Bewahrer der europäischen Dimension

Martin Camaj
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Martin Camaj
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Martin Camaj: Weißgefiedert wie ein Rabe
Wieser Verlag 1999
1925-1992

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch


Martin Camaj, geb. 1925 in Temal, im bergigen Hinterland von Shkodra; für kurze Zeit Lehrer in seiner heimischen Bergwelt. In den Nachkriegswirren Flucht ins benachbarte Jugoslawien. Studium der slavischen, romanischen und albanischen Philologie in Belgrad, Rom und München; Professor für Albanologie an der Münchner Universität; Autorität für indoeuropäische und albanische Linguistik; er schrieb Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Seine Lyrik wurde übersetzt ins Italienische (Poesie, 1985; übersetzt von Francesco Solano), Englische (Selected Poetry, 1990; übersetzt von Leonard Fox) und ins Deutsche (Gedichte, 1991. Weißgefiedert wie ein Rabe, 1999, beides übersetzt von Hans-Joachim Lanksch). Martin Camaj starb am 12.3.1992 in München.



Mein Vers

Mein Vers war keine Tragödie
am Anfang nicht am Ende nicht.

Er war ein wollener Faden
gesponnen unter den Kuppen
von Frauenfingern

und riß ab bei der Verwundung
des Herzens,
eine hauchfeine Verwundung.

Ein Stengel mit einer Blüte obenauf
ohne Frucht
das wäre
eine Schlange.



Form

Gewand gewebt von einer Hand
von Kopf bis Fuß
Form
eine Freude für Auge und Ohr

Form Einfachheit
entstanden in steiniger Mühe
erfahren auf Pfaden die
kein Fuß kein Huf betrat.

Federleicht scheinend
gewichtig wie Eisen
Klang oder Farbe
lichtklar.


Verlorener Faden

Vergangene Nacht verlöschten die Lichter und finster
lag die Stadt bis der Tag graute.

Die Frauen suchten Öl und Dochte
und fanden sie nicht im Finstern.

Am Morgen versank die Sonne und blaß
wurden die Flächen der Wolkenkratzer.

Am Morgen besah ich den Kreis der Träume
am Boden
und fand den verlorenen Faden
dort wo das Licht abriß.



Die Oleander

Tausend Oleander weiß und rot
grüßen das Weiß des Lichtes
und die Weitherzigkeit des stillen Meers.
Der Flug der Schwalben ruft mich
und ich breche auf.

Ein Oleander breitet die rechte Seite aus
als Kopfkissen für die Wangen.
Ich habe Stahl und Feuerstein bei mir
und zwei Kienspane bereit für das Dunkel der Nacht.

Ich breche auf.
Der Flügel der Schwalbe im Vorüberfliegen
kaum berührend küßt die Oleander mit Lippen
die den Geschmack von Schatten in der Hitze haben.

Der Sinn des Endes verfolgt mich.



Die Schwalbe

Schwarze Flügel
inmitten von Schneeflocken
in den Alpen
die Schwalbe
auf verspätetem Zug
gen Süden.
Mit Flügeln wie Laub
des Spätherbstes kämpft sie
gegen wirbelnde Winde an
dem höchsten Paß entgegen.

Jeder hat zwei Wege vor sich
und einen nur die Schwalbe:
weiß werden.



L U L E

I

Heute abend sagte man mir daß ein Mensch starb
darum bin ich traurig, Lule.

Die Liebe ist die einzige steinerne Stütze
wenn jenseits des Zaunes
die Pfeile des Eises fliegen.

Zwei Herzen leiten die Blitze mehr
als zwei Schwerter Rücken an Rücken
die Schneiden nach außen.
Der Gedanke an das Ende, Lule
flieht, wenn du da bist, wie ein wilder Vogel
dorthin, woher das Dunkel kommt.

II

Das Schwarz deiner Augen möchte ich nicht
auf schmalen Stegen treffen.
Die Flamme des Auges will ich auf dem Feld
und dein Apfelherz
auf einem Ast ausgelegt, in der Höhe
eines Armes über der Erde.
Sei stumm in der Dämmerung,
der freundlichen, auf dem Feld
und vor weitherzigem Wind
der jede Grasspitze umarmt.
Lule, zieh das bleiche Gewebe vom Mond
und breite es aus auf der Erde.

III

Deine Augen - Samtblumen - kennen keinen
Frieden. Bring nicht den Wind des Nordens mit
sondern Feuer, daß wir zusammen es erhalten
in dieser langen Nacht.
Lule, die Liebe
weilt hier solange der Mond
im Angesicht unsrer Feuer steht
und bis das Licht des Morgenrots
die letzte Glut verzehrt!

IV

Du bist in meinem Herzen
und ich kann mit keinem Laut sprechen
um die Stille des Fühlens nicht zu zerstören.
Deine Stimme erkenne ich unter den Klängen
von tausend Wasserstrahlen.

Die violette Blume die aufblüht
hat zartbenetzte und schimmernde Blättchen.
So auch deine morgendlichen Lippen.

Du hast hinter den Brauen den Schatten des Sterns
der nur eine Seite entschleiert
und meine Hoffnung, mit der Gestalt deines Schattenbildes
in den Händen, leidet in Schmerzen,
tödlich vielleicht.

V

Mein Fühlen fließt und verliert sich
in deinem bitteren Lächeln.
Tausend Stimmen springen auf
- Schwerter reifer Lilien -
wenn du den Wünschen drinnen
nein sagst. Dann kommt der Regen
und die Spitzen der Lilien werden sanft.
Zwischen die schwarzen Haare und die Brauen
hefte ich den Blick
um den Faden des einzigen Gedichts
meines glutheißen Alters zu finden.

VI

Abgesplittert bin ich, Lule
und ziehe von Ort zu Ort
in Stürmen kalter Nordwinde, gehetzt.
Wenn ich Halt mache, blicke ich in mich
und sehe dein Gesicht und vor dir
Wege von Oleandern gesäumt.
Drei Schritte dahinter
erstreckt sich verbrannte Erde
mit Steinen und Felsen ins Endlose.

Komm wieder am Morgen
in der Zeit des Liedes das gesättigt ist
im Anbruch des Tages.
Wenn du kommst, keimen über verbrannten Ähren
aus Wurzeln neue Triebe.

VII

In der Zeit des Liedes
das der Steinkauz singt
fiel das Licht aus dem Auge eines Sterns
wie ein Meteor auf mich
und beschien dein Gesicht:
es war die Verdammnis des Nachtgeborenen!

Bin Reiter auf schmalen Steigen,
berühre nie wieder
das Morgenrot deiner Haare.

Ich wandere mit den Schatten der späten Nacht
und sehe deine Finger
das weiße Blatt eines Lebens
schließen.



Erinnerung

Vor dem Sturz der Engel
in Finsternis
schlief ich mit dir
unter der Decke des Wassers im Meer.

Die Erinnerung an dich ist geblieben,
ein trockenes Blatt am Zweig.
Es reicht ein Bienenflug
darüber hinweg
und es fällt zu Boden
zwischen tausend andere Blätter Laub.



Der Abend im Norden

Er ging und fand das Grün.
Die Klänge der Glockentürme ließen Kiefern
und Tannen hinter sich und gingen fort
um im Himmel zu übernachten.
Die Ruhe blauer Augen rollt
über spitze Dächer und wird
ein Spiegel der Lichter aus Öllampen
des vergangenen Jahrhunderts.

Er ging und ging im Dämmerlicht
sein Hab und Gut geschultert
und bevor er eintrat, setzte er
die Last neben der Tür ab und machte ein Zeichen
um sie im Dunkel mit einem Griff zu finden,
vor Tagesanbruch.



Der Schatten des Baumes

Die Sonne schien schräg auf den mächtigen Baum
und entdeckte tief im Schatten noch Knochen
wie Scheite, wie Holz.
Sein Schatten ist ruhig wie das Tuch
von schwarzer Seide am Altar.
Die Zikaden auf den Zweigen schreien
in der Mittagsglut wie Klageweiber
die sich das Gesicht zerkratzen
bei der Totenklage.

Wenn die Sonne gehen will
wächst der Schatten des Baumes und klettert bergan
- eine Schlange am Baum, den Ast entlang:
der Schatten des Baumes ist schwarz
der Schatten des Baumes macht uns bang.



Der Tag des Raben

Ein Rabe kam in den sanften Landstrich
emptyemptyemptyunter den Felsen.
Er konnte nicht mittanzen im Reigen der Tauben
paarweise und von Ölbäumen beschattet.
Und er hütete sich, einen Laut von sich zu geben
inmitten der allgemeinen Heiterkeit
um den Rhythmus der Flügel im Tanz
nicht zu stören.
Als zu guter Letzt die Tauben in die Häuser
emptyemptyemptyzurückkehrten,
fühlte der Rabe in der Seele sich als Taube.



Mißachtet

Nach Mitternacht goß der Mond seine Strahlen
von der Spitze des Felsens bis auf den Fluß.
Schlafgesättigt
singt das Käuzchen in der Strahlenflut:
die Augen, zwei Tropfen Wasser, funkeln
und das Lied
tropft in den Talgrund, ins Dunkel.

Jemand fand am Fluß vor Tag
den Schnabel des Käuzchens zerbrochen und sagte:
Ach! Sieh diesen Klang
der herabfiel
und am Stein zersprang.



Ein Vogel todgeweiht

Im Kanon des Vogelreichs steht:
ein jeder breitet die Fittiche aus und stirbt im Gras -
Strafe für den der an verbotene Grenzen rührte
zwischen Himmel und Erde.

Ein Vogel todgeweiht im Gras:
das Laub hoch oben sind Vögel und Gefährten
unerreichbar
im Spiel mit Sonne und Licht

weit fort zwei Mühlsteine malmen
wie das Gesetz es befiehlt
hämmern aufeinander
lautlos



Kreuzung der Vögel

Nachtanbruch letzter Liebe
spielerisch gekeimt:
er geht buntbesohlt
wie einer der im Norden über Winter
hinter vielen Fenstern haust.
Auf schwarzen Flügeln schreitet sie
jung und schön
vor dem Aufbruch nach Süden

von außen schallen die Stimmen der Welt
und der Weg ist zweigeteilt:
halb Eis
halb Sonne.



Schwarze Schlangen

Italoalbanisches Motiv

Im Dornbusch sind schwarze Schlangen
nackt liegst du unter der Sonne.
Im Dornbusch schwarze Schlangen
Lippe auf Lippe
ihr Leben ist weiß
ist weiß unter der Sonne
ihr weißes weißes Leben
in der Sonne weiß, weiß.

Die Bienen netzen die Steine
trockener Bäche mit Honigtropfen.



Harter Monat oder Einsamkeit

Erde, Fichte und Bergweide beladen mit Schnee
und Kerzen aus Eis.
Das wilde Tier im eigenen Brustkorb gefangen
kauert sich zusammen und schläft
ohne Spur hinter sich
die Klauen in die Haut gekrallt
unter das Fleisch.

Ein Zaun eingestürzt auf dem Weg
und die Nacken der Bergpässe
ringsum
versperrt von Wolfszähnen
wie irr.



Winter

Schneeflocken in den Baumkronen
und Froststarre geifrigen Schnees
in den Lefzen der Zweige.
Das Auge sucht die versteckte Flamme
der Dachs seine Höhle
im Schoß der Wurzeln und er denkt
an den warmen Atem
unter der Haut des weißen Schafes.

Der Igel, die Stacheln ins Fleisch gebohrt
brennt ohne Flamme
in den vier Wänden der Erde.



Trostlosigkeit

Wem fiel die Finsternis auf
die ins Tal stürzt nach dem Erlöschen der Sterne
vor dem Morgengrauen?
Der Zerstörer seiner Selbst, ein Weißgewordener
fand daß die düstere Zeit
zwischen zwei Lichtern
bis aufs Mark in Stein
und Menschenknochen dringt.

Das Dunkel zwischen zwei Lichtern
erträgt weder der Stern der abreißt
noch der Mensch.



Ermordung des Dichters

Die verborgene Freiheit hinter den Versen
der Poesie
war nicht allein:
vor ihr kauerten Wächter
fleischfressende Vögel
mit Menschengesichtern.

Und du warst für sie eine Biene
die sich dem Licht im Glas entgegenmüht,
jenseits der Grenzen
der Menschenwelt.



Gefundener Faden

Vergangene Nacht verlöschten die Lichter und finster
lag die Stadt bis der Tag graute.

Die Frauen suchten Öl und Dochte
und fanden sie nicht im Finstern.

Am Morgen versank die Sonne und blaß
wurden die Flächen der Wolkenkratzer.

Am Morgen besah ich den Kreis der Träume
am Boden
und fand den verlorenen Faden
genau dort
wo das Licht abriß.



Alter Ego

Ein blinder Neger
im Ledermantel einen Hund
auf dem Pflaster einer großen Stadt
der Neuen Welt
unbeweglich stehend.

Die Leute umwirbeln sie ringsherum
Wasser um einen zweigezackten Felsen
im Herzen des Flusses.

Scheckiges Wundwasser
im Riesenkörper.



Auch dazumal ehe die Stämme kamen

Auch dazumal ehe die Stämme kamen
warst du
hattest
Milch in den Rissen der Felsen
und die Grundfeste im Salzwasser.
Sie gaben dir nur einen Namen: Shkodra.
Und sie nannten dich Stadt mit Kronen
und schleuderten auf dich Steine
und Eisen der Vorzeit.

Du erwachtest in Blut wieviele Male
besahst dich in einem Spiegel.
Hattest den Namen einer Frau
und wuschest dich in den Wassern
der Flüsse und throntest mit neuen Kleidern
auf Felsen
leuchtend im Glanz der Sonne über Feldern.



Eine alte Stadt

Palermo 1968

Eine Stadt die aus früher Saat
emporschoß im Schoß der Felsen
und nicht die Meeresnähe spürt.
Die müden Augen hat sie unverwandt
auf ihre Glieder gesenkt
die versengt sind von filterklarer Sonne
in Wasser salzig wie Blut.

Eine alte Stadt
junge Palmenfinger im Himmel
ein Gewirr menschlicher Stimmen
echolos in jeder Ecke, Totenklage
unablässig von Geburt an
bis jetzt.



Die Stadt der Spielzeuge

Die Straße teilt die Stadt entzwei:
hier im Licht
schwitzt im Schaufenster
die Lederschlange,
das Krokodil klappt die Augen auf und zu,
das Känguruh knackt Nüsse mit dem Nabel,
gegenüber ein Pinguin mit bunten Perlen
am Hals.

Die Schatten der Menschen
dort im wilden Dunkel
baumeln in den Zweigen
dann fallen sie ab, einer als Schwein, einer
als Wolf ein anderer als Tiger
sie trinken Öl und Essig im Fluß

und treten als Eisenpuppen
ans Ufer.



Die Stadt


I

Stets sucht man einen Punkt
der ins Auge sticht
Piazza Navona oder Marienplatz
einen Balkon an der Sonnenseite
einen Brunnenrand
und der Mensch verliert sich
in der Anatomie eines Standbildes
auf dem Platz im Zentrum.

Alles ist für uns:
die Gassen versteckt
zwischen Mauern, eine jede
hat den Geruch ihrer Jahrhunderte.

Nach Mitternacht
würdest du auf jeden Pflasterstein
eine brennende Kerze stellen
ganz allein mit einem Bienenkorb
im tiefsten Schlaf in wüster Verlassenheit.


II.

Darüber schwebt der Mond
- das Licht unsres Herdes.

Am Morgen
die Straßen menschenvoll
und keiner weiß wie sie atmet,
die Stadt.
Angestellte, Kaufleute
die dich sehen und nicht sehen,
Studenten mit schweren Steinen im Arm,
Büchern und allerlei Notizen.

Der Blick ins Auge
keinen Millimeter tief.

Wasser, Hagel, Schnee und Sonne
verwandeln sich und werden brennbar
und die Flamme verschluckt Bäume und Grünzeug
aller Dörfer rings um
die Stadt.


III.

Fort von ihr,
willst du nicht zerfließen
im Dampf!

Im Park ein Fuß ohne Schuh
in der Komposition
abstrakter Steine
tritt das Haupt des Drachen
am Morgen und wenn die Sonne geht.

Hier haben wir es mit Schatten zu tun,
mit einem brennenden Blick
auf die Welt, namenlos, der
- trifft er dein Auge - verschwindet
im Beton.



Dort wo uns niemand kennt

Wie wäre es ein Eichhorn
zu sein jetzt im Winter
jetzt da wir einen Traum haben
zu zweit
ohne Farbe, ohne Anfang und Ende
laß uns klettern zur Spitze des Stammes
immer höher den Strahlen entgegen
ohne Stütze in den Zweigen

zusammenwachsend
zum Ring, zum Kern, einem Strich
am Himmel.



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