethe

Schelte von dir nicht und anderen Dichtern
sei mir für Taten und Haltung im Leben.
Ich werd' zuerst von Geschichten und Märchen erzählen
über das wilde Jahrhundert, betongegossen,
Lorbeer und Ruhm waren, wie du weißt, mir nicht wichtig.
Stinkendes Wasser war meine Bergung, der Tod eine Hure.
Du mußt verstehen: für Dichter gibt's Weimar nicht mehr,
Musen gibt's nicht mehr, die göttinnengleich
dir in den Bergen erscheinen,
seidene Tücher schenkt man den Dichtern nicht mehr, mein Bruder.
Was ich getan, tadelst du nicht und kein anderer Dichter:
Leben und Licht sing' ich wie ich's im Leben gesehen.



Der Fels

Ein Fels ragt aus dem Ozean
wie eine einsam trübe Mauer.
Der Vögel Rast, im Wellenkuß,
steht er in unbewegter Trauer.

Die Wolken wollen ihn zerschmettern
mit Blitzen ihrer Zornesschauer.
Die Wogen wollen ihn verschlingen,
er steht in unbewegter Trauer.



Die Störche

Zwei Störche fliegen über eine Insel,
die mit ihrem Blick die Insel drunten messen.
Mit leichtem Flügelschlagen majestätisch schwebend
suchen, scheint's, sie etwas in Zypressen.

Zwei Störche fliegen über eine Insel,
zerteilen die Bläue ohne Rast und Ruh.
Sie zieh'n einher voll Majestät - und schauen ...
Und fliegen fort ... Nur fort ... Dem Westen zu! ...



Die Hunde

Die Sterne kreisen um die Achse der Nacht,
im Schlaf der Nacht erwacht der Schlaf,
im Schweigen der Nacht schweifen die Gedanken,
zu schwerem Schritt!
Von ferne hörst du Lärmen:
es bellen die Hunde!
Im Wald der Nacht der Stadt
bellen die Hunde!

Und schwerer Schritt knallt auf den Stufen,
ein schwerer Schritt hallt durch die Straßen,
ein Schuß im Wohnblock kracht.
Es bellen Hunde in Nacht und Angst
und jäh zerreißt ein Schrei
das Dunkel der Nacht.

Die Sterne kreisen langsam um die Achse der Nacht,
im Schlaf sucht Schlaf sich zu verbergen.
In der Ferne hörst du Hunde. Schritte dröhnen.
Im Wohnblock rauscht ein Fluß von Furcht und Schweigen.



Weg ohne Ende

Auf langem Weg brach ich zu langen Wegen auf,
als ich in diesem Leben einst erwacht.
Durchzog dann Tal und Berge,
durchquerte Meere,
in Wäldern pfiff ich selbst in kalter Nacht.

Ans Wegesende wollte ich gelangen,
doch jetzt gelang ich an das Lebensende! ...
Kein Ende nahm der Weg,
war auch nicht lang! ...
Ich steh jetzt ohne Weg und Steg im Wald,
werd auch nicht pfeifen, wenn es Nacht und kalt!



Das Lied der Glühwürmchen

Der Himmel voller Wolken,
stockfinster ist die Nacht.

Die Glühwürmchen leuchten heut abend
nicht über dem Morast.

Unsre Seelen bahnen sich
durch Unendlichkeit.
Unsre Träume durchziehen
in Welten die Welt ...

Heut abend leuchten die Glühwürmchen
nicht über dem Morast.

Unsre alten Seelen
durchstreifen den Raum.

Die Glühwürmchen im Morast
versuchen zu leuchten.

Unsre alten Seelen
kennen wir selber nicht;
unsre jungen Seelen
wandern irgendwo ...

Die Glühwürmchen im Morast
verenden heute nacht.



Abend

Der Tag versinkt ...

Versinkt nun über Städten,
über Tälern,
Bergen
und über Meeren.

Versinkt für alles, was lebt,
für Bäume,
Steine ...

Versinkt für zwei, die nun sich trennen,
für einen, der stirbt,
und einen, der geboren wird,
für alle, die einander wieder treffen.

Für zwei, die nicht reden,
sondern seufzen.
Versinkt in der müde gewordnen Welle,
versinkt in meiner Zelle,
versinkt jetzt auch für dich!

Versinkt für dich, versinkt für mich!

Der Tag versinkt ...



LIEDER AM WEGRAND


G e d i c h t e



Wälder und Legende

Ich wandere vergessen zwischen Bäumen...
Und diese Ruh hat jedes Lied verschluckt!
Hier hegten Völkerwellen ihre Träume,
die Zeit gibt in den Bäumen sie zurück.

Mit allem Hoffen, in Europas Herzen,
scheint, was war, heut zaubermächtig auf.
Der Wald wiegt alles Grün und die Legende,
die, Deutschland, ich von dir geschenkt bekam!

Feldafing, 7.12.1993



Die zwei Eichhörnchen

Ein Eichhorn rot, ein Eichhorn schwarz,
ein Tannenbaum ragt auf ins Blau,
ein Spiel unendlich wie ein All!

Feldafing, 11.12.1993



Mit dem Wind

Wir kommen mit dem Wind, wenn er in Blätter weht,
wir gehen mit dem Wind und wissen nicht, wohin ...
Was einst war, zum Leben erst im Tod ersteht!

Feldafing, 17.12.1993



Schneefall

Der Schnee schwebt ruhig ... Schweigen ist zu spüren! ...
Die weißen Flocken sind der Erde Kleid.
Dort, jenseits dessen, was du siehst, die Träume
ertasten Wege, die noch nicht verschneit.

Der Schnee schwebt ruhig ... Schließlich wird das Schweigen
in dieser Öde ganz vom Weiß verhüllt! ...
Das Denken öffnet seine Schwingen weit,
bleibt flügellahm am Fleck, von schwerer Last erfüllt! ...

Die Träume wissen nicht, wohin sie schwirren!
Weiß sind sie dort, wo sie schon nicht mehr sind,
so kostbar wie die Einsamkeit und alles Leben,
wie selbst der Tod, wie Dunkel ohne End´!

Feldafing, 22.12.1993



Melancholie

Beide sitzen wir am Fenster,
mondwärts unsre Blicke wandern.
Haben lang uns nicht gesehen,
einsam sucht der eine jetzt den andern.

Nahe sind wir uns im Leben,
fassen fast uns Hand in Hand:
unsre Wege führen uns zusammen,
führen sie doch durch den Mond!

Gefängnis, 1954




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